Feature
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01.12.2009

Band-Aid #2 - Labelgründung

Deine Band "Bright Future" hat soeben die Aufnahmen zu eurem Debütalbum "Selfmade Superstars" abgeschlossen. Die letzen Monate im Studio waren durchaus anstrengend, doch der Aufwand hat sich absolut gelohnt.  Das Album ist prall gefüllt mit Hits und wartet nur darauf von deinen Fans gekauft zu werden. Schon während die Aufnahmen noch liefen, hat deine Band diverse Gespräche mit Labels geführt, die Angebote waren aber nicht so, wie du und deine Jungs sich das vorgestellt haben. "Dann machen, wir das lieber gleich selbst!", lautete der Tenor innerhalb deiner Band, doch wie gründet man eigentlich ein eigenes Schallplattenlabel?

Zunächst erscheint es recht einfach, ein Label zu gründen: Du brauchst eine Steuernummer, einen Labelcode und vielleicht noch etwas Kleingeld um die CDs zu pressen – doch schon auf den zweiten Blick wirst du feststellen, dass es etwas mehr bedarf, eine Schallplatte erfolgreich zu vermarkten.

Zahlen – überall Zahlen!

Der Labelcode:Jeder hat schon mal den Labelcode auf einer CD gesehen, diese ominöse Nummer mit dem LC im Kreis davor. Den Labelcode benötigst du im ersten Schritt nur, wenn deine Musik später im Radio oder Fernsehen laufen soll – doch generell geht auch das ohne. Die Sender schreiben für jede Sendung eine sogenannte „Playlist“, um die gespielte Musik abzurechnen. Dabei dient der Labelcode für die GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten, www.gvl.de ) als Abrechnungsgrundlage. Entsprechend bekommst du einen Labelcode auch von der GVL zugeteilt. Du musst dort einen Wahrnehmungsvertrag ausfüllen und ein paar Bedingungen erfüllen. Die Wichtigste ist dabei sicherlich, dass man schon mal eine Schallplatte unter diesem Label veröffentlicht hat. Dein erstes Release wird also nicht mit Labelcode gedruckt werden können – dafür gibt es aber Aufkleber von der GVL, mit der du die CD nachträglich bekleben kannst. Da der Labelcode insbesondere für die Arbeit mit Sendeanstalten eine Voraussetzung ist, macht es Sinn den LC auf den beiliegenden Infobögen zum Release (den sogenannten „Waschzetteln“) zu vermerken.ISRC:Der ISRC Code, der „International Standard Recording Code“, ist ein 12-stelliger Code, der ein Musikstück weltweit identifizierbar macht. Generell hat dieser in Deutschland eine ähnliche Funktion wie der Labelcode. Er wird von den Rundfunkanstalten zur genaueren Abrechnung an die GVL genutzt. Der ISRC hat aber noch eine weitere Funktion: Digital geht ohne ISRC nämlich nichts. Jeder Titel der zum legalen Download angeboten werden soll, muss eindeutig identifizierbar sein. Nur dann könnt ihr vom digitalen Vertrieb eine korrekte Abrechnung bekommen. Vergeben wird der ISRC in Deutschland von der IFPI, der Internationalen Vereinigung der Phonographischen Wirtschaft (www.musikindustrie.de).

EAN / Strichcode:
Jeder Artikel, der in den Handel gebracht wird, also auch eure CD, benötigt einen maschinell lesbaren Strichcode für Scannerkassen. Bei uns hat sich der EAN-13 durchgesetzt, der sich aus einer 7-9-stelligen Basisnummer namens GLN („Global Location Number“) zur eindeutigen Identifizierung des herstellenden Landes und der Firma, einer frei zu vergebenen 3-5-stelligen Nummer und einer Prüfziffer zusammensetzt. Die eigene Basisnummer bekommt man bei GS1 (www.gs1-germany.de).

Deine Katalognummer:
Jetzt wird es einfach – diese kannst du dir nämlich einfach selbst ausdenken. Wahrscheinlich hast du das für ein Demo schon mal gemacht. Einfach „BRIFU001“ (für Bright Futures 1ste Veröffentlichung) oder ähnliches ausdenken – und ab die Post...  Viele Labels nummerieren ihre Veröffentlichungen, nehmen einen Teil des EANs oder vergeben andere Kriterien. Dies ist einzig dir selbst überlassen, sollte aber schon so gewählt sein, dass ihr später noch versteht, was ihr da gemacht habt.

Wenn dir das alles zuviel Vorarbeit ist, so kannst du gerne bei eurem Vertrieb nachfragen, ob sie dir mit entsprechenden Nummern aushelfen können. Im Normalfall ist dies kein Problem.
Moment: Welcher Vertrieb? Kommen wir also zum nächsten wichtigen Stück im Puzzle:

Distribution – wie vertreibe ich meine Musik???
Eine Schallplattenfirma ohne funktionierende Vertriebsstruktur wird wenig Chancen haben auf dem Markt zu bestehen. Die Produkte wollen schließlich auch von den Fans eurer Musik zwischen Flensburg und Garmisch gekauft werden können.

Grundsätzlich kann zwischen physischem Vertrieb, also dem Verkauf einer CD beim Fachhändler und dem digitalen Vertrieb über iTunes oder ähnliche Portale unterschieden werden.

Der physische Vertrieb muss sehr genau gewählt werden, weil dieser deine CDs zu den richtigen Läden liefern soll –
und das sollten vor allem Fachhändler sein, die sich auf dein Genre spezialisiert haben. Dort werden deine zukünftigen Hörer dann am wahrscheinlichsten nach deinen Veröffentlichungen suchen.
Der physische Vertrieb wird dann entweder von dir CDs bekommen, oder dir gleich beim finden eines Presswerkes im Rahmen eines „P&D“ (Press & Distribution) Vertrages helfen.

Das physische Verkaufen von CDs wird immer schwieriger, nicht nur weil die Elektronikfachhändler (sprich Saturn, Media-Markt und Konsorten) mittlerweile lieber Festplatten statt Musik verkaufen und die bereitgestellten Flächen immer kleiner werden, nein auch für dich als Label birgt dieser Punkt das größte finanzielle Risiko. Du musst eine gewisse Anzahl von CDs erst mal herstellen um den „Markt zu bedienen“ und auch auf diese Menge die GEMA bezahlen. Wenn die CD im Handel nicht verkauft wird, wird diese zurück an den Vertrieb geschickt (was sich „Retoure“ nennt), was weitere Kosten verursacht. Der Vertrieb wird dann meistens trotzdem seine Provision haben wollen, schließlich hat er ja seinen Job getan.

Für den digitalen Vertrieb gibt es mittlerweile diverse Möglichkeiten, die auch offen für kleine, neue Label sind. Aggregatoren, sind Firmen, die für dich Verträge mit den wichtigsten legalen Downloadportalen abschließen und auf Provisionsbasis am späteren Verkauf beteiligt werden. Nicht nur können diese Aggregatoren als „Sammellabel“ meistens bessere Konditionen für dich verhandeln oder eine Werbeaktion für dich organisieren, die meisten großen Portale bieten Bands oder einzelnen Labels gar nicht an, direkte Verträge abzuschließen. Bekannte Beispiele für Aggregatoren sind z.B. Finetunes (www.finetunes.net) oder Kontor (www.kontornewmedia.com).

Die Vorteile eines reinen Digitalvertriebes liegen auf der Hand: Dein Label hat nur geringe Anfangskosten da keine CDs gepresst werden und du die einhergehende GEMA nicht vorab auf die gesamte Auflage bezahlen musst. Der Digitalvertrieb wird normalerweise deine Verkäufe bei der GEMA melden und in deinem Auftrag abrechnen. Das Retourenrisiko entfällt hierbei ebenfalls komplett, da es ja quasi ein reines Provisionsgeschäft ist. Nur was verkauft muss auch von allen Seiten bezahlt werden. Doch was machst du mit der Presse? Die wollen doch auch CDs haben, oder?

 

Immer mehr Pressepartner lassen sich mittlerweile auch digital bemustern, sodass ein physischer Tonträger gar nicht mehr zwingend notwenig ist. Notfalls kannst du immer noch eine CD brennen und verschicken. Natürlich wird deine CD bei einem reinen Digitalvertrieb dann nicht bei Media-Markt zu bewundern sein, sonst bleiben euch aber alle Werbemöglichkeiten wie bei einer physischen Veröffentlichung.

Neben dem digitalen Vertrieb könntest Du mit einer kleinen CD-Auflage für deine wichtigsten Partner beginnen, wie z.B. Presse, Spezial-Händler, Amazon und andere Mailorderfirmen. Auch das Verkaufen der CD über den eigenen Webshop und auf Tournee sollte man an den Start bringen. Bedenke aber bitte unbedingt vor Abschluss eines Vertriebsvertrages was du später noch selbst machen möchtest. Ein Vertriebsdeal ist eigentlich immer „exklusiv“! Wenn du also Merchandisingverkauf, Myspace oder den eigenen Webshop nicht ausdrücklich aus den Verträgen rausnimmt, ist es dir rechtlich später nicht erlaubt, deine eigene CD ohne das OK des Vertriebes direkt zu verkaufen.

Die Aufgabenbereiche in einem Label:
A&R/Produktmanagement: Die erste Instanz die es zu bilden gilt, ist eine In-House A&R- / Produktmanagement-Abteilung. Das kann sowohl ein Kumpel aus einer befreundeten Band, als auch die eigene Freundin sein. Denn ohne Meinung von außen läuft jeder Künstler früher oder später Gefahr den Blick fürs Ganze zu verlieren und betriebsblind durch die eigene Zwischenwelt aus Kunst und Geschäft zu steuern. Im Tagesgeschäft verliert man schnell die Kontrolle über das Werbebudget oder den objektiven Blick auf die Musik. Du brauchst jemanden der dir sagt, dass ein Song einfach noch nicht so weit ist, oder eine finanzielle Investition doch zu gewagt sein könnte. Du darfst nie die Übersicht zwischen Ausgaben und realistisch möglichen Einnahmen verlieren – sonst wirst du sehr schnell den Spaß am Label durch finanzielle Engpässe verlieren.

 

Promotion und Marketing: Hierunter versteht man im Groben das „Bewerben der CD“, z.B. in Magazinen per Anzeigen. Auch das Organisieren von Interviews oder das Versenden von CD-Mustern an Radiosender und DJs gehört dazu. Dein gut gepflegter „Verteiler“, also die Adressliste deiner Partner, ist neben deiner guten Musik, das Hauptkapital deines Labels – hüte ihn wie deinen Augapfel. Die richtigen Adressen findest du ebenso in Magazinen, wie auch im Internet. Rufe die Betreiber eines relevanten Magazins oder Portals einfach kurz an, stelle dich und deine Veröffentlichung kurz vor, und frage alle Informationen, die du später gebrauchen könntest, kurz ab. Die Leute sind meistens selbst Musikliebhaber und werden dir gern Auskunft geben.

Grafik: Eine Plattenfirma sollte in der Lage sein, schnell reagieren zu können. Oftmals wirst du Angebote bekommen, wie z.B. einen Flyer mit einem befreundeten Label oder einer befreundeten Band zu drucken oder man bietet Dir eine Anzeige besonders günstig an, wenn du sie umgehend einreichen kannst. Daher empfiehlt es sich rechtzeitig mit einem  verlässlichen Grafiker Kontakt aufzunehmen, insofern von deinem Team niemand Fähigkeiten in diese Richtung hat. Grafiker verfügen oftmals auch über Kenntnisse in Webdesign, können deine Myspace-Seite aufmöbeln und im besten Falle auch mit einem tollen T-Shirt Design aufwarten.

Administration:
Dies ist der unkreativste Bereich in einer Plattenfirma, aber auch du brauchst jemanden, der eurem Steuerberater die Quittungen vorsortiert, die GEMA Anmeldungen übernimmt, die Abrechnungen für die Künstler macht – und vor allem Rechnungen und deren Bezahlung organisiert. Sonst klingelt ganz schnell der Mensch mit dem Kuckuck bei dir.

Was tun, wenn die Musik sich trotzdem nicht verkauft:
Zunächst – mach dir keine Sorgen – das ist am Anfang vollkommen normal. Diverse kleinere Labels leben oft gar nicht mehr hauptsächlich vom „Musik verkaufen“, sondern vom „Nebengeschäft“, Einnahmen, die in der Vermarktung von Bands „nebenbei“ passieren. Die Palette geht vom Management, Booking, Verlagsarbeit, Merchandising bis zum verdealen für Computer Games – und der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Da sich weder ein Konzerterlebnis, noch ein T-Shirt der Band downloaden lässt, können hier immer noch gute Umsätze gemacht werden.

Der Vorteil einer solche 360° Betreuung ist, dass man sogenannte „Synergieeffekte“ nutzen kann. So können z.B. auf Konzerte Pressepartner eingeladen werden, die so die Chance auf ein Auge-in-Auge Interview bekommen. Deine Band kann sich hochmotiviert vom Konzert an den Merchandising Stand stellen, eure CDs und T-Shirts zu einem guten Preis verkaufen und alle haben was davon.

FAZIT
Wenn man mich fragen würde, ob ich wieder ein Label gründen würde – würde ich wahrscheinlich „Ja“ sagen – allerdings bin ich auch zu diesem Zeitpunkt schon kein aktiver Musiker mehr. Ein Label und eine Band managen ist ein echt harter Job – beides zu tun sicherlich noch viel mehr – ich glaube als Musiker muss man sich ganz genau überlegen, ob man sich diesem alltäglichen Wahnsinn wirklich hingeben möchte, weil eines muss klar sein, wer nach der Show zwei Kisten Bier und die Flasche Schampus im Kopp hat, wird am nächsten Tag nicht um 9h im Büro sitzen und Journalisten und Vertrieb besabbeln.

Ich glaube, dass es etwas sehr schönes sein kann, seinen eigenen Erfolg in der Hand zu haben – und ja – in der heutigen Zeit ist dies absolut möglich. Aber ich glaube auch, das Musiker leider oftmals nicht die besten Geschäftsmänner sind und das es auch schwer fällt mit dem Traum Rockstar zu werden vor Augen, objektiv zu bleiben. Der Satz: „Am meisten Geld verdient sich mit den Träumen Anderer!“, wird leider in der Musikbranche jeden Tag gelebt, und auch dir wird das täglich begegnen, denn „Nein“ sagen können zum „Ach so günstigen TV-Spot“ und nicht zu denken: „Meine Band im Fernsehen!!!“ – das ist die wahre Kunst der Erfolgreichen in diesem Geschäft.

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