Workshop_Thema Gitarre
Workshop
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03.01.2016

Gitarren Aufnahme - Gitarre und Amp richtig mikrofonieren

Gitarre und Verstärker mit dem Mikrofon aufnehmen

Aufnahme von der Gitarre und Amp - Tipps für einen besseren Sound

Ein guter Sound bei der Aufnahme von Gitarre und Verstärker ist eine Wissenschaft für sich, und viele Gitarreros investieren reichlich Zeit, Energie und oft auch Geld bei der Jagd nach dem optimalen Sound der E-Gitarre mit einem Gitarren-Verstärker. Diesen Amp dann adäquat zu mikrofonieren ist wieder ein ganz eigenes Kapitel. Mit dem folgenden Shortcut tankst du ganz schnell das nötige Wissen, um einen perfekten Sound zu erhalten, wenn du deinen Gitarren-Verstärker mit einem Mikrofon abnimmst. 

Damit der Shortcut „short" bleibt, gehen wir davon aus, dass du mit dem Sound, der aus dem Speaker deines Amps kommt, grundsätzlich zufrieden bist und diesen möglichst authentisch auf die Festplatte bannen oder live über eine PA für das Publikum verstärken möchtest.

1. Der Sound von Verstärker und Lautsprecher

Grundsätzlich ist der Fall ja ganz einfach: Der Sound der E-Gitarre kommt aus dem Lautsprecher, Mikrofon davor, fertig.

Und wenn man das „einfach so" probiert, kann man tatsächlich Glück haben und zufällig passt alles. Meist jedoch klingt eine nach dem Zufallsprinzip gemachte Aufnahme nicht wunschgemäß, sondern zu spitz oder zu mumpfig und überhaupt ganz anders als der fette Gitarrensound, den man grade noch im Raum gehört hat. Warum ist das so? Nun, versetze dich doch selbst mal in die Rolle deines Mikrofons! Knie dich auf den Boden und bringe dein Ohr direkt vor dem Gitarren-Speaker in Position, so als ob es den Platz des Mikrofons einnehmen soll, während du die Saiten anschlägst. ACHTUNG: Amp vorher leise machen und/oder Gehörschutz tragen, mit Hörschäden ist nicht zu spaßen!!!
Du wirst feststellen: Die Gitarre klingt ganz anders als das, was du im Raum hörst, viel höhenlastiger und härter. Der Grund: Beim Spielen stehst du ein wenig vom Verstärker weg, wirst wahrscheinlich nicht direkt vom Speaker angestrahlt und hörst nicht nur den Amp selbst, sondern auch diverse Reflektionen des Schalls aus dem Raum um dich herum.

Das Mikrofon im Raum zu platzieren, um diesen Effekt nachzuempfinden ist aber meist keine Lösung. Live schon gar nicht, da müssen die Instrumente möglichst gut getrennt sein. Stünde das Gitarren-Mikrofon aber zwei Meter vom Amp weg, würde man sich somit auch reichlich Schlagzeug und sonstige Instrumente einfangen. Doch auch im Studio ist der knackige, direkte Sound unmittelbar vor der Lautsprecherbox meist die erste Wahl. Der entscheidende Trick, um hier den Wunschsound rauszukitzeln, ist dabei die Platzierung des Mikrofons im Verhältnis zum Speaker. Dazu gleich mehr.

2. Das Mikrofon für die Gitarren Aufnahme

Gitarrenamps werden bevorzugt mit dynamischen Mikrofonen abgenommen, die sind robust und vertragen die hohen Schallpegel, welche unmittelbar vor einem Gitarrenlautsprecher herrschen können. Natürlich gibt es auch eine große Auswahl an Kondensator-Mikrofonen, die einen hohen Schalldruck verkraften können, der Einfachheit halber bleiben wir an diesem Punkt aber mal bei den dynamischen Kollegen. Der „Übervater" aller Gitarrenmikrofone ist dabei das Shure SM 57. Wahrscheinlich wurden und werden damit mehr E-Gitarrenaufnahmen gemacht als mit allen anderen Mikrofontypen zusammen, und die spezifische, mittige Klangfärbung dieses Mikrofons hat unsere Vorstellung von gutem Rockgitarren-Sound vielleicht ähnlich nachhaltig geprägt wie der Marshall-Amp.

Von Shure selbst gibt es noch eine upgedatete Variante dieses Mikrofons namens „Beta 57", ob man deren Sound oder die Urversion SM 57 bevorzugt, ist Geschmackssache. Bekannte und beliebte Alternativen dazu sind zum Beispiel die eckigen Sennheiser-Modelle e606 und e906, welche man praktischerweise ohne Ständer direkt vor den Amp hängen kann.

Wie bereits angedeutet, werden häufig auch Großmembran-Mikrofone genutzt, die dem Klang von Gitarre und Verstärker bei der Aufnahme eine ganz andere Färbung verleihen. Die letzten Jahre kamen zudem sogenannte „Bändchenmikrofone" wieder schwer in Mode - diese sind aber meist mechanisch sehr empfindlich, daher für den Live-Betrieb eher ungeeignet und vor allem im Studio zuhause.
Wie immer gilt: erlaubt ist, was gefällt - und falls du keinen der Klassiker am Start hast,  nimm was du hast und experimentiere damit.

Soweit nicht anders vermerkt sind auch alle Hörbeispiele dieses Shortcuts mit einem Shure SM 57 aufgenommen.

3. Der Speaker

Schaut man von vorne auf einen Gitarrenlautsprecher sieht man in der Mitte eine runde Erhebung, die sogenannte Kalotte, darum herum die eigentliche Membran, welche trichterförmig zum Rand hin ansteigt und in einer Art abschließenden Ring aus Gummi endet, der sogenannten Sicke.

Für unsere Gitarren-Aufnahme ist die Tatsache entscheidend, dass sich der aufgenommene Klang stark ändert, je nachdem wo wir das Mikrofon platzieren. In der Mitte, das heißt da, wo die Kalotte sitzt, ist er am höhenreichsten, je weiter wir zum Rand wandern, desto milder und runder wird er.

Auch bei Boxen mit mehreren Speakern pickt man sich nur einen Lautsprecher heraus, vor dem man das Mikrofon platziert, und versucht nicht etwa es zwischen den Speakern unterzubringen, um mehrere Lautsprecher zu „erwischen". Übrigens: auch baugleiche Speaker klingen gerne mal ein wenig unterschiedlich. Solltest du also eine Box mit zwei oder vier Speakern abnehmen wollen, hör dir ruhig erst mal alle an, die Chancen stehen gut, dass du einen findest, der dir einen Tick besser gefällt als die anderen.

4. Position des Mikrofons

Meist verbirgt sich der Speaker hinter einem Stoffbezug oder einem Metallgitter. Um zu erkennen, wo er genau sitzt, nimmst du dir eine Taschenlampe und leuchtest durch die Frontbespannung hindurch, schon kannst du dein Mikrofon gezielt platzieren.

Bei großen Studioproduktionen macht man es gerne so, dass ein Assistent das Mikrofon vor der Box bewegt, während der Tontechniker in einem anderen Raum das Ergebnis abhört und „Halt" ruft, sobald er damit zufrieden ist. Diesen Luxus haben wohl die wenigsten von uns in ihrem Heimstudio. Eine „Sparvariante" könnte sein, sich das abgenommene Signal auf einen Kopfhörer zu geben, um so beim Herumrücken zu hören, was geschieht. Allerdings hört man auch durch einen geschlossenen Kopfhörer noch zusätzlich das Originalsignal aus dem Amp, was den Klangeindruck kräftig verfälschen kann. Langwieriger, aber genauer ist es, das Mikrofon erst mal „auf Verdacht" zu stellen, ein Riff aufzunehmen und dann die Aufnahme abzuhören. Wenn du weißt, welche Änderungen an der Mikrofon-Position welche klanglichen Auswirkungen haben (und damit beschäftigen wir uns jetzt ausführlich), kannst du dann recht flott auf deinen Wunschsound hinarbeiten.

 Ok, los geht’s:

Stell das Mikrofon möglichst nahe an die Frontbespannung und ziele ganz gerade Richtung Box (der Fachbegriff für diese gerade Ausrichtung des Mikrofons lautet übrigens „On Axis"). Meist liegt die Wahrheit in der Mitte, also fang einfach mal auf halbem Weg zwischen Mitte (Kalotte) und Rand des Speakers (Sicke) an.

Nimm etwas auf und hör, wie es dir gefällt - das kann dann zum Beispiel so klingen:

Danach nimmst du nach Geschmack weitere Korrekturen vor. Richtung Rand wird´s wie gesagt dumpfer...

... ganz im Zentrum des Lautsprechers scharf.

Wobei es auch Musiker gibt, die auf die absolute Härte und Direktheit schwören, welche man in der Mitte des Speakers erzielt, und dann einfach nachträglich per EQ die überschüssigen Höhen wegnehmen. Das kann dann zum Beispiel so klingen:

Damit noch nicht genug der Variationen. Wenn man das Mikrofon ein paar Zentimeter von der Lautsprecherbox wegbewegt, wird der Sound gleich weniger bassig und auch die Höhen nehmen etwas ab.

Im Folgenden hörst du zunächst das Mikrofon ganz nah an der Frontbespannung, dann 5 cm von der Box weggerückt. Der Sound wird deutlich mittiger.

Die Höhen werden dadurch etwas milder und weniger beißend. Auch hier ist es wieder erstaunlich, welch großen Einfluss so eine kleine Änderung der Mikrofon-Ausrichtung bei der Gitarren-Aufnahme haben kann. Der Winkel, in dem man das Mikrofon stellt, beeinflusst im Übrigen ebenfalls das klangliche Resultat. Probieren geht einmal mehr über Studieren.

Zu guter Letzt hören wir uns noch den Einfluss verschiedener Mikrofontypen an.Im ersten Durchgang wie gehabt ein SM 57 On Axis zwischen Mitte und Rand des Speakers, im zweiten ein AKG C414 Kondensator-Großmembranmikro an der gleichen Stelle.

Eine weitere nützliche Platzierungsvariante ist, den Winkel vom Mikrofon zum Speaker zu verändern. Das heißt nichts anderes, als dass man das Mikrofon ein wenig schräg auf den Lautsprecher zielen lässt. Das kann so aussehen:

Im ersten Durchgang hörst du das Riff „On Axis" (also gerade auf den Speaker), dann mit der leichten Schrägstellung aus obigem Bild:

5. Gitarren Aufnahme mit mehreren Mikrofonen

Eigentlich könnte man es damit gut sein lassen, klangliche Variationsmöglichkeiten durch die Aufstellung gibt es ganz offensichtlich zuhauf, man sucht sich einen amtlichen Sound und legt los. Viele der großartigsten Sounds der Rockgeschichte sind auch genau so und mit einem einzelnen SM 57 vor einem Gitarrenspeaker entstanden. Trotzdem kann es interessant sein, mehrere Mikrofone zu kombinieren, um noch mehr tonale Variationen an den Start zu bringen.

Zum Beispiel kann man zwei SM 57, eins direkt auf die Kalotte gerichtet, das andere weiter Richtung Lautsprecherrand, zudem abgewinkelt platziert, zusammenmischen und bekommt so „best of both worlds". Die Direktheit des einen und die klangliche Fülle des anderen Mikrofons, frei mischbar per Lautstärkeregler, bringt eine unglaubliche Flexibilität in der Soundgestaltung bei der Gitarren-Aufnahme.

Wir hören zunächst das auf den Rand gerichtete Mikrofon, in der zweiten Riffhälfte dann das Kalotten-Mikrofon. Im zweiten Riff-Durchgang ertönen beide Mics zusammengemischt.

Speaker Rand dann Speaker Center dazugemischt

Eine andere schöne Variation bei Gitarren-Aufnahmen ist das Dazumischen eines Raum-Mikrofons – dies sollte in der Regel ein Kondensator-Mikrofon sein.

Im folgenden Beispiel hören wir in der ersten Riffhälfte das AKG C414, rund zwei Meter vom Amp entfernt, in der zweiten ein SM 57 nah an der Box. Wenn das Riff zum zweiten Mal startet, hören wir beide Schallquellen gemischt.

Achtung, beim Mischen mehrerer Mikrofone kann es zu sogenannten Phasenauslöschungen kommen. Sollten beide Mikrofone zusammen dünner und quäkiger klingen als jedes für sich genommen, musst du eines der beiden von seiner ursprünglichen Position wegbewegen, bis der Klangeindruck wieder stimmt, oder ein Signal um 180° in der Phase drehen (Phase Reverse).

6. Mikrofonstative

Normale Mikrofonstative funktionieren zwar prinzipiell auch, sind für die Gitarrenabnahme aber nicht die erste Wahl. Zum einen sind sie einfach unnötig groß und darum auf der Bühne gerne mal im Weg, zum anderen lassen sie sich trotz Galgen meist nicht so tief einstellen, dass man jeden Punkt eines auf dem Boden platzierten Gitarrenspeakers erreichen kann. Es gibt passende, kleinere Mikrofonständer in reicher Auswahl. Für den Live-Betrieb können Mikrohalter sehr nützlich sein, die sich direkt an die Box klemmen lassen, zum Beispiel der Audix „Cab Grabber". Die Platzierung dieser Teile ist zunächst etwas fummelig, und eventuell erreicht man damit auch nicht jeden Punkt eines Speakers, passt es aber für die persönliche "Lieblingsabnahmestelle", spart man sich ein Stativ, über das Bandkollegen gerne mal stolpern und behält zudem eine konstante Abnahmepositionen, auch wenn man seine Box nach dem Soundcheck noch mal bewegen muss.

7. Weiterführende Ideen

- Experimentierfreudige Zeitgenossen nehmen ihren Amp auch mal von hinten ab, gerade bei offenen Combos können sich so interessante Sounds ergeben. Beim Mischen mit einem vorne platzierten Mic unbedingt in einem Kanal den Phasenumkehrschalter drücken


- Von Speakersimulatoren war bislang noch gar nicht die Rede. Dabei haben Geräte wie die Hughes&Kettner Redbox, Palmer PDI-09 oder Behringer GI100, die allesamt zwischen Amp und Speaker gehängt werden und den Sound einer per Mikro abgenommenen Box simulieren sollen, durchaus ihre Vorteile. Es kann keine akustischen Einstreuungen von anderen Instrumenten geben, zudem ist ihr Klang bei jedem Einsatz gleich. Doch ein gut abgenommener Lautsprecher klingt in den Ohren der meisten Musiker bislang einfach doch noch besser. Es spricht aber nichts dagegen, ausgiebig mit den „Simulanten" zu experimentieren, schließlich hat Joe Satriani nach eigenen Angaben schon ganze Alben mit Speakersimulatoren eingespielt und auch Bluesrock-Größe Joe Bonamassa fährt für seinen Live-Sound eine Kombination aus Mikroabnahme und Speakersimulator.


- Wenn du deine Lieblingsstelle für die Mikroplatzierung gefunden hast, ist es sinnvoll,  diese zu markieren, um sie bei der nächsten Aufnahme und vor allem im „Live-Getümmel" wenn´s schnell gehen muss, zügig wieder zu finden. Wenn du deine Box nicht permanent per Markerstift verunstalten willst, kannst du die Stelle einfach mit Klebeband (Gaffa-Tape) umranden.

- Bis auf unser EQ-Beispiel aus Punkt 4 sind alle Klangbeispiele völlig unbearbeitet. Es versteht sich von selbst, dass man die Aufnahmen mit diversen Effekten wie Equalizer, Kompressor, Hall, Delay, usw. weiter „pimpen" kann und darf.

- Auch wenn wir in allen Hörbeispielen einen satt verzerrten Sound genutzt haben,  funktioniert die Positionierung der Mikros bei Clean- oder Crunch-Klängen natürlich nach den gleichen Prinzipien.

 

Geschafft! Du hast jetzt einen Haufen Anregungen zum Thema E-Gitarrenabnahme intus und bist in der Lage, das Klangergebnis ganz gezielt in deinem Sinne zu beeinflussen. Also schnapp dir Klampfe, Amp und Mikro und mach damit Musik. Viel Spaß und viel Erfolg!

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