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01.04.2021

Der Wahl-O-Mat 2021 für FOH-Techniker

Gesundheit, Lockdown, Steuern und Finanzen, soziale Gereichtigkeit, Integration ...

Für Meinungs-Unsichere gab’s beim letzten Urnenwettrennen den Wahl-O-Mat. Ein lustiges Ding. Da wurden zielführende Fragen nach dem Multiple-Choice-Verfahren gestellt. Und wer nicht in den Monaten davor komplett auf dem Baum geschlafen hatte, kannte das Resultat seiner Antworten eigentlich schon vorher. Versuchen wir, dieses Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung auf die Eventbranche anzuwenden. Hier kommt der Wahl-O-Mat für FOH-Tontechniker und PA-Anforderungen:

Logo, dass man sich Schritt für Schritt annähert. Also erst man locker und lässig dem Kernthema der sozialen Gerechtigkeit widmen, um für ein möglichst gutes und seriöses Gefühl zu sorgen.

Soziale Gerechtigkeit

Frage: Sollten Kaffeemaschinen vom Veranstalter gefördert und bereitgestellt werden?

  1. Nein, ich habe meine eigene
  2. Ich bin noch unentschlossen
  3. Ja, unbedingt

Frage: Sollte für peinliche Situationen ein flächendeckender Mindesthohn durchgesetzt werden?

  1. Ich lasse meinen Humor nicht reglementieren
  2. Ich bin noch unentschlossen
  3. Ein reguliertes Minimum an Schadenfreude sollte branchenüblicher Standard sein

Frage: Sollten die Musiker auf den FOH-Techniker hören?

  1. Wer nicht hört, den bestraft der Sound
  2. Ich diene gerne unterwürfig
  3. Man sollte sie vertraglich dazu verpflichten

Integration

Schon beschleicht dich der Gedanke, du hast schon mit dem ersten Kreuz geklärt, zu welcher Wählerschaft du gehörst. Eben dieses typische „Wenn-Dann-Prinzip“. Die Wahl-O-Matismen gehen dann nach klassischen Muster direkt zur Frage der Integration über. Was bitte erwartet das Matching-Gerät von dir? Zunächst ist es für dich eine selbstverständliche Anforderung, sämtliche Schallquellen, Instrumente und Mikrofone immer perfekt in den Gesamtsound zu integrieren. Außerdem lebst und arbeitest du in einer grundsätzlich internationalen Branche.

Frage: Kann es eine Obergrenze für die Integration der Schallquellen geben?

  1. Quatsch
  2. Höher als 32 Meter traue ich mich nicht
  3. Soll ich dem Drummer etwa sagen, er soll wegen mangelnder Kanäle zu Hause bleiben?

Sicherheit

Als Nächstes folgt die Sicherheit; ganz wichtig für Techniker. Die innere Sicherheit ist für dich eine Grundanforderung. Wie solltest du deinen Job erledigen, wenn du nicht eine gewisse Portion an gesundem Selbstvertrauen hast? Man muss sich eben auch durchsetzen können. Nicht minder wichtig: die äußere Sicherheit. Da tauchen plötzlich solche selbsterklärenden Fragen auf wie: „Ist die leistungsfähige Stromspannung für sie wichtig?“ oder „Sollte es für die Traversen, geflogenen Boxen und Lichtkomponenten Sicherheitsvorschriften geben?“ Hallo O-Mat, geht’s noch? Da gibt es keine Alternativen. Oder willst du darüber abstimmen lassen, ob jemandem das Equipment auf die Birne fällt?

Frage: Wünschst du dir Sicherheit für Publikum, Künstler und dich selbst?

  1. Ja
  2. Ja, passt
  3. Ja, unbedingt

Steuern und Finanzen

Im nächsten Schritt wird der geneigte Wahl-O-Matiker zum maßgeblichen Thema von Steuern und Finanzen geleitet. Da geht’s um wahrhaftige Grundsatzfragen. Beim Steuern steht immer die Entscheidung im Raum, wieviel der Show man automatisiert ablaufen lässt bzw. wieweit manuell nachjustiert werden sollte. Praktikern ist bewusst, dass die Automatisierung sowohl von Akustik als auch der Lightshow im Idealfall als Basis verstanden werden darf. Immer aber muss die Möglichkeit zum Direktzugriff erhalten bleiben, zumal keine einzige Location wie die andere ist und auch jeder Gig seine individuellen Überraschungen bereithält. Damit wäre die Steuerthematik aus praktischer Sicht schon mal geklärt. In Sachen Finanzen darfst du dich zwischen schlechter, erträglicher oder vernünftiger Bezahlung entscheiden. Sind doch mal tolle Alternativen. Mensch, Wahl-O-Mat, glaubst du ernsthaft, hier würde irgendwer vorsätzlich in die unterste Schublade greifen?

Frage: Sollten Sound- und Lichtsteuerung automatisiert ablaufen? 

  1. Der manuelle Zugriff muss immer gewährleistet sein
  2. Augenblick, ich rufe eben meinen Telefonjoker an
  3. Am besten alles vorher fixen, dann gibt’s keine Debatten

Kernthema Bildung

Bildung ist eins der Hauptthemen für den Online-Meinungsbildner schlechthin. Und das ist gut so. Immerhin geht’s dabei um die Zukunft des FOH-Landes. Ohne Bildung funktioniert auf Dauer gar nichts. Im FOH-O-Maten kannst du dich zwischen Rudelbildung, Teambildung, und Einzelkämpfer-Faktor entscheiden. Im Gegensatz zum Wahl-O-Mat der Bundesregierung hat die FOH-Variante hier eine ganz spezielle Abzweigung: Wer sein Kreuz bei „Einzelkämpfer“ macht, wird unmittelbar aus dem Programm geschmissen. Er geht nicht über „Los“; stattdessen werden seine anonymen Daten weitergeleitet und die Wahlberechtigung wird ihm direkt entzogen.

Frage: Bist du der Meinung, Tontechnik sei ein Thema für kommunikative Teamplayer?

  1. Eine Hand schrubbt die andere
  2. Darf ich darüber nochmal nachdenken?
  3. Ich bin der einzelkämpfende Fader-Held schlechthin, keiner pfuscht mir ins Handwerk!  

Innovation und Vermittlung von Kernwissen

Abschließend spannend wird’s dann bei den Equipment-Fragen, so beispielsweise zur Größe der Anlage. Hier ein Auszug:

Frage: Bist du der Meinung, die Anlage sollte zur Location passen?

  1. Hauptsache groß und laut genug, der Rest wird schon passend gemacht.
  2. Ich bin noch unentschlossen.
  3. Klingen kann nur Equipment, das auf die Größenordnung des Events ausgerichtet ist

Frage: Sollte im Roadbetrieb so viel wie nur möglich mitgeschleppt werden?

  1. Logo, schließlich muss es auch optisch kesseln
  2. Ich bin noch unentschlossen
  3. Nur perfekte Planung hilft, körperliche Anstrengung und Logistikkosten zu minimieren

So kann es munter weitergehen. Das Ergebnis aus der Vogelperspektive kann dir ungefähr drei Dinge sagen: 

1.) Hast du dich immer für die erste Antwort entschieden, bist du möglicherweise ein anpassungsfähiger Praktiker, der Muskeln, Hirn und Routine in Einklang bringt.

2.) Treffen auf dich die zweiten Antworten zu, dann – oha – bist du offensichtlich noch unentschlossen.

3.) War die Wahl der Wahl für dich Antwort Nummer 3, bist du ein organisierter Zeitgenosse, dem systematische Planung und Planbarkeit unbedingt wichtig sind. Ganz neue Erkenntnis. Als hättest Du’s nicht von Anfang an gewusst.

Dein ermüdetes Fazit nach gefühlten 96 Fragen könnte durchaus lauten, dass Fakten und Wahlmöglichkeiten sich grundlegend widersprechen und natürliche Feinde sind. Der Equipment-Wahl-O-Mat hat sich insofern entschieden, eine Illusion zu bleiben.

Gesundheit

Die gutgemeinten Abschiedsfloskeln haben sich in den vielen vergangenen Monaten geradezu evolutionär auf das sagenhafte „Bleib gesund“ reduziert. Aus dem einstig musikalischen „Stay tuned“ ist ein solidarmedizinisch anmutendes „Stay at home“ geworden. Im Road-Betrieb hattest du für Gesundheit keine Zeit. Dann hat sich im arbeitsentleerten Lockdown lupenscharf gezeigt, wie zerrüttet dein körperlicher Zustand als Veranstaltungstechniker längst ist. Aber selbstverständlich wünschst du allen Menschen, dass sie virenfrei gesund bleiben mögen. Der Wahl-O-Mat hat Fragen:

Frage: Welchen Stellenwert hat das Thema Gesundheit für dich?

01. Ein gesunder, satter Sound ist immer wichtig.

02. Kann ich die Frage noch mal hören?

03. Orthopäden kann es in unserem Job gar nicht genug geben.

Frage: Sollte man Konzertbesucher, Crew und Künstler zukünftig allesamt testen?

01. Natürlich muss man sämtliche Geräte testen, ohne Soundcheck geht gar nichts.

02. Lass mich bis zur nächsten Ministerpräsidenten-Konferenz nachdenken.

03. Am besten vorher und dann regelmäßig im Abstand von zehn Minuten.

Frage: Sind Mutationen vergleichbar mit schlecht gespielten Coversongs?

01. Den Song muss ich – meistens – nur einmal hören.

02. Nächste Frage bitte.

03. Lieber einen schrägen Ohrwurm als ein unheilbringendes Virus.

Konzerte

Bereits bei der Überschrift wird dir schwindelig. Erst entwirfst du mit der gesamten Crew Hygienekonzepte, reduzierst die Zuschauerzahlen auf ein gerüttelt Maß an Minimum, hältst von deiner Schwiegermutter sogar vorbildliche 20 Meter Abstand, dann werden die Konzerte abgesagt und eingefroren.

Ja, du verstehst die Notwendigkeit. Und nein, dass die Event- und Kulturbranche im Stich gelassen und ausgeblutet wird, begreifst du nicht. Jetzt soll es für den kulturstutzigen Wahl-O-Maten zum Auswertungskriterium werden, wie und ob du dich auf Konzerte freust? Na dann:

Frage: Bei welchen Konzerten würdest du gerne wieder im FOH am Mischpult stehen?

01. Keine Aussage ohne meinen Anwalt.

02. Was bitte ist ein Konzert?

03. Was bitte ist ein Mischpult?

Frage: Wie sehr fehlen dir die Live-Konzerte?

01. Frag mal mein Bankkonto!

02. Ich habe keinen Kaffee mehr.

03. Auf dem Balkon wird’s langsam langweilig.

Frage: Was fehlt dir bei den Konzerten am meisten?

01. Wahl-O-Mat, sei jetzt ganz, ganz vorsichtig!

02. Es ist so lange her, ich kann mich nicht mehr erinnern.

03. Die wunderbar körperfreundlichen Arbeitsbedingungen.

Lockdown

Das Schreckgespenst Lockdown hat die Eventbranche unbarmherzig eingekesselt. Mit kaum zu überbietender Dramatik ist es nach dem Prinzip „First in, last out“ erdrutschartig über uns hinweg gekesselt. Der Wahl-O-Mat will wissen, inwieweit es dich finanziell getroffen und psychisch ausgebremst hat. Du bist empört. Dass er diese Thematik auch nur anzukratzen wagt, ist bereits die gelebte geistige Inkontinenz schlechthin. Nur wer wegsieht, kann dieses Thema als meinungsbildend darstellen. Wahl-O-Mat, öffne deine Datenbank-Augen!

Frage: Fürchtest du dich vor einem nächsten Lockdown?

01. Mein Vermieter fürchtet sich mit mir.

02. Ist es schon wieder soweit?

03. Fürchten muss man sich offensichtlich nicht nur vor dem Unbekannten.

Frage: Hat dir die Lockdown-Zeit gereicht, um dich von deinem Job zu erholen?

01. Die Verspannungen sind vom Rücken in den Kopf gekrochen.

02. Ich bin jetzt immer so müde.

03. Aus einem Unfallwagen macht man keinen Neuwagen mehr.

Frage: Bist du eher traurig und verzweifelt, wütend oder verständnisvoll?

01. Ich verstehe mein FOH-Rack nicht mehr.

02. Ich habe kein Bier mehr.

03. Verstehend wütend und verständnisvoll deprimiert.

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