AIM Audio Essence: Mutig kann man nennen, was ein paar Audio-Enthusiasten aus Berlin mitten in der Corona-Zeit getan haben. Sie haben die Firma AIM Audio gegründet und sich daran gemacht, ein ganz neues Schaltungsdesign zu entwerfen, welches die Umschaltung vom übertragersymmetrierten zum übertragerlosen Signalfluss ermöglicht. Per Knopfdruck. Das Topmodell AIM Inspire hat im Test (hier lesen) übrigens bereits einen ziemlich guten Eindruck bei uns hinterlassen. Kaum zu glauben, aber gebaut werden die Mikrofone tatsächlich in Berlin. Die Kombination Mikrofone und Berlin hat bekannterweise einen angenehmen Beiklang. Mal sehen, ob das „abgespeckte“ Essence die Erwartungen erfüllen kann.

- offener, detaillierter Klang
- schnelle Transientenwiedergabe
- praxisgerechtes Layout
- günstiger Preis
- (eine Halterung wäre wünschenswert)
Oval und ziemlich schlicht
Im Karton stoße ich zunächst auf eine Kunstledertasche, eine EU-Stativgewinderverkleinerung sowie eine Bedienungsanleitung. Darunter liegt das Objekt der Begierde, das Mikrofon selbst. Vom metallenen, matt lackierten Gehäuse über die Anordnung der Schalter bis zur ovalen Grundform entspricht das AIM Essence exakt dem Topmodell Inspire. Die wichtigste Besonderheit ist natürlich ebenfalls an Bord, nämlich die patentierte Umschaltmöglichkeit der Ausgangsstufe.

Das gibt es nur bei AIM Audio
Statt auf einen Signalpfad festgelegt zu sein, vereinen die AIM-Mikrofone beide gängigen Schaltungen in einem Gehäuse. Per Knopfdruck darf zwischen dem reichhaltigen Klang einer Transformator-symmetrierten Ausgangsstufe und einer aktiv elektronischen FET-Symmetrierung gewählt werden. Letztere gilt als transparenter und transiententreuer. Dazu gibt es ein -10 dB Pad und ein Low Cut Filter (80 Hz). Die Empfindlichkeit gibt AIM mit 24 mV/Pa an, bei Bedarf kann das Essence 140 dB Maximalschalldruck verdauen.


„Transformator-Klang“: Was ist das? Wie stark? Wie unterschiedlich klingen verschiedene Übertrager? – Mit Soundbeispielen!

Alle Schalter sind beleuchtet, einige verfügen über Zusatzfunktionen
Unten mittig liegt ein runder Knopf mit dem Logo der Marke, welcher sowohl als Betriebs-Indikator als auch als Tastensperre und Dim-Taste fungiert. Drei Dim-Level bis hin zum Abschalten der Tastenbeleuchtung sind möglich. Versehentliches Umschalten beim Hantieren mit dem Mikro kann durch gleichzeitiges Drücken der Pad- und Filterschalter verhindert werden, dann greift eine Tastensperre. Ein weiteres, ungewöhnliches Feature stellt die Peaklevel-LED dar. Orange und Rot werden angezeigt, wobei AIM ausdrücklich darauf hinweisen, dass hier nicht die Belastungsgrenzen des Mikrofons dargestellt werden, sondern mögliche Überlastungen nachfolgender Preamps oder Interfaces.

Der Unterschied zum teureren Inspire
Beim hier getesteten Essence handelt es sich um eine Nierenmikrofon, das Inspire verfügt über vier weitere Richtcharakteristiken. Dazu kommen jeweils zweistufige Pads und und Hochpassfilter, außerdem kann die Einsprechrichtung umgeschaltet werden. Aktuell wird das Inspire zudem mit der passenden Spinne plus Poppschutz ausgeliefert, Käufer des Essence müssen ihren Schallwandler direkt an eine Stativstange schrauben oder ein entsprechendes Gelenk verwenden. Der Clou ist jedoch: Weil die wesentlichen Bestandteile von Inspire und Essence identisch sind, können Inspire-Besitzer statt eines zweiten Inspire einfach das preiswertere Essence dazukaufen und haben dennoch ein echtes Nieren-Stereopaar!

Für alle Stereoverfahren, außer MS, benötigt man identische Mikrofone, möglichst Matched Pairs. Das ist in Stein gemeißelt. Stimmt aber nicht.



