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02.05.2017

How to: 1176 bedienen – samt „All-Buttons“-Trick

Tutorial: Wie man einen Urei/Universal Audio 1176 bedient – und warum er so ein genialer Kompressor/Limiter ist

Serie: Tontechnik-Klassiker benutzen

Zwar gibt es viele Dynamikgeräte, die Kultstatus genießen, doch die sicher bekanntesten und verbreitetsten sind der einkanalige Röhrenkompressor LA-2A und der ebenfalls einkanalige Limiter 1176, der ursprünglich von Urei und später dann von Universal Audio erhältlich war. Auch heute noch kann man einen aktuellen 1176LN kaufen, zudem gibt es viele Clones – von Plug-Ins ganz zu schweigen.

Es gibt wenig Bedienelemente an diesem Kompressor/Limiter, da kann die Bedienung doch gar nicht so kompliziert sein, oder? Nun: So mancher Musiker, Produzent oder Techniker hat schon etwas verwundert an den Rädern gedreht und gestaunt, dass eben doch nicht alles so läuft, wie man es vielleicht gelernt hat.

Fester Threshold: der Rotationspunkt

Zunächst: Ein 1176 besitzt gar keinen Threshold. Der Threshold bestimmt bei den meisten Kompressoren, ab welchem Eingangspegel überhaupt komprimiert wird. Ein 1176 ist mit diesem Prinzip zwar nicht alleine auf weiter Flur, aber wer es nicht kennt: Er verwendet einen festen Threshold und ist daher ein Rotationspunktkompressor. Was merkwürdig und kompliziert klingt, ist es gar nicht, denn mit dem „Input“-Regler, beim klassischen 1176 ganz links angeordnet, bestimmt man den Pegel vor dem Threshold. Sollte das Inputlevel aus klanglichen Gründen sehr niedrig liegen, weil man nur geringe oder seltene Eingriffe des 1176 wünscht, handelt man sich dadurch natürlich eine Verschlechterung des Signal-Rauschspannungsabstands ein. Bei den meisten Anwendungen ist das aber nicht automatisch desaströs. Man kann es schon ahnen: Mit dem benachbarten „Output“-Regler kann man den Verlust durch den niedrigen Eingangspegel und natürlich die Reduktion durch die Dynamikveränderung wieder ausgleichen. Clean ist nicht immer die beste Lösung, 1176er klingen oft besonders toll, wenn man ihnen mit höherem Input ein wenig Feuer unter dem Hintern macht und Signale leicht mit Harmonischen anreichert.

Anzeige einstellen

Auf der rechten Seite neben dem VU-Meter lässt sich einstellen, was das Nadelinstrument anzeigt. +4 und +8 bedeuten, dass der entsprechende Spannungswert in dBm am Ausgang des 1176 dann anliegt, wenn die Nadel des VU-Meters bei 0 steht. Drückt man „GR“, springt die kalibrierte Nadel auf die Null im oberen Drittel der Anzeige und zeigt dann mit einer Linksbewegung die tatsächliche Verringerung des Pegels. „Off“ schaltet nicht die Anzeige aus, sondern das interne Netzteil. 

Attack und Release: Eigentlich klar, oder?

Was ist eigentlich „mehr Attack“? Hier kann man streiten, aber fast alle Hersteller von Dynamikgeräten interpretieren es so: Auf Linksanschlag sind die beiden Zeiten kurz. Beim 1176 ist es umgekehrt: Linksanschlag bedeutet lange Attackzeit, Rechtsanschlag kurze Attackzeit. Wenn es auf dem Linksanschlag des Attack-Reglers „Klack!“ macht, seid ihr übrigens nicht im Superslow-Modus, sondern habt das gesamte Gerät auf Bypass gestellt. Das ist schwer zu glauben, aber wahr. Komplett ausschalten könnt ihr den 1176 mit dem Button ganz rechts unten. Das ist nicht unbedingt „schlimm“, denn die Bypassfunktion ist auch sehr empfehlenswert, da das Signal durch das gesamte Gerät läuft und die Übertrager den Sound angenehm verändern. 

Welche Ratio darf es sein?

Drei Schalter ermöglichen die Wahl der Kompressionsstufe. Während manche Dynamikprozessoren schon 1,2:1 und ähnlich sanfte Ratios erlauben, geht ein 1176 schon recht robust zu Werke: 4:1, oben in der Reihe, ist die schwächste Variante der Kompression. Ab 8:1 Verdichtungsverhältnis eines Dynamikgeräts spricht man gemeinhin vom Begrenzerbetrieb – deswegen heißt der 1176 nicht nur „Limiting Amplifier“, sondern ist schlichtweg auch einer. Jenseits von 8:1 sind 12:1 und knackige 20:1 wählbar. 

Die verbreitetste Fehlbedienung im Audiosektor – All-Buttons-Mode

Der Modus ist nicht so schwer einzustellen, es müssen lediglich alle vier Ratio-Buttons gleichzeitig gedrückt werden. Damit zündet man aber ein wahres Feuerwerk der Dynamikveränderung. Hinter den Kulissen wirbelt man dabei so einiges durcheinander, denn man ändert quasi automatisch kontinuierlich Arbeitspunkte, was sogar auf Attack und Release Einfluss hat. Bei einer sehr hohen resultierenden Ratio gesellt sich noch etwas dazu, weil man auch den Feedbackweg beeinflusst: Verzerrung! Und zwar nicht gerade wenig… Das resultierende, auffällige Pumpen und Saugen tut vor allem Raum- und Dirtmikros bei den Drums sehr gut und wird viel und häufig dafür eingesetzt. Aber man würde einen Fehler machen, wenn man sich darauf beschränken würde. Auch auf Vocals, vielleicht nur in paralleler Kompression, bei schrengeligen Strumming-Guitars und vielen elektronischen Signalen ist der All-Buttons-Mode eine wahre Freude! Ausprobieren!

1176 muss man kennen und können

Es ist natürlich anmaßend, von einer Pflicht zu sprechen, aber ohne 1176 beraubt man sich vieler Möglichkeiten, die eigentlich nur ein 1176 liefern kann. Das ultraschnelle Zupacken, der leicht „staubige“, aber immer konkrete Grundcharakter, die sanft steuerbare Andickung und eben nicht zuletzt die vielfältigen Möglichkeiten der Kompression und Limitierung bis hin zum „Freak-Mode“ – auf all das verzichten die wenigsten Engineers. Und während manche Höchstsummen für gut erhaltene und ungepflegte Silverface- oder Bluestripe-1176 ausgeben, suchen sich andere Techniker oder Producer andere Wege. Sicher, ein aktueller UA 1176LN ist ebenfalls nicht gerade preiswert, doch gibt es eine Vielzahl von Nachbauten und natürlich Plug-Ins unterschiedlicher Güte- und Preisklassen. Im Anschluss an diesen Text findet ihr einen Überblick. Ich möchte aber sagen, dass der Elfsechsundsiebzig keine „Option“ oder ein „Nice to have“ ist, sondern definitiv zum Standardbesteck gehören sollte.

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