Gitarre Hersteller_Gibson
Test
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29.01.2013

Gibson Advanced Jumbo VS Test

Jumbo Akustikgitarre

Die Wiedergeburt

Die Gibson Advanced Jumbo im bonedo-Test - Die traurige Nachricht: Je weiter wir uns von der guten, alten Zeit entfernen, desto weniger Vintage-Originale werden auf dem freien Markt angeboten. Viele stolze Eigentümer sind nicht an einem Verkauf interessiert, auch wenn die Preise zum Teil aberwitzige Regionen erreicht haben.Und jemand, der „nur“ nach einer gebrauchten Gitarre sucht, möchte nicht unbedingt sein sauer verdientes Geld in ein altes, möglicherweise schadhaftes Instrument investieren. Und natürlich gehen auch Jahr für Jahr eine Vielzahl alter Instrumente auf natürlichem Weg dauerhaft verloren, weil sie beschädigt werden oder der Zahn der Zeit einfach sein Tribut fordert. Die gute Nachricht: Es gibt seit geraumer Zeit immer weniger Gründe, nach dem Vintage-Original zu suchen, denn viele Hersteller nutzen die Nachfrage und bieten Modelle, die den Klang und das Feeling der alten Schätzchen versprechen.

Am glaubwürdigsten sind dabei wohl die Hersteller von Vintage-Kopien, die vor langen Jahren auch die begehrten Originale produzierten, also Traditionsfirmen wie zum Beispiel Gibson oder Martin. Letztgenannter Gitarrenbauer produzierte schon 1976 seine erste Vintage-Kopie, nämlich die HD-28 (siehe Testbericht), während Gibson erst nach dem Umzug der Akustikabteilung nach Montana um 1990 wieder Remakes in Angriff nahm, wozu beispielsweise auch unser Testinstrument, die Advanced Jumbo, gehört. Allerdings stellte man die Produktion der Gitarre schon nach zwei Jahren wieder ein. 2011 dann fertigte Gibson in einer limitierten Auflage 75 besonders schöne Exemplare, um damit den 75ten Geburtstag der AJ zu würdigen. Das Design dieser teuren „Advanced Jumbo 75th Anniversary“ mit Gold-Hardware, einer Rotfichtendecke und einem modernen L.R. Baggs Element entsprach jedoch nicht so ganz dem Original-Vorbild von 1936. Daher waren wir bei unserer Kandidatin besonders neugierig und wollten wissen, wie nah diese neue Advanced Jumbo Vintage Style dem Original kommt und wo die Unterschiede liegen.

History

Anfangs stellte Gibson nur Jazzgitarren her, meist mit gewölbter Decke. Angeregt durch den großen Erfolg, den Martin mit seinen Westerngitarren verbuchen konnte, begann auch Gibson zu Beginn der 30er Jahre mit dem Bau von Gitarren mit ebener Decke. Die Advanced Jumbo erblickte im Jahr 1936 das Licht der Welt in Kalamazoo.

Eigentlich verbindet man heute die bauchige Form der Super Jumbo (z.B. Gibson-SJ 200) von 1937 mit dem Namen „Jumbo“. Genaugenommen war der Name aber schon von einer anderen Gitarre mit einem vollkommen eigenständigen Design besetzt, das auch als Rundschulter bekannt ist, denn tatsächlich hatte unsere berühmte Super Jumbo eine Vorgängerin, die 1934 von Gibson produziert wurde: eben die Jumbo.

Gibson kopierte damals im Wesentlichen die längliche Form der Ur-Dreadnought von Martin, setzte jedoch den Neck-Joint am14. Bund an, indem einfach der Steg näher am Schallloch befestigt wurde, anstatt die Schultern zu verkürzen. Diese Ur-Jumbo sollte damals mit der revolutionären Dreadnought von Martin konkurieren, wurde in ihrer Urgestalt aber nur zwei Jahre produziert. Schon 1936 wurde sie durch zwei verbesserte Modelle mit gleichen Abmessungen ersetzt, durch die Advanced Jumbo (AJ) und die preiswertere Schwester, die Jumbo 35 (J-35).

Jumbo, Advanced Jumbo und Jumbo-35 boten mit ihren runden Schultern ein neuartiges optisches Erscheinungsbild, das sich von der eher eckigen Dreadnought von Martin signifikant unterschied. Dieses Erscheinungsbild brachte diesen Modellen damals schon den Namen „Rundschulter-Dreadnought“ ein.

Die AJ kam 1936 mit einer teuren Adirondack-Rotfichtendecke, dem Tonholz der „Goldenen Ära“ und einem Korpus aus Rio-Palisander in den Handel und war edler ausgestattet als ihre kleine Schwester, die Gibson J-35. Das Attribut „advanced“, das Gibson der Gitarre verlieh, sollte auf den großgewachsenen voluminösen Body hinweisen, der sich zu diesem Zeitpunkt von den kleinen Parlour-Gitarren deutlich absetzte. Die AJ wurde 1936 jedenfalls für 80 Dollar verkauft, während die kleine J-35 nur 35 Dollar kostete. Für Martins D-28 dagegen mussten 1935 stolze 100 Dollar ausgegeben werden.

Von der originären AJ wurden bis 1940 insgesamt nur 300 Exemplare (!) produziert, was vielleicht auch der Grund dafür ist, dass sie weitgehend in Vergessenheit geriet. Mit Ausbruch des Krieges wurde es zwar endgültig still um die edle AJ, aber die Form der Jumbo mit den runden Schultern überlebte. Gibson brachte 1942 die J-45 für 45 Dollar auf den Markt und ersetzte damit die preiswerte, aber wesentlich erfolgreichere J-35.

Weil aber für viele Gitarristen die AJ die „beste Akustikgitarre der Welt“ blieb, wurde sie unter der Führung von Luthier Ren Ferguson 1990 in Montana wieder aufgelegt.

Details

Ein direkter Vergleich zeigt, dass unsere Advanced Jumbo VS auf den ersten Blick sehr viel Ähnlichkeit mit der alten AJ hat. Es gibt jedoch viele Unterschiede, die dem Betrachter zunächst verborgen bleiben, wie ein Vergleich ans Tageslicht bringen wird. Das Original war bei seiner Vorstellung die größte Gitarre im Gibson Line-up, und diese Größenverhältnisse wurden natürlich im Maßstab 1:1 übernommen. Unser Remake hat am Unterbug eine max. Breite von 40,6 cm und übertrifft damit sogar die voluminöse Dreadnought von Martin (39,7 cm). Mit einer Länge von 51,3 cm überragt der Korpus ebenfalls den der HD-28 (50,5 cm). Lediglich an der Taille schlägt die Dreadnought (27,5 cm) ihre Konkurrentin um genau einen Zentimeter.

Die „neue“ AJ wird heute nicht mehr mit der teuren Adirondack-Fichtendecke produziert, aber die ausgewählte massive Decke aus Sitkafichte ist mit Sicherheit auch nicht von schlechten Eltern und vor allem preiswerter, weil sie aus den Wäldern Nordamerikas stammt. Dort sind die Waldbestände immens groß und Engpässe gibt es noch keine. Das Holz der Sitkafichte wird unter Lichteinfluss nach geraumer Zeit dunkler und nimmt dann einen honiggelben Farbton an, ihr Ton ist klar und hell. Um der Decke ein erhöhtes Schwingungsmoment zu verleihen, ist sie – wie damals - an den Rändern angespitzt und dort mit den Reifchen verleimt. Das Original besaß eine gespiegelte Adirondack-Decke; die unserer aktuellen Kandidatin besteht ebenfalls aus zwei Hälften, allerdings nicht spiegelbildlich gelegt.

Die Kanten an Decken- und Bodenrand werden rundum mit einer Einfassung aus schneeweißem Binding geschützt, wie es auch bei der alten AJ schon der Fall war. Unser Modell kommt - ebenfalls wie das Vorbild - mit einem klassisch geformten Saitenhalter aus Mahagoni. Der Saitenhalter, der die Spannkraft der Saiten aushalten muss, wurde in den 30er Jahren zusätzlich mit zwei kleinen Schrauben an einem Pad unter der Decke stabilisiert. Gibson führte damals jedoch auch die ausladenderen Formen ein, um die Verleimflächen zu vergrößern. Deshalb gibt es auch einige Exemplare mit einem Moustache. Damit auch die Saiten mit unterschiedlichen Stärken den gleichen millimetergenauen Abstand zur Bundkrone behalten können, ist der Saitenhalter originalgetreu trapezförmig angespitzt und an der Diskant-Seite schmaler.

Die einteilige längenkompensierte (d. h. diagonal eingelegte) Stegeinlage aus Knochen ist dagegen nicht befeilt. Gibson führte den steilen Winkel schon in den 30er Jahren ein, um die Intonation auf der ganzen Länge zu optimieren. Selbstverständlich ruht der Steg sicher in der Fräsung. Eine „Nase“ für die B-Saite gab es damals noch nicht. Die Saiten werden mit Ball-End und weißen Pins am Saitenhalter arretiert. Sämtliche Einlegearbeiten sind penibel ausgeführt und entsprechen dem Vorbild. Zwei weiße Kreise mit einem schwarzen in ihrer Mitte umrunden das mit 10,5 cm ungewöhnlich große Schalloch, ein wunderschön geflammtes Pickguard schützt die dünne Decke beim Strumming mit dem Plektrum. Das Material (flame celluloid) hinterlässt einen authentischen Eindruck.

Viele Gitarrenbauer meinen, dass der schwierigste Teil beim Gitarrenbau mit dem „Finish“ beginnt. Wird nämlich der Lack zu dick aufgetragen oder stimmt die Formel nicht, können sich Risse (auch durch plötzliche Temperaturschwankungen) bilden. Andererseits kann auch eine dünne Decke ihre Flexibilität bzw. ihre Schwingungseigenschaften einbüßen. Bei unserer AJ stimmt die Lackierung vor allem auch optisch. Zwei Lackschichten, ein durchscheinendes transparentes Honiggelb im Zentrum und ein deckendes Braun-Schwarz am Rand, wurden von Meisterhand kunstvoll übereinandergelegt (Two-Tone-Tobacco-Sunburst) und abschließend mit einem hochglänzenden Klarlack versiegelt. Die Oberfläche ist schließlich liebevoll poliert, sodass man eine perfekt ausgeführte Arbeit vor sich hat, auch wenn das transparente Zentrum damals etwas kleinflächiger war.

Die beiden Zargen und der gewölbte Boden bestehen aus hochwertigem ostindischen Palisander, das unsere AJ erheblich aufwertet, denn der Rohstoff ist auf dem Weltmarkt wesentlich teurer als z.B. Mahagoni - das Original kam allerdings noch mit einem Body aus Rio-Palisander in den Handel. Bei unserer modernen Version sind die beiden Bodenhälften unsymmetrisch angeordnet und der Verlauf der Nahtstelle auf der ganzen Länge gekonnt kaschiert. Ein Bodenmittelstreifen wird deshalb auch nicht vermisst. Palisander ist schwerer als Mahagoni oder Ahorn, weshalb unsere AJ ohne Elektronik schon 2060 Gramm auf die Waage bringt und damit in der gleichen Gewichtsklasse spielt wie die 2,1 Kilo schwere HD-28 von Martin mit Palisanderkorpus, ebenfalls ohne Elektronik gewogen. Bei seitlicher Betrachtung sind die Zargen am Knopf (12,2 cm), wo der Gurt befestigt werden kann, etwas tiefer als am Hals (9,8 cm). Die Bedeutung dieser Baumaßnahme wuchs in den 30er Jahren mit der zunehmenden Größe der Gitarren. Diese Zuspitzung (Profilverjüngung) sollte nämlich das Handling und die Bespielbarkeit erleichtern. Die Form der Zarge mit den typischen Rundungen entsteht, wenn der gewässerte Holzstreifen über einem heißen Rohr erhitzt und anschließend in eine Biegeform gespannt wird.Auch Zargen und Boden sind perfekt hochglänzend lackiert.

Wir werfen nun einen Blick durch das große Schallloch und es ist zu sehen, dass bei Gibson auch die inneren Werte hochgeschätzt werden. Das Herzstück bildet ein massiver Halsblock aus Mahagoni, mit dem sich Zargen, Boden und Decke stabil verbinden. Auch ist der flache Halsfuss mit dem Halsblock verzapft (Schwalbenschwanz). Die hauchdünne Decke ist mit einem X-Bracing unterbaut, wobei die beiden gekreuzten Leisten der Decke, die durch die Stahlsaiten größten Spannungen ausgesetzt ist, die nötige Festigkeit verleihen. Die Decke, die sich unter der Zugkraft der Stahlsaiten im Stegbereich aufwölben und gleichzeitig die Saitenlage verändern würde, behält dank dieser Stabilisierungsmaßnahme ihre ebene Oberfläche. Auch die alte AJ von 1936 kam schon mit dem X-Bracing auf den Markt, dass Gibson 1934 von Martin (weil nicht patentiert) übernahm. Ein Leiter-Bracing aus vier kräftigen Querbalken, das von der klassischen Konzertgitarre übernommen wurde, stabilisiert die beiden Bodenhälften. Darüber hinaus verhindert ein breiter aufgeleimter Bodenstreifen entlang der Nahtstelle, dass sich die beiden Bodenhälften voneinander ablösen. Auch die Reifchen, die am Rand einen Ring aus keilförmig gesägtem Holz bilden, sind absolut sauber und gleichmäßig eingesetzt.

Das Griffbrett aus indischem Palisander mit Normalmensur (648 mm) sitzt akkurat auf dem besonders schmalen Hals aus Mahagoni. Palisander, preiswerter als Ebenholz, ist zwar auch recht verwindungssteif und dicht, doch es nutzt sich schneller ab als teures Ebenholz. Griffbretter aus Palisander werden in der Regel nicht eingefärbt oder lackiert und behalten ihre dunkle Farbe, wobei das Griffbrett des Vorbilds ebenfalls aus Rio-Palisander bestand. Ein sanftes Shaping erleichert bei unserem Remake das Spiel mit Barrégriffen, wozu auch die 19 sauber abgerichteten Bünde aus Bunddraht mit schmalen Kronen beitragen. Auch die alte AJ hatte nur 19 Bünde.

Während die erste Jumbo von 1934 noch mit einfachen Punkteinlagen auf dem Griffbrett in den Handel kam, punktete die AJ von 1936 – wie unser Remake – mit auffällig großen Perlmutteinlagen (Diamond & Arrowheads) im 3., 5., 7., 9., 12. und 15. Bund. Das glänzend-weiße Perlmutt nutzt kaum ab und bildet einen attraktiven Kontrast zum dunklen Holz. Bei unserer AJ gibt es auch entsprechende schwarze Punkte auf der eingebundenen weißen Griffbrettkante, die eine visuelle Hilfestellung beim Lagenwechsel bieten.

Die Breite des Griffbretts am Sattel beträgt 4,3 cm und 5,5 cm am 12. Bund. Das Griffbrett der alten AJ war ähnlich geformt, die Norm wurde schon in den 30er Jahren gesetzt. Selbstverständlich ruhen die Saiten tief und sicher in den Kerben. Das Griffbrett ist mit weißem Binding eingefaßt wie die AJ von 1936, während die Ur-Jumbo von 1934 noch ohne auf die Reise ging. Der „Neck Joint“ befindet sich - wie damals - am 14. Bund. Dort gehen Halsfuß und Griffbrett getrennte Wege. Auch Hals, Halsfuß und Kopfpatte bilden - wie damals - eine Einheit aus Mahagoni.

Die neue AJ hat einen schlanken runden Hals mit einem Umfang von 11,2 cm am Sattel und 13 cm am 10. Bund. Der Hals der alten AJ mit einem ausgeprägten V-Shaping war wohl noch nicht ganz so dünn, aber Gibson produzierte damals schon sehr schmale Hälse, die mit einem eingelegten Stahlstab verstärkt wurden - schon in den frühen 20er Jahren stellte Gibson den justierbaren Truss Rod vor. Selbstverständlich gibt ein eingelegter Stahlstab auch dem Hals der neuen AJ, der (wie die Decke) durch die Spannkraft der Stahlsaiten ziemlich beansprucht wird, die nötige Festigkeit. In den 30er Jahren konnte man mit dem Truss Rod die Halskrümmung der alten AJ einstellen. Auch die neue AJ kommt selbstverständlich mit einem justierbaren Truss Rod. Das eine Ende des Stahlstabs sitzt fest im Halsansatz und das andere justierbare Ende schließt mit einer Mutter an der Kopfplatte ab. In die Kopfplatte ist eine kleine Vertiefung eingefräst, wo die Stellschraube unter der Abdeckung verborgen liegt.

Die AJ punktet mit einem flachen runden Halsfuß, der schon beim Original die Herzen der Solisten eroberte, die nun „ohne Widerstand“ – anders als bei einem spitzen Halsfuß - in den oberen Lagen spielen konnten. Die flache Ausführung hat keinerlei Einfluss auf die sonstige Funktion der Gitarre. Hals, Kopf und Halsfuß sind schwarz lackiert. Stilecht präsentiert sich auch die Kopfplatte im Vintage-Look. Ein Furnier auf der Oberseite der geschlossenen Form trägt das „historische“ Logo, das dem der alten AJ aus dem Jahr 1936 entspricht. Im Zentrum der Kopfplatte prangt außerdem die Diamond & Arrowhead-Einlage aus Permutt, die mit den Positionsmakierungen auf dem Griffbrett wunderbar korrespondiert. An jeder Seite befinden sich drei offene Grover-Stimmflügel, die jeweils mit zwei kleinen Schrauben befestigt sind. Stahlsaitengitarren mit geschlossener Kopfplatte wurden vor 1950 in der Regel mit offenen Mechaniken ausgerüstet. Die Mechaniken der Firma Grover vom Typ G-98, mit denen in den 20er und 30er Jahren Gibson und Martin ihre Instrumente ausstattete, waren äußerst robust und langlebig und zeigen bis heute, dass dieser Typ nicht unbedingt schlechter ist als die geschlossene Variante. Jedoch sollten sie gelegentlich vom Schmutz befreit und regelmäßig mit Schmierfett eingeölt werden.

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