Hersteller_Sennheiser
Test
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31.08.2011

Praxis

Deutsche Wertarbeit

Ich nehme das Mikrofon in die Hand, drehe und wende es mit prüfendem Blick. Blöder Begriff aus der Wirtschaftswunderzeit, doch “deutsche Wertarbeit” zu diesem Gerät zu sagen, das passt wie die vielzitierte Faust auf’s Auge. Keine Kritikpunkte. Natürlich ist ein Mikro ohne Spinne äußerst flott montiert, und dass die Halterung beide Gewindestandards gleichzeitig anbietet, ist wirklich eine Wohltat.

Wo ist vorne, wo ist hinten?

Wenn ich mich jedoch in einen Anfänger hineinversetze, der zum ersten Mal ein derartiges Werkzeug benutzen will, dann gibt es doch etwas, das ich hier ansprechen muss. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass die Haupteinsprechrichtung eines Mikrofons durch den Schriftzug oder das Logo gekennzeichnet ist. Sennheiser macht die Verwirrung perfekt: Dort, wo wirklich “vorne” ist und der Korb etwas weiter in den Korpus hineinreicht, ist das stilisierte Logo mit dem Großbuchstaben “S” zu erkennen. Auf der Rückseite hingegen sieht man Logo und Sennheiser-Schriftzug. Das ist vielleicht nicht so schlimm, denn dort findet man auch CE-Logo, die Seriennummer und “Made in Germany”, was bei eigentlich allen Elektronikprodukten “hinten” markiert. Aber: Der vertikal das schwarze Gitter umlaufende Bügel trägt ebenfalls das Logo und den Schriftzug. Das weitverbreitete MD 421 beispielsweise wird an genau dieser Stelle besprochen – es ist sogar vom gleichen Hersteller! Nun gut: Wer weiß, was eine Mikrofonmembran ist und wie sie aussieht, der lugt einfach durch das Metallgitter und weiß Bescheid. Doch wir reden hier über ein Anfängermikrofon - didaktisch klug ist der inflationäre Gebrauch von Schriftzug und Logos nicht gerade. 

Doch richtig wichtig ist, was das Mikrofon weiterreicht, wenn es mit seinem 48V-Lebenssaft versorgt wird. Das Sennheiser MK 4 macht zunächst einen frischen und klaren Eindruck – kein Kunststück, wenn man sich den Frequenzgang vor Augen führt. Die Akustikgitarre erinnert klanglich dadurch fast an eine Kleinmembran-Niere, so schnell, spritzig und drahtig, wie sie daherkommt. Wenn für die Musikproduktion nichts dagegenspricht, würde ich mich in diesem Fall klar für das Sennheiser entscheiden statt für das Referenzmikrofon – oder gleich Kleinmembrane benutzen, denn diese würden auch im Air-Band (also kurz vor den 20 kHz) noch mehr liefern können.

Das Sennheiser versucht “mix-ready” zu sein

Bei den Stimmen ist es eine Frage des Standpunktes: Dick aufgetragene Präsenzen können auch als fundamentlos und kalt interpretiert werden. Das Neumann TLM 103 wirkt beim ersten Umschalten vielleicht etwas schaler, weniger bissig und geradezu langweilig, doch bin ich nach längerem Hören der Meinung, dass es mit beiden Stimmen besser harmoniert. Das Sennheiser versucht etwas zu sehr, “mix-ready” zu sein und das EQing vorwegzunehmen. Das ist vielleicht ein nett gemeinter Zug und auch bei vielen anderen neuen Mikrofonen dieser Preisklasse zu beobachten, doch fühle ich mich als Engineer dadurch zu sehr bevormundet: Ich will meinen Equalizer benutzen, wie ich es will und nicht, um Frequenzgangverzerrungen wieder rückgängig machen zu müssen. Dass derartig starker Support sowohl zur aufzunehmenden Stimme als auch zum Mix passt, halte ich für eher unwahrscheinlich. Dennoch fügt das Sennheiser nicht zu viele Harmonische hinzu (wie es viele Gesangsmikros mit “Modesound” leider tun). Und das ist in dieser Preisklasse auch gut so.


Die im Vergleich zum generellen Präsenzboost etwas geringere Erhöhung im Frequenzband scharfer Zischlaute funktioniert übrigens tatsächlich: Ich hätte mit Problemen in diesem Bereich gerechnet, doch das MK 4 überträgt nicht so scharf, dass ich Augen und Zähne zusammenkneifen müsste. Erstaunlich! Auch sonst kann ich dem Sennheiser guten Gewissens viele Punkte geben. Es gibt nichts, was man technisch bemäkeln könnte. Störgeräusche, enorme Popp-Anfälligkeit oder sonstige Ungereimtheiten sucht man vergeblich, bezüglich der Verarbeitung von Transienten kann das Nierenmikrofon mit deutlich teureren Schallwandlern mithalten. Im Direktvergleich mit dem nicht ohne Grund hochgelobten TLM 103 fällt der minimal “fahrlässigere” Umgang mit attackreichen Signalen nur auf, wenn man die Ohren spitzt und sich die Präsenzanhebung “wegdenkt”. 

Transparenter und klarer Sound

Mikrofone, die unter 300 Euro gehandelt werden, weisen neben anderen Problemen oft auch eine ungelenke Dynamik auf. Oft knicken sie im Bereich hoher Pegel zu schnell ein – die Signale klingen dann wie durch einen schlecht eingestellten Kompressor. Das MK 4 hingegen wirkt transparent und linear. Ähnlich verhält es sich mit dem Nahbesprechungseffekt. Dieser ist über den Abstand hervorragend regelbar, ohne Sprünge aufzuweisen und wirbt für sich mit einem breitbandigen, immer noch sehr natürlichen Klang.

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