Die E-Gitarre lebt – aber ist der Guitar Hero tot?

Es ist immer die alte Leier: Seit mindestens zwei Jahrzehnten droht der E-Gitarre regelmäßig und mit ermüdender Zuverlässigkeit das baldige Ableben. Mal ist die elektronische Musik schuld, mal sind es Plugins und jüngst natürlich die KI. Aber das Instrument selbst zeigt sich von diesen Kassandrarufen völlig unbeeindruckt: Gitarren werden weiterhin gut verkauft, in den sozialen Medien tummeln sich großartige Player, und Rock gehört nach wie vor zu den wachsenden Genres auf Streaming-Plattformen. Die E-Gitarre ist also keineswegs weg vom Fenster, im Gegensatz zu einem Protagonisten, der über Jahrzehnte fest mit ihr verbunden war: dem Guitar Hero. Natürlich gibt es auch heute noch großartige und äußerst erfolgreiche Gitarristen. Doch wo sind die neuen Hendrix’, Van Halens oder Claptons unserer Zeit?

Ist der Guitar Hero tot?
Credits: Shutterstock / Reniid007

Die E-Gitarre lebt – warum trotzdem alle ihren Tod verkünden

2017 war ein Jahr, in dem gefühlt jedes zweite Musikmagazin eine Grabesrede auf die E-Gitarre hielt. Und die damaligen Verkaufszahlen legten diesen Abgesang auch tatsächlich nahe: Binnen zehn Jahren war der US-Absatz von rund 1,5 Millionen auf etwa eine Million Instrumente jährlich abgesackt, Gibson stand finanziell mit dem Rücken zur Wand und selbst Handelsriesen wie Guitar Center schoben Schuldenberge vor sich her. 

Ein Teil dieser Probleme war hausgemacht. Man könnte es zugespitzt „Boomer-Marketing“ nennen: Große Teile der Branche adressierten primär eine bestimmte Zielgruppe: männlich, Mid-Ager, Rockfan, aufgewachsen mit den Gitarrenhelden der 70er und 80er. Rückblickend waren die apokalyptischen Unkenrufe trotzdem etwas voreilig. Fender stellte überraschend fest, dass ein großer Teil der Neukunden inzwischen weiblich war und auch ein starkes Interesse an Akustik-Gitarren bestand – ein Phänomen, das auch als „Taylor-Swift-Effekt“ bezeichnet wurde.

Ironischerweise trug die COVID-Pandemie ebenfalls dazu bei und sorgte für einen Nachfrageschub, den vorher niemand auf dem Schirm hatte. Zu guter Letzt eröffneten die sozialen Medien Gitarristen Möglichkeiten, für die es früher schlicht keine Plattform gab. Der häufig kolportierte Todeskampf der E-Gitarre entpuppte sich im Nachhinein also eher als ein Wandel: weg von einer älteren, rock-dominierten Zielgruppe, hin zu einer deutlich diverseren Gitarrenwelt.

Keine Gitarrensoli mehr im Radio? Warum die E-Gitarre trotzdem nicht tot ist

Bemisst man den Zustand der E-Gitarre allein an den internationalen Charts, könnte man zu einer ziemlich trüben Bilanz kommen. Rockbands feiern zwar auch heute noch enorme Erfolge und füllen Stadien. Das typische Rockband-Line-up dominiert die Popkultur jedoch längst nicht mehr in dem Maße, wie das bis in die 90er-Jahre der Fall war. Ab Mitte der 90er-Jahre verschwand das klassische Gitarrensolo zunehmend aus dem Mainstream-Radio. Songs wurden zudem im Streaming-Zeitalter kürzer und kompakter und Platz für episches Solieren blieb kaum. Ob man hieraus jedoch gleich den Tod des Instruments ableiten kann, ist fraglich. 

Vielmehr änderte sich die Funktion der E-Gitarre im Pop, sodass sie heute nicht mehr zwangsläufig im Mittelpunkt des Geschehens stehen muss. Stattdessen liefert sie Melodie-Lines, Hintergrundflächen, die nötige Portion Schmutz oder einzelne Sounds, die vielleicht nur für wenige Beats auftauchen. 

Und selbst dort, wo sie prominenter eingesetzt wird, klingt sie häufig anders als das mittenbetonte Rockbrett der 70er oder 80er. Interessanterweise zeigen sich die Live-Arrangements von Künstlerinnen wie Rihanna oder Pink dennoch oft von einer deutlich rockigeren Seite als ihre Studioversionen. So ganz ohne E-Gitarre geht es also auch heute nicht.

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Von Hendrix bis Slash: Wie der Gitarrenheld zum Superstar wurde

Weitgehend verschwunden ist jedoch der klassische Guitar Hero. Diese Figur entstand unter Bedingungen, die heute kaum noch existieren. Jimi Hendrix, Eric Clapton, Jimmy Page oder später Eddie Van Halen waren nicht einfach nur Instrumentalisten, sondern Komponisten, teilweise Produzenten, und wurden zu sofort identifizierbaren Gallionsfiguren. 

Der Sound eines Brian May oder Mark Knopfler ist auch heute noch innerhalb weniger Sekunden zu erkennen. Und damit untrennbar verbunden waren auch ein eigenständiger Look und das gesamt Image. Jimmy Page mit Les Paul auf Kniehöhe, Angus Young in Schuluniform oder Slash mit Kippe im Mundwinkel und Zylinder. Kurzum: Guitar Heroes waren Stilikonen. All das spielte sich in einem völlig anderen medialen Umfeld ab: Einige wenige reichweitenstarke Radio- und Fernsehformate sowie Musikmagazine fungierten als Gatekeeper und bestimmten, welche Künstler ein Millionenpublikum erreichten. Auch Plattenfirmen übernahmen diese Art redigierender Filterfunktion. Wer all diese Hürden überwand, hatte dafür umso eher das Potenzial, zu einer zeitlosen Figur zu werden. Aber mittlerweile sehen diese Bedingungen anders aus.

Warum es heute kaum noch Generationen-prägende Gitarristen gibt

Beantwortet euch doch mal selbst die Frage: Wer ist der letzte E-Gitarrist, der auch Nicht-Musikern ein Begriff war? John Mayer vielleicht? Jack White? Beide wurden spätestens in den frühen 2000ern bekannt und sind inzwischen weit über 40. Danach wird es schon deutlich dünner. 

Mangelnde Fähigkeiten sind dafür definitiv kein Beleg – das technische Niveau moderner E-Gitarristen ist schwindelerregend. Aber das allein macht sie noch nicht zu Gitarrenhelden. Auch bei Ritchie Blackmore oder Eddie Van Halen war Virtuosität nur ein Teil des Erfolgs. Entscheidend war, dass sie in Bands spielten, die Hits produzierten, Stadien füllten und im Radio liefen. Guitar Heroes brauchten demnach immer eine kommerzielle Trägerrakete wie eine erfolgreiche Band, einen Hit-Song oder ein Chart-Album. Diese Vehikel sind heute seltener geworden, denn die Charts werden längst nicht mehr von gitarrenlastigen Rockbands dominiert. 

Fragmentierung statt Massenpublikum: Warum der Guitar Hero an Strahlkraft verliert

Verstärkt wird das Ganze durch die Fragmentierung der Medienlandschaft: Während früher ein Millionenpublikum gleichzeitig MTV sah oder dieselben fünf Rockplatten kaufte, bringt heute praktisch jedes musikalische Subgenre die eigenen Stars in einer eigenen Bubble hervor. Der Progressive-Metal-Fan kennt Tosin Abasi und wer sich mit moderner Instrumentalgitarre beschäftigt, ist mit Mateus Asato oder Matteo Mancuso vertraut. Und die Internet-Gitarrenwelt kennt Namen wie Ichika Nito oder Yvette Young. Musiker, die innerhalb ihrer jeweiligen Szenen eine enorme Bedeutung haben, aber außerhalb deutlich weniger populär sind. 

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Potenzielle Gegenbeispiele stützen diese These: Tim Henson startete nicht als einsamer YouTuber durch, sondern wurde auch durch den kommerziellen Erfolg seiner Band Polyphia und Kollaborationen mit Künstlern wie Ed Sheeran oder Steve Vai einem größeren Publikum bekannt. Nita Strauss und Sophie Lloyd spielen bei Weltstars wie Alice Cooper oder Machine Gun Kelly. St. Vincent oder H.E.R. sind aufgrund ihrer Kompositionen selbst zu kommerziell erfolgreichen Acts geworden.

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Früher gab es wenige Gitarrenhelden für zig Millionen Hörer. Heute kommen unzählige Gitarrenhelden auf einige Zehntausend bis Hunderttausend Follower. Der Nimbus des Guitar-Heroes wurde demokratisiert, aber im Vergleich zu den klassischen Helden eben auch entwertet.

Instagram, YouTube und die neue Generation der Virtuosen

Zur medialen Fragmentierung gesellt sich ein zweiter Effekt. Plattformen, die neue Gitarristen sichtbar machen, sorgen gleichzeitig dafür, dass außergewöhnliche Fähigkeiten schneller ihren Seltenheitswert verlieren. 

Unstreitig ist, dass das Internet der Musikwelt unzählige Möglichkeiten eröffnet hat. Noch nie war es so leicht, neue Musik und damit auch außergewöhnliche Gitarristen zu entdecken. Dadurch verbreiten sich aber auch Spieltechniken innerhalb kürzester Zeit, und das Niveau ist entsprechend explodiert. Eddie Van Halens Tapping klang Ende der 70er-Jahre noch wie das Spiel eines Aliens, heute gehört diese Technik zum Standardvokabular moderner Rockgitarristen. Ähnliches gilt für Sweep-Picking, Hybrid-Picking oder perkussive Akustikgitarren-Techniken. YouTube wurde damit vermutlich zur größten Gitarrenschule, die je existiert hat – mit dem Nebeneffekt, dass das Außergewöhnliche nicht mehr lange außergewöhnlich bleibt. 

Was gestern noch als kaum spielbar galt, taucht morgen als Tutorial mit dem Titel „5 Ways to Learn XYZ“ auf. Virtuosität wird dadurch besonders sichtbar und schnell zum Maßstab für musikalisches Können. Gleichzeitig verliert sie einen Teil ihrer Exklusivität. Hinzu kommen die Mechanismen sozialer Medien. Ein 60-Sekunden-Clip muss sofort funktionieren und was eignet sich dafür besser als ein spektakuläres Solo-Lick? 

Aber das Phänomen des Guitar Heroes lässt sich kaum auf ein Reel eindampfen. Eine Künstlerpersönlichkeit entsteht durch ihr Schaffen, durch Songs, Alben, Live-Konzerte, Image und oft Jahre musikalischer Entwicklung. So kommt es zu dem scheinbaren Widerspruch, dass es für viele außergewöhnliche Gitarristen noch nie so einfach war, ihr Publikum zu erreichen. Gleichzeitig scheint es umso schwerer zu sein, auch jenseits der eigenen Blase zum Guitar Hero zu werden.

Was macht einen Guitar Hero aus? Warum alte Maßstäbe neue Gitarrenhelden verhindern

Schon die Frage, was einen großen Gitarristen oder gar einen Guitar Hero ausmacht, ist ziemlich unscharf. Bei Eddie Van Halen, Steve Vai oder Jimi Hendrix sind sich vermutlich die meisten schnell einig. Aber was ist mit The Edge oder Andy Summers? Beide prägten den Klang ihrer Bands maßgeblich, allerdings weniger durch High-Speed-Shredding als durch ihren Sound, harmonischen Überblick und den kreativen Einsatz von Effekten. Der Begriff „Guitar Hero“ war also nie eine klar definierte Kategorie, sondern ein Sammelbecken für sehr unterschiedliche Musiker. Ihre entscheidende Gemeinsamkeit war eine mediale Bühne, die aus sehr unterschiedlichen Playern dieselbe kulturelle Figur machte. 

Spätestens seit den 80ern verschwimmen die Grenzen zwischen Instrumentalist, Produzent und Soundarchitekt zunehmend. Komplexere Effektsetups ermöglichen Sounds, die mit dem traditionellen Rollenbild der E-Gitarre nur noch bedingt zu tun haben. Andy Summers wurde zu einem stilprägenden Klangästheten und St. Vincent zeigt, dass innovatives Gitarrenspiel nicht im traditionellen Blues-Rock-Vokabular verwurzelt sein muss. 

Umso auffälliger ist, wie konservativ große Teile der Gitarren-Community ihr Instrument bis heute verstehen. Strat, Tele und Les Paul prägen auch nach mehr als 70 Jahren das Erscheinungsbild der E-Gitarre und viele Pedalhersteller beschäftigen sich damit, Schaltungen vergangener Jahrzehnte nachzubilden. Das geht auch vollkommen in Ordnung – schließlich muss auch die Korpusform einer Geige nicht alle fünf Jahre neu erfunden werden. Problematisch wird es dann, wenn gleichzeitig gejammert wird, dass keine neuen Gitarrenhelden entstehen, während junge Musiker in Teilen daran gemessen werden, wie überzeugend sie Gary Moore reproduzieren. Eine Gitarrengemeinde, die ihre eigene Vergangenheit ständig zum Goldstandard erhebt, darf sich nicht wundern, wenn auch ihre größten Helden aus der Vergangenheit stammen – oder bereits tot sind. 

Fazit: Ist der Tod des Gitarrenhelden vielleicht sogar eine gute Nachricht?

Natürlich kann man die Vergangenheit verklären und den Verlust großer Gitarrenhelden beweinen. Da nehme ich mich nicht aus: Es hatte immer etwas Faszinierendes, wenn Van Halen ein Album veröffentlichte und man gespannt war, was Eddie wohl diesmal Neues anstellen würde. Nur zu leicht vergisst man dabei auch die Schattenseiten. Gitarrenspiel wurde stellenweise zum sportlichen Wettbewerb und die Rolle des Instruments war eng definiert. Fälle wie Andy Summers oder The Edge gab es natürlich schon damals. Heute ist diese Bandbreite jedoch sichtbarer, bunter und selbstverständlicher geworden. Ein großartiger Gitarrist kann entweder virtuos, experimentell oder klanglich innovativ sein – solange er dabei authentisch bleibt. Die E-Gitarre lebt also weiter. Nur ihren Thron hat sie verloren, weil die Bedingungen, die sie einst ins Zentrum der Popkultur rückten, heute seltener geworden sind: kommerziell erfolgreiche, gitarrendominierte Acts, die einen Virtuosen automatisch ins Rampenlicht spülen. Hinzu kommt die Fragmentierung der Medienlandschaft: Wo früher ein Millionenpublikum dieselben Radiosender hörte, hat heute jedes Subgenre seine eigenen Stars in der eigenen Bubble. Es fehlt das gemeinsame Gravitationszentrum, in dessen Orbit ein Millionenpublikum kreist. Ein neuer Hendrix dürfte es deshalb deutlich schwerer haben.

Quellen:

https://view.ceros.com/luminate-data/luminate-year-end-music-report-2025-1/p/1https://www.marketdataforecast.com/market-reports/guitars-markethttps://www.theguardian.com/music/2018/oct/17/half-of-beginner-guitarists-in-us-and-uk-are-female-survey-sayshttps://spotlight.fender.com/newsroom/news/654


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