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Test
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14.05.2014

Praxis

Zeitleiste

Vor allem bei umfangreichen Partituren (horizontal wie vertikal, also lange Werke und/oder große Besetzungen) konnte das Aufsuchen einer bestimmten Stelle bisher zu einer langwierigen Scrollerei ausarten. Das Navigator-Fensterchen und die „Gehe zu“-Funktion waren dabei zwar schon ganz hilfreich, aber letztlich musste man doch meist manuell zu der betreffenden Position manövrieren. Die neue Zeitleiste schafft hier Abhilfe, indem sie die Struktur der Partitur entlang einer Takt- und wahlweise auch Timecode-Leiste grafisch darstellt, ähnlich dem Arrangierbereich einer DAW. So erhält man jederzeit einen schnellen Überblick darüber, wo man sich gerade befindet, und kann bestimmte Takte oder Markierungen direkt anfahren, ohne in der Notation danach suchen zu müssen. Die Timeline kann wie der Mixer ihr eigenes Fenster einnehmen oder im Hauptfenster verankert werden – oben unterhalb der Befehlsleiste oder im unteren Bereich. Ihre Größe lässt sich anpassen.

Immer angezeigt werden die in der Partitur vorkommenden Notenzeilen mit ihren jeweiligen Instrumenten. Dafür ist der untere Bereich der Timeline reserviert. Man erkennt auf den ersten Blick anhand der grauen Balken, welches Instrument in welchem Takt „aktiv“ ist, und der gerade auf dem Bildschirm sichtbare Bereich wird durch einen gelben Rahmen und eine hellere Darstellung verdeutlicht. Möchte man nun beispielsweise zur zweiten Violine in Takt 39 springen, so genügt ein Klick auf den entsprechenden Balken in der Zeitleiste, und man hat den Takt in der Partiturdarstellung auf dem Schirm.

Der obere Bereich der Zeitleiste dient der Darstellung von Zusatzinformationen wie Tempo-, Takt- und Tonartwechseln, Studierzeichen, Kommentaren, Wiederholungen, Titeln und „Hit Points“. Jedem dieser Objekttypen ist dabei eine eigene, farbcodierte „Spur“ vorbehalten. Was hier im Einzelnen dargestellt wird, lässt sich über die Zeitleisten-Optionen einstellen, wobei man verschiedene Konfigurationen abspeichern kann. Auch diese Elemente lassen sich mit einem einfachen Mausklick ansteuern, sodass man ohne Umwege zu einem Studierzeichen, einem zuvor markierten Hit Point bei der Filmvertonung oder zum Wechsel nach A-Dur springen kann.

Kurz und bündig: Die Zeitleiste ist wahnsinnig praktisch. Man fragt sich fast ein bisschen, warum so etwas nicht schon längst in Sibelius integriert wurde. Die zusätzliche lineare Darstellung verbessert den Überblick gerade über umfangreiche Partituren enorm und macht die Navigation erheblich schneller und treffsicherer. Für alle, die viel mit größeren Werken zu tun haben, lohnt sich das Update meiner Ansicht nach schon allein wegen dieser Funktion.

Wiedergabe-Funktionen

Um die Wiedergabe von Partituren realistischer zu gestalten, bietet Sibelius verschiedene Rhythmus-Stile, die in der neuen Version individuell bearbeitet werden können und flexibler einsetzbar sind. Vor allem im Jazz-Bereich ist es ja normal, dass gerade Achtelnoten notiert werden, aber Swing-Achtel gemeint sind. Aber auch in anderen Stilistiken (z.B. Wiener Walzer) kann die beabsichtigte rhythmische Wiedergabe von der Notation abweichen. Schon bisher war es möglich, durch bestimmte Textanweisungen oder eine manuelle Zuweisung die Verwendung eines Rhythmus-Stils zu veranlassen. Der Stil selbst war jedoch vordefiniert und unveränderlich. In Sibelius 7.5 kann man die Rhythmus-Stile nun bearbeiten und auch selbst erstellen. Dazu wurde dem Wiedergabe-Lexikon ein Bereich hinzugefügt, in dem man den Swing-Faktor und die Betonungen der einzelnen rhythmischen Unterteilungen einstellen kann. Im folgenden Hörbeispiel wechselt die Wiedergabe nach 4 Takten von Sibelius' voreingestelltem Stil „Heavy Swing“ zu einem selbst definierten Stil mit anderem Groove – bewusst etwas übertrieben...

Darüber hinaus ist es jetzt möglich, Rhythmus-Stile nicht nur dem gesamten Arrangement, sondern auch einzelnen Notenzeilen zuzuweisen, sodass verschiedene Instrumente jeweils ein bisschen anders grooven können. So kann man zum Beispiel den Solisten etwas anders als die Rhythmusgruppe swingen lassen oder es auf die Spitze treiben und jedem Musiker sein eigenes „Feel“ verpassen. Dabei kommt es sehr gelegen, dass man bei der Konfiguration der Rhythmus-Stile auch einen Timing-Versatz nach vorne oder hinten einstellen kann – so lassen sich sogar treibende oder schleppende Musiker simulieren. Hier swingt der Saxophonist etwas anders als die Rhythmusgruppe:

Abgesehen von den erweiterten Möglichkeiten der Rhythmus-Stile gibt es zahlreiche weitere Detailverbesserungen für die Wiedergabe. So enthält das Wiedergabelexikon nun den Befehl „Tempo zurücksetzen“, mit dem die korrekte Wiedergabe von Textanweisungen wie A tempo oder Tempo primo sichergestellt werden kann. Die Registerkarte „Symbole“ wurde um Optionen zum Ändern der Notenlänge, zum Einfügen von Stille und zum automatischen Spielen von Verzierungen ergänzt – ab sofort können also zum Beispiel Atemzeichen, Pralltriller und Doppelschläge korrekt wiedergegeben werden. Außerdem kann Sibelius nun zwischen Appoggiatura und Acciaccatura unterscheiden und diese Vorschlagsnoten korrekt abspielen. Hier eine Beispielpassage und zwei Hörbeispiele, wie Sibelius 7.5 und die Vorgängerversion mit Verzierungen umgehen:

Das alles sind weitere, kleine Schritte auf dem Weg hin zu einer noch realistischeren Wiedergabe direkt aus dem Notationsprogramm. Kombiniert mit der umfangreichen Soundlibrary und dem Mixer kann man inzwischen wirklich bemerkenswert authentische Playbacks erzielen, die nur noch wenig mit den statisch hupenden Sounds aus früheren Versionen der Notationsprogramme zu tun haben – sofern man denn bereit ist, sich mit den Details auseinanderzusetzen. Nach wie vor halte ich persönlich die DAW für das geeignetere Werkzeug zur Produktion von möglichst authentisch klingenden Playbacks. Aber wer hauptsächlich in der Notationssoftware arbeitet und bereit ist, den Wiedergabe-Optionen etwas Aufmerksamkeit zu schenken, der kann auch hier mittlerweile sehr gute Ergebnisse erzielen.

Video-Export und Online-Funktionen

Neben dem bekannten Export als Audiodatei kann die Wiedergabe einer Sibelius-Partitur nun auch als Video ausgespielt werden. Dabei wird ein Quicktime-Film erstellt, der die Partitur anzeigt, während dazu die Wiedergabe läuft. In meiner Testversion 7.5.0 hinkt die Songpositionslinie der tatsächlichen Abspielposition im Video allerdings um einen Schlag hinterher, Bild und Ton sind also nicht synchron. Hoffentlich wird das in einem Update noch in Ordnung gebracht. Ein mit Sibelius erstelltes Partitur-Video sieht so aus:

Man mag den Video-Export für eine Spielerei halten, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Situationen kann ich mir vorstellen, in denen man ein solches Video tatsächlich gebrauchen könnte: Etwa um es Kollaborationspartnern zu schicken, zu Unterrichtszwecken oder um es im Netz zu posten und „Likes“ einzuheimsen – womit wir beim nächsten Thema wären.

Momentan ist es ja ziemlich in Mode, Software mit direkten Anbindungen an die sozialen Netzwerke im Internet auszustatten, und jetzt können auch Sibelius-Anwender mitmischen. Im neuen Menü „Veröffentlichen“ finden sich neben E-Mail direkte Exportoptionen für Facebook, Youtube, Soundcloud und die Online-Musikbibliothek ScoreExchange. Die Anbindungen für Facebook und Youtube erstellen ein Video mit der eben beschriebenen Funktion und laden es direkt auf die jeweilige Plattform hoch. Bei Soundcloud läuft es genauso, aber mit einer Audiodatei. Der ScoreExchange-Upload umfasst die Partitur und auf Wunsch die Einzelstimmen. Vor allem Letzteres ist für Anwender interessant, die ihre Arrangements und Kompositionen auf dieser Plattform vertreiben.

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