Test
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19.08.2019

Praxis

Gut gebaut und schwer – sehr schwer

Die Verarbeitungsqualität des Earthworks SR314 ist ein Gedicht. Selbst die filigran wirkenden Korbstege wird wohl kaum ein Sturz aus Mikrofonstativ-Höhe beeindrucken. Aber nein: Ausprobiert habe ich es dennoch nicht. Die Haptik des SR314 ist grandios, man hält ein wirklich wertiges, handschmeichelndes Werkzeug in der Hand. Durch den großen Umfang ist man trotz fehlendem Kopf-Korpusübergang nicht geneigt, die Schalleintritte zu verdecken. Aber: Wer sehr kleine Hände hat oder besonders zart ist und lange Gigs bestreiten muss, sollte zumindest ein Stativ parat haben: 680 Gramm sind viel! Zur Einordnung: Ein Shure SM58 wiegt mit knapp 300 Gramm deutlich weniger als die Hälfte.

Mangel: Das Design betrifft ausschließlich das Mikrofon selbst

Stichwort Stativ: Ich finde, dass das Earthworks SR314 das schönste aktuell erhältliche Bühnenmikrofon ist. Da gibt es sicher auch andere Meinungen, aber es ist wohl Konsens, dass das Mikrofon ein durchdachtes, ästhetisches Design besitzt und nicht „Form follows Function“ verfolgt. Die schlicht funktionale Mikrofonklemme zerstört jedoch dieses Bild. Das SR314 hätte einen optisch passenderen Halter verdient. Anderen hochwertigen Bühnenmikrofonen wie etwa von Neumann, DPA oder auch Schoeps stehen derartige einfache Halter gut zu Gesicht, das Earthworks kommt auf einem Stativ wegen der Klemme nicht so zur Geltung, wie es das verdient hätte.

Der Klang ist natürlich natürlich

Das war es aber schon, was ich zu kritteln hätte, denn klanglich ist das Earthworks SR314 nicht weniger als eine Offenbarung. Auch bei maximaler Besprechungsnähe geraten die Tiefen nie außer Kontrolle, sondern bleiben äußerst schnell und klar, bilden ein hervorragendes Fundament und ermöglichen auch Sängern mit tiefem Register eine vorbildliche Pitchkontrolle. Die Poppempfindlichkeit ist außerordentlich gering, solange man die 45 Grad Besprechungswinkel nicht übersteigt. Wohl nicht zuletzt dem massiven Stahlkorpus und -Korb ist es zu verdanken, dass Trittschall- und Handgeräusche sehr verhalten bleiben. 

Am anderen Ende des Spektrums übermittelt das SR314 Höhen, die guten Studiomikrofonen in nichts nachstehen. Verfärbungen, Verschmierungen, reibende Klangkomponenten: Ich konnte in Studio- und Liveumgebung nichts in diese Richtung feststellen. Das Mikrofon formt ein klein wenig gesangsspezifisch den Sound, was aber in jeder Livesituation passend ist, zumal nicht übertrieben wird. Dass die Übertragung der Höhen so schnell und ohne Pegelabfall stattfindet und die 180-Grad-Dämpfung des SR314 etwas geringer ausfällt als bei den Mitten, bedeutet, dass Feedbacks am Ehesten im Höhenband stattfinden können. Allerdings ist besonders die 180-Grad-Dämpfung generell sehr hoch und dadurch die Feedbackanfälligkeit gering. 

In der Gesamtbetrachtung zeigt sich, wo die klangliche Hauptleistung des Eartworks SR314 liegt: Es ist die Natürlichkeit, die nur wenige Handheldmikrofone zu erhalten in der Lage sind. Neben des hervorragend ausgetüftelten Pegelfrequenzgangs sind es auch die fantastische Detailzeichnung, die über den gesamten Frequenzgang identisch hoch bleibt, und die Abwesenheit jeglicher klanglicher Hinweise auf plötzliche Änderungen von Phasenlagen. Das bedeutet insgesamt, dass das Signal des EW-Mikros im Pult auch brutal bearbeitet werden kann, seine Klangqualität davon aber unbeeindruckt bleibt. Das kennt man von guten Studiomikrofonen und anderen sehr hochwertigen Livemikrofonen in Kondensatortechnik (DPA, Schoeps, Neumann) und rechtfertigt alleine schon den Preis des SR314. Unter den dynamischen Handhelds ist es höchstens das Shure KSM8 Dualdyne, das annähernd in der gleichen Liga spielt. Die Vergleiche mit dem Shure SM58 und dem Sennheiser Evolution e865, die allerdings nur ein Achtel/ein Viertel kosten, machen die Grandezza des SR314 deutlich.

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