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15.11.2017

Deutsch singen lernen - Tipps zum besser klingen auf Deutsch

Deutsche Sprache, sperrige Sprache?

Knapp 100 Sängerinnen und Sänger habe ich gefragt: Warum singt und schreibt ihr auf Englisch und nicht auf Deutsch? Die Antworten waren teilweise so verschieden, wie die Menschen und Musikstile, die dahinterstehen.

"Ich klinge sofort nach Schlager und Musical, wenn ich anfange auf Deutsch zu singen und zu schreiben. "Man denkt im Deutschen noch mehr darüber nach, was man da sagt. Es muss Gehalt haben, damit es keine leeren Phrasen und Floskeln werden. Man kann sich hinter der englischen Sprache besser verstecken." "Die Sprache muss das Gefühl, das man ausdrücken will, in einem Song rüberbringen können. Das kann immer was anderes bedeuten, die deutsche Sprache ist sehr detailverliebt, vielseitig, aber auch kantig und hat viele Zischlaute und Konsonanten. Die englische Sprache hat deutlich mehr Vokale und kommt grundsätzlich mit weniger aus, was es erstmal viel einfacher macht, sie zum Klingen zu bringen... Aber am Ende ist das was total Persönliches und natürlich auch eine Frage, wie man so an Musik herantritt."

Darüber hinaus sagten viele, dass sie international spielen und überall verstanden werden wollen - sie möchten sich nicht durch die Sprache der Songs territorial einschränken.
Andere wiederum stellen beim Songwriting fest, dass sie sich zwar auf Deutsch besser ausdrücken können, musikalisch aber in einer Richtung landen, die nicht passt. Der Versuch, anschließend die englischen Ideen ins Deutsche zu übersetzen, wirkt oft konstruiert und nicht mehr authentisch. Die Wahl der Sprache ist somit nicht nur eine des Wortmaterials, sondern auch eine stilistische und soundästhetische Entscheidung.

Neben unseren Hörgewohnheiten, musikalischer Sozialisation in der Familie, Freundeskreis oder im Studium und der Sprachverständlichkeit ist es demnach primär der Sound unserer Stimme, nach dem wir entscheiden, in welcher Sprache wir singen.

Im Folgenden möchte ich auf die wichtigsten musikalischen Parameter eingehen, die uns den Umgang mit der deutschen Sprache beim Singen erleichtern können. Dabei sollen einzelne Hörbeispiele von deutschsprachigen Sängerinnen und Sängern meine Aussage musikalisch bekräftigen.

Phrasierung

Phrasierung ist eine Interpretation der gesungenen Töne durch eine individuelle, meist intuitiv getroffene Auswahl an gesanglichen Ausdrucksmitteln. Sie setzt sich aus vielen musikalischen Parametern wie beispielsweise Lautstärke, Rhythmik, Artikulation und Pausensetzung zusammen. Dazu habe ich eine musikalische Phrase ausgesucht, bei denen diese sehr gut miteinander harmonieren.

Der Prechorus aus dem Song "Outro" von Louka:

Rhythmik

Bist du nur hergekommen, um mir dabei zu zuschaun,
wie ich meine Teile sammle und sie neu zusammen bau?
Was machst du noch hier?

Singt die Sängerin Louka im 1.Prechorus in ihrem Song "Outro". Durch die parallele Satzstruktur und die fast identische Anzahl an Silben hat Louka viele Möglichkeiten diese Stelle rhythmisch zu gestalten und den Song kurz vor dem 1. Chorus so auf eine weitere Ebene zu bringen. Als Vorbereitung auf diesen Artikel habe ich Louka ein paar Fragen gestellt.

Frage an Louka:
Im Prechorus von "Outro" singst du sehr rhythmisch. Es gibt noch weitere Stellen auf deinem Debütalbum "Lametta", in denen du mit dem Text-Ton-Verhältnis spielst. Da bewegst du dich auf einem schmalen Grat zwischen Gesang und Sprechgesang - was reizt dich daran? Die rhythmische Dichte, der Energieschub, wie sich deine Stimme mit anderen rhythmischen Motiven und Elementen verzahnt oder etwas ganz anderes?

Louka: Ja, eigentlich alles, was du gerade aufgezählt hast, plus die Haltung, die Attitude, die ich dabei einnehme. Ich fühle mich da stark und auch selbstbewusst und das macht mir Spaß. Ich finde es toll, dass es die Möglichkeit von Sprechgesang gibt, um sich nicht in der Wortwahl oder Länge der Aussage oder Präzision der Aussage, die ich machen will, beschneiden zu müssen.

Ein weiterer hörenswerter Song zu dem Parameter Rhythmik ist "Bungalow" der Band Bilderbuch. Maurice Ernst, der Sänger der Band, benutzt die Sprache wie ein Rhythmusinstrument. Hört euch dazu insbesondere die Bridge an:

Artikulation

Viele Sängerinnen und Sänger haben eine sehr eigene und unkonventionelle Art zu artikulieren (die Weise, wie die Worte ausgesprochen werden), die sie im Laufe ihres musikalischen Schaffens entwickelt haben.
Die meisten Sängerinnen und Sänger - mich eingeschlossen - gehen rein intuitiv vor und treffen ihre Entscheidungen aus dem Bauch heraus.
Ob das bei Balbina auch der Fall ist, weiß ich nicht. Eine bewusst gesetzte Artikulation kann ein Stilmittel sein. Letztendlich ist nicht entscheidend, welchen Ansatz oder welche Herangehensweise man bevorzugt oder verfolgt - es zählt, wie es am Ende klingt.
Hört und schaut mal dazu Balbina mit ihrem Song "Das Kaputtgehen" an:

Dynamik/Tempo

Frage an Louka:
Kann ein temporeicher und dynamischer Umgang mit der Sprache einen eher durchschnittlichen Liedtext kompensieren?

Louka: Ich denke, das kommt auf den Hörer an, wie er das bewertet. Ich persönlich höre schon sehr auf den Text, aber ja, es kann, denke ich, schon sein, dass vor allem ein temporeicher Umgang mit der Sprache von einem Liedtext "ablenken" kann, weil dann eine einzelne Zeile nicht so viel Gewicht oder Raum bekommt, interpretiert zu werden. Im Rap zum Beispiel kann eine Füllzeile schnell zur nächsten gewichtigeren Zeile führen.

Von der Kompensation eines eher durchschnittlichen Liedtextes kann bei Louka nicht die Rede sein. Ich möchte vielmehr auf ihren Aspekt der Gewichtung eingehen.
Ein Liedtext ist kein Gedicht und darf an bestimmten Stellen Raum für die Musik lassen. Oder aber eine Zeile mehr in den Vordergrund stellen, als die Zeilen, die sie einrahmen.

Ein gutes Beispiel für eine dynamische und temposchwankene Stimme ist Anna Depenbusch in "Kommando Untergang". Sie hat eine ganz eigene Art zu singen, brilliert meiner Meinung nach jedoch nicht durch eine starke oder spezielle Stimme. Vielmehr sind es ihre Songs und Texte, welche sie auf sehr originelle und kreative Weise komponiert und singt.

Pausensetzung, Zäsur, Betonung

Jeder Mensch muss atmen. Die einen atmen öfter und oberflächlicher, andere wiederum atmen seltener und dafür intensiver. Im Durchschnitt atmen wir etwa zwölfmal pro Minute. Wenn eine Sängerin oder ein Sänger die Luft gut dosieren und über eine längere Gesangspassage einteilen kann, bietet das mehr Spielraum in der gesanglichen Gestaltung.
Man kann aber auch eine Zäsur oder Pause machen, die nicht einer Atmung geschuldet ist, sondern bewusst eine Betonung hervorrufen bzw. ein bestimmtes Wort hervorheben soll. Mit der Stimme neu anzusetzen schafft wiederum Platz für andere Parameter wie Lautstärke, Rhythmus etc. Hört euch hierzu den Song "Liesbeth" von der Band Die höchste Eisenbahn an.

Auch Judith Holofernes beherrscht dieses Stilmittel auf höchster Präzision. Sie setzt Pausen an sehr speziellen Stellen - dennoch schafft sie es, die Strophen eingängig und nicht konstruiert klingen zu lassen.
Der Klassiker "Denkmal" von der Band Wir sind Helden zum Gegenhören.

Stimmsitz (Vokalentstehung und -formung, Konsonantenschärfe)

Gisbert Zu Knyphausen "Das Licht dieser Welt":

 

Durch seine warme und hauchige Stimmfarbe ist jedes Wort in einer Zeile eingebettet. Es klingt weder kantig oder hart noch scharf oder metallisch, man findet auch keine störenden S-Laute. Er hält die Spannung weit über das Zeilenende hinaus und bleibt mit seiner Stimme körperbetont und in der Stütze. Wenn man Gisbert Zu Knyphausen singen hört, hat man das Gefühl, dass er einem ins Ohr singt oder das Mikrofon an seinen Lippen klebt, so weit vorne sitzen seine Worte, die er stilvoll und gekonnt formt und führt.

Stimmführung (Tonhöhe, Tondauer, Tondichte)

 

Cäthe singt in "Unter meiner Haut" mit viel Energie und Kraft. In diesem Song forciert (laute Töne mit viel Luft auf der Stimme) sie sehr oft ihre Töne, das erfordert eine gute Gesangstechnik, da es andernfalls für die Stimme auf Dauer anstrengend und belastend sein kann. Es gibt viele Sängerinnen und Sänger, bei denen die Stimme durch diese Art und Weise müde wird und schnell erschöpft. Ungeachtet dessen ist Cäthe eine großartige Sängerin und Künstlerin.

Natürlich stammen meine Beispiele allesamt von Künstlerinnen und Künstlern, die an sich schon eine markante und starke Stimme haben, die aufgrund ihrer Stimmfarbe auf Deutsch gut klingen. Ich kenne ein paar Sängerinnen und Sänger, die keine interessante oder besondere Stimme haben, bei denen ich beim Radiohören nicht sagen würde: "Den Song kenne ich nicht, aber ich erkenne die Stimme des Sängers sofort..."
Sie haben für mich eher durchschnittliche Stimmen, gehen dafür spielerisch mit ihrer Stimme und der Sprache um und finden Wege, ihre Stimme über starkes Songwriting, tolle Produktionen oder mehrstimmigen Gesang zu kompensieren.
Not macht bekanntlich erfinderisch, den angesagten Popsound nicht bedienen zu können vielleicht auch.

Deutschsprachiger Sprechgesang

Peter Fox oder Marteria sind Ausnahmekünstler. Wer "Stadtaffe" fünfmal hintereinander hört, entdeckt immer noch neue sprachliche Feinheiten und stilistische Finessen.

Nur noch konkret reden, gib mir ein ja oder nein.
Schluss mit Larifari, ich lass all die alten Faxen sein. (2. Strophe / "Alles neu" von Peter Fox)

Peter Fox rhetorisches Schmuckelement ist es, Worte aneinanderzureihen, die einem gemeinsamen Vokal zugrunde liegen, inhaltlich jedoch kaum zusammenpassen.
Der ungewöhnliche Kontext, welcher bei dieser Herangehensweise Sätze zu bilden, entsteht, löst einen starken "Flow/Drive" aus.
Er ist ein Wortakrobat, bei dem jede Zeile auf wörtlicher und inhaltlicher Ebene so gut ist, dass sie für sich stehen könnte.

Aus dem vollen Wortschatz schöpfen

Es gibt mehr Sprach- und Wortfelder in unserer alltäglichen Poplandschaft, als wir annehmen und wahrnehmen. Ein gutes Beispiel sind Balbina und Cäthe. Sie vertonen Alltagsgegenstände - Cäthe zum Beispiel Gelbe Kartons, bei Balbina sind es Wecker und Seife. Da fragt sich der ein oder andere vielleicht, ob das zu unschicklich oder vulgär klingt, wenn eine Frau "Stulle mit Hack" singt...

Da entwickelt jeder seinen eigenen Geschmack, seinen ganz persönlichen Umgang mit der Sprache. Es ist vollkommen in Ordnung zu sagen: "Das würde ich so nicht singen, das passt nicht zu mir oder sind nicht meine Worte." Vertraut auf euer Bauchgefühl. Habt die Haltung und den Mut zu euch und eurer Meinung zu stehen.

Die Songs, die noch nicht geschrieben wurden

Die Herausforderung bleibt: den 100.000 Song über nicht erwiderte Liebe zu schreiben und es in Worte und Bilder zu packen, die originell und innovativ sind, die wirklich noch nicht existieren, ist schwierig - egal in welcher Sprache man sich ausdrücken will.

Lest dazu auch unseren Workshop Songtexte schreiben lernen.

Nur am Rande

Letzten Endes ist es nicht entscheidend, in welcher Sprache man singt. Ich war bereits auf vielen Konzerten, bei denen ich kein Wort verstanden habe und trotzdem wusste, worum es geht. Es geht um den Ausdruck und die Hingabe in der Stimme. Um das hören zu können, sind keine Sprachkenntnisse erforderlich. Man kann nicht nicht kommunizieren.
Ich möchte unterhalten werden. Die Stimme muss mich berühren - egal ob auf traurige, humoristische, körperliche, melancholische oder nachdenkliche Weise.

Das soll kein "Macht mehr deutschsprachige Musik"-Artikel sein, ich wollte vielmehr auf die vielen Möglichkeiten hinweisen, die uns zur Verfügung stehen, deutsche Songs weich und cool klingen zu lassen. Es sind lediglich Anstöße und Impulse, ihr entscheidet wie und auf welche Weise ihr singt. Es gibt kein Richtig oder Falsch, es ist und bleibt Geschmackssache.

Barbara

P.S.:
Wer sich negative Beispiele zu Ohren führen will, kann sich fast ausnahmslos alle deutschen Musicalübersetzungen anhören, die 1:1 nach Inhalt und nicht nach Klang oder Text-Ton-Verhältnis übersetzt werden.

Weitere Hörbeispiele von Künstlerinnen und Künstler, die interessant mit der deutschen Sprache umgehen:

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