Hersteller_Shure
Test
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24.02.2016

Praxis

Sehr gutes Handling

Es ist kein unbegründetes Klischee, dass nordamerikanische Verarbeitung im Vergleich zu europäischer oder japanischer eher etwas „robuster“ und „grobschlächtiger“ daherkommt. Beim Shure KSM8 ist davon aber nichts zu spüren. Das in Mexiko gefertigte Mikrofon ist absolut ordentlich verarbeitet, von Grill über Gewinde bis zur Oberflächenbearbeitung. Nimmt man das 330 Gramm schwere Mikrofon in die Hand, fällt direkt das gute Handling auf. Es ist nicht zu schwer (zumindest in der Kabelvariante) und nicht zu leicht. Fasst man es zu weit unten am Schaft an, findet man es etwas kopflastig, sodass man das Mikrofon ein wenig in der Hand herunterrutschen lässt. Allerdings nur ein klein wenig, denn der Hals des KSM8 fängt sehr früh an. Dadurch wird verhindert, dass man das Mikrofon in der Hand versinken lässt und mit Daumen und Zeigefinger die rückwärtigen Schalleintrittsöffnungen verschließt, wodurch der Sound schlechter und die Rückkopplungsempfindlichkeit höher werden. Doch selbst das Verschließen des Korbes zur Hälfte bei vermeintlich „cooler“ Mikrofonhaltung verkraftet das KSM gut, wie ihr einem Soundfile weiter unten entnehmen könnt (allerdings ist dann in der Off-Axis das pure Chaos…). 

Ich schreibe auf: Handling perfekt. Ich weiß genau, warum ich das Beyerdynamic M88 zwar klanglich liebe, aber mit seinem „spiddeligen“, geraden Schaft nicht gerne in der Hand halte und warum das untersetzte Shure SM58 mit seiner konischen Standardform auch nicht meine erste Wahl wäre. KSM8 for the win!

Das KSM8 ist vor allem eines: ausgewogen!

Im Betrieb wird sofort deutlich, dass man es wirklich mit einem sehr ausgewogen klingenden Mikrofon zu tun hat. Das Shure ist weder besonders frisch noch mumpfig, nicht zischelig, scharf oder verwaschen. Dass der so wichtige Präsenzbereich davon nicht ausgenommen ist, ist eine gute Nachricht für Verleiher, da man mit dem KSM8 den Spruch „Das Mikro passt nicht zur Stimme“ sicher seltener hören wird als etwa bei einem SM58. Hinstellen, passt schon. Und wenn nicht ganz, halten sich EQ-Orgien in ihren klaren (Pegel- und Q-)Grenzen. Nervige Resonanzspitzen konnte ich keine ausmachen, der natürliche Roll-Off in den Höhen kommt angenehm und natürlich. Dennoch ist die Konstruktion der rückseitig schwingungsbedämpften Membran mit ihrer aufgeklebten Spule, die in den Neodym-Topfmagneten eintaucht, flott genug, um auch kleine Details noch zu übermitteln. Natürlich: An die Pfiffigkeit und Akkuratheit eines Kondensatormikrofons mit seiner Federgewicht-Membran kommt das KSM8 auch nicht heran. Das muss es in den meisten Fällen aber gar nicht. 

Toll ist, wie stabil die Richtcharakteristik ist. Je ausgeglichener, desto besser ist das Mikrofon auf der Bühne einschätzbar, und zwar für den Vokalisten genauso wie für den Techniker. Das Risiko von „Feedback wie aus dem Nichts“ aufgrund irgendwelcher extremen Spitzen irgendwo im Off-Axis-Bereich ist durchaus geringer. Und auch die Geräusche, die durch Hände am Schaft entstehen, ja sogar mit Ringen auf dem Metall, aber auch Bewegungen und sogar Wind sind ein wenig vernachlässigbarer mit dem KSM8 – nicht um Größenordnungen, aber zumindest ein wenig. 

Sehr gut, aber kein Game-Changer

Damit sind wir bei einem Kernthema: Die Verringerung des Nahbesprechungseffekts ist spürbar, in der Praxis absolut von Vorteil, das Signal bleibt auch bei geringen Abständen eher klar, aber es ist auch kein Quantensprung. Die Audiobeispiele zeigen dies recht deutlich. Ich will aber gar nicht meckern, denn schließlich gibt es hier wirklich merkliche Verbesserungen, und zwar ohne dass dadurch neue Probleme an anderer Stelle entstanden wären! Und das macht das Shure KSM8 zu einem wirklich empfehlenswerten Mikrofon! An den P-Lauten kann man es gut erkennen: Das Gesangsmikro ist nicht immun gegen Popplaute, doch bringt es sie zwar satt und kräftig, aber mit recht „ungefährlichem“ Pegel auf die Reise durch das XLR-Kabel.

 

Warum eigentlich „Gesangsmikrofon“?

Gut, das KSM8 wird in erster Linie für Vocals verwendet werden, üblicherweise auf Bühnen. Das soll aber niemanden davon abhalten, den Schallwandler auch mit anderen Aufgaben zu betrauen. Als ordentlich Pegel vertragendes Mikrofon mit gut kontrollierbarem Bassbereich, stabiler Richtcharakteristik und schön klingender Off-Axis finde ich, dass es auch im Studio seinen berechtigten Platz finden kann. Gitarrenamp, Bassamp, Bassdrum, Snare, Blechbläser, ja sogar Studio-Vocals à la SM7B – alles machbar. Ist es die geheime Alternative zum RE20? Dieses ist riesig, und es ist teuer. Ok, hier wäre ein Knackpunkt: Das Shure KSM8 ruft mit 500 Euro einen Preis auf, der sich gewaschen hat. Dies sind Gefilde, in denen man zwar kein DPA d:facto, aber immerhin ein Neumann KMS 105 ordern kann, wenngleich dieses andere Vor- und Nachteile hat. Trotzdem: Das Shure KSM8 hat durchaus das Zeug dazu, in zehn oder zwanzig Jahren als hochwertiger Standard auf Bühnen und in Tonstudios zu gelten. 

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