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05.02.2021

Interview und Gear Chat: Merlin Ettore

Ein Gespräch mit dem kanadischen Hybrid-Drummer und Wahl-Berliner

Den aus dem kanadischen Montreal stammenden Merlin Ettore kann man trotz seines verhältnismäßig jungen Alters als einen der Pioniere des Hybrid-Drummings bezeichnen. Lange bevor die Sample Pads zum nützlichen Accessoire der Setups von Drummern zur Umsetzung moderner Produktionen wurden, beschäftigte sich Merlin mit analogen Drum Machines, MIDI und dem Bearbeiten der Sounds. Während die elektronischen Setups der meisten Drummer heutzutage Sample-basiert sind, bearbeitet Merlin auch die durch Mikrofone eingefangenen akustischen Signale des Drumsets und integriert mittlerweile sogar Modulare Synthesizer zur Bearbeitung von Drumsounds.

Neben den analogen Gerätschaften ist er auch seit Jahren mit Ableton Live als Software und auch den damit integrierbaren externen Plugins von verschiedensten Anbietern unterwegs. Durch die Symbiose dieser verschiedenen Komponenten ist es Merlin möglich, einen besonders innovativen Sound zu kreieren, der sich teilweise radikal vom Sound eines akustischen Schlagzeugs abhebt. So wundert es auch nicht, dass er mit seinem Projekt „Sorcery“ den Schritt weg vom Drumset und hin zur elektronischen Performance gewagt hat und sich damit noch tiefer in die elektronische Welt begibt, in die er einst durch das Schlagzeug eingesogen wurde. Wir sprachen mit dem sympathischen Wahl-Berliner über die Entwicklung seines Setups, die verschiedenen Möglichkeiten der Klangerzeugung und den optimalen Einstieg in die Welt des hybriden Trommelns.

Hallo Merlin, schön dass du dir Zeit nimmst, mit uns zu sprechen. Die Pandemie trifft uns Musiker ja besonders hart. Wie ergeht es dir in dieser Zeit?

Naja, mir geht es eigentlich ganz okay und ich versuche, gut drauf zu bleiben. Bezahlte Gigs finden natürlich auch für mich gerade nicht statt, aber ich versuche, die Zeit so gut wie möglich zu nutzen und mich und mein Spiel weiterzuentwickeln. Natürlich ist die Situation alles andere als ideal, aber im Vergleich zu vielen anderen aus der Branche kann ich mich eigentlich nicht wirklich beschweren.

Du kommst ja ursprünglich aus Kanada. Wie bist du in Berlin gelandet?

Ich habe die Stadt auf meiner ersten Europatour 2005 für mich entdeckt. Meine Band war damals ein Duo aus Bass und Drums namens „Metric“. Wir spielten im „Tacheles“ den für uns besten Gig der Tour und ich war einfach so begeistert von der Stadt. Ich habe dann meinen Aufenthalt verlängert und die Stadt ein bisschen erkundet. Zu Hause in Montreal konnte ich nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie es für mich wohl wäre, in Berlin zu leben, also habe ich es dann irgendwann einfach probiert. Ich wollte erstmal nur für ein Jahr Berlin als Stadt und das Leben in Europa ausprobieren, bin aber dann geblieben. Ich war nicht so von den USA angetan und außer London hätte es für mich keine Alternative gegeben, und jetzt bin ich seit 13 Jahren hier.

Du bist schon sehr lange für Hybrid-Drumming bekannt. Wie kamst du mit dem Konzept der Symbiose aus Akustik- und E-Drums in Berührung?

Ich sehe Hybrid-Drumming als die Weiterführung des Instruments. Ich war schon immer fasziniert von den Möglichkeiten, die mir die Einbindung von Electronics geboten haben. Auch der kompositorische Aspekt spielt für mich eine große Rolle. Das Drumset war für mich immer schon ein „percussives Ensemble“, also ist auch klar, dass ich dieses Ensemble um elektronische Instrumente erweitern kann. Mein Vater, der auch ein professioneller Trommler ist, hat sich immer schon mit moderner Musik befasst, weshalb Synthesizer und später auch Drum Machines bei uns zu Hause rumstanden. Also habe ich schon sehr früh Zugang zu elektronischen Instrumenten gehabt, mit denen ich dann rumexperimentiert habe.

Gab es für dich besonders einflussreiche Musiker, die dich auf diesem Weg inspiriert haben?

Als ich das erste mal Pat Mastelotto von King Crimson sah, hat es bei mir Klick gemacht. Er war zur damaligen Zeit auf einem ganz anderen Level unterwegs und hat mich sehr stark inspiriert. Er hat meine Augen dafür geöffnet, dass dem Setup und der Musikalität keinerlei Grenzen gesetzt sind.

Woraus setzt sich dein Setup zusammen?

Um ganz ehrlich zu sein: Es ist ein kleines Chaos. (lacht) Da ich immer wieder neue Sachen entdecke oder umstelle, ist es ständig im Wandel. Mir wird leider auch schnell langweilig. Sobald ich etwas gefunden habe, das funktioniert, möchte ich weitergehen und das nächste Ding ausprobieren. Was mich aber schon immer fasziniert hat, ist das Verarbeiten der Sounds. Wenn man nur mit MIDI und Samples arbeitet und alles unverändert lässt, ist es recht eintönig. Ich verwende also nicht mehr nur noch Samples, sondern benutze auch die jeweiligen Mics am Drumset zur Klangerzeugung mit Ableton Live. 

In seiner aktuellsten Video-Performance stellt Merlin sein eindrucksvolles Hybrid-Konzept unter Beweis.

Ist Ableton Live für dich die Software für Hybrid Drums schlechthin?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe damals 2004 mit Version 4 angefangen und seitdem hat sich das Programm extrem weiterentwickelt. Es wurde ursprünglich als Performance-Programm entwickelt, mittlerweile ist es aber auch als Software für Produzenten etabliert. Es fühlte sich für mich zu Beginn wie eine unglaublich facettenreiche Effektbox an. Mein bester Freund ist ein hervorragender Tontechniker und er hat mit mir damals direkt die Mikrofone mit in Ableton einbezogen, sodass ich die Studio-Komponente der Klangerzeugung und teilweise massiven Bearbeitung mit in die Performance einbauen konnte. Dadurch muss ich mich nicht auf Samples beschränken, sondern kann den Sound der akustischen Instrumente auch noch in Echtzeit bearbeiten. Das war für mich sehr wichtig, weil ich für lange Zeit E-Drums abgelehnt habe. Ich mochte das Feeling von Pads nie besonders, sondern habe sie eigentlich immer als eine Art Fernbedienung für Ableton genutzt, mit der man Automationen auslösen kann. Ein einfaches Delay oder ein Phaser waren mir dann aber schnell zu langweilig. Ich wollte, dass sich der Effekt mitbewegt und damit zum Teil der Musik wird, also habe ich beispielsweise mit Gates gearbeitet, die sich je nach Intensität des Spielens öffnen und schließen und damit dann die Effekte auslösen. So konnte ich expressive Effektketten bauen, die ich mit der Dynamik meines Spiels kontrollieren konnte. Das war zur damaligen Zeit natürlich ein absoluter Wahnsinn. Irgendwann bin ich aber auch dazu übergangen, dass ich durch diesen Prozess entstandene Sounds gesampled und auf Pads verwendet habe. Diese ganze Klangverarbeitung entwickelt sich eigentlich stetig weiter. Und dann habe ich mit Modular Synthesizern angefangen...

...dann ging das Chaos erst so richtig los!

Oh mein Gott, du hast ja keine Ahnung. (lacht) Natürlich war es am Anfang ein Alptraum, aber es hat mir nochmal eine völlig neue Perspektive auf Klangerzeugung gegeben. Vielleicht ist es für mich als Instrumentalist auch nochmal wichtiger, etwas zu berühren und damit dann Klänge zu erzeugen, als nur mit der Maus und Plugins am Computer zu arbeiten. Der Prozess ist einfach etwas anderes. Durch die Erfahrung mit Modularen Synths habe ich auch angefangen, andere Geräte so zu benutzen. Zum Beispiel einen Mixer.

Das musst du mal genauer erklären.

Ich erzeuge im Mixer ein internes Feedback mit dem kompletten Mix der Drums. Ich nehme also einen Stereomix der Drums und route ihn durch Aux Sends, so oft ich kann, also so vier bis fünf mal, in denselben Mixer. Durch das Herumspielen mit Levels, Panning und EQ bekomme ich ein total verrücktes Feedback und eine Verzerrung der Drums. Das Feedback, das Gitarristen mit Gitarren und ihren Amps machen, kann ich also jetzt auch mit meinen Drums machen. Dieses Mindset habe ich durch Modular-Synthesizer gelernt und irgendwann dann angefangen, das nicht mit einem, sondern mit mehreren Mixern zu tun. Es ist wie mit Studio-Hardware: Die verschiedenen Mixer haben unterschiedliche Sounds. Manchmal dopple ich auch nur die Bassdrum und arbeite mit dem Feedback oder bearbeite nur die Overheads. Die wirklich verrückten Sounds entstehen aber, wenn man das gesamte Drumset benutzt. Ein wirklicher „Game-Changer“ war für mich dafür das EAD10 Modul von Yamaha

Was macht dieses Gerät für dich so besonders?

Das sollte jeder Drummer auschecken. Es ist ein Mikrofon mit Kugelcharakteristik, das man an seine Bassdrum baut. Damit ist es im Zentrum des Drumsets und fängt sehr gut alle Singale in Stereo ein. Im Modul selbst befinden sich verschiedenste Kompressoren, Reverbs, Verzerrer und auch viele weitere, experimentellere Effekte. Außerdem kann man zusätzlich Trigger anschließen. Es ist das ideale Modul, um mit Hybrid-Drumming anzufangen. Ich nutze es aber auch heute noch in meinem mittlerweile sehr komplexen Setup. Es ist wirklich unglaublich gut. Es macht alleine schon zum Üben total Spaß, weil man auf einmal einen produzierten Sound auf den Ohren haben kann.

Benutzt du dieses Signal dann bei dir in Ableton?

Ja, unter anderem. (lacht) Außerdem erzeuge ich damit im Mixer die angesprochenen Feedbacks und schleife das Signal durch verschiedene Effekte des Modular-Synths. Insbesondere verwende ich da Envelope Follower.

Kannst du die Funktionsweise davon genauer erklären?

Envelope Follower erkennen die Peaks oder Attacks eines Signals. Also Sounds, die herausstechen. Dieser Peak wird dann ein sogenannter Envelope. Ähnlich einem Piezotrigger kann dieser Sound dann beeinflusst werden. Ich kann also beispielsweise bei meiner Snare bestimmen, ob sie, je nachdem wie hart ich sie spiele, ein Delay oder einen Hall triggert. Aber noch spannender wird es, wenn dieser erzeugte Impuls einen Synthesizer oder einen Effekt triggert. Auf einmal wird die Snare eine Art gespieltes Expression-Pedal oder ein Step Sequenzer.

Merlins Performance mit seinem Projekt „Sorcery“.

Wie man sieht, kann Hybrid-Drumming zu einem unglaublich komplexen und technisch anspruchsvollen Vorhaben werden. Wenn jemand gerade anfängt, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wie würdest du an ihrer oder seiner Stelle vorgehen?

Da die Möglichkeiten mittlerweile fast endlos sind, ist es ganz wichtig, dass man eine Vision oder ein Ziel hat. Wenn man sich einfach nur ein bisschen mit Elektronik für Drums beschäftigen will, wird man sicher sehr schnell regelrecht paralysiert und frustriert sein. Ein Ziel hält einen auf Kurs. Meine Erfahrung war: Je präziser und klarer das Ziel ist, desto weiter kommt man. Klingt paradox, aber man entwickelt sich so wirklich viel schneller weiter. Außerdem sollte man nicht aufgeben, wenn man das anfangs ausgemachte Ziel vielleicht nicht direkt oder sogar nie erreicht. Auf dem Weg ergeben sich eh Lösungen, die zu dem führen, was man eigentlich will. Der Weg ist wirklich das Ziel und lässt einen so viele spannende Dinge entdecken. Aber grundsätzlich ist ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz und gleichzeitige Spontaneität wichtig. Es ist auch für mich immer noch häufig extrem anstrengend, wenn wieder irgendetwas nicht so funktioniert, wie es soll. Manchmal ist es wie Workout: Am Anfang nervt jede Übung, zwischendurch hat man Schmerzen, aber irgendwann fühlt man sich super und es macht Spaß. Anstrengend ist es aber immer (lacht). Ein guter Einstieg ist es aber auch, die Electronics zum Üben zu benutzen. Jeder wird merken, dass man mehr Spaß hat und länger üben wird, wenn der Sound inspirierend ist. Damit ist auch weniger Druck da, die elektronischen Instrumente direkt in einem Band-Setup fehlerfrei anwenden zu müssen. Das sollte man nämlich wirklich erst machen, wenn man sich damit nach einiger Zeit gut genug auskennt.

Hast du weitere Empfehlungen für Neueinsteiger?

Ich mag die Korg Volca Beats Drum Machine. Ein günstiger, aber sehr guter analoger Step Sequenzer, zu dem es großen Spaß macht zu spielen und zu üben. Das ist ein guter Einstieg in die Welt der Drum Machines, und in den Zeiten maximaler Ablenkung durch Mails, Social Media und Push-Benachrichtigungen ist es richtig hilfreich, nicht beim Üben an einem Laptop oder Smartphone zu hängen. Ich empfehle auch, sich möglichst direkt mit dem Bearbeiten der Drumsounds zu beschäftigen. Beispielsweise kann man den Sound der Drum Machine durch einen Gitarreneffekt bearbeiten. Es macht so viel Spaß, den Sound nochmal mit einem Kompressor oder Verzerrer zu bearbeiten und damit individuell zu formen. Wenn man dann irgendwann noch ein Sample Pad zu diesem Setup hinzufügt, ist man schon mittendrin in der Hybrid-Welt.

Du befasst dich nun schon seit langer Zeit mit den technischen Möglichkeiten der Geräte und deren Umsetzung in der Musik. Auf welche Weiterentwicklungen und Neuigkeiten bist du in der Zukunft gespannt?

Ich finde, dass das „Processing“ der Sounds noch sehr viel Potential zur Weiterentwicklung hat. Das Yamaha EAD10 ist bisher die einzige Hardware, die in einem kompakten Format die Bearbeitung der Sounds zulässt. Auf dem Markt ist also noch eine Menge möglich. Ansonsten ist ja alles wirklich mit Pads immer Sample-basiert. Im Software-Bereich werden die Soundanalyse-Tools immer spannender. Izotope hat ja mit seiner RX-Plugin Serie die Messlatte schon ziemlich hoch angesetzt, und da wird bestimmt noch richtig viel passieren. Ich habe mal ein Video-Interview gegeben, bei dem im Hintergrund Musik lief, die urheberrechtlich geschützt war. YouTube hat es geschafft, die Musik auszublenden, ohne die Sprache zu beeinträchtigen. Das fand ich unglaublich. Wenn sowas jetzt schon möglich ist, wird da in Zukunft noch richtig viel mehr gehen, was auch für Musikproduktion relevant sein wird.

Vielen Dank für's Gespräch!

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  • Bastl Instruments

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