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Test
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07.01.2013

Praxis

Man kann den Distressor definitv zu den vielseitigsten Kompressoren zählen, die für Geld erhältlich sind. Dank der vielen Betriebsmodi und auch aufgrund der weiten Bereiche der Parameter, die man mit den Potis einstellen kann, gibt es kaum eine Anwendung, in der der EL8-X nicht zumindest überzeugende Resultate liefern kann. Und genau das ist auch ein gewichtiger Grund für die große Polularität dieses Gerätes: Mit seiner „Geht nicht gibt’s nicht“-Attitüde lässt er einen praktisch nie im Regen stehen.

Auch wenn das Teil auch etwas sanftere Regelvorgänge beherrscht, liegt der Schwerpunkt dennoch ganz eindeutig auf all den Anwendungen, bei denen es etwas robuster zur Sache gehen darf. Das liegt einerseits an den sehr schnellen Minimalwerten bei den Zeitkonstanten, andererseits an den höheren Ratio-Werten, die mit ihren vergleichsweise harten Knee-Settings noch zusätzlichen Biss bekommen. Und nicht zuletzt unterstreichen die Distortion-Modi den „gritty“ Charakter des Distressors noch zusätzlich. So ausgestattet gelingt es mit dem EL8-X hervorragend, Signale im Mix in 1176-Manier „festzunageln“ oder nach vorne zu holen. Das Spektrum des Distressors ist aber ungleich weiter als beim Urei, beispielsweise, weil er mit langen Attack-Werten Transienten herauskitzeln kann, bei denen der auch in seiner langsamsten Einstellung ultraschnelle 1176 einfach nicht mithalten kann.

Auf der anderen Seite bringt der Distressor auch eine Reihe von Funktionen mit, mit denen er sich an die Leine legen lässt. Mit niedrigen Ratios und deren breiten Knee-Einstellungen, mit den Sidechain- und Audioweg-Filtern sowie allgemein etwas behutsameren Settings kann der ELI-Comp auch in etwas seichteren Gewässern überzeugen.

Jedoch tut man sich keinen Gefallen, wenn man das Gerät stets mit angezogener Handbremse fährt, denn gerade die Extrembereiche machen mit diesem Teil unglaublich viel Spaß: Raummikros zusammenkloppen, Synthbässe bis ins Nirwana verzerren, Rockvocals die Extraportion Biss verleihen, die sie brauchen, um sich gegen eine Gitarrenwand durchzusetzen – das ist das Metier, in dem sich der Distressor pudelwohl fühlt.

Insbesondere die Distortion-Modi haben es in sich. Während Dist-2 mit der Zweiten Harmonischen ziemlich schön „singt“, klingt Dist-3 schon deutlich aggressiver. Beide Varianten haben definitiv ihre Berechtigung, und sie können nicht nur subtil sättigen, sondern ein Signal auch richtig zerstören.

Es gibt allerdings auch zwei Dinge, die dieses wunderschöne Bild etwas eintrüben. Das ist zum einen die etwas eigenwillige – und leider auch dünn dokumentierte – Implementation des British Mode. Ist das Gerät mit dieser an sich sehr guten Option ausgestattet, so ist das 1:1-Setting keine echte Neutralstellung des Kompressors mehr, sondern das Gerät arbeitet mit einer 20:1-Kurve, selbst wenn der Brit-Mode ausgeschaltet ist. Dies kann zwar intern mit einem Jumper beeinflusst werden , aber ich hätte gerne beide Optionen auf der Frontplatte zugänglich gesehen: British Mode und den reinen Verzerrerbetrieb.

Die andere Sache betrifft den Klang der Line-Stufen des Distressors. Es ist zwar unglaublich, wie vielseitig das Gerät ist, und was für eine große Palette an Soundmöglichkeiten es abdeckt. Aber die OpAmp-Schaltungen scheinen doch auch ein bisschen etwas mit dem Klang zu machen, was bei den Vorbildern des Distressors so nicht passiert. Im Direktvergleich mit meinem Blackface-1176 und meinem LA-2A zeigt sich, dass diese beiden Geräte doch noch ein Stückchen dichter, runder und gleichzeitig feiner klingen – man könnte subjektiv auch „schöner“ sagen. Nun ist das natürlich Geschmackssache, und die Heavy-Fraktion schüttelt bei derlei Feingeistigkeiten vielleicht eh mit dem Kopf. Aber für mein Empfinden zeigt auch der Distressor eine gewisse „Op-Ampigkeit“ im Klang, die sich durch die gesamte ELI-Produktpalette zieht. Dies aber nur am Rande – der Distressor kann in letzter Konsequenz den 1176 und LA-2A nicht ersetzen, wenn man exakt deren Klang haben will, aber dafür kann der ELI-Comp eben noch eine ganze Menge mehr, so dass dieser 1:1-Vergleich ohnehin nur bedingt sinnvoll ist.

Jedenfalls ist dies kein echter Kritikpunkt für mich, denn wenn man einen eigenständigen Blick auf den Distressor wirft, ohne die Urei- bzw. Teletronix-Originale direkt daneben zu halten, dann schmälert dies ja nicht die riesigen Qualitäten, die der Distressor nun mal unbestreitbar vorweisen kann.

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