Workshop
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30.04.2019

Wie Du es vermeidest, als Light-Composer jedes Event zu überfrachten

Für lichttechnische Einsteiger eine lohnenswerte, weil zielführende Überlegung: Was ist überhaupt eine Lichtkomposition? Der unbedarfte Normal-User oder DMX-Neuling stellt sich das mitunter ziemlich profan vor. Einfach ein paar Scheinwerfer auf die Musiker, Objekte oder in den Raum richten, an- und ausknipsen. Ein wenig Vordergrund, etwas Hintergrund und schon ist die Suppe gekocht. Beileibe nicht. Professionelle Lichtgestaltung ist ein hochkomplexes und spannendes Thema – die Bildinszenierung im dreidimensionalen Raum. Meistens barriere- und manchmal hindernisfrei, grundsätzlich aber nicht greifbar – nur sichtbar.

Angesichts der technisch mittlerweile spektakulären Möglichkeiten des Equipments kommt man leicht in Versuchung, jede Veranstaltung maßlos zuzuballern. Der Effekt? Was noch eben das Potenzial zum Besonderen hatte, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit – im Worst Case sogar das Event selbst. Hier ein paar Tipps, wie Lichttechniker sich selbst die Zügel anlegen und ihre verständliche Euphorie bremsen.

Die Basis von Licht ist die Dunkelheit – Farbe ist Emotion

Die Natur ist das beste Beispiel. Soll die Sonne aufgehen, muss sie zunächst einmal untergehen. Einen Gobo-Strahler in den Mittagshimmel von Malle zu jagen, ist so effizient wie schwarze Schrift auf schwarzem Grund. Zunächst muss eine funktionale Basis her, mit der es sich arbeiten lässt. Stupide banal, aber einleuchtend: Also warten wir, bis es dunkel wird. Nach demselben Prinzip funktioniert das in der Bühnenbeleuchtung. Tragen sämtliche PARs, Heads, Blinder, Strobes und mehr permanent ihren Senf zur Show bei, heben sie sich in diesem Wettstreit um Beachtung gegeneinander wieder auf. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Im Gegenteil. Zunächst gilt es, eine ruhevolle und dezente Lichtstimmung zu erschaffen. Die wird sich angesichts der unterschiedlichsten Songs zwischen Metal-Brett und Ballade unterscheiden, sollte aber zunächst emotional möglichst neutral sein. Das Besondere ist die Bedeutung, die dem Basislicht zugemessen wird. Es ist eben nicht eine unwichtig selbstverständliche Komponente, an die ohnehin bald nicht mehr gedacht wird. Es ist die prägnante Grundlage für alles, was sich anschließend darauf abspielen wird. Seid euch der Wichtigkeit bewusst und empfindet diesen Aspekt nicht als beiläufig.

Struktur der Dramaturgie, Reduktion auf das Wesentliche

Nun heißt es, Stück für Stück darauf aufzubauen und das große Ganze dynamisch zu steigern. Wohlgemerkt: "dynamisch". Das will sagen: Immer wieder die Gelegenheit nutzen, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren. In der Reduktion liegt die Weisheit. Der inflationäre - aber nicht minder wahre - Spruch von Muckern lautet: "Auch Pausen sind Musik". Exakt das gilt analog für die kreative Lichtshow. Ausschließlich Pausen schaffen Freiräume für Hörens- bzw. Sehenswertes, geben dem Unterbewusstsein Raum zum Atmen. Der Grundsatz lautet: Ihr wollt ein Spannungsfeld erzeugen; Monotonie gegen wirkungsvolle und intensive Kontraste tauschen. Und die gemäßigte Grundstimmung ist der einzige Kochtopf, der euch für das ansehnlich schmackhafte Lichtmenü zur Verfügung steht.

Ein Hauch von Tiefenpsychologie

Ein Kardinalfehler: Allzu leicht wird das Publikum durch zeitgleiche Vielfalt überfordert. Immer mehr Bilder werden in den Raum geschickt. Das Unterbewusstsein des Menschen wird jedoch von der sogenannten selektiven Aufmerksamkeitswahrnehmung gesteuert. Ein Begriff, von dem Marketingexperten ein betrübtes Lied zu singen wissen. Aufgrund unablässiger Reizüberflutung setzt im Gehirn ein Schutzmechanismus ein. Aufgenommen und erkannt werden nur noch die vermeintlich wichtigsten Sinnesinformationen.

In Realität und Praxis bedeutet das, dass der Zuschauer höchstenfalls zwei bis drei Bilder zugleich verarbeiten kann. Damit also die kreativen Absichten nicht ungesehen im Raum verpuffen, ist es mehr als ausreichend, für die räumliche Darstellung ein Hintergrundbild und einen seitlichen Fill zu kreieren. Bei Bedarf werden die Musiker per Punktstrahler individuell illuminiert. Oder eben alles umgekehrt und bei abgestimmtem Farbspektrum. Konzentriert euch auf wenige Bilder und setzt die musiksynchron kontrastreich.

Übersicht bewahren

Nicht selten lässt sich beobachten, dass die Scenes und Chases inklusive Dimmerkurven und mehr schlichtweg viel zu schnell wechseln. Hastig geht es von einer Darstellung in die nächste, obschon weder die Band oder der Messeauftritt danach verlangt hatte. Eine implizierte Tücke der Technik, die zugleich eine Falle für Übereifrige ist. Was innovativ in den Programmen und Lichtkomponenten integriert ist, stellt lediglich Möglichkeiten dar. Keinesfalls soll das alles rundum ausgeschöpft werden. Seid euch dessen selbstsicher bewusst, dass ihr mit dem Lichtkonzept einen der wichtigsten Teile des Events schlechthin darstellt.

Aber stellt euch ebenso zwingend in den Dienst der Sache und versteht euch als Untermalung, als das Netz mit doppeltem Boden für Musiker und deren Publikum, die tanzende Menge in der Großraumdisco oder bei der Familienfeier oder für das Produkt mit Firmen-CI auf dem Messestand. Das sind die eigentlichen Stars der Veranstaltung, die ihr unterstützt und mit Fingerspitzengefühl bei den emotionalen Hörnern packt. Kein Dienstleister, aus welcher Kategorie auch immer, würde sämtliche seiner Trümpfe schon beim Vorgang servieren. Auch Light-Composer sind Dienstleister - auf dem schmalen Grat zwischen Bombast und komplementärer Harmonie.

Querlesen der Lichtkomposition

Wir sprechen vom Light-Composing, also einer Tätigkeit, die im Vorfeld einer Veranstaltung durchgeführt wird. Selbst wenn die Zeit drängt; Kontrolle und Selbstreflektion sind immer möglich. Der Feind kreativer Menschen ist, dass sie zu ihrem Kunstwerk – und Licht ist ein Kunstwerk (!) – die Distanz verlieren. Studiomusiker kennen dieses Phänomen nur allzu gut. Nach dem zehnten Take hört man die Nuancen einfach nicht mehr. Das Gehirn belügt sich konsequent selbst. Also lässt man die Sache sacken und geht mit entsprechendem Abstand noch mal ran.

Nun ließen sich die Chases, Scenes und sonstige Szenarien immer und immer wieder anschauen. Unter dem Strich stünde ein Ergebnis, dem man selbst nicht mehr traut. Hilfreich kann es jetzt sein, die eigenen Emotionen auf Faktenebene zu holen. Beim erneuten und konzentrierten Ansehen der Komposition vor dem endgültigen Rendern bietet es sich an, sich zuvor eine Liste mit wenigen vorformulierten Fragen zu entwerfen und den Ablauf mit mittelgroßen Timeclock-Intervallen durchzuarbeiten. Auf einer Skala zwischen 1 und 10 wird daneben der gefühlte und zugleich reale Eindruck notiert.

Diese Fragen könnten beispielsweise lauten:

  • Passt die gewählte Lichtstimmung farblich zur Dramaturgie der Show?
  • Sind die Effekte wie Blinder, Laser, oder Strobes ablaufsynchron gesetzt?
  • Werden Effektvielfalt und Lichtintensität nach Erscheinen wieder reduziert?
  • Erscheinen nicht mehr als drei Bilder zeitgleich?
  • Heben Lichtimpressionen sich nicht gegeneinander auf?

Schnell wird sich auf diese Weise grafisch zeigen, ob ihr selbst Opfer des eigenen Unterbewusstseins geworden seid, und ihr könnt an den neuralgischen Punkten entsprechend gegensteuern. Alles im Sinne einer homogenen und faszinierenden Show.

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