Hersteller_AKG
Test
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31.10.2012

Praxis

Rein äußerlich ist das AKG D12 VR eher eine Zitatensammlung denn ein wiederauferstandenes Traditionsmikrofon. Im direkten Vergleich ist es eine riesige Erleichterung, einfach ein normales XLR-Kabel in das Mikrofon stecken zu können, anstatt die Kiste mit den "Sonderkabeln" öffnen zu müssen. Wirklich neugierig macht natürlich die Filterfunktion. Ich hatte mich nach den ersten Meldungen, die ich zu diesem Mikrofon bekommen hatte, gefragt, ob AKG wie bei der neuesten Version des beliebten C414 wieder eine große Riege Kunden gegen sich aufbringen wollen. Konkret handelt es sich dabei um jene, die gerne die Schaltfunktionen am Mikrofon setzen (beim C414 sind das viele: Richtcharakteristik, HPF und Pad in jeweils mehreren Stufen), um es dann an ein Kabel zu hängen und es zu installieren – gerne an schlecht zugänglichen Stellen wie etwa unter der Snare. Bei einem C414 XLII oder XLS kann man aber ohne anliegende Phantomspeiung nichts einstellen. Besser beim D12 VR: Hier ist es keine Wippe, die nur Schaltinformation weitergibt, sondern ein richtiger Schiebeschalter, der natürlich seine Position behält. Das ist schon mal gut.

Was nicht so gut ist, ist der Umstand, dass man bei anliegender Phantomspeisung zwischen den drei zusätzlichen Filterungen auswählen kann, doch ein Ausschalten nicht möglich ist. Will man etwa auf die Mittenabsenkung verzichten, muss man die Phantomspeisung ausschalten. Was soll das? Abgesehen davon, dass im Livebetrieb die Phantomschaltung gerne auch mal viele Meter entfernt ist (am Pult nämlich!) und man in diesem Fall eigentlich zwei Personen zum Einstellen des Grundsounds benötigen würde, kann es ja sogar sein, dass das einzelne Ausschalten gar nicht so einfach ist, wie man sich das vielleicht bei AKG gedacht hat: Viele Pulte – natürlich eher preiswerter Art – verfügen nämlich nur über eine blockweise oder gar globale Schaltung der Spannungsversorgung für die Mic-Inputs! Nun, hätte sich im Test herausgestellt, dass der Betrieb des VR ohne aktive Filterung sowieso nur als Reserverad-Modus gedacht ist, würde ich mich darüber nicht so echauffieren. Aber eigentlich ist die Sache doch eindeutig: Selbst im "Amber"-Modus (Mittelstellung) werden Mitten abgesenkt.  Zwar müssen die meisten Bassdrums "entholzt" werden, doch was ist, wenn ich das einfach nicht will...oder vielleicht nicht so stark oder an einer anderen Stelle im Spektrum? Wirklich begeistern tut mich das nicht. Nun ja, viele – auch sehr beliebte – Tontechnik-Geräte sind ein wenig kauzig.

Ohne Phantomspeisung betrieben zeigt das D12 VR schon eine ordentliche Packung. Der Sound ist knackig und komplett – ich habe nicht das übermäßige Bedürfnis, sofort zur Mittenabsenkung zu greifen, den Subbass zu supporten und den Kickbereich mit einem Boost nach vorne zu bringen. Dennoch klingt das Mikrofon nicht unnatürlich, es lässt sich klanglich zudem viel über die Positionierung regeln. Ich muss sagen: Es gefällt mir wirklich, das D12 VR! Deutlich modern ist es, was nicht zuletzt an seiner Geschwindigkeit und der Höhenwiedergabe liegt – bezüglich der dünnen Membran scheint man im Hause AKG nicht übertrieben zu haben, denn ein schwereres Häutchen würde zu sehr bremsen – was sich bekanntlich in den Höhen bemerkbar macht.

Flutet man durch Betätigung der Phantomspeisung die Akivfiltersektion mit "Energie" und stellt den Schalter in die Mitte, wird sofort deutlich, dass die Mittenabsenkung wohl bedacht ist: Sie greift nicht zu stark ein und liegt auch im für die meisten Trommeln angenehmen Bereich. Zusätzlicher Bass durch den grünen Modus macht richtig Erdbeben. Gut hier: Das AKG D12 VR hat einen gut funktionierenden Grundsound, dessen Tiefbassanteil enorm trocken und kontrolliert ist. Dadurch gibt es auch nach der Filterung keinerlei Anzeichen von schwammigem, wabbeligem und einfach zu langem Fundament. Lautmalerisch ausgedrückt: Es macht eben einfach nur "Um." statt "Wwwuuuummmmmm…". Das schaffen so nur wenige bis gar keine anderen Mikrofone, mir fällt ehrlich gesagt das Beyerdynamic M88 ein. Im blauen Modus generiert das AKG noch einen enormen Punch, der für meine Begriffe in vielen Studiosituationen wieder etwas gezähmt werden will, um nicht zu sehr nach Metal-Tick zu klingen. Sämtliche Klangeigenschaften der drei – eigentlich ja vier – Modi sind auch bei anderer Positionierung eindeutig zuweisbar, wie man an den im Innenraum der Bassdrum und den vor dem Resonanzfell aufgezeichneten Files zweifelsfrei erkennen kann.

Um ehrlich zu sein, mir schwante es schon beim ersten Hörtest, denn ich kenne mein altes AKG D12 recht gut: Ich sehe da klanglich nicht so wirklich viele Gemeinsamkeiten. Sicher, mein ein halbes Jahrhundert altes Mikrofon ist einem deutlichen Alterungsprozess unterlegen und hat alleine daher schon ein wenig an Höhen eingebüßt. Aber im Mittenbereich präsentiert sich ein D12 komplett anders als das D12 VR. Ich möchte das auch überhaupt nicht werten, doch ich will darauf hinweisen: AKG nennen das VR nach dem großen Vorbild, dann darf ich die beiden ja auch vergleichen.

Es muss ja auch für ausgewiesene Bassdrummikros nicht immer die Bassdrum sein, das bezeugt das D112 aus gleichem Hause. An der Snare macht das D12 VR einen sehr guten Eindruck – gerade ohne die Filterungsfunktionen. Das D12 hingegen ist an der Snare schon ein Spezialfall, der nicht immer gute Dienste leistet.

Das ursprüngliche D12 war auch als Sprach- und Gesangsmikrofon sehr beliebt, etwas verwundert bin ich daher, dass die Neuauflage ausschließlich als Bassdrummikrofon bezeichnet wird. Natürlich: Die Filterungen dienen genau diesem Anwendungszweck. Richtig verwundert bin ich, als ich einen Sänger vor das Mikrofon schubse – das klingt richtig klasse!

Das geringe Membrangewicht ist sicher der hauptverantwortliche Faktor: das D12 VR gehört zweifelsohne in die Klasse Sennheiser MD 441, Electro-Voice RE20 und Shure SM7B! Ich würde nicht zögern, bei der Suche nach einem passenden Mikrofon für einen etwas lauteren Vokalisten auch einmal ein VR auszuprobieren. Die Höhen sind natürlich nicht so kristallin wie bei einem Kondensatormikrofon, auch dynamisch ist es etwas behäbiger, aber genau das ist es ja, was ein SM 7B so beliebt macht. Den scharfen Konsonanten beispielsweise tut der Sound des D12 VR richtig gut, auch die nur eingeschränkte Regelmäßigkeit des Frequenzverlaufs tut dem Klang keinen Abbruch, sondern sorgt im Gegenteil für einen angenehmen Charakter. Mit einem sanft veredelnden Preamp verbunden (hier ein Lydkraft Tube-Tech MP 1A ) und etwas heiß angefahren, macht der kleine Klotz aus Österreich einen guten Job! Noch etwas wird mir endgültig klar: Der Grundsound des Mikrofons sagt mir bei allen Quellen am meisten zu. Das gilt auch für die Bassdrum (vorausgesetzt, es ist ein vernünftiger EQ in Reichweite). Es fällt auf, dass im aktiven Betrieb – wenn man die Filterungen "wegdenkt" –  das Signal ein wenig gemächlicher und breiter klingt, ja fast schon ein wenig schmiert. Umso schlimmer ist es, dass ich diesen Sound bei anliegender Phantompower (wie sie beispielsweise manche Vocal-Effektgeräte permanent ausgeben!) einfach nicht bekomme. Aber das hatte ich ja schon. Und auch bei noch einem Thema kann ich mich wiederholen: Die Vocaltracks machen es ja wohl sehr deutlich, dass sowohl das D12 als auch das D12 VR grandiose Mikrofone sind, aber ihre größte Gemeinsamkeit eigentlich im Produktkürzel liegt.

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