Autechre: Diese Synthesizer nutzt das Electronic-Duo

Das englische Electronic-Duo Autechre, bestehend aus Rob Brown und Sean Booth, ist seit ihrem Debütalbum Incunabula von 1993 bekannt für ihren experimentellen und komplexen Sound. Während ihrer Karriere haben sie eine Vielzahl von Hardwaresynthesizern, Effektpedalen und Softwaretools verwendet – und einige davon selbst radikal modifiziert. Die Technik ist für sie bis heute ebenso wichtig wie die Musik; das ganze Studio wird bei Autechre zum Instrument.

Autechre: Diese Synthesizer nutzt das Electronic-Duo
Foto: Warp Records

Der Anfang: Casio-Sampler, Tapedecks und Sequenzer

Die Karriere von Autechre begann mit vergleichsweise einfach aufgebauten Musikinstrumenten. Sean Booth berichtet über die ersten Sessions mit Rob Brown:

„Ich hatte nur einen Casio SK-1, Tapedecks und einen Plattenspieler – damit habe ich alles gemacht.“

Später kamen aber noch einige andere Geräte dazu, unter anderem eine Roland TR-606 Drum Machine, ein Casio SK-5 Sampler, eine Boss-Delay-Einheit und ein Roland MC-202 Synth mit Sequenzer. Auch ein Tascam 244 4-Track-Recorder und ein Roland Juno 106 Synthesizer wurden Teil des Setups für die ersten Alben Incunabula und Amber. Auf ihnen kombinieren Autechre Ambient-Pads, modernes Sounddesign und eigenwillige Beats. Eine Mischung aus analoger Hardware und modernen digitalen Sampling-Methoden ermöglichte diese ersten kreativen Experimente.

Der Roland MicroComposer 202 ist eine Kombination aus einem SH 101 Synth und einem komplexen Sequenzer. (Foto: tinyloops)

Besonders die Kombination aus dem MC-202-Sequencer und den Samplern erlaubte es den Musikern, Sounds live wie im Studio zu manipulieren. Die Casio-Sampler bearbeiteten sie zum Teil sogar mechanisch, um spezielle Klangmodulationen zu erzielen. Mit ihrem Rig sorgten die beiden bei Veranstaltern regelmäßig für Aufsehen. In einem Interview erzählte Sean Booth einmal:

„Ich erinnere mich noch daran, als wir zum ersten Mal in einem Club namens Bojangles in Rochdale live auftraten. Die hatten keine Ahnung von elektronischer Musik, und wir kamen mit einem Roland MC-202 und einem Roland Octopad an, und der Typ meinte: ‚Das könnt ihr nicht über meine PA laufen lassen, das ist ein Synthesizer, der perfekte Wellenformen erzeugt. Wenn ihr eine Rechteckwelle durch diese Anlage spielt, ist sie fratze!‘“

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Mit minimalen Beats und experimentellen Pad-Sounds entwickelten Autechre auf Amber einen besonderen IDM-Sound.

Autechre: Hardware-Sampler und Synthesizer im Detail

Autechre hat neben den genannten SK-5 und Octopad im Laufe der Jahre noch viele andere Sampler und Synthesizer genutzt, mit denen sie intensiv experimentierten. Zu den bekanntesten zählen vermutlich die 1988 und 1991 hergestellten Ensoniq Performance Sampler, die sie mit eigener Software modifizierten, um beispielsweise live Effekte und komplexe Sample-Editierungen realisieren zu können. Ihn zogen sie den zeitgenössischen Konkurrenten von Akai vor, wie aus einem Zitat Sean Booths aus einem Gespräch hervorgeht:

„Es ist seltsam, dass Ensoniq im Verhältnis zu Akai ignoriert wird […]. Am EPS und dem ASR-10 entdecken wir immer noch neue Dinge, wie zum Beispiel die Möglichkeit, Aspekte von Effekten zu verändern, die man eigentlich nicht verändern kann.“

Auch ein Kurzweil K2500, ein Emu E-Synth und diverse Casio-Sampler (FZ1, FZ10, SK1, SK5 und SK100) kamen zum Einsatz, wobei sie auch bei letzteren weitere Hardware- und Firmware-Hacks vornahmen.

Für Autechre war der Ensoniq Performance Sampler – kurz: EPS – deutlich interessanter als die MPC-Sampler von Akai. (Foto: Vintage Synth Explorer)
Für Autechre war der Ensoniq Performance Sampler – kurz: EPS – deutlich interessanter als die MPC-Sampler von Akai. (Foto: Vintage Synth Explorer)

Aus den vielen Interviews der beiden und auf Reddit kursierenden Studiofotos ist außerdem auch zu entnehmen, dass neben analogen Synths wie dem erwähnten Juno 106 oder dem KORG MS-20 auch modular konzipierte Instrumente wie der Nord Modular und sogar Doepfer-Euroracksysteme den Weg in die Studios der beiden fanden. Studios übrigens deshalb im Plural, weil Autechre in der Regel nicht gemeinsam aufnehmen, sondern sich in der Regel in ihre jeweils eigenen Produktionsräume einquartieren und dort entstehende Ideen in Form von Stems und Loops hin- und her schicken. Dazu später noch ein wenig mehr.

Der Weg ins Heute: Autechres Software

Wer nicht nur die frühen Alben von Autechre kennt, sondern auch neuere Releases wie ExaiElseq 1–5 oder PLUS gehört hat, weiß nur zu gut, dass die beiden Producer radikal mit der Zeit gehen und mittlerweile primär mit Software arbeiten. Schon früh nutzten Booth und Brown Computer für Sequencing und Sounddesign parallel zu Synthesizern, wie sich Booth erinnert:

„1988 stellte uns ein Freund in Rochdale sein Studio zur Verfügung, wo wir begannen, mit einem Atari, Cubase und Creator sowie Geräten wie der Roland R8 (Drum Machine) und dem Casio FZ1 (Sampler) zu arbeiten. Wir legten uns auch kleine Delay-Geräte zu und dieses kleine Boss-Ding, das Delays erzeugen und als Sampler dienen konnte.“

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Etwas über fünf Stunden lang: Das digital mit Max/MSP-Musiksoftware erstellte Autechre-Album Elseq 1–5.

Etwas später verwendete das Duo dann bereits Apple-Computer (etwa ein PowerBook G4) und Programme wie Cycling 74 Max/MSP, das für maßgeschneiderte MIDI-Controller und generative Musikprogramme genutzt wird – und heute in Ableton Live integriert ist. Bis heute ist Max/MSP Workflow-Bestandteil des Duos. In der Software erstellen Brown und Booth gemeinsam und einzeln eigene Instrumente, die mitunter generativ agieren und so quasi selbstständig Songs erzeugen. Dies war unter anderem das Konzept hinter dem Albumzyklus Elseq, der wie fast alle Releases von Autechre beim Label Warp Records erschien.

Autechre Live-Setup und neuere Hardware

Und live? In diesem Feld stand und steht Autechre auch niemals still. So finden sich in unterschiedlichen Web-Quellen Informationen über Live-Performances und zugehörige Setups des Duos seit dem Jahr 2005. Im Laufe der Zeit verwendeten die beiden auf der Bühne unter anderem die Elektron Machinedrum und die Elektron Monomachine, die für ihre vielseitigen Sequencer und einzigartigen Drum-Sounds bekannt sind. Auch gibt es Berichte über den Gebrauch einer Akai MPC 1000 mit angepasster JJOS-Firmware, um erweiterte Funktionen für Performance und Sample-Manipulation zu erzielen, sowie Nord Modular G2 Synthesizer, die auf Bühnen und in Clubs zum Einsatz kamen.

Ensoniq EPS
Mit der Elektron Machinedrum war in den 00er Jahren eine der bekanntesten Drummachines aller Zeiten Teil von Autechre-Live-Sets. (Foto: Vintage Synth Explorer)

In jüngster Vergangenheit sind Live-Performances für Autechre besonders wichtig geworden. So veröffentlichte das Duo im August 2023 und im November 2024 19 Liveaufnahmen mit einer Länge von sage und schreibe 1.356 Minuten unter dem Sammeltitel AE 2022–. Dass das eine überbordende Menge an Material ist, wissen die beiden selbst nur zu gut, wie Rob Brown in einem Interview zugibt:

„Es ist wirklich fast zu viel. Aber mir gefällt, dass sie [die Live-Aufnahmen, Anm. d. Red.] sich in so vielerlei Hinsicht unterschieden haben, aufgrund der Gestalt der Räume, der Art der Beteiligung des Publikums und dem, was wir von Minute zu Minute gemacht haben. Ja, es schien einfach eine wirklich gute Möglichkeit zu sein, all diese Dinge gleichzeitig im Blick zu haben und all das umzusetzen, was wir machen wollten.“

DIY-Mentalität und klangliche Eigenheiten

Zum Zeitpunkt dieses Beitrags (Dezember 2025) stammt die letzte Aufnahme des Zyklus aus dem Winter 2024. Ob weitere Aufnahmen in diesem Großprojekt folgen oder Autechre sich bald wieder neuen Gefilden zuwenden, ist derzeit unklar. Fest steht aber: Das Duo ist nach wie vor berühmt für seine Bastlermentalität. Nachdem früher Geräte wie Casio-Sampler zerlegt, eigene Schaltungen gelötet und Firmware digitaler Musikinstrumente modifiziert wurden, um ungewöhnliche Klänge zu erzeugen, sind heute die Algorithmen dran. Besonders auffällig ist auch bis heute der Umgang mit Samples: Die zwei Masterminds bearbeiten, verzerren und modifizieren diese oft so stark, dass die Ursprungsquellen kaum noch erkennbar sind. Diese Praxis zieht sich durch fast alle ihre Alben.

Autechre live
Auch live machen Autechre keine Kompromisse – wie dieses Foto aus den 10er Jahren mit riesigen Monitorboxen zeigt. (Quelle: https://inverted-audio.com)

Schluss: Variabler Workflow für maximale Kreativität

Ihr Arbeitsprozess ist daher bis heute geprägt von Experimentierfreude und systematischer Suche nach unerwarteten Sounds. Rob Brown beschreibt ihre Arbeit als spielerisches Zusammenfügen von Klängen, das nie linear verläuft. Und Sean Booth erzählte bereits 2005 im Gespräch mit Peter Hollo:

„Es gibt keine festgelegte Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten – wir machen es auf jede erdenkliche Weise. Wir sind beide interdisziplinär, es gibt keine festgelegten Fachgebiete. Wir haben zwar leicht unterschiedliche ästhetische Vorlieben, und wir sind ziemlich gut darin, diese Unterschiede zu nutzen, aber es ist ein völlig adaptiver Prozess. Es kann einfach so sein, dass wir ein bestimmtes Gerät einschalten, auf ein Pad drücken und eine Weile mit diesem Sound weitermachen, oder wir sitzen stundenlang da und bauen etwas, das wir verwenden können.“

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Eine der Aufnahmen aus dem Live-Performance-Projekt AE 2022–, dargeboten und aufgenommen in Lyon.

Mit dieser Herangehensweise an ihr Equipment von Elektron, Roland, Ensoniq und Co. sowie diversen Software-Tools entstand und entsteht noch heute der einmalige Sound von Autechre – von den frühen, minimalistischen Alben der 1990er bis zu den komplexen Produktionen und Live-Shows von heute. Die Kernmessage dieses musikalischen Wegs lautet wohl: Die beiden verstehen ihre Synthesizer und Effekte nie nur als Werkzeug, sondern immer als integralen Bestandteil eines kreativen Prozesses, der ständige Entdeckung und künstlerisches Experimentieren ermöglicht.

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