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17.11.2017

Gear-Chat Five-G

Zeit ist wie ein Filter!

Ein Besuch bei Five-G, dem Synthesizer-Paradies in Tokyo

Stell Dir vor, du betrittst einen Laden inmitten von Tokyo, in dem die Wände mit raren alten Synthesizern vollgestellt sind: Prophets und Moogs aller Art, Oberheims, Jupiters,  also alles, was du sonst nur als Plug-ins kennst. Dazu 909s, 808s, 606s und 303s und sogar ein Emulator II mit nachgerüstetem Zip-Drive. Alle Synths sind spielbereit und in gutem bis bestem Zustand. Und es ist kein Museum, nein, jeden Synth kannst du antesten und kaufen – außer jene, an denen bereits ein „Reserved“-Schild angebracht sind - und das sind leider viele.

Willkommen im Synthesizer-Himmel, willkommen bei  Five-G in Tokyo. Mijk van Dijk traf exklusiv für Bonedo den Ladeninhaber Mr. Kiyotsugu Suzuki.

 

Mijk van Dijk besucht das Synthesizer-Paradies Five-G in Tokyo (Fotos: Mijk van Dijk)

Early Days

Mr. Suzuki eröffnete seinen ersten Five G-Shop bereits 1990 in einem 30 qm kleinen Raum im Tokyoter Stadtteil Minamishinjuku. Nach diversen Umzügen befindet er sich seit ungefähr 20 Jahren im vierten Stock des Le Ponte Buildings in Tokyo’s quirligem Stadtteil Harajuku, genau gegenüber dem gleichnamigen Bahnhof, gleich rechts neben der Takeshita Shopping Street.

Obwohl in den Neunziger Jahren digitale Synths und Sampler dominierten, gab es in Japan bereits eine wachsende Nachfrage nach analogen Synthesizern. Speziell die großen amerikanischen Keyboard-Synths wie Prophet-5, Minimoog waren gesucht, aber auch europäische Teile wie der EMS Synthi oder der Elka Synthex. Die Kundschaft bestand zunächst aus  traditionellen Keyboardern, dann entdeckten auch Techno-Produzenten wie Takkyu Ishino den Laden.

Im Ausland verbreitete sich ebenfalls die Kunde von diesem außergewöhnlichen Synthesizer-Shop. Seit zwei, drei Jahren kommen mittlerweile fast 50% der Kundschaft aus dem Ausland, oft nur um zu Schauen und zu Staunen, zumeist aber, um sich einen langgehegten Traum zu erfüllen. Natürlich importiert und verkauft Five-G auch neue Keyboards und Rackmodule, aber diese müssen zur Unternehmensphilosophie passen und diese kann kurz und knapp mit „Liebe für Synthesizer“ umschrieben werden.

Interview mit Kiyotsugu Suzuki

Wie kommt es, dass alle gebrauchten Synthesizer in ihrem Laden in so einem guten Zustand sind?

Mr. Suzuki: Wir suchen natürlich nach sehr gut erhaltenen Teilen. Das ist nicht immer einfach und hängt auch davon ab, wo wir die Geräte erwerben. Geräte aus England sind zum Beispiel oft ziemlich schlecht erhalten und erinnern mich an abgenutzte T-Shirts. Geräte aus den USA und Deutschland sind meistens OK.

Die am besten erhaltenen Stücke kommen aber immer noch aus Japan, weil die Leute hier ihr Equipment sehr sorgsam behandeln. Ich habe mir über die Jahre hinweg überall auf der Welt ein Netzwerk an vertrauenswürdigen Quellen für Vintage Synthesizer aufgebaut. Dafür bin ich bis noch vor einigen Jahren sehr viel gereist. Früher gab es ja auch noch kein Internet und ich fand es immer wertvoll, meine Kontakte persönlich zu treffen und eine vertrauensvolle Basis aufzubauen, von der wir jetzt alle profitieren.

Wie sah denn die Suche nach Vintage Synthesizern in der Zeit vor dem Internet konkret aus?

Mr. Suzuki: Wenn ich in eine Stadt wie London kam, habe ich mir die Gelben Seiten und einen Stadtplan besorgt und alle Second-Hand-Läden abgeklappert. Das war natürlich viel Arbeit, aber auch lohnenswert, um gute Quellen für Vintage Synthesizer aufzutun. Dazu kam, dass ich sehr gerne reise, Sprachen lerne, Menschen treffe. Das passte also alles gut zusammen.

Rare Ware

Ich habe bei Five-G  vor Jahren einen Roland CMU-810-Monosynth gekauft, der meines Wissens nach nur für den japanischen Markt produziert wurde. Gibt es andere seltene japanische Geräte, die Sie empfehlen können?

Mr. Suzuki: Mir kommt da ein vierkanaliger Drumsynthesizer von 1980 in den Sinn, der Toyo Gakki Ult Sound DS-4, der mit vier Drumpads getriggered wird. Sehr gesucht und selten ist auch das analoge Pearl Syncussion SY-1 Drum-Module. Ausserdem die Hammond Drummachine Auto Vari 64, die ebenfalls in Japan gebaut wurde. Der Sound ist nicht besonders attraktiv, aber sie ist sehr rar.

Five-G DIY

Viele Synthesizerproduzenten haben einmal als Custom-und Repair-Shops angefangen. Könnte es irgendwann auch mal Five-G-Produkte geben?

Mr. Suzuki: Das ist schwierig, wir haben einfach keine Zeit mehr, um noch eigene Instrumente zu entwickeln. Dabei hat mein Techniker Mr. Yoshida wirklich sehr viel Erfahrung mit dem Reparieren von Vintage Synthesizern, er kann z. B. auch die Schaltungen kopieren. Vor ca. 20 Jahren haben wir es einmal mit eigenen Instrumenten probiert und ungefähr zehn TB-303-Clones im Rackformat produziert, den FGP-3. Wir haben für die Klangerzeugung originale Platinen aus der TB-303 genutzt. Damals waren die 303s noch nicht so überzogen teuer, sodass das noch vertretbar war.  Die wird per MIDI angesteuert und  akzeptiert diverse MIDI-Befehle wie: Pitchbend, Velocity, Vibrato mit einem zusätzlichen internen LFO, Glide, Accent on/off und Triggermodus single/multi. Auch der MIDI-Kanal kann eingestellt werden.

2002 haben wir für den japanischen Musiker Maki Fujii von der Gruppe Soft Ballet den "Blueroom" angefertigt, ein Rack voller MoogerFoogers: zweimal Tiefpassfilter, zweimal Phaser, einmal Ringmodulator und einmal ein analoges Eimerketten-Delay. Es ist ein Einzelstück. Solche Spezialanfertigungen kosten viel Arbeit, Energie und Geld. Aber er wollte das unbedingt haben und wir mochten ihn und haben es gebaut. Außerdem haben wir auch noch zwei oder drei Polysix im Rackformat hergestellt.

Die Five-G-Instrumente sind dann ja richtig rar?

Mr. Suzuki: (lacht) In der Tat!

Japan Underground Electronics

Welche aktuellen japanischen und unabhängigen Synthesizer-Schmieden fallen ihnen ein?

Mr. Suzuki: Natürlich Reon aus Osaka, die mit der Driftbox und der Zusammenarbeit mit Roland schon international auf sich aufmerksam machen konnten. Bei Roland und KORG arbeiten nur noch wenige Ingenieure, die mit den alten Schaltungen vertraut sind. Nicht umsonst haben die „old boys“ wie Mr. Nishijima die Korg MS-20 Mini Replika aus der Taufe gehoben. Hikari Instruments und Orthogonal Devices aus Tokyo bauen sehr interessante Eurorackmodule und Cases, ebenso wie dotRed Audio Designs, die in Hamamatsu Shizuoka gleich neben Roland und Yamaha beheimatet sind. Der CEO Mr. Goto arbeitete zuvor als Ingenieur für Yamaha.

Allerdings erscheint mir der Markt für modulare Synthesizer in Japan nicht besonders groß zu sein. Wir verkaufen die großen modularen Vintage Synths von Moog oder Roland in den allermeisten Fällen nach Europa oder Nordamerika. Japanische Kunden sind meist im fortgeschrittenen Alter und kaufen ein altes Moog-Modularsystem wegen Tomita und Keith Emerson. 

Memorymoogs

Memorymoogs sind eine Five-G-Spezialität und im Laden ist eigentlich immer einer da. Der Synthesizer ist berüchtigt für seine Serviceanfälligkeit. Wie sind ihre Erfahrungen mit dem Memorymoog? 

Mr. Suzuki:  Ich habe mittlerweile mehr als 100 Memorymoogs repariert und habe festgestellt, dass gerade dieser Synthesizer viel zu kompliziert aufgebaut ist.

Er hat viele verschiedene Platinen in seinem Inneren, die alle mit sehr vielen Kabeln miteinander verbunden sind. Nun ist jede Platine von anderen Ingenieuren designed worden, so dass die Architektur des Synths sehr uneinheitlich und dadurch unnötig kompliziert gestaltet ist.

Ein anderes Problem sind die Voiceboards. Der Memorymoog hat sechs Stimmen und jedes Voiceboard hat sehr viele kleine Trimmer, um die Stimmung zu justieren. Es braucht sehr viel Zeit, die Einstellungen korrekt durchzuführen. Aber es lohnt sich trotzdem, denn ich mag seinen Sound sehr, er ist unglaublich fett.

CV/Gate

Noch vor nicht allzu langer Zeit war es recht kompliziert, alte CV/Gate-Synths der Pre-MIDI-Ära in moderne Setups zu integrieren. Aber gerade in letzter Zeit erlebt die Schnittstelle einen neuen Boom. Welche Vorteile hat CV/Gate?

Mr. Suzuki: Die CV/Gate-Schnittstelle hat große Vorteile. Die Übertragungsgeschwindigkeit ist viel schneller als MIDI, weil keine CPU dazwischenhängt, die Berechnungen anstellen muss und die Tonhöhen können viel gleichmäßiger übertragen werden. Oszillatoren-Sweeps klingen z.B. nur bei CV-Übertragung wirklich gut. Auch bei Modularsynthesizern macht es einfach Spaß, die Verbindungen gezielt mit kleinen Kabeln zu erzeugen. Und schließlich können CV/Gate-Synths viel einfacher modifiziert werden. Es gibt ja mittlerweile eine sehr aktive DIY-Modding-Szene.

Rock the Boutique

Was halten Sie von all diesen neuen Analogsynthesizern von kleinen Boutique-Herstellern im Vergleich zu den alten Klassikern? Bringt der Trend auch neue junge Kunden in ihren Shop?

Mr. Suzuki: Die Musiker, die diese kleinen Geräte kaufen sind andere, als jene, die sich für die alten Prophet-5’s und ähnliche große Keyboard-Synthesizer interessieren. Dadurch entsteht aber auch ein neuer Markt und ich finde es toll, dass es jetzt wieder so viele kleine neue Hersteller aus aller Welt gibt.

Neulich bekam ich den Storn geliefert, einen kleinen Synthesizer aus Indonesien, der ein ähnliches Gehäuse hat wie ein Korg MS-20. Und gerade habe ich Kontakt zu einem japanisch-stämmigen Synth-Produzenten aus Peru. Atomosynth stellt Eurorackmodule her und bringt demnächst auch einen tastaturlosen Analogsynthesizer mit internem Sequenzer.  Der iAbyssal ist ein abgedrehtes virtuell-analoges Noise-Soundmodul für iOS, das auf Licht reagiert. Selbst im Iran gibt es Synthesizerhersteller und zwar die Firma Hypersynth. Ich habe versucht, den Xenophobe Analogsynth zu importieren, aber das war bis vor kurzem aufgrund der politischen Situation leider nicht möglich.

Viele der neuen Synths und Eurorack-Module ahmen alte Platinendesigns oder Konzepte nach. Das ist okay, aber noch mehr freue ich mich über innovative Hersteller wie Mutable Instruments, die eine neue Avantgarde im Bereich der Modularsynthesizer darstellen.

Die verlorenen Neunziger

Es fällt auf, dass gerade digitales Neunziger-Jahre-Equipment kaum noch Wert besitzt, während das Interesse an Analogem aus den Siebziger und Achtziger Jahren stetig steigt. Es scheint, als hätte analog digital überlebt, fast so wie Vinyl die CD überlebt hat. Fallen ihnen irgendwelche digitalen Geräte aus den Neunzigern ein, die noch gesucht oder wertvoll sind?

Mr. Suzuki: Digitale Effektgeräte wie das TC Electronics 2290 klingen für mich nach wie vor besser als die verfügbaren Plugins. Zeit ist wie ein Filter. Wenn bestimmte alte Geräte heutzutage immer noch gefragt sind, muss an ihnen etwas dran sein, was für Musiker und deren Ohren interessant ist.

Ich habe in ihrem Laden auch einen Emulator II mit nachgerüstetem Zip-Drive gesehen....

Mr. Suzuki: (lacht) Ah! Zip! Legacy! Den haben wir schon so modifiziert angekauft. Es gibt immer noch Leute, die sich für die wirklich legendären digitalen Instrumente interessieren, oft auch nur aus nostalgischen Gründen.

Elektrisierende Gerüchte

Mir erzählen japanische Musiker des Öfteren, dass ihnen auffällt, dass mit 220 Volt verstärkte Signale besser klingen, als die, die mit den 100 Volt der japanischen Wechselspannung verstärkt werden. Ist das wirklich so?

Mr. Suzuki: Bei Gitarrenverstärkern scheint es wirklich so zu sein, dass Amps, die mit 220 oder 230 Volt betrieben werden, auch mächtiger klingen. Alte Moog und Arp-Synths aus den USA haben 120 Volt-Netzteile und wenn ich diese ohne Modifikation in Japan nutze, klingen sie sehr matt und das Tuning der Oszillatoren ist unstabil. In diesem Fall empfiehlt sich ein Step-Up-Transformer, den man in jedem Fall benötigt, wenn ein japanisches 100 Volt-Gerät im 220-Volt-EU-Stromnetz betrieben werden soll. Kunden aus Europa, die ein Gerät mit internem japanischem Netzteil bei uns kaufen, empfehlen wir statt einer Netzteilmodifikation einen Step-Up-Transformer, weil es einfacher und günstiger ist, als das Gerät selbst umzubauen.

Most Wanted

In den späten Neunziger Jahren wollte jeder Technoproducer eine 909, 808 und 303 haben. Sind diese Maschinen in ihrem Laden noch gefragt?

Mr. Suzuki: Ja, da gibt es noch großes Interesse. Wenn ich diese drei Modelle reinbekomme, sind sie auch schnell wieder verkauft und die Preise steigen immer noch. Neben Minimoog, Memorymoog und Prophet-5 sind die drei Roland-Maschinen die Geräte, die am meisten gefragt und verkauft werden. Die digitalen Boutique-Reinkarnationen von Roland haben das Interesse an den analogen Originalen eher noch verstärkt.

Haben die neuen Prophet-Modelle einen Einfluss auf die Beliebtheit des klassischen Prophet-5?

Mr. Suzuki: Ich habe festgestellt, dass viele Prophet-5-Besitzer sich zusätzlich einen Prophet-6 kaufen, um dann den, statt den Vintage-Prophet mit auf Tour zu nehmen. Ich halte das für eine richtige Entscheidung.

Deutschland

Sie haben sehr gute Kontakte zu Leuten aus der deutschen Synthesizer-Industrie wie Dieter Doepfer oder Superbooth Organisator Andreas Schneider (Schneider’s Büro). Wie kam es dazu?

Mr. Suzuki: Zwei Jahre nachdem ich Five-G eröffnet hatte, begann ich mit dem Import von Geräten aus Europa. Die ersten beiden waren Kenton's Pro-2 Midi to CV Konverter und der  Doepfer MAQ16/3 Step-Sequenzer. Dann kam der große Erfolg des Doepfer MS-404. Ich habe wirklich sehr viele davon hier verkauft und das war die Grundlage für eine gute Geschäftsbeziehung und mittlerweile sind wir auch gute Freunde geworden. Andreas Schneider habe ich kennengelernt, als er noch bei Jomox gearbeitet hat. Ich mag die Qualität deutscher Produkte und ich mag auch die deutsche Mentalität. Ich komme mit Deutschen irgendwie am besten klar. Es gibt da einfach sehr schnell eine Vertrauensgrundlage.

Synthesizer Subkultur

Auf der diesjährigen Superbooth hat man gemerkt, dass es eine große und enthusiastische Subkultur rund um analoge Synthesizer gibt. Wie hat Ihnen die Superbooth17 gefallen?

Mr. Suzuki: Ich fand es großartig. Es ist so viel einfacher für mich, alle meine Kollegen und Geschäftspartner auf solch einer spezialisierten Messe zu treffen, als auf der großen Frankfurter Musikmesse. Außerdem bietet Berlin günstigere Hotels und gefällt mir generell auch sehr gut.

Haben sie schon einmal darüber nachgedacht, 3D-Drucker zum herstellen schwer zu beschaffender Ersatzteile zu nutzen?

Mr. Suzuki: Ja, das machen wir bereits.

Five-G Home Shopping

Gibt es für deutsche Kunden, die nicht zu Five-G nach Tokyo kommen können, Möglichkeiten auch online bei ihnen zu bestellen?

Mr. Suzuki: Ja, das ist möglich. Allerdings ist unsere Website nur in japanischer Sprache gehalten. Aber wir verschicken weltweit und versichert mit EMS. Auch dann, wenn der Kunde direkt im Laden kauft, aber das Gerät nicht im Flugzeug mitführen kann. Einen Minimoog nach Deutschland zu verschicken kostet z. B. ca. 250 Euro. Bei Verkäufen ins Ausland erheben wir auch nicht die in Japan gültige Verbrauchersteuer von acht Prozent. Aber natürlich können Einfuhrsteuern in den jeweiligen Ländern anfallen.

Five-G Webseite: 

fiveg.net

Adresse:

Five-G - Music Technology

Mr. Kiyotsugu Suzuki

4F Le Ponte Bldg.,1-14-2 Jingu-Mae

Shibuya-Ku

150-0001 Tokyo

Japan

Fon: +81-3-3746 0864

Fax: +81-3-3746 0865

Eindrücke aus dem Synthesizerparadies Five-G 

Mijk van Dijk hat auf seiner letzten Japan-Tour den legendären Vintage Synthesizerladen Five-G Music Technology in Tokyo besucht. In diesem exklusiven Walkthrough-Video lässt sich erahnen, wie viele wunderbare Synthesizer, Drummachines und Rackmodule auf nur 150 Quadratmetern auf ihre neuen Besitzer warten.

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