Workshop
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06.06.2017

Deep House produzieren - Sounddesign, Arrangement und Beats

Workshop Deep House

Beats produzieren am Beispiel von Marc Narrow ft. Robin Gambler & Ian Late - L.O.V.E

Deep House ist eigentlich eine Weiterentwicklung des Genres House Music. Die Einfachheit und Tiefe dieses Stils sollen eher emotionale Stimmungen darstellen, anstatt Hands-Up-Momente zu erzeugen. Meist werden reduzierte, analoge und warme Sounds zu minimalen Beats eingesetzt, die sich über einen kompletten Song durch Automationsfahrten „weiterentwickeln“. Diese Parameteränderungen erzeugen einen Sog, der die Zuhörer hypnotisch in den Bann ziehen soll. Deep House ist daher langsamer angesiedelt als clubbige House oder Techno Tracks.

Im folgenden Workshop erkläre ich, wie ich meinen eher poppigen Deep House Song „Marc Narrow ft. Robin Gambler & Ian Late - L.O.V.E.“ produziert habe. Sounddesign, Bass- und Melodieverläufe, Vocal- und Song-Arrangement, Effekte und Mix gehören zu den Hauptbestandteilen der Arbeit, aber auch der minimale und trotzdem abwechslungsreiche Groove.

Die Entstehung

Deep House ist aus der House Music abgeleitet, die Ende der Achtziger populär wurde. Es wird der Groove (Shuffle, Swing) eines House Tracks beibehalten, aber es kommen bei Weitem nicht so viele Sounds zum Einsatz. Die eher in Dur gehaltenen House Songs sind fröhlich, Deep House dagegen ist eher Moll-lastig. Das Hauptmerkmal bekannter Deep House Tracks sind gesampelte und gefilterte Klavierakkorde, die als Chord über einen Sampler über die Klaviatur gelegt und abgespielt werden. Diese Chords bestehen meist aus zwei Noten, die sieben Halbtonschritte auseinander liegen. Gerne legen die Produzenten darauf Tape Delays, die in Intensität, Geschwindigkeit und Feedback automatisiert werden.

In den letzten Jahren entwickelte sich aus dem Genre Deep House eine neue Szene. Ein eher poppiges und radiotaugliches Deep House wurde rasant populär (zum Beispiel: Robin Schulz). Gesang und einfache Pop-Melodien stehen im Vordergrund, der eigentliche Charakter des Deep House ist so gut wie nicht mehr zu erkennen. So findet elektronische Musik erfreulicherweise wieder in den Charts statt und erhält stärkeres Gewicht. 

Mein Projekt „Marc Narrow“ liegt vornehmlich im poppigeren Bereich des Deep House. Der Song „L.O.V.E.“ ist in mehreren Schritten und in zwei Studios entstanden.

Basics

Zuerst baue ich in meiner DAW Ableton Live einen Beat im für elektronische Dance Music üblichen Viervierteltakt. Die Geschwindigkeit meines Songs „L.O.V.E.“ liegt bei 122 BPM. Darüber spiele ich Melodien und Akkorde mit einem Piano, das ich jederzeit durch ein anderes Instrument ersetzen kann, falls mir der Sound des Klaviers nicht zusagt. Im Session View von Live erstelle ich mehrere Loops und Sequenzen, die ich wie in einer Bibliothek sammle. Die passenden, mich inspirierenden Parts übernehme ich in das Arrangement. So entsteht ein Instrumental. Diesen Song schicke ich zu einem Textschreiber und Sänger, der mir dann seine Gesangsaufnahmen zuschickt. Zusammen mit meinem Instrumental ergibt sich der fertige Song, auf dessen Struktur und Sounddesign ich im Folgenden tiefer eingehe. 

Aufbau eines Deep House Tracks

Die verschiedenen Versionen/Edits meines Tracks sind wie folgt aufgebaut:

Radio Edit (maximal 3:30 Minuten):

  • Intro (startet mit Hauptmelodie und Vocals)
  • Beat-Part 1
  • kleines Break
  • Beat-Part 2
  • großes Break
  • Beat-Part 3 mit Outro

Extended Version:

  • Intro (ein minimalistischer Beat-Teil, mit dem der DJ gut anfangen oder mixen kann)
  • Beat-Part 1
  • kleines Break
  • Beat-Part 2
  • Überleitung zum großen Break
  • großes Break
  • Beat-Part 3
  • Outro

Sounddesign

Meine Bass Drum ist ein Sample einer Roland TR-808 Kick Drum, gemischt mit dem Klick-Anteil einer TR-909-Kick. Der Bauch der 808 wurde stark mit einer Lautstärke-Hüllkurve reduziert, sodass der Bass nur kurz und prägnant ertönt. Dies hat den Vorteil, dass ich trotz des gewaltigen Subbasses viel Platz für eine weitere Basslinie erhalte. Der Klick-Anteil der 909 ist ebenfalls ein Sample, das per Equalizer in den tiefen Frequenzen beschnitten wurde. Für mich ist lediglich der Mitten- und Höhenbereich des Sounds interessant. Beide Sounds zusammengemischt ergeben meine Kick Drum.

Während des Übereinanderlegens der beiden Samples kann ich einen Sound in der Zeit (im Nanosekunden-Bereich oder in Samples) leicht verschieben, bis ich meine gesuchte Kick erhalte. Probiert diese Technik selbst aus und ihr werdet bemerken, dass bei jeder Verschiebung neue Kick-Drum-Samples entstehen. Habt ihr den richtigen Klang gefunden, friert ihn ein oder resampelt die Spur. Jetzt könnt ihr eine neue Sequenz mit der neuen Kick aufbauen. Meine Spur besteht lediglich aus vier Kick Drums, die jeweils auf die vollen Zählzeiten (1, 2, 3 und 4) gesetzt werden.

Meine Hi-Hats sind ebenfalls eine Mischung aus unterschiedlichen Percussion-Instrumenten und analoger Drum-Synthesizer. Ich nehme sehr gerne echte Shaker auf. Meine günstigen Egg-Shaker aus dem Hause thomann.de sind klanglich immer wieder attraktiv. Im Thomann-Store bekommt ihr ein Bundle (link?) mit vier verschiedenen Eggs, die unterschiedliche Sand- beziehungsweise Steingrößen enthalten und sich somit in Lautstärke und Intensität unterscheiden.

Sehr gut gelingen mir die Aufnahmen mit meinem Sontronics STC Stereo-Mikrofonpaar. Durch leichte Bewegungen vor den Mikros erzeuge ich zusätzlich ein Stereo-Bewegung in der Aufnahme. Interessant ist auch die Nutzung von zwei Egg Shakern für eine Aufnahme. Fehler im Groove sind nicht schlimm. Im Gegenteil, bringen sie doch Abwechslung in das eher starre Sequenzer-Konstrukt. Sollten die Fehler negativ auffallen, könnt ihr diese mit Ableton Lives Warp-Funktion geraderücken.

Wer ein wenig mehr investieren möchte, sollte eine große Kiste mit echten Percussion-Instrumenten kaufen. Denn nur so gelingen euch einzigartige Grooves und Beats mit eigenen Sounds. Studioshaker, Tamburin, Bongos, Congas - das sind nur einige Instrumente, die ich immer einsetze.

Zu den Shakern mische ich eine Closed Hi-Hat meiner Roland TR-909 oder TR-8. Diese sitzt zwischen den vollen Zählzeiten („und‟). Damit verleihe ich dem Groove einen weiteren Akzent und mehr Dynamik.

Für den weiteren Groove suche ich einige Bongo- und Conga-Samples, die ich in eine NI Maschine lade. Dort programmiere ich einen zum Beat passenden Loop, der unaufdringlich und eher minimal gehalten sein sollte. Für die Programmierung dieses Loops nehme ich meistens eine kurze Sequenz live auf, die ich nachträglich feinjustiere. Somit behalte ich die verschiedenen Velocity-Werte, die dem ganzen Loop mehr Leben verleihen.

Das nächste Element ist ein Snare-Drum-Sample aus einer -Bibliothek. Es sitzt auf der Zwei und der Vier. Ein Clap der TR-909, die ich mit einem Equalizer in den unteren Frequenzen beschnitten habe, reichert den Gesamtsound in den Mitten an. Diese sitzt auf der Zwei und Vier-und sowie jeden zweiten Takt geshuffelt 1/32tel später. Die Clap-Spur ziehe ich gerne ein bis zwei Millisekunden nach vorne, sodass der Sound kurz vor Snare und Kick Drum ertönt. Dadurch ergibt sich ein Ziehen zum vollen Schlag.

In den Breaks verschwinden die meisten Beat-Elemente, um dem Zuhörer eine Pause zu gönnen und den Fokus auf die Melodie zu lenken. Kurz vor Ende des Breaks wird ein „Wind“-Sound oder Weißes Rauschen über zwei bis vier Takte eingeblendet. Auf dem ersten Schlag der folgenden Kick Drum endet dieser Effekt, gleichzusetzen mit einem Trommelwirbel, der vor einem wichtigen Song-Part gespielt wird.

Als Bass-Instrument nutze ich bei „L.O.V.E“ eine Novation Bassstation 2. Die sehr warm und rund klingende, leicht zu gefilterte Rechteckwelle wird durch eine Hüllkurve sowohl in der Lautstärke als auch in der Cutoff-Intensität geformt. Dadurch bekomme ich einen kurzen Sound in den Obertönen des Basses, aber auch einen etwas länger ausklingenden Subbass in der gespielten Basslinie.

Die zweitaktige Melodiesequenz läuft recht monoton durch den kompletten Titel. Da einige Noten gleichzeitig mit der Kick Drum gespielt werden, setze ich den bei Live mitgelieferten „Glue Compressor“ mit aktiviertem Sidechain ein. Meine Kick Drum triggert über den Sidechain-Eingang den Kompressor, sodass sich Kick und Bass nicht in die Quere kommen.

Die Main Chords spiele ich über ein Klavier (Kontakt: „Alicias Keys“) ein. Diese Akkordfolge läuft ebenfalls durch den kompletten Song, wird aber über Filter- und Effekt-Automation ständig in Bewegung gehalten. Langeweile kommt also nicht auf. Zusätzlich mische ich in den Beat-Parts dasselbe Piano um eine Oktave angehoben leise dazu. Das gibt dem Ganzen mehr Obertöne und lässt den Sound im Mix mit Kick Drum und Bass nicht komplett verschwinden.

Als Zugabe und Variation kommen zeitweilig Chords und Einzeltöne des Fender Rhodes MK 1 dazu. Glücklicherweise besitze ich ein echtes E-Piano und kann es direkt in mein Arrangement aufnehmen. Es gibt so gut wie keine guten Emulationen dieses E-Pianos, das bei jedem Tastenanschlag unterschiedlich reagiert und somit sehr abwechslungsreich im Song wirkt.

Als Pad-Sound nutze ich gefilterte Akkorde, eingespielt mit einem Roland Juno-106. Modulationen nehme ich bei diesem Synthesizer der 80/90er-Jahre gern manuell auf, denn auch hier entstehen durch Fehler oft sehr gute und interessante neue Klänge. Diesen Synth könnt ihr übrigens mit dem Plug-in TAL U-NO-LX emulieren.

Die für den Song wichtigste Melodielinie kommt aus einem Elektron Analog Four. Sie wurde direkt im Arpeggiator des Synthesizers unter Einsatz extremer Modulation diverser Parameter wie Filter, Resonanz, Decay und Release sowie der internen Reverb- und Delay-Effekte programmiert. Zusätzlich läuft auf dieser Spur eine Automation des Xfer LFOTools, das für das Pumpen der Spur verantwortlich ist. Durch ständiges Ändern der Intensität des LFOTools scheint die Melodie förmlich durch den Raum zu fliegen.

Die Vocal-Samples in L.O.V.E stammen von einer Vinyl. Hier habe ich kurze Cuts aufgenommen und diese in Lives Simpler geladen. Mit Pitch und Timestretching wurden die Aufnahmen an die Stimmung des Songs angepasst. Durch die geschickte Aneinanderreihung der beiden Samples entstand die Idee für den Song „L.O.V.E.“.

Die eigentlichen Gesangsspuren wurden in einem anderen Studio in Berlin aufgenommen. Nach Erhalt der Einzelspuren habe ich mir die besten Teile zusammengeschnitten und passend zurecht gewarpt. Manche Stellen wurden mit Melodyne nachgebessert und im Timing verschoben. Die zweite und dritte Stimme wurde ebenfalls mit Melodyne angeglichen und teilweise in den Noten abgeändert, um ein spannenderes Ergebnis zu erzielen. Durch Filter- und Effekt-Automationen bekam die Vocal-Spur mehr Bewegung.

Eine ganz große Wirkung haben in diesem Song die beiden externen Bus-Effekte von Strymon: BigSky und TimeLine. BigSky erzeugt einen riesigen Hall, der schon in Richtung Shimmer geht. TimeLine ist ein zum Song synchronisiertes, gefiltertes Delay. Auch hier wird ein hoher Feedback-Wert genutzt. Die so erzeugten Stimmungen machen den Song aus.

Ich habe versucht, diese Effekte mit Plug-ins nachzustellen, aber leider keine Pendants zu den beiden Hardware-Effektgeräten gefunden. Ähnlich schön finde ich zum Beispiel Eventide Blackhole oder Valhalla VintageVerb.

Arrangement

Das Arrangement wurde nach einem Muster für Radio und Extended Mix grob aufgebaut. Hier habe ich mir einen bekannten Song aus den Charts in meine DAW gezogen und den Aufbau analysiert. Danach konnte ich meine eigenen Ideen einfließen lassen und dem Titel weitere markante Stellen verpassen, die ihr in den Übergängen von Breaks zu Beat-Teilen hören könnt. Alles in allem ist es ein recht einfaches Arrangement ohne experimentelle Teilstücke. Da der Titel sowohl im Radio, als auch im Club eingesetzt werden soll, sind wirre und stolpernde Elemente hier eher störend.

Mixing, Tipps & Tricks

Der Mix des Titels „L.O.V.E.“ entstand zum größten Teil während der Entstehungsphase des Songs. Da ich von Anfang an jede einzelne Spur mit Equalizer und Kompressor von den anderen Spuren getrennt habe, gibt es keine Überlagerungen an Frequenzen. Leichte Übergänge sind okay und erzeugen oft schöne warme Bewegungen. Wichtig ist, dass Kick Drum und Bass einen Low-Cut bei zirka 22 - 25 Hertz erhalten, sodass es später beim Mastering keine Probleme gibt.

Auch das Piano habe ich untenrum beschnitten, aber trotzdem so viele unteren Mitten gelassen, dass es nicht zu kühl wirkt und nach Plastik klingt. Als Equalizer ist FabFilters Pro-Q2 mein Hauptwerkzeug, das ich nicht missen möchte.

Die aufgenommenen Percussion Sounds lasse ich meist, wie sie sind (vielleicht ein leichter Low-Cut), denn nur so wirken sie authentisch – und das ist die Sound-Signatur meiner Songs. Um ein schnelles Master für einen Test zu erstellen, nahm ich in der Masterspur einen Maag Audio EQ4 zur leichten Anhebung des Air-Bandes, einen NI Solid Bus Comp (eine SSL Comp Emulation) zur leichten Summenkomprimierung und einen FabFilter Pro-L, der sich hier als Limiter sehr gut anhört. Durch einen Analyzer könnt ihr zu guter Letzt nochmals checken, ob es noch Ausreißer gibt. Falls nicht, ist der Song abgeschlossen. Nachstehend findet ihr ein kurzes Musikvideo zum Radio Edit des Songs „L.O.V.E.“ sowie einen Soundcloud-Link zu meinem Projekt „Marc Narrow“.

Soundcloud/marcnarrow

Falls ihr Fragen zum Workshop habt oder weitere Artikel über die Entstehung elektronischer Musik lesen wollt, postet doch bitte einen Kommentar. Auch wenn ihr Wünsche oder Fragen zu Deep House habt, werden wir diese gerne beantworten oder vielleicht einen weiteren Workshop über einen anderen Titel erstellen. Wir freuen uns über euer Feedback!

Besten Gruß

Euer Marcus aka Marc Narrow

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