Wieso haben Songs wie „Creep,”„ Motion Picture Soundtrack” und „Everything in it’s Right Place” solch eine mystische und bezaubernde Wirkung? Und was kann man von Radioheads Songwriting-Duo aus Thom Yorke und Jonny Greenwood für das Schreiben eigener Stücke lernen?

Vorab sei gesagt: Es gibt kein Rezept, dem man einfach blind folgen kann, um als Endprodukt einen künstlerisch wie kommerziell erfolgreichen Song auf dem Niveau von Radiohead zu schreiben. Die Magie in den Songs um das Songwriting-Duo Thom Yorke und Jonny Greenwood entsteht aus dem Zusammenspiel vieler kleiner Details. Präzise platziert in ihren Songs. Aber auch charakteristische Eigenarten in der Harmonie lassen ihre Stücke gleichzeitig vertraut wirken, ohne dabei jemals langweilig zu werden. Insbesondere die kreative Kombination einfacher Melodien mit einer extravaganten Harmonie und der richtigen Menge Stille sind dabei von äußerster Wichtigkeit.
- Was macht Radioheads „Creep“ so besonders?
- Ein Bild zeichnen wie in „Motion Picture Soundtrack”
- Symmetrisches Songwriting wie in „Pyramid Song”
- Akkorde die in Wellen treiben (Weird Fishes/Arpeggi)
- „Every Chord in its Right Place”
- Was macht Radiohead Songs also so besonders?
- Was kann ich daraus für mein Songwriting lernen?
Was macht Radioheads „Creep“ so besonders?
Der zweifelsohne bekannteste Radiohead Song ist nicht nur ihr erster Hit gewesen, sondern zeigt auch schon früh den unkonventionellen harmonischen Ansatz Yorkes.
Auf der Kadenz G-Dur, H-Dur, C-Dur und C-Moll aufgebaut, scheint das Lied vielleicht zunächst ein banales 4-Akkord-Loop zu verwenden. Ähnlich wie das in den meisten Popsongs der Fall ist. Das Zauberwort lautet hier jedoch „Modal Interchange”: Davon sprechen Musiktheoretiker, wenn in einem Stück ein Akkord benutzt wird, der eigentlich gar nicht zur Tonart gehört.

Im Fall von „Creep” passiert das beim C-Moll Akkord. „Creep” ist nämlich eigentlich in der Tonart G-Dur geschrieben. Das C ist also die vierte Stufe und die sollte eigentlich ein Dur-Akkord sein. Man kann sich jedoch auch den Akkord der vierten Stufe aus G-Moll – der sogenannten gleichnamigen Molltonart – leihen und mit dem Wechsel vom stabilen Dur- zum unerwarteten Moll-Akkord eine Prise Spannung und Melancholie in sein Stück einfließen lassen. Um diesen emotionalen Charakter noch weiter hervorzuheben, hat Yorke eine Nahaufnahme seiner Gitarre gemacht und diese mit einem Raummikrofon ergänzt, was mittels natürlichem Hallfür eine zusätzliche Tiefe sorgt.
Ein Bild zeichnen wie in „Motion Picture Soundtrack”
Auch beim jazzigen „Motion Picture Soundtrack” schafft es das Songwriting-Duo aus England, ein an und für sich simples 4-Akkord-Loop in etwas Außergewöhnliches zu verwandeln.
Ebenfalls in G-Dur geschrieben, basiert dieser Radiohead Song auf der Akkordfolge G-Dur, C-Dur, H-Moll und C-Dur. Diese wird mit Hilfe von Akkorderweiterungen und Suspensionen angereichert, um eine schwebende und melancholische Atmosphäre zu erzeugen. Erreicht wird dies durch die Verwendung der sogenannten None, um aus dem C-Dur bzw. H-Moll einen Csus2 bzw. Hmadd9 zu machen. Es wird also eine Terz durch eine Sekunde (oder Quarte) ersetzt (Suspension) oder zusätzlich zu den regulären Tönen eines Akkords noch weitere hinzugefügt (Erweiterung).

Das bedeutet, dass im Falle des Csus2 die Terz E durch ein D ersetzt wird. Beim Hmadd9 wird dem Akkord noch ein C# hinzugefügt. Ein aufmerksames Gehör ist hierbei notwendig, um diese Akkorde genauestens dosieren zu können. So entsteht ein regelrechtes Klanggemälde. Diese schwebende Atmosphäre einzufangen, war laut Aussage der Toningenieure für das Radiohead Album Kid A eine echte Herausforderung. Platzierten sie das Mikrofon zu nah an der Gitarre, wurde der Sound aggressiv. Zu viel Abstand und die Magie des Stücks ging verloren.
Symmetrisches Songwriting wie in „Pyramid Song”
Eines der Stücke mit der mysteriösesten Stimmung von Radiohead ist sicherlich das 2001 erschienene „Pyramid Song”.
Nicht nur ist bei diesem Song der Rhythmus selbst eine Pyramide. Was für einen Eindruck des konstanten Stoppens und wieder Startens führt. Auch die Akkorde bewegen sich wie bei einer Pyramide zunächst auf und dann wieder ab und sind auch funktionstheoretisch nur dadurch zu erklären, dass Thom Yorke hier dem Namen des Songs wirklich alle Ehre machen wollte.

Hier haben Radiohead die Akkorde ebenfalls wieder kreativ mit Extensions angereichert. So wird aus der Kadenz F#, G, A, G, F# ein hypnotisch klingendes Spektakel mit großen Septimen, Sechsten und einem später im Song versteckten Add9-Akkord. Somit müsste die Kadenz ganz korrekt eigentlich folgendermaßen aussehen: F#, Gmaj7, A6, Gmaj7, F#. Später schleicht sich dann noch der Eadd9 ein.
Zusammengehalten wird hierbei alles durch die Note F#, die als Pedalton dient und mittels der Erweiterungen durch alle Akkorde hindurch gehalten wird. All dies trägt dazu bei, eine Soundlandschaft zu erschaffen, die gleichermaßen komplex, aber dennoch keineswegs überladen klingt.
Akkorde die in Wellen treiben (Weird Fishes/Arpeggi)
Noch offensichtlicher wird Yorkes Fokus auf harmonische Details in diesem Stück. Die in die Akkorde Em7, F#m7, A, A7, A6, Gmaj7 eingefügten Septimen (und Sechsten) verändern das Hörgefühl und sorgen für eine subtile Spannung, welche die Dramatik des Songs immer wieder langsam ansteigen lässt. Die sich wiederholenden Arpeggios dieser Akkorde sorgen dabei für ein hypnotisches Erlebnis, in dem harmonische und rhythmische Motive miteinander verschmelzen.
Die gekonnte Kontrapunktierung zweier Gitarren verleihen diesem Radiohead Song zusätzlich noch das gewisse etwas.
„Every Chord in its Right Place”
Die harmonische Handschrift Radioheads ist auch auf ihren elektronischen Stücken eindeutig zu erkennen.
So wird bei „Everything in it’s Right Place” die Akkordfolge F, C, Db, Eb ebenfalls mit Erweiterungen und Suspensionen angereichert und so unter anderem der Db-Akkord in einen Dbmaj7- und der Eb- in einen Eb6-Akkord verwandelt. Auch diese nur schwer in eine Tonart passende Kadenz wird von einem Pedalton zusammengehalten. In diesem Fall ist es das C, was sich als Quinte, Grundton, große Septime bzw. große Sechste durch alle Akkorde zieht.

Auch hier wird sich wieder dem Modal Interchange bedient. Die Grundtonart des Stückes mag zwar F-Dur sein. Der Db- und Eb-Dur-Akkord wurden jedoch, ähnlich wie bei „Creep,” aus der gleichnamigen Molltonart entnommen. Dies wird auch als erweiterte Backdoor-Kadenz bezeichnet. Die Begleitung bringt durch Suspensionen und interessante Voicings noch einen Überraschungseffekt in die Musik ein.
Um dieser Komplexität des Stückes bei der Aufnahme auch gerecht zu werden, ist wieder ein geschicktes Mikrofon-Arrangement erforderlich, das die Interaktionen dieser Akkorde mit dem Raum auf präzise Art und Weise einfängt. Ein bewusst gewählter Hall sowie leichte Kompression erlauben es, dass der Charakter der Akkorde vollstens zur Geltung kommt. Das gekonnte Layering der verschiedenen Spuren setzt dem Ganzen dann die Krone auf.
Besonders eindrucksvoll zeigt dieses Stück, wie auch ein programmiertes Motiv mit Emotionen aufgeladen werden kann. Vor allem der Kontrast zwischen der harmonischen Komplexität und Thom Yorkes simpler Gesangsmelodie sind hier entscheidend. Auch wenn einem all dies beim ersten Anhören des Stücks vielleicht nicht auffällt, verstärkt jedes Detail doch unterbewusst die emotionale Wirkung des Stücks.
Was macht Radiohead Songs also so besonders?
Es gibt nicht den einen Akkord, der Thom Yorke und Jonny Greenwood auf magische Weise zu solch guten Songwritern macht. Die harmonische Philosophie, die die beiden beim Komponieren immer wieder anwenden und sich durch die gesamte Diskographie von Radiohead zieht, gibt ihren Songs jedoch einen unglaublich markanten Wiedererkennungswert. Dieser stabile Kern ihrer Musik besteht auch aller stilistischen 180°-Wandlungen zum Trotz weiter und erklärt, warum die Band aus Oxford mit elektronischem Jazz mindestens genauso erfolgreich war wie in ihrer Britpop-Phase.
Die subtile Beeinflussung der Emotionen der Zuhörer durch unerwartete Modulationen und erprobte Kompositionstechniken und das Spielen der genau richtigen Akkorderweiterungen sind dabei das Herz ihres Songwritings. Diese Verbindung von Vertrautheit und Raffinesse, Vorhersehbarkeit und Überraschung macht Radioheads Musik so besonders.

Was kann ich daraus für mein Songwriting lernen?
Mit dem richtigen Gespür für die Emotionen, die bestimmte Akkorde aus verschiedenen Modi hervorrufen und einem guten Gehör für die passenden Akkorderweiterungen kann somit quasi jeder einen Song im Stil von Radiohead schreiben. Fehlt nur noch die richtige Studiotechnik und dem ersten Welthit steht eigentlich nichts mehr im Wege. Aber mal Spaß beiseite, denn:
Thom Yorke und Jonny Greenwood beanspruchen diese Songwriting-Techniken übrigens keineswegs für sich. Sie haben diese ja schließlich auch nicht erfunden. Von The Cures Robert Smith bis zu Mark Hollis haben unzählige Künstler diesen emotionsgetriebenen Ansatz des Komponierens mit Modal Interchanges und Akkorderweiterungen für ihre Songs eingesetzt.
Probier diese Techniken also auf jeden Fall aus, wenn du das nächste Mal einen Song schreibst!
