Software
Test
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16.05.2018

Praxis

Mixed-Ensemble-Programme vs. Einzelpatches

Gleich zu Beginn der Testphase zeigte sich, dass die großen Mixed-Ensemble-Programme für das komplette Streicher-Ensemble durchaus anders klingen als ein Zusammenspiel der Patches für die einzelnen Instrumentengruppen. Die gemischten Programme präsentieren sich mit einem großen und weichen Sound und sorgen damit ganz direkt und ohne weitere MIDI-Bearbeitung (Dynamik, Artikulationen, etc.) für wirklich hervorragende Ergebnisse. Zum Testzeitpunkt (Mai 2018) gab es ein Problem bei der Verwendung des Sustain-Pedals und damit zusammenhängenden Aussetzern bei MIDI-Noten. Dies ist jedoch bekannt und sollte in naher Zukunft durch einen Bugfix gelöst werden.

Das Kombinieren der Programme für Violinen, Violen, Celli und Kontrabässe erzeugt im Gegensatz zu den gemischten Programmen einen präsenteren und kontrollierteren, gleichzeitig aber auch etwas kleineren und fast nüchternen Klang. Man darf ruhigen Gewissens unterstellen, dass sich hier die Technik der „Designed Ensembles“ ein wenig bemerkbar macht. In dichten Arrangements kann dies durchaus ein Vorzug sein, da die Streicher von vornherein mehr Platz für weitere Elemente lassen – und auch zum „Nach-vorne-holen“ von Strings aus anderen Libraries über Layering sollten die Einzelpatches sehr gut funktionieren. 

Da sich die Audiobeispiele in diesem Review auf die Chris Hein Ensemble Strings beschränken, habe ich mich entschieden, für den weiteren Verlauf den Mixed-Ensemble-Programmen den Vorzug zu gewähren. In dieser Anwendung klingen sie meiner Meinung nach einfach besser. Der Grund: Anteile der Violen, Celli und Bässe reichen in den gemischten Programmen bis weit in die Bereiche der jeweils „höheren“ Instrumente hinein. Dadurch entsteht ein Layering-Effekt zwischen den Instrumentengruppen, der für meine Ohren eine sehr positive Wirkung hat und das Ensemble gewissermaßen „zusammenschweißt“.

Der Unterschied zwischen Mixed-Ensembles und Einzelpatches erscheint mir persönlich bedeutsamer als der Unterschied zwischen den Full- und Small-Patches mit ihren verschieden großen Besetzungen. In jedem Fall ist es aber natürlich eine feine Sache, diese zusätzlichen Farben auf der Palette zu haben – und auch für das Programmieren von geteilten Stimmgruppen (Stichwort: Divisi) kann der Einsatz der kleineren Besetzungen sehr sinnvoll sein!

Artikulationen en masse

Die Chris-Hein-Libraries sind dafür bekannt, in Hinblick auf die Anzahl der verschiedenen Spielweisen pro Instrument nicht gerade minimalistisch unterwegs zu sein. Im Gegenteil! Die 32 Artikulationen der Ensemble Strings eröffnen eine wirklich enorme Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten. Wer selten oder nie mit einer vergleichbar umfangreichen Library gearbeitet hat, der wird vermutlich eine Weile brauchen, um sich so weit mit der Materie vertraut zu machen, dass die verschiedenen Spielweisen zielgerichtet eingesetzt werden können. Diese Zeit des Kennenlernens zu investieren, lohnt sich eindeutig!

Sehr schön ist, dass die Library in der Frage, welche Artikulation über welche Taste auf dem Masterkeyboard angesteuert werden soll, dem Nutzer vollständige Freiheit lässt. Ein ausgeklügeltes System aus Keyswitches und Hotkeys ermöglicht es jedem Anwender, sich seine eigene persönliche Zusammenstellung der wichtigsten Spielweisen zu gestalten.

Nachdem in den vorhergehenden Audiobeispielen nur eine einzelne Artikulation (namens Sustain Vibrato) zum Einsatz kam, nutzt die folgende „aufgemöbelte“ Variante eine Auswahl an weiteren Spielweisen. Dafür wurden die Mixed-Ensemble-Programme in separaten Instanzen für die einzelnen Stimmen von Violinen, Violen, Celli und Kontrabässen verwendet.

Das zweite Beispiel zeigt die Repetition-Artikulation, die sich fast schon genial-flexibel an das Tempo einer programmierten Performance anpassen lässt – auch wenn es keine automatische Anpassung an das Host-Tempo gibt und die Suche nach der richtigen Wiedergabegeschwindigkeit der Samples etwas frickelig sein kann, sind die Ergebnisse auch bei extremen und fast unrealistischen Anpassungen noch überraschend glaubwürdig – das ist ein wirklich sehr dicker Pluspunkt! Weiterhin finden sich in der Library einige hochinteressante und teils dramatische Sound-Effekte und Cluster-Wolken, die vor allem für die Bereiche von Filmmusik und Games relevant sind.

Dynamik und mehr 

Die Ensemble Strings bieten allgemein sehr viele Möglichkeiten, eine programmierte Performance lebendiger zu gestalten. So können beispielsweise die unterschiedlichen Sustain-Spielweisen mit kürzeren Akzent-Samples gelayert werden (Note-Heads-Funktion), um bei langen Tönen für mehr Attack zu sorgen. Das Überblenden von normalen Sustains zu Tremolo- und Triller-Artikulationen lässt sich genauso wie eine komplexe Vibrato-Steuerung über eine kleine Armada von Midi-CCs realisieren. All diese Werkzeuge zur feinen Detailarbeit sind jedoch so eingebettet, dass sie sich nicht aufdrängen.

Einer der wohl wesentlichsten Parameter bei der Orchester-Programmierung ist die Dynamik – und mit sechs bis acht Velocity-Layern pro Tonhöhe und Spielweise bieten die Chris Hein Ensemble Strings sehr gute Voraussetzungen für realistische Ergebnisse. Um die Dynamik zu steuern, wurden vier Modi integriert:

  • Keyboard: Steuerung rein über die Anschlagstärke
  • X-Fade: Steuerung rein über einen MIDI-CC
  • Keyboard & X-Fade: Steuerung über eine Kombination aus Anschlagstärke und MIDI-CC 
  • Auto X-Fade: Steuerung über die Anschlagstärke und einen programmierbaren Verlauf. 

Das System ist stimmig, und es ist eine tolle Sache, diese Einstellungen pro Artikulation festlegen zu können. Eine Möglichkeit, global (also für alle Artikulationen gemeinsam) zwischen diesen Modi umschalten zu können, habe ich allerdings schon bei anderen Libraries von Chris Hein vermisst. Wer viele Spielweisen in einem umfangreichen Arrangement (möglicherweise einem kompletten Orchester) verwendet, auf den warten beim Anpassen der einzelnen Artikulations-Presets sehr viele Mausklicks!

Für die obigen Audios wurde der X-Fade-Modus verwendet, der es erlaubt, den Verlauf der Dynamik vollkommen frei und während gehaltener Töne zu steuern. Die Library reagiert in dieser Hinsicht vorbildlich sensibel und zeigt ein Potenzial, sehr effektiv starke Kontraste zwischen laut und leise erzeugen zu können. Im zweiten File wird ein gehaltener Ton einer Violine stufenlos durch die verschiedenen Velocity-Layer gefahren, und wie man hört, sind die Übergänge butterweich. So soll es sein!

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