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15.09.2016

Gear-Chat: Anthony Rother im Interview

DJ-Sets aus ausschließlich selbstproduzierten Tracks

Ein Gespräch über Equipment, Motivation und das Geschäft mit der elektronischen Musik.

Viele Künstler kommen und gehen in kurzer Zeit, doch Anthony Rother kann auf Jahrzehnte musikalischen Schaffens zurückblicken. Weitsicht und das frühe Erkennen und Umgehen von Stagnation, gepaart mit fast kindlicher Freude am Experimentieren und konstanter Neugierde, haben eine facettenreiche und beispiellose Karriere des Frankfurter DJs und Producers bedingt. Unabhängigkeit und Musik als Selbstzweck stehen für ihn an oberster Stelle. Zeit für einen Gear-Chat, um mehr über die Ansichten dieser Legende zu erfahren.

Was ist momentan dein liebstes Equipment?

Das ist eindeutig der Ion von Alesis. Es ist unglaublich, was der vom Sound her kann, der hat ein riesiges Potential. Alleine was man zum Beispiel mit dem Arpeggiator machen kann. Der Ion muss eigentlich noch zu spätem Ruhm kommen, denn er steht für mich in einer Reihe mit beispielsweise einem Waldorf Wave und Co. Das ist echt ein Klassiker, der auch heute noch absolut seine Berechtigung hat und viele andere Synthesizer in den Schatten stellt.

Wie bist du auf den Alesis Ion gekommen?

Ich habe mir den damals gekauft, als er rausgekommen ist und hab’ den auch ein paar Jahre gehabt und genutzt. Allerdings fing bei mir dann auch gleichzeitig wieder eine Phase mit analogem Equipment an, sodass ich den Ion wieder verkauft habe. Irgendwann hatte ich ihn dann wieder gekauft und hier stehen. Dann bin ich mal richtig tief ins Gerät eingestiegen und habe, auch im Vergleich mit den anderen Synthesizern, die hier so stehen, gemerkt, was das eigentlich für eine Maschine ist.

Als ich mich dann auch mit Sounddesign auseinandergesetzt habe, stellte ich fest, dass der Ion der absolute Wahnsinn ist. Einige Freunde aus meinem Synthesizer-Kollegenkreis haben sich den dann auch geholt, die sind auch restlos begeistert von ihm. Klangmäßig ist der total austariert, das heißt, er ist in sich gut abgestimmt. Da gibt es irgendwie keine schlechte Einstellung. Der klingt eigentlich immer gut, egal, was man damit macht.

Kommt es häufiger vor, dass du Geräte, die eigentlich schon ein paar Jahre im Studio stehen, noch mal hervorholst und detailliert ins Klangdesign gehst?

Ich habe in den letzten drei Jahren meine Arbeitsweise als Künstler total verändert: weg von der reinen Musikproduktion. Es dreht sich nicht mehr nur um das Produkt, bzw. muss sich dieses jetzt nicht unbedingt verkaufen.

Ich mache Musik einfach des Spaßes wegen und gehe viel mehr in Richtung Klangdesigner und Experimentieren mit Musik. Dadurch bin ich dann auch einfach wieder viel tiefer in die Materie eingestiegen und habe viele Synthesizer auch neu kennengelernt. Ich mache hier bei mir Workshops, in denen man sich ein Gerät zur Seite nimmt und mal richtig durchguckt, was das Teil kann. Das war beim zielgerichteten Produzieren so nicht möglich. Da kratzt man doch eher an der Oberfläche und kann nicht so tief einsteigen.

Hängt dein neuer Ansatz, wieder vermehrt zu experimentieren und ungezwungen zu produzieren, mit deinen DJ-Sets zusammen?

Ja, genau. Ich habe irgendwann beschlossen, keine Musik mehr bei irgendwelchen Download-Portalen zu kaufen und ewig nach Musik zu suchen, die mir gefällt und die ich auflegen möchte. Das hat mir bei der ganzen Masse einfach zu lang gedauert, da habe ich entschlossen, mir die Musik selber zu produzieren. Dadurch brauche ich natürlich viel Material und habe dementsprechend im Studio viel zu tun und kann auch innerhalb des Techno-Genres mehr experimentieren. Ich brauche dann auch verschiedene Stilistiken.

Es geht ja nicht um Produkte, sondern darum, verschiedene Tracks fürs Auflegen zu produzieren. Die müssen verschiedene Vibes erfüllen und auch tanzbar sein. Dadurch bin ich dann viel tiefer wieder in die Materie eingestiegen, als hätte ich ein Lied für ein Album oder eine Maxi produziert.  

Du hast früher sehr viel live gemacht, bist mit deinen Maschinen auf die Bühne gegangen. Wenn du jetzt dein Portfolio aus eigenen Tracks dabeihast, spielst du ein vorbereitetes Live-Set?

Nein. Die meisten meiner Tracks jamme ich in meinem Studio und mastere sie danach. Bei Auftritten habe ich die dann dabei, spiele sie als DJ im Club und mixe sie zusammen. Natürlich denke ich mir auch, dass ich mal einen bestimmten Track brauche, wenn ich zum Beispiel an einer bestimmten Stelle einen Höhepunkt setzen will. Dann produziere ich mir den und erweitere somit mein DJ-Set.

Einen großen Teil dieser Tracks gibt es auch nicht zu kaufen; mal gibt es welche in einem Soundcloud-Set, mal als Free Download. Ansonsten behalte ich die Tracks im Grunde genommen nur für mich zum Auflegen, die kann man dann in voller Länge nur im Club hören. Da ich mittlerweile eine sehr große Library an eigenen Tracks habe, ist auch jedes meiner DJ-Sets anders. Das ganze Konstrukt ist wirklich ein lebendes Objekt, welches sich ständig ändert und im Fluss bleibt.

Das ist ja wirklich ein immenser Aufwand, den du betreibst. Woran liegt es, dass du die Werke dann nicht verkaufst?

Ein großer Punkt ist das Marketing. Ich habe keine Lust mehr, mir so eine Arbeit im Marketing für zwei Tracks zu machen. Mir ist aber auch etwas verloren gegangen beim marktorientierten Produzieren von Musik, nämlich das Musikmachen an sich. Und das bewerte ich für mich mittlerweile viel höher. Darum habe ich mich entschieden, Musiker zu sein, statt ein Produzent, der über Releases versucht, Auftritte zu bekommen. Das ist ja die andere Art in dem Geschäft.

Mit Musik selbst verdient man kein Geld mehr. Man braucht Auftritte und produziert, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Entweder Sachen, die dem Trend entsprechen oder man passt sich bestimmten Regeln des Marketing an. Ich habe mich dazu entschieden, Musiker zu sein, deshalb produziere ich Musik. Und diese Musik ist nicht einfach nur ein Vehikel, das mich als Künstler ernährt. Die Qualität, die ich für mein DJ-Set produziere, muss hoch sein. Dabei ist der gefühlte Aufwand, den ich betreibe, nicht wirklich hoch, denn es macht einfach unheimlich Spaß. Und auch die ganze Technik hier im Studio ergibt wieder einen Sinn, weil sie tatsächlich intensiv genutzt wird. Für mich ist auch das Studio ein Modular System auf der höheren Ebene, das heißt, ich baue die Maschinen immer wieder um und ordne das große Gesamte neu.

Du sagst, dass Musizieren für dich keine Arbeit mehr darstellt. Es wirkt nicht so, als müsstest du dich morgens zur Produktivität besonders motivieren. Wieviel Zeit verbringst du denn im Studio

Ich sage es mal so: Wenn ich heimgehen und schlafen muss, dann bin ich immer traurig. Das heißt, dass ich jede freie Minute, in der ich Musik machen kann, auch nutze. In der Zeit, als es bei mir wirklich nur um Produkte ging, da habe ich die Lust daran auch schon einmal verloren. Man kommt einfach nicht in die Tiefe und hat auch gar nicht die Lust zu experimentieren, weil man das ja eh nie veröffentlichen kann. Das Marketing heutzutage nimmt einfach so viel Zeit in Anspruch, wenn man so halb unabhängig ist und es mit einer eigenen Plattenfirma selbst macht. Man muss so viel organisieren und machen, dass man gar nicht auf den Gedanken kommt, irgendetwas könnte daran falsch sein. Ich will jetzt auch nicht sagen, dass Promotion falsch ist, aber wenn ich mich als Musiker begreife, dann steht das Drumherum dazu einfach im krassen Widerspruch. Aber jetzt kann ich wieder sagen: Ich bin wirklich süchtig nach Musik und zeitlich gibt es im Studio für mich dadurch keine Grenzen.

Wird es denn dann überhaupt noch produzierte Alben von dir geben?

Ja, ich bin jetzt wieder dran, ich habe sehr viel Material und viel Zeit, um zu produzieren. Wenn ich dann veröffentliche, werde ich dem Marketing einfach gar nicht mehr so eine große Aufmerksamkeit zukommen lassen. Ich mache die Sachen, die gemacht werden müssen, Facebook beispielsweise. Ich habe auch in Zukunft vor, ein Musikportal zu erstellen, bei dem man sich anmelden und Output, auch Alben, umsonst von mir bekommen kann. Dazu mache ich aber dann auch noch Alben, die man kaufen kann, darunter Konzept-Alben in kleiner Auflage und ohne großes Marketing.

Was würdest du einem Einsteiger ins Geschäft der elektronischen Musik mitgeben wollen?

Das ist sehr schwierig, denn es gibt für alle Stufen bestimmte Regeln, an die man sich halten kann. Das ganze System ändert sich ja rasant. Ich selbst bin auch in einem Prozess der Adaptierung und habe vor circa fünf Jahren gesehen, dass es so nicht weitergeht. Meine heutige Arbeitsweise resultiert aus den Beobachtungen, die ich damals gemacht habe. Für mich ist es deshalb schwierig, diesbezüglich Tipps zu geben, denn ich glaube auch, dass wir jetzt an einem Punkt sind, an dem das Musikbusiness an einem Endstadium angekommen ist, an dem alles kollabiert, bildlich gesehen. Dann wird es eine Neuformatierung geben. Ich bewege mich, mit dem was ich mache, im Grunde genommen schon auf der Strecke für die Zeit danach.

Für mich sieht es so aus, als ob das Konsumieren von Musik in der jetzigen Form nicht mehr weitergehen kann. Auch der Verkauf klappt so nicht mehr, es bricht zusammen. Man sieht das an gewissen Download-Portalen, die jetzt auch nicht mehr wirklich funktionieren. Vorher waren es die physischen Vertriebe, jetzt sind es die Digitalvertriebe. Ein Problem ist, dass einfach zu viel rausgebracht wird: Der Käufer wendet sich ab, da er keine zehntausend Releases durchhören kann. Also kauft er auch nichts mehr und nimmt eher Sachen, die er schon kennt oder die hart vermarktet werden. Ich glaube, dass der Fachhandel wieder Einzug halten wird. Ein Händler wird eine bestimmte Stilistik vorsortieren und filtern. Das Kuratieren erfolgt aber von Menschen, nicht von Maschinen. Richtung 90er-Plattenläden, die einem Tipps geben, was neu rausgekommen ist und sich auskennen, weg von Spotify und Co.

Was sind denn die größten Hürden, mit denen du dich herumschlägst?

Ich bräuchte eigentlich einen Mitarbeiter, der alle organisatorischen und geschäftlichen Sachen für mich erledigt und sich im Business auskennt, sodass ich mich rein auf die kreative Arbeit konzentrieren kann. Ansonsten habe ich eigentlich gar keine Hürden. Kreativ läuft es wirklich super, nur das Organisatorische nervt mich.

Könntest du dann nicht einfach die Verantwortung aus der Hand geben und dich einem Label anschließen, das für dich diese Arbeiten übernimmt?

Ich habe das über die Jahre hin und wieder mal gemacht und habe da auch ein paar funktionierende Anlaufstellen. Ich habe dann aber auch eine bestimmte Vorstellung von der Umsetzung, was zum Beispiel das Cover angeht. Die meisten Labels stehen aber leider unter einem großen wirtschaftlichen Druck und sind dadurch einfach auch oft Rosinenpicker. Ist auch nachvollziehbar, ich kann ja auch von niemandem verlangen, dass er meine Ideen umsetzt. Aber in so einer Struktur ist es für mich als Künstler schwer, da kann man nichts wirklich Kreatives erarbeiten.

Hast du eine Equipment-Geheimwaffe?

Meine Geheimwaffe ist das modulare Prinzip im Studio, das heißt, ich nutze immer nur einen kleinen Teil meines Equipments, den aber sehr intensiv. Und irgendwann baue ich das dann um. Ich habe quasi eine Art Lagerraum für Geräte, um den aktuell Genutzten Platz zu machen. Ich bastle mir praktisch immer für das, was ich machen möchte, mein System zusammen. Es gibt ein paar Grundsachen, zum Beispiel Effekte, die immer dran sind, aber im Grunde genommen ist das auf höherer Ebene modular.

Wie sieht denn dein Studio aus?

Ich habe im Grunde drei Studios. Einmal das große, modulare Studio, dann ein Studio zum Jammen. Und dann habe ich noch eins, ich nenne es das Videolabor, dort habe ich einen Video-Synthesizer stehen, an dem ich momentan rumbaue und experimentiere. Das ist auch eine neue Welt, in die ich mich einarbeite, zur Technik möchte ich noch gar nicht so viel sagen, da bin ich noch dran.

Was war dein erstes Equipment? Und welche produktionstechnischen Hürden musstest du anfänglich meistern?

Ich habe in einer Zeit angefangen, als es noch gar nicht so viel digitale Technik und Computer gab. Da hatte ich als erstes Gerät den JD-800 von Roland, dazu kam dann später noch ein Sampler, der Ensoniq ASR-10. Mit den beiden Geräten habe ich viel machen können. An Hürden, beispielsweise dem Abmischen, habe ich mich gar nicht lange aufgehalten. Ich wusste auch gar nicht genau, was ein Mischpult wirklich macht, da ich ja keins hatte.

Es gibt eine schöne Anekdote: Bei meinem ersten Release sagte man mir, dass man es noch abmischen müsste. Da war ich tödlichst beleidigt, weil ich mir dachte: „Was will der von mir? Ich habe das an meinen Geräten drei Monate lang abgemischt, da muss nichts mehr gemacht werden.“ Da habe ich dann aber mal gesehen, was mit so einem Mischpult geht und habe auch angefangen, mich dafür zu interessieren. Ich bin also eigentlich immer mit den Anforderungen gewachsen und habe im Grunde genommen die Probleme erst bekommen, als es immer professioneller wurde.

Man bekommt natürlich auch ein viel besseres Gehör. Eine große Hürde war aber die Installation des Raumes, also die Aufstellung von Subwoofer und Monitoren. Ich kann auch nur jedem empfehlen, sich gar nicht so viele Informationen darüber zu holen, wie man es machen soll. Lieber einfach machen. Erst wenn man das Problem nämlich eigenständig erkennt, kann bzw. muss man es auch lösen. Von den Problemen, von denen man nichts weiß, sollte man sich gar nicht erst irritieren lassen, selbst wenn man davon gelesen hat.

Ich habe letztens Tracks von ein paar Kids aus Durban in Südafrika gehört, die wirklich sehr gut klangen. Bei meiner Recherche kam raus, dass die teilweise auf den Fernseher-Lautsprechern ihrer Eltern produzieren ...

Haha! Wenn man darüber nachdenkt, ist es doch relativ klar, dass der Markt dir zu sagen versucht, was du alles noch brauchst, damit verkauft werden kann. So ein Beispiel wie diese Jungs aus Afrika, das zeigt doch, dass es oftmals ausreicht, ein gutes Gehör zu haben. Da ist das Mittel egal. Die legen viel mehr Wert darauf, dass sie es machen, statt wie sie es machen. Darin liegt letztendlich auch die Qualität.

Dinge müssen in einer bestimmten Symmetrie asymmetrisch sein, man muss der Sache etwas nicht zu Perfektes hinzugeben. Was dann vielleicht eher unschön daherkommt, das macht am Ende den Zauber der Produktion aus. Wenn man das versteht und sich darauf einlassen kann, ist man erstens schneller im Produzieren und zweitens hat die ganze Sache dann einen guten Kontrast. Die richtige Asymmetrie macht sozusagen das Perfekte unperfekt perfekt.

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