Workshop_Folge
Workshop
2
30.07.2010

MS

Das Zauberwerkzeug
Der Final Mix wird im Regelfall in Stereo angeliefert. Kanalinformation für links, Kanalinformation für rechts, fertig. Wenn ein Signal auf beiden Kanälen mit identischem Pegel und gleicher Phasenlage vorhanden ist, orten wir es in der “Phantommitte”. Bassdrum, Bass, Main Vocals und Snare werden üblicherweise in die Mitte gepannt. Um ein Signal dort zu bearbeiten, müsste man also L und R gleichermaßen verändern und verändert also den ganzen Mix. Muss man eben doch nicht! Im Mastering kann man sich eines Tricks behelfen: Mit einer Matrix kann man aus den beiden Kanälen L und R so genannte M und S errechnen. M steht dabei für “Mitte”, S für “Seite”. Der Zusammenhang ist genauso wenig kompliziert wie der Vorgang. 

Das Mittensignal sind diejenigen Anteile des Stereosignals, die links und rechts identisch sind, sich also im Stereopanorama genau in der Mitte befinden. Das Seitensignal hingegen besteht aus dem Unterschied zwischen links und rechts. Als kleine Formeln ausgedrückt werden die Bezeichnungen “Summen-” und “Differenzsignal” deutlich (vereinfacht!):
L + R = M
L - R = S
Umgekehrt ist
M + S = L und
M - S = R (eigentlich 2L und 2R, das kann aber hier vernachlässigt werden, es handelt sich dabei ja nur um den Pegel). Diese Technik wird gerne bei der Stereo-Mikrofonierung benutzt, weil man nach der Aufzeichnung der Aufnahmebereich gewählt werden kann! Das Hin- und Hermatritzieren mit LR- oder MS-Signalen funktioniert im Übrigen absolut verlustfrei. Diese Matritzen lassen sich einfach analog und digital herstellen, es gibt allerdings auch Geräte und Plug-Ins, die eine Eingangs- und Ausgangs-Matrix bieten.

Das M- und das S-Signal lassen sich nun separat bearbeiten. Soll etwa die Präsenz im Hauptgesang erhöht werden, weil er “zu tief” in den Mix hineingearbeitet wurde, kann man ausschliesslich den M-EQ benutzten. Damit verhindert man, dass zum Beispiel die oft auseinandergepannten Gitarren- und Becken-Signale mitbearbeitet werden – denn das ist ja oft nicht gewünscht. Es gibt haufenweise Anwendungen für die MS-Technik: Die Becken zu spitz? Kein Problem, dann wird eben das S-Signal bearbeitet! Die Snare zu scharf? Ok, ein Kompressor mit Sidechain-EQ auf das M-Signal! Das Material kann nicht auf Vinyl gepresst werden, weil die Bässe zu sehr unkorreliert sind? Dann muss ein Hochpassfilter oder Lo-Shelf für das Differenzsignal her!

Ein weiteres Problem “normaler” LR-Bearbeitung ist die Summenkompression, die ja durch den “Link-Schalter” immer auf das gesamte Stereobild gleichermassen wirkt. “Offenen” Signalen wie manchen Ohverhead-Mikrofonierungen, Flächen und vor allem Räumen tut eine harte Kompression allerdings oft nicht sonderlich gut, sie werden “zerquetscht”. Um dieses Problem zu umgehen, kann das M-Signal stark komprimiert werden, das S-Signal nur leicht oder gar nicht. Dadurch bleibt bei großer Verdichtung die Transparenz erhalten. Das M-Signal ist in den meisten Mischungen weitaus hochpegliger als das S-Signal, da vor allem Hauptsignale (darunter tieffrequente, ergo energiereiche Signale wie Bass und Bassdrum) üblicherweise in die Mitte gesetzt werden. Durch dieses Vorgehen sind viele professionelle Produktionen so erstaunlich dicht, dabei aber gleichzeitig transparent! Ein weiterer Vorteil der MS-Technik ist, dass nicht zwangsläufig teure Mastering-Stereogeräte benutzt werden müssen. Zwei Monogeräte tun es auch! Ausserdem können diese dann auch sehr unterschiedlich sein, etwa ein “Dickmacher”-Röhrenkompressor für die Mitte und ein “sauberer” Kompressor für das filigrane Seitensignal. Ausserdem kann mit MS ganz nebenbei noch eine weitere Sache geregelt werden: Durch die Veränderung des Zumischanteils des S-Signals kann die Breite der Stereobasis eingeengt oder verbreitert werden. Toll übrigens, wenn man das automatisiert und das Signal an einer Stelle im Song regelrecht “aufgeht”…

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