Gitarre Hersteller_Engl
Test
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07.02.2013

Engl Retro Tube 50 Combo E768 Test

50 Watt Vollröhrencombo

Retro-Schmankerl

Der Engl Retro Tube 50 Combo E768 im bonedo-Test  -  Die erste große Retrowelle erfasste die Gitarrenwelt Anfang der 90er Jahre mit dem Aufkommen des Grunge und mit Gruppen wie Nirvana oder Pearl Jam. Nachdem es für Gitarristen in den 80er Jahren zum guten Ton gehörte, die Bühnen der Welt mit riesigen Racks zu entern, ging es jetzt wieder zurück zu den Wurzeln, und man erinnerte sich an die Sounds und das Equipment der Sechziger und Siebziger. Wenn auch nicht so stark wie damals spielen Trends auch heute noch eine Rolle und bestimmte Stilistiken und Klangvarianten (wie aktuell beispielsweise die High Gain Sounds) stehen etwas mehr im Mittelpunkt des Interesses.

Aber im Grunde richtet sich seit geraumer Zeit der Fokus in erster Linie auf die Soundvielfalt, und das riesige Angebot an Verstärkern und Zubehör lässt dabei keinen Spieler allein, wenn es um die Verwirklichung seiner Soundvorstellungen geht. Mit dem Retro Tube 50, der als Topteil und als Combo erhältlich ist, begibt sich Engl nun in eine Sparte, die nicht unbedingt zu den klassischen Betätigungsfeldern dieses deutschen Herstellers gehört. Unter dem Etikett Vintage und Retro will die neue Serie klassische Gitarrensounds mit modernen Features in einem Amp kombinieren. Wir haben uns den Retro Tube 50 in der Combo-Version etwas näher angeschaut.

Details

Konzept und Aufbau

Der Engl Retro Tube 50 ist ein waschechter Röhrencombo, der mit zwei unterschiedlichen, autark arbeitenden Kanälen ausgestattet ist, die ergänzende Klangeigenschaften besitzen. Während sich der erste Kanal eher für cleane und angezerrte Sounds eignet, kommt man beim Umschalten in den zweiten Kanal in den Genuss wesentlich höherer Gainreserven. Neben den flexiblen klanglichen Eigenschaften bietet der Amp enorme Schaltmöglichkeiten, die sich mit unterschiedlichen Fußschaltern vom Bühnenrand aus fernsteuern lassen. Neben der Kanalumschaltung und den beiden Mastervolume-Reglern gehören dazu auch Gain Boost, Tone, der eingebaute Federhall und der Einschleifweg. Man hat also nicht nur die Möglichkeit, die Gesamtlautstärke des Amps umzuschalten, sondern auch innerhalb der beiden Kanäle den Sound durch Aktivieren von Gain Boost oder Tone relativ stark zu verändern, da diese beiden Funktionen massiv in die Klanggestaltung eingreifen.

Als weiteres Schmankerl besitzt der Amp neben dem eingebauten Federhall ein Noisegate, das bei höheren Gaineinstellungen unerwünschte Nebengeräusche effektiv unterdrückt. Leider schneidet es auch das Ausklingen des Federhalls ab, was für mich übrigens das einzige Manko des Verstärkers ist. (Hinweis: Engl hat auf diesen Kritik-Punkt reagiert und das Problem behoben. Vorbildlich!!!)

Das edle Kraftpaket ist zwar klein, mit seinen 25,5 Kilo gleichzeitig aber auch ein ziemlich schwerer Brocken. Dafür bringt der Amp satte 50 Watt Endstufenleistung und steht in puncto Brachialität meinem 50 Watt Marshall JMP in nichts nach. Im Inneren des Combos befindet sich ein Celestion G12-65, der die massive Endstufenpower effektiv in Schalldruck umsetzt.

Das Frontpanel

Der Retro Tube 50 ist mit vielen Reglern und Schaltern bestückt - auf den ersten Blick unter Umständen etwas verwirrend. Man bekommt aber sehr schnell einen Überblick, da im Grunde alle Bedienelemente logisch angeordnet sind. Obwohl man es hier mit einem klassischen Röhrendesign zu tun hat, bietet der Amps einige moderne Features, die verwaltet werden wollen. Dementsprechend bekommt man für sein Geld auch eine Menge Bedienkomfort. Über einigen Reglern und Tastern befinden sich zusätzlich LED-Anzeigen, die bei Aktivierung leuchten. Wie schon erwähnt, lassen sich diese Funktionen mittels optional erhältlichen Fußschaltern vom Bühnenrand aus steuern, was den Amp gerade in Live-Situation unglaublich vielseitig macht.

Das Bedienpaneel lässt sich grob in drei Bereiche aufteilen. Auf der rechten Seite liegt die Mastersektion, bestehend aus den beiden Mastervolume-Potis und dem stufenlos regelbaren Threshold des Noise Gates. Zwei Drucktaster sind für die Kanalumschaltung und den sogenannten Gain Boost zuständig. Die beiden übereinander liegenden Kanalzüge schließen sich links an und sind im Grunde genommen identisch aufgebaut. Es stehen bei beiden Gain, Bass, Middle, Treble, Reverb und Volume zur Verfügung. Zwischen den beiden Gainreglern und den Equalizer-Sektionen können beide Kanäle jeweils noch mit einem kleinen Taster für das Toneshaping aufwarten. Viele kennen diese Funktion noch von alten Fender-Amps, bei denen man mittels eines Bright-Switchs die oberen Höhen aktiviert. Im ersten Kanal heißt dieser Taster “Bright“ und kümmert sich um die höheren Frequenzen, während der „Tone“ Taster im Leadkanal die Mitten als seine Aufgabe ansieht. Der Tone-Taster ist auch via Fußschalter aktivierbar und besitzt eine zusätzliche LED. Bliebe noch die Eingangsbuchse und die beiden verchromten Kippschalter für On/Off und Standby zu erwähnen.

Die Rückseite

Wie bei den meisten Combos üblich, ist das Gehäuse auch beim Retro Tube 50 an der Rückseite offen. Hinter einem schützenden Lochgitter sitzen Lautsprecher und Röhren. So ist einerseits die Belüftung und Kühlung der Glaskolben gewährleistet, andererseits bringt ein offenes Combogehäuse diesen typischen 3D-Klang, den man mit geschlossenen Boxen nicht hinbekommt. Dagegen fokussieren geschlossene Gitarrenboxen den Sound stärker und haben mehr Druck.  Beides hat seinen Reiz, aber auf kleinen Bühnen spiele ich lieber mit offenen Lautsprecherkonstruktionen. Auf großen Bühnen und besonders bei Open Air Gigs verflüchtigt sich der Sound von offenen Lautsprechergehäusen leider sehr schnell, weshalb ich dort geschlossene Gitarrenboxen bevorzuge.Im Zweifelsfall kann man an den Retro Tube 50 problemlos eine weitere Box im Mischbetrieb anschließen oder ihn auch alleine damit betreiben. Zu diesem Zweck bietet er eine Anzahl von Lautsprecherausgängen für 2 x 4 Ohm, 2 x 8 Ohm und 1 x 16 Ohm Boxen. Der interne Speaker hat acht Ohm und ist dementsprechend an eine der beiden acht Ohm-Ausgänge angeschlossen. In direkter Nachbarschaft zu den Speakerausgängen sitzt der Effekteinschleifweg mit dem dazugehörigen Mischregler, der das Effektsignal stufenlos zum Ampsound hinzufügt. Hier bitte keine Verzerrer, Compressoren oder  Wah Wah Pedale anschließen, denn diese Gerätschaften gehören immer vor die Eingangsstufe des Gitarrenverstärkers und würden den Ampsound zugrunde richten. In den Einschleifweg gehören zeitbasierte und Modulationseffekte wie Delay, Hall, Chorus oder Flanger. Dank des Mischreglers kann man hier im Prinzip auch Pedale anschließen, die bei einem seriellen Einschleifweg die Dynamik des Amps ruinieren würden. Wichtig ist, dass man bei dem angeschlossenen Effektgerät das Originalsignal ausblenden kann, da es sonst zu Auslöschungen und Kammfiltereffekten kommt. Ich hab umgehend meinen alten Deluxe Memory Man aus dem Effektschrank gekramt und eingeschleift und voila, alles bestens.

Der Retro Tube 50 hat noch vier weitere Buchsen, die dem Anschluss diverser Footcontroller dienen. Hier lassen sich sowohl konventionelle als auch hauseigene Fußschalter anschließen, wobei der S.A.C.-Port ausschließlich für den Anschluss der optional erhältlichen Z-9 Fußleiste oder des Engl Midiswitchers Z-11-S.A.C. vorgesehen ist. Mit diesen zusätzlichen Möglichkeiten - vor allem mit dem Z-11 MIDI-Switcher - sind recht tiefgreifende weitere Schalt- und Regeloptionen verbunden, auf die wir in diesem Test allerdings nicht näher eingehen wollen. Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem sei die Bedienungsanleitung auf der Engl-Homepage ans Herz gelegt.

Für die Stromversorgung sitzt hier eine Schuko-Buchse mit integrierter Sicherung. Außerdem hat man Zugriff auf zwei weitere Sicherungen, die allerdings nichts mit dem Strommanagement des Verstärkers zu tun haben. Sie sichern jeweils eine der beiden Endstufenröhren ab und verabschieden sich in dem Moment, in dem eine der beiden ein Fehlverhalten zeigt.

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