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19.07.2021

Oasis vs. Blur - Der Kampf um die BRITs

Die 90er Jahre waren ein fruchtbares Jahrzehnt für die britische Musikwelt. Bands wie Oasis, Blur, Pulp und Elastica entstanden und brachten der Welt einen ganz eigenen britischen Sound. Hier liest Du wie der Britpop entstand und sich danach entwickelte. Nicht vernachlässigt werden darf dabei natürlich die bittere Rivalität zwischen Oasis und Blur.

Grunge, Shoegaze und Britpop

Im Jahr 1992 war es um die britische Rock Musik nicht gut bestellt. Es gab Musikrichtungen wie den Shoegaze, aber der Hype um diesen war nicht groß. Die Untergrund Bewegung hieß so, weil der Musikstil verträumt und die Performances introvertiert waren. Auf die Schuhe blickend eben. Zu dem Stil gehörende Bands wie Ride oder Slowdive konnten Aufmerksamkeit erregen, aber nicht in dem Ausmaß wie es Britpop Bands wie Oasis oder Blur später vermochten.

Viele Briten konnten sich nicht mit Shoegazern identifizieren, weil diese als privilegierte, selbstgefällige Personen aus der Mittelschicht galten. Der Fokus galt dem amerikanischen Grunge und damit Bands wie Nirvana. Trotz dieser Tatsache, war die Identifikation der Briten mit dem Grunge aber nie so groß wie mit dem späteren Britpop.

So richtig Fahrt nahm Britpop, auch der Begriff an sich, im Jahr 1994 auf, in welchem Britpop-Bands große mediale Aufmerksamkeit erhielten. Einflussreiche Journalisten prägten und festigten den griffigen Term “Britpop” in ihren Shows, als sie die neuartigen Musik diskutierten oder präsentierten.

Was genau ist Britpop?

Britpop kann als eine Gegenbewegung zu Grunge und Shoegaze verstanden werden. Charakteristisch für diesen sind Texte mit einer britischen Note. Damit ist gemeint, dass in den Texten gerne Themen wie das britische Vorstadtleben, die Union Jack und all die kleinen Alltagseigenheiten des Insellebens behandelt werden. Außerdem singen Bands wie Oasis und Blur in ihrem eigenen Akzent. Dies war für die damalige Zeit außergewöhnlich, denn bis dahin wurden in britischer Popmusik eher oberflächliche, unpolitische Themen besungen und Akzente vermieden.

Britpop ist aber natürlich nicht aus dem Nichts entstanden. Die musikalischen Einflüsse des Britpop entstammen den 60ern und 70ern, aber auch den 80er Jahren. Inspirationsquellen waren Bands wie die Beatles, die Kinks und die Smiths. Während sich Grunge eines härteren Klangs bedient, zeichnet sich Britpop durch einen leichteren Klang, sowie melodische Chori aus.

Und auch wenn sich der Fokus bei der Erzählung des Britpop stets auf Blur und Oasis fokussiert, spielen auch andere Bands eine entscheidende Rolle. Zu nennen wäre etwa Suede. Sie fanden ihren ganz eigenen Stil, eine Mischung aus Glam-Rock und Punk. Diese Kombination hatte es so vorher noch nicht gegeben und sie trafen damit genau den Nerv. 1992 veröffentlichten sie ihre erste Single “The Drowners”, welches äußerst positiv aufgenommen wurde. Suede wurden als die beste neue Band Großbritanniens bezeichnet. Ihr 1993 veröffentlichtes Album “Suede” verkaufte sich so gut, dass sie den Rekord für das sich am schnellsten verkaufende UK Album aller Zeiten ihr Eigen nennen konnten. Mit diesem fulminanten Erfolg wurde der Grundstein des Britpop geschaffen.

Die Rivalität zwischen Oasis und Blur 

Blurs Anfänge

Die Rivalität zwischen Blur und Oasis war ab Mitte der 90er Jahre stark in den britischen Medien vertreten. Klar, ist es doch gefundenes Fressen für Journalisten, wenn sich die beiden erfolgreichsten britischen Bands der Zeit einen Kampf um die Spitze der Charts liefern und dabei nicht gerade wortkarg agieren. Doch in der Rivalität der beiden Bands zeigte sich viel mehr als nur die Reibereien zwischen zwei Bands, die beide die Spitze der Charts erstürmen wollten. Während Blur aus der Mittelschicht und London kommen, sind Oasis aus der Arbeiterklasse und aus Manchester. Die beiden Bands präsentieren also andere Welten. Es war eine Rivalität zwischen den Gebildeten und Ungebildeten, der Mittel- und der Arbeiterklasse. Während Blur Oasis als dumm ansahen, waren Oasis der Meinung, dass Blur hochnäsig sind. 

Blur gründeten sich 1988, Oasis 1991. Am 26.08.1991 veröffentlichten Blur ihr Debütalbum “Leisure”, welches Platz 7 der UK Album Charts und eine Gold Zertifizierung in den UK erreichen konnte. Trotz des relativen Erfolges bei der Chart Platzierung, war die darauffolgende Tour, besonders die US-Tour, nicht sehr erfolgreich. Suede konnte mehr Erfolge für sich verzeichnen und Blur geriet außerhalb des medialen Fokus.  Damon Albarn, der Leadsänger von Blur, hielt später nicht mehr viel von “Leisure”. Er bezeichnete es als eines der beiden schlechten Alben, die er in seinem Leben aufgenommen hat. Er begründet es damit, dass Blur sich bei der Produktion stark an dem damals populären Sound und den Vorstellungen des Record Labels orientierten.

Dieser Fähnchen-im-Wind Stil änderte sich aber bei ihrem nächsten Album “Modern Life Is Rubbish”, welches im Mai 1993 veröffentlicht wurde. Aus Angst von ihrem Record-Label “Food Records” aus dem Vertrag entlassen zu werden, änderten Blur ihr musikalisches Auftreten. Blur orientierten sich nun deutlich stärker an Bands wie den Kinks und fanden damit ihren eigenen Sound. Das Album platzierte zwar nur auf Platz 15 der Charts, aber war ein wichtiges Album in der Entstehung des Britpop und Fundament für Blurs spätere Karriere.

Oasis treten auf die Bildfläche

Dies alles geschah bereits bevor Oasis überhaupt ihr Debütalbum veröffentlicht hatten. 1993 unterzeichnete die Band ihren Vertrag beim Indie-Label “Creation Records”, um dann 1994 ihr Debütalbum “Definitely Maybe” zu veröffentlichen. Dieses war so erfolgreich, dass sie den Titel der Band mit dem sich am schnellsten verkaufenden UK Album erhielten. Und das, nachdem Suede diesen erst ein Jahr vorher für sich gewinnen konnten. Ebenfalls 1994 veröffentlichten Blur ihr äußerst erfolgreiches Album “Parklife”. Unter anderem waren auf diesem Album die Singles “Girls & Boys”, sowie “Parklife” zu hören, welche massive Hits wurden. Durch den Release wurden Blur für einige Zeit die bekannteste britische Band. Das Album war über 90 Wochen in den Charts und wurde insgesamt über 1 Million Mal verkauft. 

Die Rivalität beginnt

Im April 1995 gab es für Blur einen kleinen Vorgeschmack auf die folgende Rivalität mit Oasis. Ihre Widersacher veröffentlichten die Single “Some Might Say” und konnten damit Platz 1 der Single Charts erreichen. Albarn ging auf die Oasis Release Party, um ihnen zu gratulieren. Liam Gallagher aber nutzte diese Chance, um Albarn unter die Nase zu reiben, dass sie jetzt Platz 1 seien. Die Rivalität war in vollem Gange. Oasis als die super erfolgreichen Newcomerband gegen Blur, die ihren Erfolg durch einen Imagewechsel und mehrere Releases über einige Jahre hinweg erarbeitet hatten.

Das Jahr 1995 bot dann viel weiteres Futter für die Rivalität. Etwa bei der Verleihung der BRIT Awards. Während Blur 4 Awards für sich gewinnen konnten, erhielten Oasis nur einen. Oasis setzte sich das Ziel Blur in Zukunft den Rang abzulaufen und mehr BRIT Awards als diese zu gewinnen.

"Country House" gegen "Roll With It"

Ebenfalls in dem Jahr wollten Blur und Oasis ihre neuen Singles “Country House” bzw. “Roll With It” mit einem geplanten Abstand von 6 Wochen zwischen den beiden Singles veröffentlichen. Blur änderten dann aber spontan ihre Pläne. Sie wollten nicht, dass Oasis ihre Single vor ihnen rausbringen. Deshalb änderten sie den Release-Tag ihrer Single auf den Release-Tag der Oasis Single. Dies sah Oasis als einen klaren Angriff und spätestens jetzt erreichte die Rivalität ihren Höhepunkt. So wie sich die Rivalität zuspitzte, so trennten sich auch die Lager bei den Hörern. Man war entweder Team Oasis oder Team Blur.

Die Medien waren der Überzeugung, dass Oasis das Rennen machen würden. Aber als am 20.08.1995 die Charts veröffentlicht wurden, war das Staunen, selbst bei Damon Albarn, groß. Blur hatten 270.000 Singles verkauft, Oasis “nur” 220.000 und damit immerhin rund 20 Prozent weniger. Blur erreichten mit ihrer Single “Country House” Platz 1 der Charts, während Oasis nur Platz 2 für sich verbuchen konnten.

Ein kleiner Fun-Fact am Rande: Albarn singt in “Country House”, “He's got morning glory and life's a different story”. Zwei Monate nach der Veröffentlichung der Single erscheint Oasis Album “What’s The Story Morning Glory”. Hat sich Oasis da vielleicht einen kleinen Scherz erlaubt?

Das Ausmaß der Rivalität

Die Rivalität wurde immer ernster. Während Blur die Konkurrenzspielchen nicht genossen, beziehungsweise sogar unter dieser litten, schienen Oasis ihren Spaß zu haben. Albarn beschrieb die Gallaghers als Mobber, die er ertragen müsse. Noel Gallagher sagte über Albarn und Graham Coxon, den Lead Gitarristen von Blur, dass er beide hasse und hoffe, dass die beiden AIDS kriegen und sterben. Er entschuldigte sich zwar schnell, aber diese Formulierung zeigt das Ausmaß der Rivalität.

Am 11.09.1995 veröffentlichten Blur ihr 4. Album “The Great Escape” und erreichten Platz 1 der UK Album Charts. Das Album wurde beinahe durchweg sehr gut aufgenommen und erhielt in den UK eine 3-fache Platin Zertifizierung.

Oasis überholen Blur

Trotz dieses Erfolges, konnten Oasis mit der Veröffentlichung von “(What’s the Story) Morning Glory?” am 02.10.1995 Blur endlich überholen. Das Album verkaufte sich in der ersten Woche 345.000 Mal. Dies war ein erneuter Rekord. Das Album war 10 Wochen auf Platz 1 der UK Album Charts. Auch in den USA konnten Oasis große Erfolge erzielen und schafften damit etwas, was Blur bis dahin nicht gelungen war. Außerdem spielten sie in ihrer auf das Album folgenden Welttour die größten Konzerte, die es bis dahin gegeben hatte. Das Album wurde in den UK mit mehr als 4.7 Millionen Verkäufen 15-fach Platin zertifiziert. Auch die auf das Album folgende Singleauskopplung “Wonderwall” wurde extrem erfolgreich. Allein in Großbritannien wurde die Single über 3 Millionen mal verkauft und 5-fach Platinum zertifiziert. Sogar heute ist dieser noch sehr erfolgreich. Inzwischen hat der Song fast 1.2 Milliarden Streams auf Spotify erreicht (Stand 19.07.2021).

Bei den Brit Awards 1996 erhielten Oasis 3 Awards, während Blur keinen einzigen gewannen. Oasis ließen auch hier die Chance nicht ungenutzt, Blur eins reinzudrücken, indem sie eine interessante Version von Blurs "Parklife" zum Besten gaben.

Politiker wie Tony Blair erkannten das Potenzial des Britpop für eine gute Öffentlichkeitsarbeit und versuchten in den Lichtkegel der Aufmerksamkeit zu rücken. Die Briten identifizierten sich stark mit “ihrer” Musik. Ein Auftreten im Dunstkreis der beliebten Musiker konnte für einen Politiker Sympathiepunkte bedeuten. Tony Blair hielt etwa im Jahr 1996 eine Rede bei den BRIT Awards. Zwar überreichte er David Bowie und damit keinem Britpop Musiker einen Award, aber Bowies Einfluss auf Britpop-Bands ist nicht zu vernachlässigen.

Alles hat ein Ende

Zu diesem Zeitpunkt war die Spitze des Britpop erreicht. Albarn und Coxon erkannten, dass es für Blur an der Zeit war einen neuen musikalischen Weg zu gehen. Coxon wollte, dass Blur wieder Musik schreiben, die den Leuten Angst einjagt. Sie nahmen ihr neues Album “Blur” auf, welches am 10.02.1997 veröffentlicht wurde. Trotz besorgter Kritiken, konnten sie wieder Platz 1 der UK Charts und sogar große internationale Erfolge erzielen. Das Album beinhaltete Hit Singles wie “Beetlebum” und “Song 2”. Oasis hingegen blieben ihrem Stil treu und schrieben weiter Britpop. Wie etwa 1997, als sie ihr drittes Album “Be Here Now” veröffentlichten.

1998 gründete Albarn zusammen mit dem Künstler Jamie Hewlett die Band “Gorillaz”, welche ebenfalls enorm erfolgreich wurde. Während Blur weiterhin existieren, lösten sich Oasis 2009 wegen bandinterner Streitigkeiten auf. Und wie es so oft in der Retrospektive ist, bekannte Noel Gallagher, dass er die ganze Rivalität zwischen Blur und Oasis im Nachhinein als total unnötig erachtet.

Heute sind Noel Gallagher and Damon Albarn sogar befreundet. Damon sagt, dass Noel so ein guter Freund sei, weil es fast keinen einzigen Menschen gibt, der in den 90ern Ähnliches wie er erlebt hat.  

Zum Abschluss noch ein Video von einem Charity Fußball Spiel, bei dem Liam Gallagher, Damon Albarn und Robbie Williams zusammen Fußball spielen. Außerdem eine große Playlist mit vielen Klassikern des Britpop. 

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