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Fender Road Worn 50er Telecaster Test

DIE VORGESCHICHTE
Die Telecaster ist die älteste Solidbody von Fender, eine genial einfache Konstruktion, die 1950 nach den Erfordernissen der Massenproduktionstechnik konstruiert wurde und sich heute noch genau so bewährt wie bei ihrer Einführung. Schon zu Beginn der Produktion stand für Fender fest, dass die neue Solidbody einfach und billig herzustellen sein musste. Eigentlich sollte sie Broadcaster heißen, doch Fender musste den Namen ändern, als die Firma Gretsch Urheberrechte anmeldete. Aber Leo Fender und seine Crew konnten sich auch mit dem neuen Namen „Telecaster“ anfreunden, erschien doch der Bezug zu dem aufstrebenden Medium „Television“ durchaus angemessen für ein so innovatives Produkt. Während in der Folge die Telecaster Karriere machte, geriet die Broadcaster von Gretsch in Vergessenheit.

KORPUS
Der Korpus der Tele sollte ursprünglich an die Form einer herkömmlichen Akustikgitarre angelehnt sein. Dass der Body dann im Bereich der Taille etwas zu breit ausfiel, störte schon bald keinen Musiker mehr. Ganz im Gegenteil: Fender setzte mit dem Design der Telecaster ganz neue Maßstäbe. Ihr Korpus bestand aus einer massiven gewichtigen Eschenholzplatte und hatte nicht die berühmte Konturierung, die Leo Fender 1954 der Stratocaster verpasste und die später auch scherzhaft als “Bierbauchfräsung” bezeichnet wurde.

Der eckige Rand konnte nämlich – ob im Sitzen oder im Stehen – nach einer längern Session schmerzhafte Druckstellen am Rippenbogen hinterlassen. Andererseits litt auch die Gitarre selbst unter der Situation, denn an den eckigen Kanten blätterte im Laufe der Zeit auch gerne der Lack ab.  Unsere Road Worn wurde deshalb an der sensiblen Kante, insbesondere im oberen Vorder- und Rückseitenbereich, mit massiven Abschabungen verziert. An der Stelle, wo der rechte Arm auf dem Body ruht, kann man ebenfalls größere Holzabschabungen verzeichnen. Die leicht abgerundete Kante, die den Lack geringfügig besser schützt, wurde erst bei der Konstruktion der Stratocaster entdeckt.

Geändert wurde die Form des Korpus mit all ihren Ecken und Kanten trotzdem nicht. Leo Fender dachte weniger an Verbesserungen, als daran, sein unvollkommenes Versuchskaninchen ganz aus der Produktion zu entfernen, um es durch die modernere Strat zu ersetzen. Die wachsende Nachfrage nach seiner Tele machte ihm dabei allerdings einen Strich durch die Rechnung. Alle Korpusmaße wurden selbstverständlich auch bei der Konstruktion der Road Worn berücksichtigt.
Um das Gewicht des Instrumentes zu reduzieren, wurde später der Body unter dem Schlagbrett ausgekammert – ein erster Schritt auf dem Weg zur späteren Thinline-Serie. Unsere Road Worn besteht aber noch aus einem massiven Body ohne besagtes Kammersystem, das erst in den 60er Jahren zum Standard wurde. Allerdings findet man unter dem Schlagbrett zwischen den beiden Pickups auch eine Aushöhlung, nämlich den berühmten offenen Kanal (open channel), der bis ins Jahr 1969 Bestand hatte.

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Geradezu revolutionär für die damalige Zeit war eine auffällige Aussparung am unteren Hals-Korpus Übergang, die ein komfortables Spiel auch in den hohen Lagen ermöglichen sollte: der Cutaway. Auch für den Daumen, der sich bei einem Countrymusiker an das Griffbrett hängt, wurde eine kleinere Korpusaussparung an der Oberseite geschaffen, die aber noch nicht so ausgeprägt war wie später bei Stratocaster und Precision Bass.

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Die Saiten wurden durch den Korpus geführt und mit den Ball-Ends verankert. Dieses innovative Prinzip sollte die Klangstabilität erhöhen und dem Ton mehr Sustain geben. Vertreter dieser Philosophie gibt es auch heute noch genügend, aber es soll auch Musiker geben, die mit diesem Prinzip nicht zurechtkommen.

Die einfache dreiteilige Stegkonstruktion, die in einer Metallschale eingebettet war, blieb der alten Tele noch bis in die 70er Jahre erhalten. Dabei ruhen auf jeweils einem Teilsteg zwei Saiten, und jedes Teilstück mit jeweils einem Saitenpärchen kann in Länge und Höhe verändert werden. Eine einzelne Saite kann also nicht justiert werden, ohne die Zweite auch zu verändern.

Unsere Road Worn wurde ebenfalls mit der alten archaischen Brücke auf die Reise geschickt. Allerdings wirken Brücke und Schale – weil auf alt getrimmt – matt und stumpf. Es scheint, als hätten fleißige Hände sie wenigsten vom gröbsten Rost befreit. Sogar die eigentlich primitive Eingangsbuchse an der unteren Zarge, die bei der alten Tele bei wilden Showeinlagen oder Unachtsamkeiten gerne ausriss, bleibt unserer Road Worn erhalten.

1955 wurde das schwarze Pickguard von einem schneeweißen abgelöst. Für unsere Road Worn, die mit einem solchen ausgestattet ist, müsste also ein Modell aus der zweiten Hälfte der 50er Jahre Pate gestanden haben. Jedenfalls wurde es an den Rändern schön „nikotingelb“ eingefärbt und von den Masterbuildern an mehreren Stellen dunkel beschmiert. Geschmacksache. Auch die fünf Schrauben, mit denen das Schlagbrett befestigt ist, sind so behandelt worden, dass sie leicht verrostet wirken.

Die Seriennummer auf der Stegschale der Road Worn fehlt. Dies erhärtet unsere Vermutung, dass ihr Vorbild aus dem Jahr 1955/56 stammt.
Die Seriennummer dieser alten Telecaster-Modelle wurde nämlich in den ersten Jahren auf der Stegschale eingraviert. Mit dieser Tradition brach Fender dann 1955 und gravierte die Nummer auf die viereckige Halsplatte auf der Rückseite.

Eine hauchdünne Nitrolackierung im typischen “Blonde” der späten Fünfziger wurde auch der neuen Road Worn verpasst. Die ursprünglich blonde Decke, der man den übermäßigen Zigarettenkonsum ansehen soll, besticht jetzt mit einem unappetitlichen „nikotingelb“. Allerdings gibt es die neue Road Worn auch in der 2-Tone Sunburst-Version, die allerdings mit einem Erle-Body bestückt ist.

Was ursprünglich flächendeckend aufgetragen war, ist jetzt weitgehend abgetragen und lässt, wenn nicht schon vollständig abgeschabt, doch hier und da eine Holzmaserung unter der transparenten Nitrolackierung durchschimmern.
Selbstverständlich befinden sich auf dieser Decke auch unzählige kleinere Lackschäden, die sich insbesondere im Bereich der Stegschale stärker konzentrieren. Mal hat das Instrument stärker gelitten, mal weniger stark. In einigen Fällen ist das blanke Eschenholz zu sehen. Auf der Rückseite des Korpus haben die Designer die obligatorische Gürtelschnallenmacke einfach vergessen. Aber bitte schön, man kann ja auch noch selbst aktiv werden.

Jede Macke scheint eine eigene Geschichte zu erzählen, und obwohl wir es hier mit einem künstlich gealterten Instrument zu tun haben, erschließt sich mit jedem Detail mehr und mehr die Faszination, die von einem alten Instrument ausgehen kann.

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TECHNIK
Das wichtigste Glied bei der Klangerzeugung sind die Pickups. Stahl verändert sich mit zunehmendem Alter, Isolierungen werden poröser, Magnetfelder weichen vom ursprünglichen Verhalten ab und Trafos variieren ihre Induktionsfelder. Leider lassen sich „alte“ Pickups kaum reproduzieren, weshalb sich unsere Road Worn Tele mit nagelneuen Tex Mex Pickups begnügen muss. Ob die einen ordentlichen Job machen, wird später geprüft.

In der ursprünglichen Version besitzt das Original zwei einspulige Pickups. Der mit drei Schrauben an der Grundplatte des Stegs schräg platzierte Single Coil produziert den typischen höhenreichen, einschneidenden Ton. Fender benutzte den Tonabnehmer ursprünglich in den 40er Jahren zur Verstärkung seiner Lapsteel. Durch die schräge Einbauposition sollten die Bassanteile bei den Basssaiten leicht angehoben werden. Der kleine Halstonabnehmer ist direkt ins Korpusholz geschraubt und besitzt eine Blechkappe, die an die Hülle eines Lippenstifts erinnert. Ursprünglich hatte diese Spule wesentlich weniger Wicklungen als die des Stegpickups.

Verwaltet werden die beiden Tonabnehmer von einem Dreiwegschalter mit den Stellungen Bridge, Neck und Both, einem Ton- und einem Lautstärkeregler, die auf beide Pickups gleichzeitig zugreifen. Auch das ursprünglich silbrig glänzende Material wurde bei der Road Worn gealtert und kommt nun sehr matt rüber.

HALS
Der stark gewölbte Hals der Telecaster ist nicht verleimt, sondern mit vier Schrauben am massiven Korpus befestigt und mit einer Halsplatte stabilisiert.
Dieses Prinzip war neu und musste sich zu Beginn der 50er erst bewähren. Leo Fender ging zunächst davon aus, dass Gitarristen defekte und verzogene Hälse einfach durch neue ersetzen würden. Die ersten Instrumente wurden aus diesem Grund auch ohne den eingelegten Halsstab angefertigt. Monate später änderte Fender seine Meinung. Der Broadcaster – so hieß die Telecaster zunächst – wurde dann doch der erste Truss Rod verpasst. Der dicke Hals mit einem ausgeprägten D-Shaping, den eine Stahlsaitengitarre ohne Stahlstabverstärkung wohl nötig gehabt hätte, ist damals der Tele und natürlich unserer Road Worn erhalten geblieben. Erst die Strat kommt dann mit dem beliebten schlank verrundeten Hals daher.

Der Stahlstab ist auf der Korpusseite in den Hals eingeschoben, wo sich auch die Stellschraube befindet. Das Justieren ist bei den alten Instrumenten nur dann möglich, wenn das Schlagbrett entfernt oder der Hals ganz abgeschraubt wird, eine Maßnahme, die sich auch bei unserer Road Worn nicht geändert hat. Mit dem eingelegten dunkelbraunen Nussbaumstreifen, der sich im Zentrum auf der Rückseite des Halses befindet, wird der Truss Rod unter Spannung gesetzt. Dieser so genannte „Skunk Stripe“ ist deshalb auch kein Zierstreifen. Erst in späteren Jahren wurde der Truss Rod auf der Spielseite in den Hals eingelegt und mit dem separaten Griffbrett verblendet. Ein Griffbrett aus Palisander erhielt die Tele erst 1959. Damit hatte auch der Nussbaumstreifen auf der Rückseite ausgedient, der als Führung für den Truss Rod gedacht war.Ein mit Binding eingefasstes Griffbrett war zu jener Zeit noch „out of sight“.

Der Pragmatiker Leo Fender wählte die Hölzer nicht unbedingt nach klanglichen Aspekten aus, sondern stellte Rationalität bei allen Arbeitsabläufen in der industriellen Produktion in den Vordergrund. Ahorn für den Hals war stabil und konnte mit Industriemaschinen problemlos bearbeitet werden.

Der Lack ist bei unserer Road Worn vor allem im Bereich der Diskantsaiten gut „runtergespielt“. Warum im neunten, zehnten, elften und zwölften Bund keine Gebrauchsspuren eingearbeitet sind, bleibt das Geheimnis der Masterbuilder. Im Prinzip haben die Kreuztonarten ihre Spuren auf unserer Road Worn hinterlassen.Wie die erste Tele ist auch die Road Worn mit 21 sorgfältig abgerichteten sogenannten 6106er Bünden aus Bunddraht mit relativ breiter Krone ausgestattet, die offensichtlich keinem Alterungsprozess unterzogen wurden. Soweit wollte man bei Fender dann offensichtlich doch nicht gehen. Die Bünde sind direkt in den Ahornhals eingelassen, da ein separates Griffbrett fehlt. Einteilige Ahornhälse sind aber bekannt durch ein interferenzfreies Schwingungsverhalten und klingen anderes als Hälse mit verschiedenen unterschiedlich schwingenden Holzsorten.Ein 22ster Bund wurde der alten „Tele“ erst viel später spendiert. Die schwarzen runden Bundmarkierer sind ebenfalls direkt in den Ahornhals eingelegt.

Im Oktavbund befinden sich gleich zwei schwarze Dots. Der Abstand der beiden Dots lässt ebenfalls Rückschlüsse auf das Entstehungsdatum des Originals zu.
In der Zeit zwischen 1950 und 1952 war ein kleinerer Abstand zwischen beiden Punkten üblich. In der Zeit zwischen 1953 und 1959 wurde dann ein größerer gewählt, sodass sich die Dots direkt unter der A-Saite und B-Saite befanden.
Die Dots unserer „Road Worn“ im Oktavbund stehen aber nah zusammen, sodass hier die Maße von 1950 – 1952 berücksichtigt wurden. Das passt nicht so ganz in das Erscheinungsbild einer Tele und widerspricht unseren bisherigen Erkenntnissen. Dagegen entspricht die Mensur von 648 mm der einer normalen Akustikgitarre.

KOPFPLATTE
Die asymmetrische schmale Kopfplatte, auf der die Wirbel in einer Reihe angeordnet werden, hatte Leo Fender der Bigsby-Gitarre von 1948 abgeschaut.
Die Hardware wurde ursprünglich von der Firma Kluson aus Chicago angefertigt. Die Tuner und die geschlossenen viereckigen Gehäuse unserer Road Worn wurden ebenfalls behandelt und funkeln nicht mehr so prächtig, wie sie eigentlich sollten.
Von 1951 – 1957 wurden die viereckigen Kluson Keys auch nicht beschriftet. Unserer Road Worn fehlt ebenfalls die Gravur, die man erst bei Modellen ab 1957 wieder vorfindet.

Auf der Kopfplatte unserer Road Worn im Bereich der Wirbel für die A-, D- und G-Saite prangt mit silbernen, schwarz umrissenen Buchstaben ein Aufkleber mit dem Fender „Spaghetti-Logo“. Darunter befindet sich versetzt und in Anführungsstrichen die Modellbezeichnung „Telecaster“. Das sogenannte Spaghett-Logo wurde noch 1965 benutzt und dann von CBS, dem neuen Eigentümer von Fender, durch das moderne goldene Logo ausgetauscht.
Die Position des Spaghetti-Logos änderte sich um 1956. Damals wanderte es weiter in die Spitze der Kopfplatte, weil der neue T-förmige Saitenniederhalter für die E- und H-Saite dort Platz nahm und den runden ablöste. Unsere Road Worn kommt aber noch mit dem runden Saitenniederhalter, der vor 1956 benutzt wurde. Dementsprechend wurde auch das Logo im Zentrum positioniert.
Auf der Oberseite der Kopfplatte vermisse ich noch einen Schaden durch eine abgebrannte Zigarette, die man früher einfach zwischen Sattel und Mechaniken unter die Saiten klemmte, damit man in den Spielpausen seinen Nikotinspeicher problemlos auffüllen konnte. Allerdings nahmen manche Improvisationen dann doch etwas längere Zeit in Anspruch und der Glimmstengel hauchte dort sein Leben aus – natürlich nicht, ohne deutliche Spuren zu hinterlassen.

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Magman sagt:

#1 - 15.03.2017 um 06:48 Uhr

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Ich besitze noch eine Road Worn 50' Telli aus dem Anfang dieser Serie. Ein wunderbar klingendes und ausgezeichnet gut spielbares Instrument. Es gibt mit Sicherheit die ein, oder andere Custom Shop Telli die schöner gealtert wurde, aber vom Sound her ist die Road Worn schon eine Bank!

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