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Test
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17.01.2017

WARM Audio WA87 Test

Großmembran-Kondensatormikrofon nach U-87-Vorbild

Neuwarm?

Der wievielte Hersteller, der ein umschaltbares Großmembran-Kondensatormikrofon mit einer 87 im Produktkürzel auf den Markt bringt, ist Warm Audio nun eigentlich? Getoppt wird die auf das Neumann U 87 schielende Bezeichnung wohl nur noch durch 67 und 47. Und auch die Form macht klar: Warm haben mit dem Mikrofon einen Nachbau des Klassikers im Sinn. Das ist aus mehreren Gründen kein Wunder: Neumanns U 87, vor allem aus den ersten Produktionsjahren, sind enorm beliebt und zugleich hervorragende Arbeitstiere.

Andere Hersteller sind mit ihren Clones durchaus erfolgreich, auch weil alles mit der Neumann-Raute und 87 im Namen nicht gerade preiswert zu haben ist, ob neu oder gebraucht. Außerdem ist Warm Audio ein zwar junger, aber dennoch erfahrener Hersteller von an große Legenden angelehnten Tontechnikgeräten. Seien es API-Preamps, 1167- oder LA-2A-Dynamics oder Pultec-EQ, fast jeder bescheinigt ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis. Da war es fast eine Überraschung, dass statt eines Fairchilds, eines dbx-Kompressors, eines Siemens-Preamps oder sonstigen Outboard-Rack-Schmuckstücken ein Mikrofon die Reihe fortführt.  

Details

„Die Mikrofonform kenne ich doch!“

Seit dem U 67 ist der leicht konische Korpus im Mikrofonbau nicht mehr wegzudenken. Die Herstellung eines simplen Metallzylinders wie beim U 47 hat Vorteile, da sie einfacher ist, aber akustisch durchaus Nachteile mit sich bringt. Jeder kennt die Effekte, die auftreten, wenn man in ein zylindrisches Rohr hineinruft, auch für ein Mikrofon ist es prinzipiell besser, wenn der Korpus sich nach unten verjüngt und somit mehrere nahe beieinanderliegende Frequenzen stehende Wellen liefern als nur eine bestimmte (und die Obertöne der jeweiligen Frequenz). Um Übertragung aus dem Mikrofonstativ zu verringern, wird das WA87 in einer ansehnlichen Spinne montiert, die ebenfalls als Vorbild das „EA“-Design („Elastische Aufhängung“ von Neumann) hat. Zusätzlich liegt aber auch ein normaler Mikrofonhalter bei, was ich in vielen Situationen praktisch finde.

Kugel, Niere, Acht

Auf der Vorderseite des in Satin-Optik gehaltenen WA87 prangt das Emblem des Herstellers, darüber befindet sich die Umschaltung der Richtcharakteristik. Wie beim Original: Kugel, Niere und Acht stehen zur Verfügung, keine Zwischenschritte. Rückseitig übrigens kann das Pad von 10 dB geschaltet werden - auch das Hochpassfilter mit seiner Grenzfrequenz von 80 Hz findet man dort.  

87-Kapselelement

Die 1“-Doppelmembrankapsel ist mit recht originalgetreuer Backplate aufgebaut, das goldbedampfte, 6 µm dünne Membranmaterial ist laut Warm aus „NOS Japanese Mylar“. Das verwundert, mir ist nicht bekannt, dass Mylar, der Standardwerkstoff für Mikrofonmembranen, in den letzten Jahren schlechter sei als früher („NOS = „New Old Stock“). Wie bei der U-87-Kapsel teilen sich Vorder- und Rückmembran nicht eine Backplate, sondern besitzen ihre eigene Kondensator-Gegenelektrode. Die Kapseleinheit wird von Warm „Lens Condensator“ genannt und ist mit einer nicht weiter genannten australischen Firma entwickelt worden. Mögliche wären also Rode oder BeesNeez, aber die eher unbekannten 3U Audio scheinen eher in Betracht zu kommen, denn sie stellen unter anderem die ebenfalls nach klassischem Konzept aufgebauten Warbler-GMK-Mikrofone her und verkaufen auch einzelne Bauteile. Und – Achtung DIY-Fans! – Warm Audio will die Kapsel des WA87 auch einzeln verfügbar machen!

„Powered by CineMag“

Neben der Kapselkonstruktion ist auch die Art der Impedanzwandlung/Verstärkung verantwortlich, aber auch ein Ausgangsübertrager (der auch bei Transistormikros lange Standard war). Hier geht Warm einen etwas anderen Weg als Neumann heute und vor Jahrzehnten bei der Einführung des U 87, denn es wird ein amerikanischer CineMag-Transformer verbaut. CineMags Trannys sind in aller Munde und wie Lundahl oder Carnhill eine Art Gütesigel für Geräte. Und Warm geht damit hausieren, indem es das Herstellerlogo eines einzelnen Bauteils auf der Außenhülle aufdruckt.  

Deutliche Unterschiede

Die Frequenzdiagramme zeigen einen sanften Abfall in den Tiefen, der sicher durch den Nahbesprechungseffekt wieder aufgeholt wird. Niere und Acht weisen im geglätteten Standard-Diagramm einen Peak bei etwa 4 kHz und einen darauffolgenden Dip auf, der bei der Kugel deutlich stärker ausgeprägt scheint. Dafür ist die Kugel im Bereich von 10 kHz stärker ausgeprägt als die anderen beiden Pattern. Von 15 bis 20 kHz sinkt die Übertragungskurve deutlich ab, was in Anbetracht der großen Membranfläche und des historischen Vorbilds nicht nur legitim, sondern auch durchaus gewünscht ist.

Der maximale Schalldruckpegel wird ohne Pad mit 125 dB(SPL) angegeben – wie es sich für einen seriösen Hersteller gehört wurde mit 0,5% THD+N gemessen. Das Eigenrauschen steht mit -117 dBu (für alle Patterns) in den Datenblättern. Üblicherweise werden die Angaben mit der gehörangepassten A-Kurve in dB ausgedrückt. So einfach in einen griffigen Rauschwert für einen Vergleich mit anderen Mikrofonen lässt sich diese Spannung nicht umrechnen, auch weil der Übertragungsfaktor nicht angegeben wurde. Möchte man da etwas verschweigen?

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