Serie_Interview
Feature
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08.03.2011

Bei noch keinem Artikel bekam ich schon im Vorfeld so viele neidische Kommentare, wie nachdem ich es wagte zu posten, dass ich IHN interviewen würde: den Vater einer ganzen Generation von Rockern und Rollern, den Gitarrengott unter den Stonern, Metallern Classic Rockern und Shreddern – ich bekomme eine Privataudienz beim Papst Himself: Ich interviewe ZAKK WYLDE!

Ich fühle mich irgendwie strange eine Einleitung zu dem Mann zu schreiben, der 23 Jahre für Ozzy Osbourne die Saiten geschliffen hat wie kein Anderer. Dem Gitarristen, der das schwere Erbe der beliebten Oz Gitarristen Randy Rhodes und Jake E. Lee angetreten war und es trotzdem schaffte sich in die Herzen der Fans zu spielen. Dabei war Zachery Phillip Wylde, der mit bürgerlichem Namen Jeffrey Phillip Wielandt heißt, gerade mal 20 Jahre alt, als ihm der “wohl heißeste Gitarristen-Job überhaupt“ angeboten wird, wie Zakk nicht ohne Stolz zu Beginn unseres Interviews erzählt. Und er hat Recht: Metal war 1987 auf der Höhe der Zeit. Er war Mainstream mit astronomischen Verkaufszahlen – und über allen thronte “Madman” Ozzy. Bands schlugen sich um die Supportslots, galten diese nach dem Erfolg der Bands Mötley Crüe und Metallica doch als das ultimative Sprungbrett. Nicht ohne Grund, denn Ozzy und Black Sabbath gelten als die Erfinder des Heavy Metals.

23 Jahre begleitete Zakk den Prince Of Darkness, wenn auch mit einigen Zwangspausen: Ozzy wollte sich 1992, nach “No More Tears”, dem vielleicht besten Album seiner Karriere, zur Ruhe setzen. Zakk nutzte die Freizeit und gründete das Nebenprojekt “Pride & Glory”, das sich aber trotz großen Erfolges nach nur einem Album wieder auflöste. Ozzy hielt es jedoch nicht im Altersheim, und so kehrte er 1995 zurück um mit Zakk das Album “Ozzmosis” aufzunehmen. Für die anschließende Welttournee konnte sich Zakk dann nicht rechtzeitig entscheiden, da ihm zusätzlich der zweite Gitarristenjob bei Guns N Roses in Aussicht gestellt wurde. Am Ende sagten ihm die Gunner ab, und Zakk veröffentlichte stattdessen sein bis dato einziges Soloalbum “Book Of Shadows”.

Dann entsteht die "Black Label Society": Von einem Freund wird Zakk Schlagzeuger Phil Ondich empfohlen, und während einer gemeinsamen Jam Session erwächst fast schon zufällig das Projekt. 1998 veröffentlicht sie ihr Debütalbum “Sonic Brew” zunächst nur in Japan, 1999 dann auch im Rest der Welt. Die Band wird Zakks Hauptbeschäftigungsfeld, während Ozzy mit Black Sabbath diverse Reunion-Tourneen im Rahmen seines Ozzfest Festivals spielt. Immer dabei: Die Black Label Society als Support. Als 2006 der Black Sabbath Drops endgültig aufgelutscht scheint, und Ozzy wieder solo ist, legt er wieder mit Zakk an der Gitarre erneut los. Black Label Society macht erstmal Pause – erst 2009 wird die Band durch seinen Rauswurf bei Ozzy reanimiert,  und veröffentlich 2010 ihr erstes Studioalbum seit 4 Jahren.

Wir treffen beim Interview auf einen sehr entspannten und ausgeglichenen Gitarrengott, der offensichtlich Spaß daran hat seine Riffs & Licks mit anderen zu teilen. Gleich beim Reinkommen schafft er es dem Reporter jegliche Berührungsangst zu nehmen, indem er mir als erstes die Frage stellt: „Was macht eigentlich Jimmy jetzt wohl den ganzen Tag, sag doch mal. Eine Reunion wird’s ja wohl nicht geben?” „Na ich gehe davon aus, dass er sich langweilen wird – oder vielleicht wieder als Studiogitarrist arbeitet!”, antworte ich (und frage mich, ob ich den Repertoirewissenscheck bestanden habe). Als Zakk dann beim Stimmen der Gitarre die ersten Takte von "Stairway to Heaven" anstimmt und mein Lächeln erwidert, fühle ich mich akzeptiert. “Ich checke nur mal, ob hier alles stimmt”, sagt er augenzwinkernd, und lässt auch nicht den Hauch eines Zweifels, dass ich hier dem Hohepriester der 6 Saiten gegenüber sitze.

„Was hat sich eigentlich am Meisten für dich geändert, seit du nur noch für Black Label Society zur Verfügung stehen musst?”, frage ich. „Generell bedeutet dies für mich Black Label Society 25 Stunden am Tag, 8 Tage die Woche, 366 Tage im Jahr”, antwortet Zakk und macht somit gleich sein Mantra klar, immer, aber auch wirklich immer, einen oben drauf zu setzen. Und die 25 Marshall Amps auf der Bühne, sein abgefahrener “SG/Flying V Hybrid”, die Lichtgeschwindigkeit mit der Zakk über die Saiten flitzt, oder sein allabendliches 25 Minutensolo im Liveset ändern diesen Eindruck auch nicht wirklich- der Typ ist einfach immer Over The Top!

„Es ist wie der Unterschied ob man noch zuhause bei den Eltern wohnt oder sein eigenes Apartment bezieht. bei Ozzy war ich nur für die Riffs zuständig, bei der BLS für alles. Von den Riffs bis zum Cover und zum Mastering. Bei Ozzy ist natürlich alles ein paar Nummern größer, alles ist immer perfekt geplant und 100% durchgestylt. Jetzt können wir ein wenig spontaner agieren. Ich komme jetzt nicht mehr nur damit davon, gut Gitarre spielen zu können: ich habe ein Team um mich herum, deren Vorstand ich bin. Die Herausforderung besteht darin, sich neue Ideen einfallen zu lassen, und diese dann zusammen auch in die Tat umzusetzen”, erklärt mir der einstige Bier–nator seine neue Unabhängigkeit, und nippt dabei an seinem neuen Lieblingsgetränk, Kaffee (oder “Java”, wie Zakk ihn nennt).

„Du scheinst niemals aufzuhören zu arbeiten. Neben der Band schreibst du gleichzeitig an zwei Büchern, drehst Independent Filme und kümmerst dich trotzdem um so Aktionen wie den Aufbau deines offiziellen Fanclubs The Order”, frage ich weiter. „Weißt du, erst seit ich im letzten Jahr aufgehört habe zu trinken, ist mir aufgefallen, in wie vielen Städten ich gefeiert habe und gegangen bin ohne den Wirt zu bezahlen. Und glaub mir, die Rechnung ist saftig. Ich bin aber kein Typ, dem es egal ist, ob seine Rechnung beglichen ist. Also bedeutet dies für mich viel Arbeit. Das ist aber OK, denn ich hasse nichts mehr als Langeweile.“ Zakk spricht in Metaphern, doch auch ein Rockstar seines Kalibers fängt irgendwann an über die Zukunft nachzudenken – und in Zakks Fall scheint dies die Korrektur von Fehlern aus der Vergangenheit mit sich zu bringen.

„Mir ist aufgefallen, dass du den modernen Wegen der Kommunikation gegenüber sehr aufgeschlossen ist. Du hast sogar deinen Twitternamen auf deiner CD vermerkt.” Zakk ist mit Abstand der fleißigste “Tweeter” den ich in meiner Liste habe: er lässt täglich seine Fans intensiv und mit Bildmaterial an jedem Kaffee, jedem Song und jedem Konzert das er spielt, Teil haben. “Für mich ist das alles ebenfalls sehr spannend, und es macht mir Freude, mit meinen Einträgen Leuten ein paar Bands zu empfehlen, die sie vielleicht sonst nicht kennen würden. Natürlich ist z.B. die Organisation von “The Order” (seinem offiziellen Fanclub) oder das Aktualisieren der Internetseiten eine Menge Arbeit, aber ich bin dabei ja nicht allein.” ergänzt Zakk.

„Lass uns mal zu deiner Musik kommen.”, ich merke, dass der Gute schon ganz heiß ist an der Gitarre loszulegen. Während des gesamten Interviews hört er so gut wie nie auf rumzufiedeln. „Wie schaffst du es eigentlich trotz deiner übermenschlichen Fähigkeiten, immer wieder solch “simple” Songs zu schreiben wie “Crazy Horse“, der vielleicht bis auf das Solo und den erhöhten Schwierigkeitsgrad durch die Wyldeschen Squeals ein straighter und durchaus nachspielbarer Metalsong ist?”, frage ich. „Weil der Song immer zuerst kommt! Was draus wird, ist immer eine Mischung aus den Einflüssen die du mitbringst, deinem Stil – und natürlich aus dem Instrument an dem du dich gerade befindest. Billy Joel war mal in Town und hat versucht das Riff von „Sunshine of Your Love“ am Klavier zu spielen. Das kam nicht – es braucht die verzerrte Gitarre“, sagt er lachend und mimt das Hauptriff des Cream Klassikers an einem Klavier nach. „ Wenn ich an einer verzerrten Gitarre sitze, kommen halt diese Riffs aus mir raus.“

“Im Endeffekt ist es immer der Song, der zählt. Leute wie Van Halen, Jimmy Page oder Randy Rhodes sind sicherlich geile Gitarristen, doch es waren immer die Songs. Wenn die Songs der Kuchen ist, ist das Solo der Zuckerguss. Jemand wie Jimi ist in die Geschichte eingegangen als der Jesus Christus der E-Gitarre, doch es sind Songs wie “Purple Haze“, “Fire“ oder “Little Wing“, die Leute packen. Bevor ich Gitarrist wurde, war ich Fan und liebte die Songs von Bands wie Black Sabbath – lange bevor ich wusste wie gut Tony Iommi ist.” Zakk bringt auf den Punkt, dass er nicht Musik für Gitarristen, sondern für Musikfans macht.

“Und wie bringst du so verschiedene Stile unter einen Hut? Eine Sekunde rockst du wie Hölle, in der nächsten spielst du am Klavier eine Killerballade – um dann vollkommen unerwartet mit einem Track wie “Chupacabra” um die Ecke zu kommen.”

“Für mich ist dies keinesfalls ein Widerspruch. Meine musikalischen Vorbilder haben sich auch nie auf einen Stil festlegen lassen. Nehmen wir mal Led Zeppelin, die erst einen Song wie “The Crunch” spielen und dann kommen sie mit “Black Dog” - oder “Going To California” – und dann “Heartbreaker”. All diese Bands wie die Beatles, die Stones oder Sabbath, konnten das. Am Ende zählte immer nur, dass alle Songs nach ihnen selbst klangen. Auch die ruhigeren Nummern waren genauso düster und kraftvoll wie die Heavy-Nummern – einfach großartige Songs.”

“Bevor wir zum Workshop-Teil kommen, würde ich dich gerne fragen, was du unseren Musikern raten würdest, um ihren musikalischen Horizont zu erweitern?”, sage ich abschließend. “Mein damaliger Gitarrenlehrer hat mich an verschiedene Musikstile und Musiker rangeführt. Ohne ihn hätte ich bestimmt nie Allan Holdsworth oder John Mac Laughlin, Al DiMeola oder auch Paco De Lucia kennengelernt – und von jedem kann man etwas lernen. Seien es die Legato-Fähigkeiten von Allan oder das Flamencospiel von Paco.”

Wenn man sich ansieht, was für ein fundamentiertes Wissen über Stile und Skalen dieser Mann mitbringt, sollten wir uns ein paar seiner Worte sicher ganz dick hinter die Ohren – oder besser noch auf die Finger schreiben...

Später beim Konzert treffe ich einen Freund, der mich auf das Interview anspricht. Als ich erzähle, dass ich Zakk gefragt habe, was der Schritt vom Gitarristen zum Frontmann für ihn bedeutet hat, fragt er mich mit ernsten Blick, ob ich denn nicht der Meinung sei, dass Zakk auch bei Ozzy immer der heimliche Frontmann war. Damit bringt er einen sehr schönen Tag zielgenau auf den Punkt - habe ich doch heute den Nachmittag mit jemandem verbracht, der sicherlich mehr Rock’N’Roll morgens in seinen Kaffee, ähm, sorry, “Java“ rührt, als ich in meinem Leben je erfahren werde. Danke Zakk - Das war ziemlich Hammer…

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