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08.06.2018

5 Synth-Bass Patches, die jeder Keyboarder haben muss!

Von Hancock bis Dubstep

Moderne Klassiker für den Synthesizer

In diesem Artikel möchte ich Euch fünf persönliche Favoriten aus der Synth-Bass Abteilung vorstellen und zeigen, wie man sie mit einem Synthesizer nachbaut. Musikalisch decken diese Synth-Patches ein sehr breites Spektrum ab und sind nicht nur etwas für Nostalgiker: Spätestens seit Bruno Mars’ letztem Hit-Album sind Synth-Bässe wieder voll im Trend und dürfen deshalb in keinem Synthesizer fehlen! 

Um euch die zu präsentieren, habe ich mit dem Virus TI2 ein paar wichtige Klänge nachgebaut. Natürlich lassen sich die Sounds aber mit fast allen herkömmlichen Synthesizern nachbauen: Mehr als drei Oszillatoren und die gängigen Features wie Filter-Hüllkurve und LFO sind jedenfalls nicht notwendig. Alle angegebenen Werte für die Regler-Positionen beziehen sich übrigens auf den typischen MIDI-Wertebereich von 0-127.

Am Ende dieses Workshops habe ich euch die für jedes Beispiel verwendeten Synth-Bass Patches im Virus TI2 SysEx-Format zum Download vorbereitet. Dabei handelt es sich um fünf separate SysEX-Datenstrings, die mit Cubase aufgezeichnet und im Midifileformat abgespeichert wurden.

Details

Bass No. 1: Klassiker → Chameleon - Herbie Hancock

„Klassiker aus den 1970er Jahren“

Beginnen wir mit einem absoluten Klassiker aus den Siebzigern, der glücklicherweise mit nur einem einzigen Oszillator auskommt. 

Der originale Bass-Sound aus "Chameleon" (Einsatz zu Beginn des Songs)

 

Der Sound nachgebaut: 

Den Grundstein für den "Nachbau" dieses Sounds legen wir mit einem Sägezahn, welcher ohne jegliche Bearbeitung noch nicht erahnen lässt worum es hier geht! 

Interessant wird es nämlich erst, wenn der Filter ordentlich „zugreift“, denn Herbie Hancock's legendärer Sound macht reichlich Gebrauch von der Filter Hüllkurve: Dafür wird der „Filter Envelope Amount“ auf- und der Cutoff zugedreht. Der Attack-Regler der Filter-Hüllkurve bleibt zunächst auf 0, während der Decay-Regler etwa in Mittelstellung (ca. 70) eingestellt wird. Auch Sustain und Release bleiben auf Linksanschlag. Jetzt kann man hören, wie der Filter arbeitet.

Richtig „schmatzen“ wird er aber erst, wenn wir die Filter-Resonanz leicht hinzudrehen (Werte zw. 30 und 40 sind hier angemessen).

Im Vergleich zum Original klingt es jetzt aber schon recht höhenlastig: Um das Filter-Schmatzen etwas abzudämpfen sollte man den Filter-Envelope-Amount nun wieder etwas zurücknehmen, dann wird der Sound etwas dumpfer.

Was den Toneinsatz (Attack) anbelangt, so besitzt das Original einen etwas höheren Attack-Wert: Deshalb drehen wir so lange am Attack-Regler, bis auch unser Klang einen leichten Wah-Effekt bekommt.

Zum Abschluss darf ein wenig Verzerrung nicht fehlen, denn egal, ob gewollt oder nicht: Herbie’s Sound klingt etwas schmutzig und genau das lässt die Herzen echter Analog-Liebhaber höherschlagen. An dieser Stelle versuchen wir diesen Effekt übrigens mit einem leichten, digitalen Overdrive nachzuempfinden, was mit dem Virus TI recht einfach ist. Erst jetzt hat er das „gewisse Etwas“ - nur noch einen Hauch Reverb und fertig ist der Chameleon-Sound!   

Bass No. 1: Chamäleon - Herbie Hancock (Video: Christian Frentzen)

Bass No. 2: Groove-Bass → À la Stevie Wonder und Bruno Mars 

„Sägezahn mit Portamento“

Wenn ich an einen typischen Synth-Bass denke, dann fallen mir auf Anhieb ein paar Meilensteine der Musikgeschichte ein, an denen man als Keyboarder nicht vorbeikommt. Stevie Wonder z. B. hat unzählige seiner Hits mit einem Synth-Bass eingespielt („Boogie On Reggae Woman“ ist in dieser Hinsicht mein absoluter Favorit) und auch Michael Jackson‘s „Thriller“ verwendet einen sehr schönen synthetischen Bass. Auch in der modernen Popmusik sind Synth-Bässe wieder angesagt: Bruno Mars hat dies erst kürzlich mit seinem Hit „24k Magic“ bewiesen.

Der originale Bass-Sound aus „Boogie On Reggae Woman“ (Einsatz zu Beginn des Songs)

 

Der originale Bass-Sound aus „24K Magic“ (Einsatz bei 0:25)

 

Der Sound nachgebaut:

Für einen Synth-Patch dieser Kragenweite benötigen wir zwei Oszillatoren, die jeweils einen Sägezahn erzeugen und mit dem Detune-Regler leicht gegeneinander verstimmt werden. Einer der beiden Sägezähne wird außerdem um eine Oktave (+12 Halbtöne) erhöht.

Auch hier kommt die Filter-Hüllkurve zum Einsatz und wird über den Amount-Regler auf etwa zwei Drittel (ca. 70) eingestellt, damit er nicht zu stark eingreift. Ähnlich wie bei unserem ersten Beispiel wird der Filter-Decay auf einen Wert zw. 60 und 70 eingestellt, der Filter-Sustain auf etwa 50. Somit geht der Filter nicht jedes Mal ganz zu, sondern bleibt ein wenig geöffnet. Auch der Filter-Attack wird ganz vorsichtig aufgedreht (Werte ca. 10-15), damit der Sound den harten Attack verliert und einen Hauch „Wah“-Effekt bekommt.

Natürlich darf auch hier ein wenig Filter-Resonanz nicht fehlen!

Zum Abschluss fügen wir eine gute Portion „Portamento“ hinzu, damit der Sound von der Einen zur nächsten Note kurze „Schleifer“ macht und er dadurch noch etwas organischer klingt. 

Bass No. 2: Groove-Bass à la Stevie Wonder und Bruno Mars. (Video: Christian Frentzen)

Bass No. 3: House → Show Me Love - Robin S

„Der House-Klassiker aus den 90ern“

Dieser Sound entstammt aus einer Hammond-Orgel und ist an eine typische Zugriegel-Registrierung angelehnt: Genauer gesagt handelt es sich um die ersten drei Zugriegel (16‘, 5  1/3' und 8‘) inkl. aktivierter Percussion (in der Einstellung „Second“). Das klingt für alle, die mit einer Hammond-Orgel nicht vertraut sind zwar zunächst verwirrend, gehört aber zu den häufigsten Orgeln-Registrierungen im Rock- und Blues-Kontext.

In dieser Registrierung erzeugt die Hammond-Orgel vier Sinustöne, die in einem ganz bestimmten tonalen Verhältnis zueinanderstehen: Grundton, Suboktave, Quinte und Duodezime (d. h. Oktave plus Quinte) erklingen, wenn man eine Taste betätigt. Hierfür benötigen wir also vier Oszillatoren. Wessen Synth beispielsweise nur über drei Oszillatoren verfügt, kann diesen Sound ebenfalls nachbauen und lässt ganz einfach die Quinte weg.

Der originale Bass-Sound aus „Show Me Love“ (Einsatz bei 0:12)

 

Der Sound nachgebaut:

Um den Sound nachzubauen, verwende ich zunächst Oszillator 1 mit einer Sinuswelle. Als Suboktave dient in meinem Fall der Suboszillator, welcher automatisch eine tiefe Oktave, allerdings nur als Dreieckswelle erzeugt. Das ist aber klanglich noch recht nahe an einem Sinuston und darf deshalb ganz einfach so „durchgehen“. Oszillator 2 zwei erzeugt eine Sinuswelle mit einer Quinte über dem ersten Oszillator (+7 Halbtöne) und Oszillator drei generiert die Duodezime (+19 Halbtöne höher als Oszillator 1). Jetzt klingt es schon fast wie bei einer echten Hammond-Orgel! 

Weiter geht es mit der Filterhüllkurve: der Filter-Envelope-Amount darf voll aufgedreht werden und dann benötigen wir ein recht kurzes Filter-Decay mit einem Wert von ca. 50 - 60. Jetzt hat unser Orgel-Sound einen knackigen Charakter, denn durch die Decay-Zeit verschwindet er zwar schneller, erklingt aber sehr viel „punchiger“.

Den Abschluss des House-Klassikers macht ein Achtel-Delay, das wir langsam hinzufahren bis es deutlich zu hören ist. Das Feedback sollte übrigens möglichst kurz sein!

Bass No. 3: House → Show Me Love - Robin S. (Video: Christian Frentzen)

Bass No. 4: Deep House → Attack-Bass à la Calvin Harris, David Guetta, Avicii und Kiesza

„Zwischen Sägezahn und Puls“

Kommen wir zu den modernen Synth-Bässen. Mein nächster Bass-Sound ist angelehnt an Deep House Tracks, wie man sie aus dem Hause Guetta oder Harris sowie von Kiesza kennt. Die Besonderheit des Sounds liegt nicht nur in seinem knackigen Attack, sondern auch in dem eigenartigen Sound der Wellenform, der irgendwo zwischen Sägezahn und Rechteck liegt.

Der originale Bass-Sound aus „Hideaway“ (Einsatz bei 0:59)

 

Der Sound nachgebaut:

Im Virus TI kann man beispielsweise zwischen den Wellen Sinus, Sägezahn und Rechteck stufenlos hin- und her morphen. Man muss sich also nicht für eine der drei Wellenformen entscheiden: Es sind auch Mischformen möglich. Für unseren Sound habe ich die Wellenformen auf Sägezahn gestellt und sie dann leicht in Richtung Rechteck gedreht, bis ein Hauch von „Pulswelle“ zu hören ist. 

Als nächstes soll unser Sound nach dem Loslassen jeder Taste leicht abklingen - das machen wir mit dem Release-Regler der Amp-Hüllkurve und stellen diesen auf einen Wert von beispielsweise 50 ein.

Dann geht es wieder an die Filterhüllkurve: Erst wird der Envelope-Amount ganz aufgedreht (127) und dann der Filter-Regler nacheinander eingestellt: Attack(0), Decay (50), Sustain (0), Release (40).

Natürlich darf hier etwas Filter-Resonanz nach Belieben hinzugefügt werden.

Damit der Bass anschließend wieder etwas dumpfer und weniger „spritzig“ klingt, drehen wir den Envelope-Amount wieder zurück auf einen mittleren Wert (60).

Wer jetzt mag, der darf gerne noch an der Wellenform drehen, denn gerade wenn der Sound dumpf ist klingt die Variation zwischen Sägezahn- und Pulswelle sehr reizvoll.

Bass No. 4: Attack-Bass à la Calvin Harris, David Guetta, Avicii und Kiesza. (Video: Christian Frentzen)

Bass No. 5: Dubstep → Dubstep-Bass mit LFO-Modulation

„Supersaw für den besonders fetten Sound!“

Für das letzte Beispiel habe ich mir einen besonders fetten Bass-Sound überlegt: Ein Dubstep-Bass, dessen Filter über einen LFO moduliert wird, und darüber seinen wabernden, aggressiven Charakter bekommt. Bei der Wellenform heißt es jetzt allerdings nicht mehr Sägezahn, sondern gleich Mehrfach-Sägezahn, was im Synthesizer-Jargon auch "Super-Saw" genannt wird. Alex Claire verwendet diesen speziellen Sound  im Refrain seines Hits „Too Close“.

Der originale Bass-Sound aus „Too Close“ (Einsatz bei 0:59)

 

Der Sound nachgebaut:

Um den Sound nachzubauen muss man zunächst eine Super-Saw Wellenform aufbauen. Bei dieser speziellen Wellenform handelt es sich um mehrere überlagerte Sägezähne, die stark verstimmt werden und sich zu einem besonders fetten Techno-Sound zusammenfügen. Hier ein Beispiel für einen Super-Saw-Sound, bei welchem gleich 8 Stimmen gegeneinander verstimmt werden.  

Als nächstes kommt der LFO (Low Frequency Oscillator) ins Spiel: Der LFO moduliert den Filter-Cutoff, d. h. er bewegt ihn gewissermaßen mit in einer gleichmäßigen Sinus-Bewegung auf und ab. Im Virus TI lässt sich diese Modulation langsam hinzufahren - so kann man dann die gewünschte Intensität anpassen.

Um den Effekt noch dramatischer klingen zu lassen, benutzen wir den Rauschgenerator und drehen noch einen Anteil des Rauschsignals zu unserem Bass-Sound, was speziell bei den Filter-Modulationen zu etwas mehr „Schärfe“ führt.

Typisch für einen Dubstep-Sound ist die triolische Bewegung, die halbtaktig gerne verdoppelt wird. Diesen Effekt kann man beispielsweise nachahmen, indem man die LFO-Geschwindigkeit über das Modulationsrad variiert. Mit etwas Übung lässt sich so die Geschwindigkeit des LFO genau im richtigen Moment verdoppeln.

Im Übrigen gilt auch hier: Nicht nur der Sägezahn, sondern auch die Pulswelle funktioniert im Dubstep-Kontext. Durch die spezielle Obertonstruktur hat die Pulswelle sogar einen ganz besonders reizvollen Sound.

Bass No. 5: Dubstep-Bass mit LFO-Modulation. (Video: Christian Frentzen)

Fazit

Dieser Artikel zeigt natürlich nur einen kleinen Ausschnitt aus der nahezu unüberschaubaren Materie der Synthesizer-Sounds. Trotzdem zeigen schon fünf Synth-Bass Sounds, wie unterschiedlich und vielseitig die Klangsynthese sein kann. Außerdem möchte ich mit diesen Beispielen zeigen, wie schnell man mit ein paar einfachen Tricks sehr eindrucksvolle Klänge basteln kann. Dabei geht es mir nicht nur um das Nachbauen der genannten Sounds, sondern auch darum, einen Anreiz für alle Synthesizer-Enthusiasten und Sound-Liebhaber darzustellen. Mit einer gewissen Routine und einem erfinderischen Geist lassen sich so auch ganz eigene Kreationen am eigenen Synthesizer erstellen!

Viel Spaß beim experimentieren!

Download

Ladet euch hier die für jedes Beispiel verwendeten Synth-Bass Patches im Virus TI2 SysEx-Format herunter. Dabei handelt es sich um fünf separate SysEX-Datenstrings, die mit Cubase aufgezeichnet und im Midifileformat abgespeichert wurden. Zur Verwendung der Daten ist der Virus TI2 Voraussetzung.

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