Kurzweil V.A.S.T. – Die unterschätzte Synthese-Engine

Mit dem Erscheinen neuer Premium-Synthesizer wie dem Kurzweil K2088 und dem kleineren Modell K2061 rückt eine bestimmte digitale Klangerzeugung wieder in den Fokus. Sie nennt sich kurz V.A.S.T. und bildet praktisch seit einigen Jahrzehnten schon die DNA von Kurzweil.

Feature: Kurzweil V.A.S.T-Synthese
Mit V.A.S.T bietet Kurzweil seit über drei Jahrzehnten eine besondere digitale Synthese – maximale Flexibilität beim Sounddesign.

Wer bislang noch nie mit einem Synthesizer von Kurzweil in Berührung gekommen ist, tappt wahrscheinlich bei der Programmierung eines K2088 ziemlich im Dunkeln. Denn die V.A.S.T.-Synthese unterscheidet sich mit ihrer Freiheit beim Verschalten von DSP-Blöcken deutlich von anderen Sample-basierten Engines wie AWM2 (Yamaha), HD-1 (Korg) oder ZEN-Core (Roland).

Im Jahr 1982 gründeten Raymond Kurzweil und Stevie Wonder die bekannte US-Firma. Kurze Zeit später arbeiteten sie in freundschaftlicher Beziehung als Kurzweil Music Systems auch mit Bob Moog und Alan R. Pearlman zusammen. Raymond Kurzweil gilt als Visionär und prophezeite schon früh heutige technische Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz, die er bisweilen in seinem 1999 erschienenen Buch „The Age of Spiritual Machines“ beschreibt.

Was bedeutet V.A.S.T. und wie lange gibt es diese Technologie?

V.A.S.T. steht für Variable Architecture Synthesis Technology und basiert auf der Grundidee einer maximalen Flexibilität beim Erzeugen und Modulieren von Klängen.

Diese besondere digitale Klangerzeugung ist vor 1990 entwickelt worden und erschien erstmals offiziell mit dem Kurzweil K2000, der im Jahr 1991 auf den Markt kam. Seitdem ist V.A.S.T. das zentrale klangerzeugende Element vieler Kurzweil-Synthesizer.

Der Buchstabe V in V.A.S.T. ist besonders entscheidend: Als als bei klassischen Synthesizer mit ihrem festen Signalpfad aus Oszillator, Filter und Hüllkurve erlaubt V.A.S.T eine beliebige Reihenfolge und Art der Klangbausteine – sie lassen sich vom User dynamisch wählen.

Ähnlich der FM-Synthese gibt es bei V.A.S.T. Algorithmen, die für eine Struktur der klangbildenden Elemente sorgen.
Ähnlich der FM-Synthese gibt es bei V.A.S.T. Algorithmen, die für eine Struktur der klangbildenden Elemente sorgen.

Eine weitere Besonderheit: Samples und DSP-Module treffen aufeinander. Die Architektur erlaubt die Kombination von Samples (ROM oder RAM) mit digitalen Klangprozessoren wie Filter, LFOs oder auch den sogenannten Functions – mathematische Kombinationen zweier Steuerquellen zur Erzeugung neuer Modulatoren.

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Algorithmus und DSP-Control – die zwei Eckpfeiler der Klangsynthese

Der jeweilige Algorithmus legt fest, wie die einzelnen Klangbausteine miteinander verknüpft werden – das ist nicht anders als bei einem Modular-System, ist aber bei V.A.S.T digital steuerbar. Die Algorithmen bestehen aus editierbaren DSP-Einheiten wie Filter, Oszillator oder Shaper.

Die Schaltzentrale von V.A.S.T. ist das DSP Control. In diesem Menü lässt sich im Detail bestimmen, wie lebendig und gut spielbar das Klangprogramm reagiert. Hier legt man vor allem die Eingänge der DSP-Blöcke fest und weist Controller wie Aftertouch, Pedal, Velocity oder LFO und Hüllkurve zu.

V.A.S.T. Premiere im Jahr 1991 – Kurzweil K2000

Die Klassiker sind K2000, K2500 und das Topmodell K2600. Sie waren in den 1990er und 2000er Jahren als fortschrittliche Workstation-Synthesizer in Tastatur- oder Rackversionen beliebt. Die modulare, DSP-basierte Klangarchitektur V.A.S.T. kann bis zu 128 MB Samples importieren und lässt sich maximal 48-fach polyfon (K2500/2600) spielen.

Beim K2600 bereits integriert ist das optionale KDFX Effekt-Board mit einem 5-Stereo-Bus-System. Realistisch betrachtet: Es sind keine besonderen Sammlerstücke und bei den Preisen für manche Gebrauchtmodelle denkt man schnell über den Kauf aktueller Instrumente von Kurzweil nach.

Mit ihm kam der Start der V.A.S.T.-Synthese: Kurzweil K2000 aus dem Jahr 1991. (Quelle: Vintage Synth Explorer).
Mit ihm kam der Start der V.A.S.T.-Synthese: Kurzweil K2000 aus dem Jahr 1991. (Quelle: Vintage Synth Explorer).

Neuere Modelle – mehr Stimmen und Komfort

Zu den neueren Modellen gehören der K2700 und auch PC4/PC4-7 oder Forte/Forte SE. Der Kurzweil K2700 liefert V.A.S.T. mit 256 Stimmen, 32 Layern pro Programm und 16-fachem Multimode. Hinzu kommen eine beachtliche Factory Library mit 4,5 GB FlashPlay-Samples, eine FM-Engine, VA-Synthese und die KB3 ToneReal Orgel. Mehr als Performance-Controller konzipiert sind PC-4/PC4-7 Modelle. Das Kurzweil Forte SE ist wiederum eindeutig ein Stagepiano mit der Integration von V.A.S.T.

Der aktuelle Vertreter der V.A.S.T-Synthese mit einem Fünf-Oktaven-Keyboard: Kurzweil K2061.
Der aktuelle Vertreter der V.A.S.T-Synthese mit einem Fünf-Oktaven-Keyboard: Kurzweil K2061.

Aktuelle Produkte aus der K20-Serie sind der Kurzweil K2061 und K2088. Hier bekommt man eine Modernisierung der langjährigen V.A.S.T-Philosophie und eine musikalische Inspiration durch jeweils 16 Arpeggiatoren, Step-Sequenzer und Riff-Generatoren.

Struktur eines VAST-Programs beim Kurzweil K2088/2061

Jedes V.A.S.T.-Programm enthält mindestens einen Layer (maximal 32 Layer). Jeder Layer kann entweder ein Sample-Keymap oder einen Synthesizer-Oszillator als Klangquelle verwenden. Die Klangquellen in jedem Layer können individuell mit einem Algorithmus bearbeitet werden, der DSP-Funktionen enthält. Als Formel kann man einfach sagen: Keymap + Algorithmus = Layer.

Einige praktische Eindrücke finden sich in diesem Tutorial Video:

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  • Jeder Layer lässt sich seriell oder parallel kombinieren und außerdem separat über eine Layer-Insert-FX-Kette verarbeiten. Zusätzlich können alle Layer gemeinsam über eine Insert-FX-Kette sowie zwei gemeinsame Aux-FX-Ketten bearbeitet werden. Externe Audio-Signale lassen sich einspeisen.
  • Insgesamt stehen 256 Stimmen im K2088/61 bereit – Stereo-Samples verbrauchen zwei Stimmen. Jeder FM-Layer verwendet 4 Stimmen. Ein Klangprogramm besteht aus bis zu 32 verschiedenen Layers pro Programm.
  • Mit dem internen Arpeggiator, Sequenzer und Riff-Generator der neuen Kurzweil-Synthesizer unterstützt V.A.S.T. auch die rhythmische Performance.
Der Step-Sequenzer des K2061/2088 kann in die Klangprogrammierung einbezogen werden.
Der Step-Sequenzer des K2061/2088 kann in die Klangprogrammierung einbezogen werden.

Welche praktischen Vorteile ergeben sich durch V.A.S.T?

Der wesentliche Vorzug gegenüber der klassischen subtraktiven Synthese ist die enorme Vielseitigkeit. Mit V.A.S.T. lassen sich samplebasierte Klänge, FM-Elemente, VA-Oszillatoren und komplexe Effekte verbinden. Die Signalpfade lassen sich frei kombinieren  – samt Filter, Shaper, Wrap oder Distortion. Zur weitreichenden Klangformung gibt es auch eine modulare DSP-Matrix.

Eine große klangliche Flexibilität ergibt sich generell durch Samples als Ausgangsmaterial. Dabei lassen sich umfangreiche Sample Libraries ins native Flash-Memory laden. Sehr praktisch ist auch die große Auswahl an fertigen Keymaps und Effekt-Settings, die sich bei neueren Kurzweil-Modellen konsumieren lassen.

Genau dieser tiefe, modulare Aufbau bei V.A.S.T. bringt auch einen plausiblen Nachteil mit sich: V.A.S.T will gründlich verstanden und erobert werden. So intuitiv wie ein einfacher Analog-Synth ist die Engine von Kurzweil nicht programmierbar. Man braucht Geduld und muss sich mit einigen technischen Details wie den Algorithmen, Routings und den quasi unendlichen Modulationsmöglichkeite befassen.

Die Soundgestaltung am Gerät fordert jeden Programmierer heraus.
Die Soundgestaltung am Gerät fordert jeden Programmierer heraus.

Wie klingt die V.A.S.T.-Engine typischerweise?

Die Kurzweil-Synthesizer mit V.A.S.T. sind traditionell in den Genres Pop, Fusion, Jazz, Film, Ambient und Elektronik sehr beliebte Klanglieferanten. Wer es klangästhetisch US-amerikanisch mag, liegt damit absolut richtig.

Von klassischen Flügeln und E-Piano bis hin zu komplexen Multis aus mehreren Layer-Sounds – V.A.S.T steht für Anspruch und Vielfalt.
Von klassischen Flügeln und E-Piano bis hin zu komplexen Multis aus mehreren Layer-Sounds – V.A.S.T steht für Anspruch und Vielfalt.

Zunächst einmal schätzt man V.A.S.T für realistisch klingende Instrumente wie Pianos und Strings auf Sample-Basis. Dichte und komplexe Flächen sowie atmosphärische Textures und Soundscapes sind eine weitere Spezialität. Für experimentelle Effekte und Sounds per DSP-Routing ist auch viel Spielraum vorhanden. In neueren Kurzweil-Modellen sind Orgel/Keyboard-Emulationen (KB3 ToneReal) gelungen.

Zugegeben, diese klanglichen Stärken zeichnen auch Synthesizer-Workstations von Korg, Roland und Yamaha aus – den Unterschied macht aber die spezielle Soundästhetik von Kurzweil. Selbst klassische Analog-Synth-Patches klingen bei V.A.S.T einfach etwas anders als bei den japanischen Herstellern. Hinzu kommt die gute Spielbarkeit – per Fatar-Tastatur und Ribbon Controls. Damit gelingen ausdrucksvolle Soli.

In diesem Video kommen einige Factory Presets des Kurzweil K2061/2088 gut zur Geltung:

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Gibt es kommerzielle Soundware für Kurzweil-Synthesizer?

Aber natürlich! Man muss nicht alles selber programmieren. Wer lieber Sounds konsumiert und musiziert, findet einige Adressen. Hier eine Auswahl:

Prominente Kurzweil-User: Robert Miles und weitere Artists

Mit seinem grandiosem Track „Children“ aus dem Jahr 1995 prägte der italienische Producer Robert Miles nicht nur das neue Subgenre Dream Trance, sondern verewigte einen Kurzweil-Synthesizer akustisch. Tatsächlich ist neben einem Korg 01/W und Akai S3200 Sampler der Kurzweil K2000 V3 das tragende Element dieser Produktion. Die Streicher, das Piano, die Gitarre und auch der Thunder-SoundFX zeigen die Qualitäten der Akustik-Sounds. Miles arbeitete sehr gern mit dem Kurzweil K2000 und schätzte V.A.S.T wegen der hervorragenden Editing-Möglichkeiten.

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Robert Miles – Children (Dream Version)

Jean-Michel Jarre nutzte die Kurzweil-Engine bei „Chronologie Pt. 4“ für digitale Chöre und Atmosphären. Bei seinen Live-Sessions von „Blade Runner Blues“ bediente sich Vangelis der Orchester- und Pad-Sounds. Laurent Garnier absolvierte seine frühen Live-Sets mit dem Kurzweil K2000 als Performance-Sampler und in unzähligen 90er TV/Game-Produktionen sind Streicher, Chöre oder Percussion vertreten. Last but not least ist natürlich Stevie Wonder eng mit den Kurzweil-Instrumenten verbunden. Heute findet sich V.A.S.T. hauptsächlich im Dienst vieler professioneller Live-Keyboarder.

FAZIT

V.A.S.T ist weder ein simples noch klassisches Synthese-Konzept. Vielmehr bietet Kurzweil ein modulares Synthese-Netzwerk, das eine samplebasierte Klangerzeugung mit Algorithmen, DSP-Blöcken und Modulationselementen verbindet. In der Summe sind Konstellationen fürs Sounddesign möglich, die weit über das Potenzial vieler anderer Synthesizer gehen.

Die Kurzweil-Synthesizer bedienen sowohl Musiker, die mit akustischen Klängen performen möchten, als auch experimentierfreudige Sounddesigner mit einem Faible für futuristische Klanggebilde. Ideal ist V.A.S.T für Live-Keyboarder in Form des K2088 und K2061. Sie garantieren eine fantastische Spielbarkeit und eine tief programmierbare Synth-Engine, die über viele Jahre spannend bleibt.

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Elemi sagt:

#1 - 29.01.2026 um 15:28 Uhr

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Auf solch einen Artikel habe ich schon lange gewartet. Ich fand das Konzept sehr faszinierend und eigentlich eine tolle Spielwiese zum Sounddesign, habe mich aber immer gewundert, warum sie gerade bei originär elektronische Musik so selten eingesetzt wird. Unter klassischen Elektronikmusikern fällt mir nur Larry Fast als Kurzweil-Nutzer ein.

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