Feature
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27.03.2014

Interview: Lissie zum Album "Back to Forever"

Mit Rock-Attitüde und mehr DIY selbstbestimmt in die Zukunft

In den letzten Jahren schafften viele neue Singer-Songwriter wie Adele, Ellie Goulding, Emeli Sandé oder Christina Perri den Durchbruch: Sozusagen ein Gegenentwurf zu den vollelektronischen EDM-Klängen à la David Guetta oder WillIAm. Sie alle zeichnet  - neben eigener Songs -  auch eine sehr gute, oft unverwechselbare Stimme aus. Lissie gehört seit ihrem erfolgreichen Debütalbum „Catching a Tiger“ ebenfalls in diese Liste.

Die aus dem amerikanischen Illinois stammende Sängerin und Songwriterin sammelte damit 2010 in England und Norwegen Gold ein. England und Norwegen? Genau! Denn ihren Plattenvertrag bekam sie zuerst nicht in den USA, sondern bei den Inseleuropäern! Ein interessanter Weg, über den wir mit ihr schon in unserem ersten Interview 2011 (hier!) gesprochen haben. Anlässlich Ihres neuen Albums „Back to Forever“ ist sie seit Ende letzten Jahres wieder auf Tour, Grund genug sie mal zu fragen, was seit unserem letzten Treffen so passiert ist. Denn ohne allzu viel vorwegnehmen zu wollen: Das war so einiges! So hat sie sich zum Beispiel von ihrem Label getrennt, und möchte in Zukunft versuchen, unabhängig zu arbeiten – mit einem starken Fokus auf ihre Band und Live-Gigs.

bonedo.de: Lissie, letztes Mal traf ich Dich gegen Ende der gut 2 Jahre währenden Tour zum Debütalbum. Du warst ziemlich erledigt und branntest darauf, neues Material zu schreiben. Deine sarkastischen Worte auf meine Frage zum nächsten Album waren damals: „Oh es wird fantastisch – falls ich jemals die Gelegenheit dazu bekomme, es zu machen!“  

Lissie: (Lacht) Oh ja – und es hat lange gedauert. Und ich bin bereit ein neues zu machen: Du erwischt mich also schon wieder an einem Punkt, wo ich ein neues Album machen will.

bonedo.de: Aber wir hatten Dich gar nicht wirklich hier zum Launch des aktuellen – zumindest auf dem deutschen Markt fand es bislang nicht wirklich statt.

Lissie: Nun, zu diesem Album muss ich sagen, dass es ein langer Kompositionsprozess war, und es viele Veränderungen in meinem Label gab. Deshalb hat es sehr lange gedauert, alle Beteiligten  an einen Tisch zu bringen. Ich liebe die Songs darauf, aber es gab auch eine Menge Unstimmigkeiten. Es ist bei euch nicht im Markt angekommen, weil ich nicht wirklich jemanden bei euch im Land hatte, der sich für das Thema eingesetzt oder dem Album viel Beachtung geschenkt hat. Ich bin nun unabhängig, spiele auf eigene Rechnung und freue mich, dass überall hunderte Zuschauer sind, die uns spielen sehen wollen. Wir sind wieder da! 

(Anm. Red.: Der Club in Hamburg war voll und hat ein Fassungsvermögen von 800 Zuschauern. Also leicht untertrieben...)

Lissie: Der Werdegang

Im letzten Interview erzählte Lissie von ihrem Werdegang.

bonedo.de: Ich habe gesehen, dass Du mit „Cryin’ to You“ bereits eine eigene EP veröffentlicht hast?

Lissie: Ja, innerhalb der letzten Monate bin ich unabhängig geworden. Es geschah alles im Einvernehmen, es ist also alles gut: die Zeit war reif für eine Veränderung. Und die Band und ich sind soviel aufgetreten, wir sind inzwischen richtig „tight“ geworden. Den Sound, den wir live entwickelt haben, möchte ich gern im Studio umsetzen. Da wir nun unabhängig sind, konnten wir ein Cover des Danzig Songs „Mother“ für ein Videospiel aufnehmen. Das haben wir mit der Band produziert, und dann spontan entschieden ohne großen Aufhebens eine EP mit Coversongs aufzunehmen. Die Resonanz war sehr gut, und es ist ein musikalischer Richtungszeiger für unseren nächsten Schritt.

bonedo.de: Um auf das – für uns – immer noch neue Album „Back to Forever“ zurückzukommen – wie bereitest Du Dich generell auf ein Album vor? Und Du sagtest, es hätte eine Menge Einflussnahme von außen gegeben?

Lissie: Ja, aber ich denke, so läuft das einfach – das ist jetzt nicht besonders einzigartig für meine Situation. Zu einem neuen Album gehören die üblichen Schritte: Du schreibst bis Du genug Songs hast, dann gehst Du ins Studio, in meinem Fall mit Produzent Jacknife Lee (Anm. Red.: U2, Robbie Williams, REM, Snow Patrol,  The Hives um nur einige zu nennen), verbringst ein paar Monate mit der Aufnahme und dann kommen Mischen, Mastern und Artwork. Dafür habe ich eine Fotosession in meiner Heimatstadt gemacht – ich dachte, dass passt gut zur Bedeutung von „Back to Forever“. In dem Song geht es um die Einfachheit und Unschuld meiner Kindheit, und wie man mit 30 irgendwann merkt: ‘Oh, ich habe gar nicht mehr bis in alle Ewigkeit Zeit!’ Und die Realisation, dass wo man her kommt auch der Ort sein wird, an den man am Ende seines Lebens zurückgeht. Es war also eine nostalgische „30 werden“ Zeit.

(Anm. Red.: Daraufhin zeigt sie mir die Bilder in der Deluxe Edition ihres Albums und kommentiert sie. Auch ihr Schumacher und die Eisdiele ihrer Jugend finden sich in den Bildern wieder. Alles sehr liebevoll gestaltet).

bonedo.de: Sehr schöne Bilder! Ich finde, dass zu viele Musiker es versäumen, die Möglichkeit zu nutzen, ihre Musik mit passenden Bildern auf Albumcover und Booklet zu unterstreichen.

Lissie: Danke! Ja – ich habe mich auch sehr gefreut, als Sony sagte, dass sie eine Deluxe Edition des Albums machen wollen. Im Cover der Standardversion sind auch Fotos, aber nicht so viele. In dieser Version dann ein richtiges Buch dabei zu haben, mit Bildern des Ortes, der mich hervorgebracht hat – das machte einfach Sinn! 

(Lacht) Es ist echt komisch, ich bin ja eigentlich hier um „Back to Forever“ zu promoten – aber ich bin so ungeduldig, dass ich schon darauf brenne das nächste zu machen. Diese großen Kampagnen mit ihrem komplizierten System und ihren Zyklen – ich mag es lieber, kontinuierlich Musik zu machen und auf Touren zu gehen, ohne mich zu lange mit nur einer Sache aufzuhalten.

bonedo.de: Wann hast Du die Songs denn geschrieben? Das Album wurde letztes Jahr im Oktober 2013 erstmals veröffentlicht?

Lissie: (Denkt nach) Die meisten Songs habe ich 2012 geschrieben, und im September 2013 aufgenommen.

bonedo.de: ... für Dich also schon „Oldies but Goldies“?

Lissie: Ich liebe sie alle immer noch. Und wir haben gerade erst angefangen, „Back to Forever“, „Can’t Take it Back“ und „Mountain Top Removal“ live zu spielen. Ich habe inzwischen genug Songmaterial, so dass es uns Spaß gebracht hat, neue Songs ins Set einzubauen – abgesehen von den offensichtlichen Kandidaten. Es gibt auch einige ältere, die ich noch nicht wirklich aufgeben mag. Aber wir spielen 20-Song-Sets, wenn wir da noch mehr hinzufügen, müssen sich die Leute hinsetzen, weil sie müde werden. (Lacht)

bonedo.de: Warum hast Du eigentlich Jacknife Lee als Produzent gewählt – vom coolen Namen mal abgesehen?

Lissie: Es war Zufall – er arbeitet viel mit Snow Patrol. Ich kannte die Band eigentlich gar nicht, aber sie kannten meine Musik. Da war ich natürlich sehr geschmeichelt, als sie mich anfragten, ob ich Lust hätte Backgroundvocals für ihr Album „Fallen Empires“ beizusteuern. Bei den Aufnahmen habe ich Jacknife dann kennen gelernt, und er mochte meine Stimme sehr. Er meinte dann, dass er gern mal mit mir arbeiten würde, falls sich die Gelegenheit  ergeben würde. Als dann der Produzent, den ich eigentlich im Sinn hatte, keine Zeit hatte – und Jacknife sich anbot, war auch das Label aufgrund seiner Referenzen natürlich begeistert. Wir hatten eine tolle Zeit – er ist sehr kreativ und auch lustig.

bonedo.de: Du hast auf diesem Album alle Songs mit anderen Leuten zusammen geschrieben. Ist das die Art, wie Du am liebsten arbeitest: Deine Ideen gemeinsam mit anderen Leuten auszuarbeiten?

Lissie: Es gibt viele verschiedene Arten wie ich arbeite, und die mir gefallen. Es war dieses Mal gut so, weil ich eine Hand voll Songwriter gefunden habe, mit denen ich gern zusammen arbeite. Es sind nur drei oder vier Leute mit denen ich geschrieben habe, weil ich weiß, dass wir eine gute Dynamik haben. Angelo Petraglia, mit dem ich „Little Lovin’“ vom letzten und „They Don’t Want You“ von diesem Album zusammen geschrieben habe, ist zum Beispiel ein hervorragender Gitarrist. Er fängt also einfach an herumzudaddeln, wir quatschen dabei über alles mögliche, und dann plötzlich: ‚Oh das ist super! Zeig mal, was Du da spielst.’ Da fängt es dann an – wir probieren verschiedene Melodien und überlegen was für eine Stimmung in der Melodie steckt: Verlangen? Oder ist das ein frustrierter Song? Oder eher ein sentimentaler Song? Du kannst das irgendwie fühlen, wohin die Musik das bewegt. Dann lass ich mir aus dem Stegreif Worte dazu einfallen. Die lasse ich oft erst mal in so einem Rohzustand und lebe ein wenig damit. Mit der Melodie ist es genau so – einfach so, dass wir eine Idee haben, wohin die Reise geht. Dann geh ich meistens nach Hause, trinke Wein und mach es alleine fertig.

bonedo.de: Was für einen ‚magischen’ Wein hast Du denn?

Lissie: (Lacht) Rotwein. Das ist keine Magie – ich mag Pinot Noir. Weißt Du, es versetzt Dich einfach in eine entspannte Stimmung zuhause, wenn Du da mit Deinen Gedanken sitzt. 

Ich mag ich nicht, für Texte hypothetische Geschichten zu erfinden. Mir ist es wichtig, dass die Geschichten wahr und über etwas sind, was ich fühle. Das hat mich auch überhaupt zum Songschreiben gebracht. Co-Writing habe ich über die Zeit mit den richtigen Leuten wirklich zu schätzen gelernt habe. Anfangs mochte ich es gar nicht. Weil ich jetzt, da ich ja nun allein verantwortlich bin, immer weiß wo es hingeht, habe ich für mein nächstes Album angefangen, viel mehr über mich zu schreiben. Nun kann ich mir sagen: „Ist doch egal, wenn es kein Hit-Chorus ist“. Ich habe mich wieder neu in das Song schreiben nur um des Songschreiben willens verliebt – ohne darüber nachzudenken, was es bedeutet. Das ist schön.

bonedo.de: Stört es Dich eigentlich in Interviews nach der Bedeutung von Songs gefragt zu werden?

Lissie: Hm. Ein bisschen vielleicht. Weißt Du, ich war eigentlich immer sehr offen und nett zu den Leuten. Ich möchte nicht, dass sich jemand schlecht fühlt, es ist doch nett, dass sich überhaupt jemand für meine Arbeit interessiert. Da möchte ich sie nicht brüskieren. Aber klar, manchmal möchte ich schon sagen: ‚Warum hörst Du Dir nicht einfach den Song an? Dort erkläre ich es doch schon so gut, wie ich kann!’ Deshalb fällt es mir bei einigen Songs leichter, und bei anderen stammle ich dann rum wie ein kompletter Idiot. Da ging es dann um ein kompliziertes Gefühl, das ich in einen 3-minüten Song verpackt habe. Wie soll ich das dann noch besser erklären?

Das mochte ich damals an der High School beim Musik hören so sehr: Als man noch nicht soviel Zugang zu Künstlern hatte, und sie ein bisschen geheimnisumwobenener waren. Ich hörte mir die Musik an, und baute mir meine eigene Bedeutung. Was wahrscheinlich gar nicht das war, was der Autor sich dabei gedacht hatte: ‚Oh, in diesem Song geht es um mich. Das ist jetzt meiner!’ Lass Songs für Dich bedeuten, was Du möchtest!

bonedo.de: Wo Du den Verlust des geheimnisvollen in Bezug auf Künstler ansprichst, weil ja jeder jedem bei Twitter, Facebook und-so-weiter folgen kann, und nun weiß wann und wo sie auf Toilette gehen – man meinst sie zu kennen. Ist dieser Verlust des Mysteriums nicht eigentlich schlecht?

Lissi: (Lacht) Ja genau: Wo sie wohnen, was sie in der Freizeit machen, was sie gerne essen. Es ist wahrscheinlich schlecht, aber es passiert nun mal und ist unwiderruflich. Es gibt schon Tage, wo ich gerne jemanden beauftragen würde, alle meine Spuren im Internet auszulöschen: mein Facebook sowie sämtliche Posts! Da werde ich dann von meinem Bassisten verarscht: ‚Oh ja, DAS ist bestimmt ganz toll für Deine Karriere!’ Es wird inzwischen einfach von Dir erwartet, kontinuierlich Zeugs zu liefern, mit dem sich die Leute beschäftigen können. Ich glaube eigentlich nicht, dass es gut ist – für Leute wie mich ist es gefährlich, weil man davon abhängig werden kann. Du kannst Dich am Ende wie ein Idiot fühlen: ‚Warum gebe ich auf Twitter so viel von mir preis?’ Aber für mich – ich bin eh nicht so mysteriös. Ich könnte das Mädel von der anderen Straßenseite sein. Ich bin kein Pop-Star mit glamourösem Image, bloß eine normale Person, die Musik macht.

bonedo.de: ... was in sich ja auch ein Image sein kann.

Lissi: (Lacht) Jaaaa. Das „normale Person“ Image.

bonedo.de: Zurück zu den Songs: Wenn Du in eine Co-Writing Session gehst, ist das ja nicht anhand der Inspiration, sondern am Kalender ausgerichtet: Du musst dann abliefern. Wie ist das für Dich?

Lissi: Wenn Du es viel machst, funktioniert es manchmal und manchmal eben nicht. Es ist immer noch irgendwie spontan. Es gibt Leute mit denen ich mich dabei wohl fühle, und dann gibt es solche, mit denen es mühsam ist. Man sitzt da und merkt, dass man nicht wirklich was gemeinsam hat. Es passiert nix – und man denkt nur: „Oh Gott, darf ich jetzt bitte gehen?“ Dann gibt es aber andere, wie Jim und Julian, mit denen ich „In Sleep“, „When You’re Alone“ oder „Shameless“ geschrieben habe: Wir sind einfach sehr gut darin gemeinsam zu schreiben. Und wenn ich dann mal nicht so inspiriert bin,  dann fokussieren wir vielleicht mehr auf die Musik als auf den Text, oder die Melodien. Den Text kann ich später ausarbeiten, wie die Worte eben kommen. Denn der Song bleibt im Kopf. Der Text kommt dann irgendwann: beim Spazieren gehen oder beim Aufräumen. Aber der Musikpart wird bei mir einfach durch das Spielen von Akkorden durch andere Leute angestoßen. Ich ziehe es aber vor, Songs zu komponieren, wenn mir danach ist. Früher habe ich auf Tour nicht geschrieben, aber in den letzten 6 Monaten oder so sind mir eine Menge Ideen gekommen, die ganz gut sind, glaube ich.

bonedo.de: Hören wir doch mit der Frage auf, mit der wir begonnen haben: Lissie – wie wird Dein nächstes Album?

Lissie: (Zögert) Das ist das Ding: Was ich zum letzten Album im Vorfeld gesagt habe, hatte nachher gar nicht mehr viel mit dem Resultat zu tun. Aber ich glaube, ich möchte meiner Stimme mehr Raum lassen – bei einigen Songs noch rockiger werden. Mit der Band – als Gruppe produziert, vielleicht sogar ohne Produzenten. Also etwas so unauffälliges, dass Du wahrscheinlich gar nichts darüber zu hören bekommst (Lacht). Du wirst gar nicht wissen, dass es veröffentlicht wurde! Nein – aber ich möchte mir einfach nicht zu viele Gedanken machen müssen, mehr „DIY“ praktizieren und Musik machen.

Abschließend wollte ich noch ein paar Fotos machen, und fragte Lissie ob sie nicht eine Gitarre da hätte. „Ah, das finde ich immer ein bisschen cheesy“, meinte sie daraufhin – und setzte sich prompt an die große Heimorgel im Backstage des Hamburger MoJo Clubs. Die Resultate könnt Ihr hier bewundern. Vielen Dank an Lissie für das nette Gespräch – und viel Glück auf ihrer weiteren Reise durch die Welt der Musik...

Das komplette Video-Interview vom letzten Mal findet Ihr HIER.

Weitere Infos über das bei Sony erschienene aktuelle Album "Back to Forever" gibt es hier:

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