Hersteller_Schoeps
Test
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12.02.2014

Praxis

Dem ersten Höreindruck aus dem Praxisbetrieb geht natürlich das Begutachten voran. Schon auf dem Fototisch gefällt mir das Vintage-Design, welches mit klarer Formensprache überzeugt, seine Eigenständigkeit bewahrt und dennoch nicht überkandidelt wirkt. So manchem Sänger wird das V4 U vielleicht etwas zu niedlich aussehen, obwohl es klanglich passend wäre. Aber damit haben auch andere Mikros zu kämpfen, das DPA 4041-SP etwa. Aber dass Studio-Vocal-Mikes nicht immer fett und bullig sein müssen, zeigen erfolgreich das Microtech Gefell M7 oder das UMT 71 S. Schön. Bis hierhin. Die Spinne hingegen ist ein Unding. Das meine ich nicht funktionell, sondern optisch. Ich verstehe nicht ganz, wie ein Unternehmen, das mit Erfolg sogar den kleinsten Schalter selbst fertigt, ja sogar die Transportbehältnisse für die Kleinmembranmikrofone mit Spritzgussmaschinen im eigenen Haus herstellt, einfach hingeht und eine Rycote-Spinne umlabelt. Die Rycote USM, hier komplett in Schwarz und mit aufgebrachten V4-U-Köpfen als Icons, funktioniert zugegebenermaßen tadellos, will sich aber überhaupt nicht in die Produktrange der Karlsruher einreihen. Natürlich: Gute Spinnen aus Metall sind leider sehr teuer, wie es Neumann und MG vormachen, doch wer sich ein Mikrofon eines der angesehensten Hersteller der Welt kauft, möchte sich mit diesem eher lieblos hergestellten Plastik-Werkstück nicht den Blick auf den edlen Schallwandler verbauen. Funktion geht eben nicht immer vor Form: Ich würde mir das Set mit dem einfachen Halter SGV kaufen. 

Klanglich ist das Mikrofon erstaunlich, denn alles, was Schoeps bei der Vorstellung des Mikros am 13.09.2013 auf der IBC in Amsterdam versprochen hat, bewahrheitet sich. So ist schon beim ersten Hören deutlich, dass das Schoeps V4 U konstruktiv kaum ein Großmembranmikrofon sein kann, denn ein solches würde sich sehr schwertun, ein derart schnelles und kristallines Air-Band zu liefern. Das typische “Belegtsein” in den absoluten Höhen fehlt und genauso ein ernstzunehmend großer Signalbestandteil in diesem Frequenzbereich, nämlich in FET, Röhre, Übertrager oder sonstigen Bauteilen entstehende Klirrprodukte. Wir sind uns hoffentlich alle einig, dass diese durchaus ihren Reiz haben, denn nicht umsonst wird viel Geld für manche unter ihnen bezahlt. Dass dem V4 U diese oftmals liebgewonnene Komponente fehlt, macht den Klang zunächst etwas besonders. Ob man dies mag oder nicht und ob man es in einer Situation benötigt oder nicht, ist natürlich von persönlichen Vorlieben, in jedem Falle aber von Faktoren wie Stimme, Arrangement und Musikstil abhängig. 

Fehlen tut dem Schoeps hingegen nicht die weiter oben im Text beschriebene Bündelung der hohen Frequenzen auf der Achse. Somit klingt besonders die Rauminformation aus der Gesangskabine oder dem sonstigen Aufstellungsort des V4 U prinzipiell genau so, wie man es von typischen Großmembran-Mikros her kennt. Allerdings zeigt sich der V4-Frequenzgang jenseits der 90 und 270° deutlich ebener, kompletter und fehlerfreier als bei Großmembran-Kondensatormikros. Ein atemberaubend homogenes Polar-Pattern bietet übrigens auch Sanken mit seinen Doppelkapselmikrofonen CU-41/CU-44X. Diese verzichten auf die frontale Frequenzgangüberhöhung und bleiben außerordentlich konstant, brechen jedoch an der Off-Axis vollkommen auseinander. Das Schoeps klingt sogar rückseitig besprochen noch richtig gut! Übrigens: Da es schwer ist, einen Sänger dazu zu bringen, nicht axial auf das Mikrofon zu singen, um eine gewünschte Höhenbalance zu erhalten, ist es mehr als sinnvoll, dass sich der Kopf schwenken lässt.

Der Bassbereich des Schoeps V4 U ist äußerst streng und trocken, in jedem Falle aber kurz und ohne jegliches Verschmieren. Dies lässt nicht zuletzt auf einen unaufgeregten Verlauf des Phasenfrequenzganges schließen. Gemeinsam mit den eher crispen Hochmitten und Höhen erkenne ich eine ästhetische Verwandtschaft zu den Mikrofonen von Dirk Brauner. Diese sind zwar konstruktiv gänzlich anders, aber von der modernen, präsent-frischen Art doch recht ähnlich. Wichtig: Das V4 U klingt zwar sehr nah (auf Denglisch also “in-your-face”), doch nervt es auch nach stundenlangem Hören nicht. Wo wir gerade bei Nähe sind: Kleinmembran-Kondensatormikrofone sind oft eine hervorragende Wahl, doch eine Disziplin beherrschen sie im Grunde nur schlecht, nämlich die Aufzeichnung besonders naher menschlicher Stimme. Das Schoeps V4 U ist keine Ausnahme. Nahe, intime und warme Signale durch minimalen Abstand sind nicht seine Domäne, die Verbassung klingt sehr aufgesetzt und wie ein Fremdkörper. Einem Vergleich mit typischen Großmembranern oder Bändchen hält das V4 nicht stand. Dies ist Schoeps aber nicht anzukreiden, sondern schlichtweg der Konstruktion geschuldet – und die hat ja auch deutliche Vorteile, wie wir gesehen haben. Aber aus dem genannten Grund fällt das Mikrofon im Fünfzigerjahre-Design auch für viele Sprecheraufgaben leider aus. Ist jedoch sicher, dass ein gewisser Abstand gewahrt ist, vereint es in diesem Bereich viele positive Eigenschaften von Groß- und Kleinmembranern (welche generell viel zu selten für derartige Aufgaben herangezogen werden, wie ich finde). Abseits der üblichen Verdächtigen ist das Schoeps übrigens bestimmt auch eine hervorragende Alternative für Rapper!

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