Software
Test
10
28.04.2020

Bitwig Studio 3.2 Update Beta Test

DAW-Software

EQ+, Saturator und viele kleine Updates

Mit dem Update zu Version 3.2 haben sich die Berliner von Bitwig mehr Zeit gelassen als beim Vorgänger. Wieder sind neue Devices und Funktionen dabei, wieder wurde an vielem herumverbessert und -geschraubt. Wie sich die neuen Effekte EQ+ und Saturator schlagen, was der verbesserte Arpeggiator kann, was sich in The Grid so getan hat und wie sich die vielen neuen Kleinigkeiten im Arbeitsalltag niederschlagen, zeigen wir euch im Kurztest der Beta 2. 

Schaut man in eine von Bitwig-Fans 2017 gestartete Umfrage über noch fehlende Funktionen der DAW, ähnelt sie in einigen Punkten den Wünschen der Ableton-Community. Folgt man den leidenschaftlichen, seitenlang geführten Diskussionen im offiziellen Forum bei KVR, stößt man an manchen Stellen dennoch auf Uneinigkeit. Für einige ist zum Beispiel Comping – also das schnelle Zusammenschneiden mehrerer Aufnahmen (meistens Gesang) – ein essentieller Teil und es sei nicht nachvollziehbar, warum Bitwig nicht endlich, endlich so etwas einführt.

Andere widersprechen dem, denn in ihrer Welt gäbe es nur MIDI und Loops, mit so etwas wie Comping sollten sich die Entwickler bloß nicht aufhalten. Wieder andere erklären Workarounds und Alternativen – man streitet, manches wird persönlich genommen, es wird Seite um Seite diskutiert. Und so hat auch die Veröffentlichung von Version 3.2 für ordentlich Gesprächsstoff gesorgt. Gerade die neue Farbgebung des Equalizers spaltet die Community, aber dazu später mehr. 

Mittendrin in der Diskussion stehen die Entwickler selbst. Kaum war die erste Beta veröffentlicht, häuften sich die Beiträge von User*innen, dass einige VST-Plugins nicht richtig funktionierten. Auch wurde mehrfach nach einem Tastaturkürzel zum Ein- und Ausblenden von Plugins verlangt. Keine drei Tage später wurde Mangel A überabeitet und Idee B eingearbeitet, und Beta 2 war da – so geht Community-Arbeit. 

Das übergreifende Leitmotiv, mit dem Bitwig die Version angekündigt hat, lautet „Color your Sound“. Augenzwinkernd geht man mit dem Motto hier in zwei Richtungen. Zum einen ist mit dem Saturator nun ein waschechter Sättiger und Zerrer, sozusagen ein „Färber“, mit an Bord. Zum anderen ist mit EQ+ ein neuer, achtbandiger Equalizer dabei, der visuell viel farbenprächtiger ist, als man es bisher von Bitwig gewohnt war

Fangen wir bei selbigem an. Man kann EQ+ als eine Mischung aus EQ8 aus Ableton Live und Pro-Q3 von Fabfilter beschreiben. Was die Funktionalität betrifft, ist man eher bei ersterem zu Hause, das Visuelle wurde vom Pro-Q3 inspiriert. Für High-Cut- und Low-Cut-Filter gibt es je vier Flankensteilheiten von bis zu 48 dB pro Oktave. Dazu übliche Bandarten wie Bell, Notch, High-Shelf und Low-Shelf. Punkte im Frequenzband werden mit einem Doppelklick gesetzt. 

EQ+ bedient sich schnell und intuitiv. Dazu klingt das Plugin auch noch äußerst sauber. Daneben gibt es, wie bei allen Bitwig-Devices, auch noch die Modulatoren. Ihr wollt die LFO auf die Frequenz von drei Notch-Filtern und dazu ihre Breite in Viertelnoten-Geschwindigkeit verändern? – Sounddesign geht überall in Bitwig Studio 3.

Das neue Farbschema in der Frequenzdarstellung hat auch bei den kleinen Geschwistern EQ2 und EQ5 Einzug gefunden. Schön bunt lassen sich hier nun schneller Frequenzbereiche unterscheiden. Und Bitwig ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen: Bei über 20 Devices, die allesamt über Regler verfügen, mit denen die Frequenzbereiche eingestellt werden (wie etwa der Cutoff im Filter bei den Synthesizern), verfärbt sich der Ring um der Regler je nach Frequenzbereich. Steht er links bei den tiefen Frequenzen, ist er rot, steht er rechts, ist er eher hellblau. 

Der neue Saturator – sättigen, zerren, expandieren

Der Saturator ist, was die Qualität der Verzerrung und Färbung betrifft, ganz vorne mit dabei. Was anderorts oft nicht an echte analoge Wärme, an die Art Unregelmäßigkeit und Verzerrung herankommt, macht Bitwigs Saturator erstaunlich gut. Dazu hat man den Saturator mit einem Expander-Modul ausgestattet. Lautes kann in die Verzerrung gedreht werden, Leises, wie Snare-Ghostnotes, noch leiser. Was etwas fehlt, sind verschiedene Verzerrungsarten. Hier muss, wie so oft, der direkte Konkurrent Ableton Live Suite zum Vergleich herhalten. Das gleichnamige Device in Live 10 bietet sieben verschiedene Modi. Hier hätten wir uns in Bitwig aber eigentlich ein wenig mehr Auswahl gewünscht. 

Nicht neu dabei, aber von Grund auf überarbeitet und erweitert wurde der Arpeggiator. Vor allem die Menge an verschiedenen Modi, 17 an der Zahl, zaubert selbst aus langweiligen I-IV-V-vi-Kadenzen spannende Klangwelten. Dazu eine ungewöhnliche, aber fürs Sounddesign sehr spannende Funktion: Der Gate-Length-Parameter geht hoch bis zu 400 %. Diese Möglichkeit bedeutet, dass jede der Noten im Arpeggiator bis zu viermal länger als das eingestellte Raster sein kann. Eine weitere Besonderheit: Der Arpeggiator kann auch asynchron zum Mastertempo geschaltet werden, anstatt geraden Viertelnoten zu verwenden, also z. B. eine Note alle 50 Millisekunden. Natürlich ist das Ganze stufenlos automatisierbar.

Neue Module bei The Grid

Selbstverständlich wurde auch am großen Version-3-Feature The Grid weitergearbeitet. Ein neues Modul im Grid, das vielerorts anfangs für Kopfkratzen sorgte, ist das Array.Das ist ein zunächst sehr unscheinbares Modul, das nach einigem Ausprobieren mit den richtigen Modulen PolyGrid zu einer Art Wavetable-Synthesizer werden lässt.

Bitwig kann man nur ans Herz legen, im Presetbrowser eine Möglichkeit einzurichten, PolyGrid-Presets nach Modul zu filtern. So könnte man einige neue Instrumente mitgeben, die User*innen dann sofort ohne langes Suchen ausprobieren können – weniger Mathematik, mehr Musik. Dazu gibt es mit dem XP-Modul ein neues Filter und zwei neue Module der Logic-Kategorie: N-Latch für komplexe Signalschaltungen und Logic Delay, das nach bestimmten Regeln Verzögerungen im Signalfluss erzeugt. 

Dann ist der Saturator auch gleich als Modul dabei, was vor allem bei polyphonen Instrumenten sehr interessante Sounddesignmöglichkeiten bietet. Jede Synthesizer-Stimme kann dann einzeln gesättigt und gezerrt werden. Spielt man einen Akkord, bei dem jede der drei oder vier Noten in einer anderen Lautstärke erklingt, wird gleichzeitig auch jede der Noten anders stark verzerrt.

Automatisch Instrumente wechseln: neue Selector-Modi

Die drei Selector-Devices Instrument Selector (für virtuelle Instrumente), Note FX Selector (für MIDI-Effekte wie Arpeggiatoren) und FX Selector (für Audio Effekte) haben eine sehr spannende Neuerung mit an Bord: Zwischen einzelnen Devices kann nun automatisch zwischen sechs verschiedenen Modi gewechselt werden. 

Hat man beispielsweise einen Instrument-Selector mit drei verschiedenen Bassinstrumenten, gibt es jetzt die Möglichkeit, im „Round Robin“-Modus zwischen den dreien nach jeder neuen MIDI-Note hin- und herzuspringen. Ganz neue Sounddesignmöglichkeiten sind das. Auch spannend ist die Möglichkeit, die verschiedenen Devices per MIDI-Note zu triggern. 

Solo, Tool und Sends in der Drum Machine – kleine Neuheiten

Zum Schluss gibt es noch weitere kleine Neuerungen. Optional lässt sich nun zum Beispiel die Soloschaltung verändern. Unter Producern gibt es hierfür in der Regel zwei Lager: die „Exclusive“-Fanatiker, die nur so arbeiten können, dass die Soloschaltung von einem Kanal zum nächsten springt, und die „Non-Exclusive“-Opportunisten, die zu einem sologeschalteten Kanal durch Soloaktivierung immer weitere hinzufügen. Klingt banal, aber wenn man sich im Arbeitsalltag mal überlegt, welche Funktion nach dem Abspielen in DAWs am meisten genutzt wird, dann wird man schnell bemerken: Das ist Solo. Hier nun die Möglichkeit zu haben, zwischen beiden Modi zu wechseln, hilft tatsächlich beiden Seiten.

Was man bisher aus Pro Tools und Logic kannte, gibt es nun auch im Mixer von Bitwig: Mini-Displays für EQ- und Kompressorarbeit – eine weitere Visualisierungshilfe, um schneller zu arbeiten. Beim Device Tool gibt es neben dem bestehenden Gain-Regler, der von -36 dB bis 36 dB ging, jetzt einen zweiten Volume-Regler, der sich auf minus unendlich dB stellen lässt – praktisch für getrenntes Gain Staging und Automation. Auch der Signalfluss der Drum Machine ist erweitert worden, alle einzelnen Pads können nun eigene Sends bekommen.

Fazit

Selten hat ein Bitwig-Update die Fangemeinde so gespalten. Uns hat die neue Farbgebung gefallen. Frequenzbereiche sind leichter erkennbar, der EQ+ ist ein sehr gut klingender und einfach zu bedienender Equalizer. Auch sonst schieben die Berliner in einer unerwarteten Breite Neuerungen und Verbesserungen nach, hören auf Wünsche der Community, wo sie können, und erweitern die DAW – da können sich die Großen eine Scheibe abschneiden. An anderen Punkten muss man aufpassen, nicht quengelig zu werden: Warum so wenig Features im Saturator? Wo bleiben Comping und Track Freeze? Wie kann eine so auf Sounddesign ausgelegte DAW den Import von Videodateien noch nicht beherrschen? Wenn doch die vielen Farben einige so nerven, warum kann das nicht als Option ausgestellt werden? Am Ende sind das aber alles Kleinigkeiten. Dieses Update geht in die richtige Richtung. Man geht mit der Zeit, verfolgt seine eigenen Pläne weiter und arbeitet mit der Community. 

  • Pro
  • EQ+ klingt sehr gut und lässt sich gut bedienen.
  • Saturator erzeugt hervorragend klingende Bandsättigung.
  • Die neuen The Grid Module XP, Array und die Logic-Module bieten tolle Möglichkeiten.
  • Die Selector-Modes machen Bitwig zum Sounddesign-Wunder.
  • Die Solo-Wahlmöglichkeit macht das Arbeiten für viele einfacher.
  • Contra
  • Saturator fehlen verschiedene Modi.
  • Neue Farben an Reglern lassen sich nicht deaktivieren.
  • Features
  • plattformübergreifende DAW (Windows, OS X, Linux)
  • Sequenzer zum linearen Arrangieren
  • Clip-Mode zum nicht-linearen Songaufbau
  • volle Multi-Core- und Multi-Prozessor-Unterstützung
  • VST3 Support
  • Device Nesting: Instrumente zu multitimbralen Layern verbinden
  • integrierte 32/64-Bit-Plugin-Bridge
  • Sandbox als Plugin-Crash-Schutz
  • Multi-Display-Unterstützung für bis zu drei Bildschirme
  • unbegrenzte Audio-, MIDI- und Effektspuren
  • 35 Modulatoren
  • 37 Audioeffekte
  • 11 Softwareinstrumente
  • 15 Container
  • 11 Noteneffekte
  • 8 Hardwareeffekte für CV zur Anbindung von Analogsynthesizern
  • MIDI- und Note-Expressions, einschließlich Micropitch Pitch-Kontrolle
  • automatisches Sample-Slicing für Sampler und Drum-Maschine
  • Open Controller API: ermöglicht das Erstellen und Anpassen von MIDI-Controller-Mappings inklusive Scripting für den Zugriff auf nahezu alle DAW-Funktionen
  • Datei-Import: WAV, MP3, AAC, WMA, FLAC und Ogg Vorbis
  • Systemvoraussetzungen
  • Mac OS X 10.9 oder neuer,
  • Windows 7 oder neuer,
  • Ubuntu Linux 10.4 oder neuer,
  • 4 GB RAM,
  • 400 MB Standardinstallation,
  • 9 GB Vollinstallation
  • Preis
  • Vollversion: 379,- EUR
  • Upgrade-Plan (alle Updates für die nächsten 12 Monate): 159,- EUR

Verwandte Artikel

User Kommentare