Hersteller_Sony
Test
2
31.05.2018

Praxis

Präzise, musikalische Abbildung als Mono-Overheads

Zunächst einmal ist es natürlich etwas schade, dass jeweils nur eines der Mikrofone zum Test vorliegt, andererseits ist eine Beurteilung natürlich auch im Single-Modus möglich. Und so hänge ich die edlen Stäbchen im ersten Durchgang nacheinander über mein Drumset, wo sie sich als Mono-Overheads beweisen müssen. Die Schallquelle besteht aus meinem Sakae Trilogy Kit mit Aluminium-Snaredrum und Paiste-Traditionals-Becken, also eine gute Mischung aus modernem und leicht retro-mäßigem Sound. Als Referenzmikro für das ECM-100U dient mir ein Neumann KM184, welches mittlerweile als Klassiker bezeichnet werden kann und dementsprechend weit verbreitet ist. 

Die Spannung steigt also, denn schnelle Transienten kommen beim Drumset ja etliche vor – und genau hier soll sich der neue „Hi-Res Audio“-Ansatz schließlich besonders auszahlen. Und tatsächlich, es funktioniert! Das ECM-100U Nierenmikro klingt wirklich großartig über dem Schlagzeug. Offen, exakt und mit einer hervorragenden Tiefenstaffelung werden Becken und Trommeln abgebildet. Auffällig ist die genaue Abbildung des Verhältnisses aus Transient und Ausklang der Instrumente. Besonders Becken und Hi-Hats sind kritische Instrumente für Mikrofone, weil ihre Höhen schnell harsch oder brüchig klingen. Davon ist beim Sony-Nierenstäbchen nichts zu hören, im Gegenteil: Die Höhen werden so übertragen, wie sie auch im Raum klingen. Das Neumann ist im Vergleich keinesfalls schlecht, kann aber in Punkto Trennschärfe und Realismus nicht ganz mithalten, auch die Höhen wirken etwas weniger exakt. 

Wie erwartet, klingt das Omni-Mikrofon ECM-100N räumlicher, Toms und Bassdrum besitzen mehr Tiefenanteile. Im Verbund mit den Close-Mics ergibt sich ein sehr plastischer, gleichzeitig fetter Drumsound. Beeindruckend ist hier, dass wiederum nichts verschwimmt und auch das Signal griffig bleibt. Der „Dosencharakter“ vieler anderer Kugelmikrofone ist nicht vorhanden.

Grandios klingt das ECM-100U auch an der Hi-Hat, die Schalter sind aber ein Ärgernis

Sehr deutlich zeigt sich der Charakter eines Mikrofons als Close-Mic an der Hi-Hat. Auch in dieser Anwendung darf das KM184 als professioneller Standard gelten und so muss es wiederum als Vergleichsmikro herhalten. Und es schlägt sich – wie erwartet – sehr passabel, kann aber auch hier nicht mit dem ECM-100U mitziehen. Denn das klingt einfach ungemein realistisch. Zunächst wirkt es präsenter, weil es die Höhen der Becken scheinbar lauter abbildet. Es wird allerdings schnell deutlich, dass hier Frequenzanteile zu hören sind, die ich auch im Raum beim Spielen genau so wahrnehme. Dadurch ergibt sich ein dreidimensionales Klangbild, was gleichzeitig sehr solide wirkt, ohne dass der Anschlagsklang aggressiv oder spitz klingen würde. Wären wir hier in einem Audioforum, würde sicherlich irgendwann der Begriff „seidig“ fallen. Gleichzeitig klingen Übersprechungen der anderen Instrumente einerseits leiser, andererseits sehr sauber. Eine Traumkombination in dieser Anwendung.

Allerdings gibt es auch eine Schattenseite, denn die versenkten Schalter für das Pad und den Low-Cut sind wenig bedienungsfreundlich ausgelegt. Dass man einen Stift zu Hilfe nehmen muss, ist dabei gar nicht das größte Problem. Ärgerlich ist der Umstand, dass man viel Kraft aufwenden muss, um die Schieber zu bewegen und es keine klare Rückmeldung darüber gibt, ob sie im gewünschten Modus eingerastet sind. In nahezu allen Lichtverhältnissen ist auch kaum zu erkennen, wo sie stehen. Hier sollte Sony nachbessern, denn ein zuverlässiges Umschalten in schwerer erreichbaren Positionen ist so ein nerviges Geduldsspiel.

Detailreich und dreidimensional geht es auch an der Akustischen zu

Um die Testkandidaten auch an der akustischen Gitarre beurteilen zu können, habe ich mir wieder den Kollegen Michael Krummheuer eingeladen und ihn gebeten, möglichst identische Figuren zu spielen. Beim Picking zeigt sich die extrem schnelle Transientenwiedergabe der Sony-Mikrofone wieder besonders deutlich, das Anhören der Soundfiles macht wirklich Spaß. Was am Drumset bereits für ein sehr dreidimensionales Klangbild sorgte, arbeitet für die Akustische mindestens ebenso gut. Jedes Detail wird fast originalgetreu abgebildet, wozu natürlich auch die Griffgeräusche gehören. Das Neumann klingt wesentlich mittiger, mit weniger „Zing“ obenrum, gutmütiger.

Das ECM-100N Kugelmikrofon gibt sich räumlicher und untenrum etwas wärmer als die Nierenversion, „klebt“ aber genauso am musikalischen Geschehen. Mit eingeschaltetem Low Cut tut sich nur bei sehr genauem Hinhören über entsprechende Abhören beziehungsweise Kopfhörer etwas, was in Anbetracht der sehr niedrigen Cut-Off-Frequenz auch kein Wunder ist. Das unterschwellige Wummern eines mitklopfenden Gitarristenfußes auf Holzboden wird eliminiert, für weitergehende Eingriffe ins klangliche Geschehen ist die Schaltung nicht gedacht.

Beim Strumming treten die unterschiedlichen Charaktere der beiden Testobjekte am deutlichsten zutage. Hier wirkt das ECM-100N gutmütiger und runder als das 100U, der Körper der Gitarre wird stärker betont. Beim Nierenmodell geht es drahtiger zu, ohne dass das Ergebnis ins Harte oder Scharfe abdriften würde. Im Vergleich dazu macht das KM184 einen mittigeren, leicht nöligen Eindruck, was auch daran liegt, dass es nicht mit den Details aufwarten kann, die die Sonys auszeichnen. Wie immer ist es hier natürlich eine Frage des Geschmacks und der Anwendung, wieviel Realismus einer Aufnahme guttut. Wer sein Spiel allerdings möglichst naturgetreu aufzeichnen möchte, ist mit den beiden Sony-Stäbchen sehr gut bedient.

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare