Test
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26.01.2021

Praxis

Touch

Dass Shure beim MV7 zur Bedienung auf ein Touch setzt, hat Vor- aber auch einige Nachteile. Es gibt nur eine optische, keine haptische Rückmeldung, weder über einen aktuellen Status noch über den Erfolg einer Bedienung. Dadurch kann man nicht blind einstellen, wie es bei klassischen Schalt- und Schiebereglern, Potis, Fadern und dergleichen angewiesen ist. Allerdings ist man auf die Nutzung am Gerät ja nicht unbedingt angewiesen, denn auch die Software erlaubt ja diese Möglichkeiten. Vorbildlich ist, dass die Einstellungen dort umgehend auch am MV7 zu sehen sind – und das ist wiederum nur mit einer derartigen Lösung möglich.

Schaumstoff nur aufgeschoben

Die Verarbeitung des leichten Shure MV7 ist ordentlich, lässt aber auch erkennen, dass auf aufwändigere Dinge in der Konstruktion verzichtet wurde. Auffällig ist das besonders bei der Metallgitterkonstruktion, die erkennbar wird, wenn man den Schaumstoff entfernt. Darunter kommt ein Standard-Metalldrahtgewebe zum Vorschein, wo das SM7B seine spezifische (und spezifisch klangfärbende…) Lochblechkonstruktion zeigt, die viele von „nackten“ SM7ern kennen. Besagter Schaumstoff ist übrigens einfach aufgeschoben. Ich möchte weissagen, dass dieser irgendwann nicht mehr so eng anliegt und herunterzugleiten beginnt, wenn das Mikro leicht geneigt ist. Da sind die beiden mitgelieferten Schaumstoffkonstruktionen mit dem Plastikring beim SM7B eine deutlich bessere Lösung.

Grundausrichtung ähnlich SM7B

Eine erste Erkundung erfolgt auf klassischem Wege über den XLR-Ausgang des Hybridmikrofons. Klanglich zeigt das Shure MV7 eine sehr ordentliche Grundausrichtung, die in die gleiche Kerbe schlägt wie der (nicht nur hier im Review) allgegenwärtige Ahn SM7B. Dieses bietet die bei ihm so geschätzten Klangeigenschaften jedoch ein bisschen stärker. Das MV7 besitzt ein nicht ganz so deftiges Fundament wie das 7B, der massive Brustton und die vielbeschworene Kernigkeit und Durchsetzungsfähigkeit sind beim Neuling aus China ein bisschen weniger ausgeprägt als beim Shure-Klassiker. Allerdings sind dies Unterschiede, die dem normalen Podcaster, Streamer, Gamer und „Videokonferenzler“ kaum negativ auffallen werden. Auch der minimal „dengelige“ Klangbestandteil, mit dem das MV7 minimal nachschwingt, fällt nur bei detektivischem Hinhören und nach starker Kompression auf. Der Grund wird das Gehäuse mit dem Bügel sein, zumindest ist es eine ähnliche Tonalität wie beim Antippen der Hardware. Die Trittschallübertragung ist aber ausreichend gering, genauso wie die Empfindlichkeit gegenüber Einstreuungen.

Die Bassanhebung durch nahe Besprechung lässt sich gut steuern und klingt so, wie man es von einem Shure-Sprechermikrofon erwarten darf, bezüglich Poppsicherheit steht das Shure MV7 dem SM7B in nichts nach. Auch feindynamisch ist das Mikro gut, reicht aber natürlich nicht an Kondensatormikrofone heran (will und muss es natürlich auch nicht unbedingt). Der Umgang mit seitlich einfallendem Schall ist nicht nur einfach klassen- und typengerecht, sondern wirklich sehr vorbildlich.

XLR vs. USB gewinnt XLR – bei entsprechend teurer Kette

Interessant ist, wie sich die interne Vorverstärkung, die Wandlung und das zusätzliche Processing auswirken. Der XLR-Ausgang mit einer hochwertigen Verstärker-/Wandlerkette macht klar, dass die USB-Technik diesem – deutlich! – teureren Aufgebot an spezialisierter Tontechnik bei Weitem nicht das Wasser reichen kann. Das würde auch verwundern. Die weitaus transparenteren Höhen und der Detailreichtum der Verstärkung mittels True Systems P-Solo Ribbon und Wandlung per Lavry AD11 in den Audiobeispielen sind logisch, aber auch noch bei Audio-Interfaces der Focusrite-Saffire-Klasse minimal bemerkbar.

Software in vielen Belangen top

Shure hat bei der Steuerungssoftware wirklich ganze Arbeit geleistet. Die Installation lief am Mac problemlos. Auch Nicht-Tontechniker, die wahrscheinlich einen Großteil der Käuferschaft ausmachen, kommen schnell zu professionell klingenden Ergebnissen.

So ist die „Einsteiger“-Variante wirklich hervorragend gelöst: Abstand zwischen „nah“ und „fern“ wählen und lossprechen. Tatsächlich ist hier ein gut funktionierendes Auto-Gain am Werk, das sowohl verhindert, dass Verzerrungen auftreten, als auch merkliche Pegelsprünge zu verhindern weiß. Die Einstellung „Dark“, „Natural“ und „Bright“ sind dem Klang nach nicht simple Shelving- oder Tilt-Filter, wie man vielleicht vermuten würde, sondern wirken etwas komplexer – und passen wirklich sehr gut zu dem, was ein tontechnischer Amateur erwartet. Das ist gut gelungen!

Im manuellen Modus hat man zwar mehr Einfluss auf das Geschehen, aber eine Überfrachtung mit Parametern gibt es auch hier nicht. Die vom SM7B bekannten Filter HPF und Presence Boost, dazu einen dreistufigen Vollautomatik-Kompressor und einen zuschaltbaren Limiter, das war's. Die Filter machen einen guten Job, besonders der Presence Boost bringt das Signal weiter nach vorne, macht es verständlicher, aber dadurch zwangsläufig auch etwas nerviger. So ähnelt das Signal etwas mehr dem PreSonus PD-70, welches recht aufdringlich und durchsetzungsstark ist.

Man kann übrigens auch Presets vergeben und benennen – allerdings sieht man die Namen eines Presets sowohl nach de Speichern als auch der Anwahl nicht in der Bedienoberfläche, sondern nur im Pull-Down-Menü.

Schwachstelle Kopfhörerausgang

Während das Monitoring simpel und latenzfrei funktioniert, offenbart sich der eingebaute Kopfhörerausgang des MV7 als etwas mau. Er ist schwach und vermag hochohmigere Modelle kaum mit dem nötigen Elan anzutreiben. Im Bass unterhalb der typischen Stimmbestandteile ist er recht schwammig und indifferent, der Detailreichtum hält sich in Grenzen. Am Mac Book Air (2017er) habe ich probehalber mehrfach umgesteckt und festgestellt, dass der KH-Out des Shure zwar nicht so spitz und kantig klingt wie der des Apples, aber alles andere als einen deutlichen Qualtitätssprung bietet.

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