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Test
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12.02.2014

Schoeps V4 U Test

Kondensator-Gesangsmikrofon

Das große Kleinmembran-Mikrofon

Das Vocal-Mikrofon Schoeps V4 U ist hier bei bonedo zum Test eingetroffen! Da lassen wir es uns nicht nehmen, ein ausführliches Review zu erstellen. Das Anwendungsfeld “Gesangsaufnahme im Studio” wird hierzulande zu bestimmt mindestens 90% von Großmembran-Kondensatormikrofonen abgedeckt, Schoeps ist jedoch weltbekannt für seine Kleinmembran-Kondensatormikrofone… Hat man sich in Karlsruhe zu Großmembran-Liebhabern bekehren lassen? Nein, die tontechnische Welt gerät nicht komplett aus den Fugen, denn das V4 U ist, obwohl es aufgrund des großen Korbs eher einem Großmembranmikrofon ähnelt und explizit als Studio-Gesangsmikrofon vorgestellt wurde, ein Kleinmembran-Kondensatormikrofon.

Dennoch erscheint als Novum, dass bei Schoeps die Entwicklungsarbeit im gestalterischen Bereich ganz offensichtlich über das Notwendige hinausgegangen ist, denn seit Jahrzehnten wurden die Produkte in Durlach nach anderen Kriterien geschaffen. Das ist nicht verwunderlich, denn wenn der Durchschnittsbürger schon mal ein Schoeps zu Gesicht bekommen hat, dann ist oft die Vorgabe gewesen, dass er es möglichst gar nicht wahrnehmen sollte. Bei Fernsehanstalten und in Konzertsälen ist diese Einstellung nur recht, ein Sänger in einem Studio hat hingegen das Mikrofon als erster “Zuhörer” seiner vokalistischen Ausführungen und eine dementsprechend große psychologische Wirkung. In ein olles, hässliches und billig wirkendes Mikrofon singt jeder ungern, selbst, wenn es tontechnisch das passendste wäre.

Details

Zitat aus der eigenen Firmenhistorie

Auf dem zylindrischen Korpus des Schoeps V4 U sitzt ein um 20° nach vorne und hinten schwenkbarer Kopf, der problemlos als Kühlergrilldesign einer Limousine der 1950er Jahre durchgehen könnte, als Emblem auf einer Trockenhaube dienen oder einem fancy Küchenstuhl entlehnt sein könnte. Doch hier zititert sich die Firma Schoeps selbst, denn bereits das Röhrenmikrofon CM 51/3 kam mit einem vergleichbaren äußeren daher, ebenso das vielleicht bekanntere Doppelkapselmikrofon M 201. 

“Warum sind Studio-Gesangsmikrofone eigentlich immer Großmembran-Kondenser?”

Sind sie ja überhaupt nicht, denn besonders in den USA werden völlig zurecht auch Tauchspulen wie das Shure SM 7B oder das EV RE 20 verwendet - nicht zu vergessen auch die vielen Bändchenmikros. Es ist natürlich auch keine Vorgabe, mit großen Membranen zu arbeiten, wenn Gesang mit dem Kondensatorprinzip gewandelt werden soll, zahlreiche Anwendungen, in denen Kleinmembran-Nieren wie das Sennheiser MKH 800 oder KM-Kugeln zum Einsatz kommen, belegen das Gegenteil. Schoeps haben in der Entwicklung, an deren Ziel ein Gesangsmikrofon stand, versucht, einen Grund zu finden, was besonders Großmembraner so beliebt macht. Einer sei, dass die Bündelung zu hohen Frequenzen durch den Druckstau vor der recht großen Membranfläche durchaus gewünscht sei. Ein weiterer Effekt dessen sei, dass die durch Großmembran-Kondensatormikrofone aufgezeichnete Rauminformation vernachlässigbar ist. Zudem würden üblicherweise sowieso künstliche Räume dem Signal “übergestülpt”. Allerdings habe man durch umfangreiche Hörtests und vor allem Versuche mit dem Schoeps Polarflex-System (ein höchst interessantes System zum recht freien Umgang mit Richtwirkungen übrigens!) nicht nur die ideale Richtcharakteristik über den Frequenzgang herausgefunden, sondern auch die Tatsache, dass die meisten User einen transparenten Klang dem immer leicht verfälschenden eines Großmembranmikros vorziehen. 

Wie ein akustischer Katzenbuckel

Größtmögliche Transparenz und einen glatten Frequenzgang besonders abseits der Hauptaufsprechrichtung, das sind klare Indikatoren zur Verwendung einer kleinen Membranfläche. Um dennoch die richtenden Eigenschaften einer Großmembrankapsel zu emulieren, hilft etwas, das DPA, Neumann, Microtech Gefell und auch Schoeps selbst mit Kugelkörpern bei Druckempfängern verwenden (Standard-Besetzung für die drei Decca-Tree-Mikros): Schoeps setzen eine Ringscheibe um die KM-Kapsel, um den Druckstaueffekt zu erzeugen, der im Höhenbereich zu einer umso größeren Anhebung führt, je axialer die Schallquelle positioniert ist. Die Kapsel wirkt also größer, als sie eigentlich ist. 

Typisch Großmembran, typisch Kleinmembran

Entsprechend der Entwicklungsziele zeigt das Polardiagramm des V4 U eine bis 1 kHz ideale Nierenform, darüber setzt die Bündelung ein. Die Supernierencharakteristik nimmt stetig zu, bei 16 kHz beträgt die rückwärtige Nase der Richtcharakteristik aber dennoch 14 dB Dämpfung. Die Tendenz zur Super- und sogar Hyperniere ist typisch für die bekannten Großmembran-Kondensatormikrofone, hier jedoch glatter und ohne Ausfransungen. Der Frequenzgang hingegen zeigt aufgrund der schnellen und leichten Membran nicht die Gebrechen der ein Zoll und mehr messenden Vertreter. Geradezu spielerisch und wie von Schoeps-Mikros gewohnt erreicht die Kurve die 20 kHz ohne Dämpfung. Zwischen 2 und 20 kHz befindet sich ein Boost-Plateau von etwa 2 dB, unterhalb von 200 Hz geht es mit etwa 1 dB/oct Richtung Übertragungskeller. Die Grafik endet mit 50 Hz, was auch etwas mit einem Keller zu tun hat: Ein größeres Kundt'sches Rohr zur Messung auch tieferer Frequenzen passt nun mal nicht auf das Stadtgrundstück der Firma Schoeps – die Messungen finden quasi unter dem Firmenparkplatz statt. Im Diffusfeld übrigens ist – bedingt durch den geringeren Druckstau – die Höhenwiedergabe besonders im Air-Band deutlich geringer. Über die Auswirkung sehr naher Besprechung gibt es keine Informationen, doch ist davon auszugehen, dass es sie zumindest gibt: Die generell schwächere Tiefbasswiedergabe spricht genauso für die Verwendung eines Druckgradientenempfängers wie die Tatsache, dass schon die Kapsel intern elastisch gelagert wird – schließlich sind Druckempfänger weniger empfindlich gegen Körperschall.

Nur das Design ist retro – sonst nichts!

Trotz Fifties-Design geben sich auch die weiteren Werte modern. Kein Wunder, es kommt schließlich neueste Technik auch auf der teilweise mit SMD bestückten Platine zum Einsatz. Ausgangsseitig arbeitet eine Brückenendstufe, es wird also einmal das normalphasige und einmal das invertierte Signal auf die Reise durch das Kabel geschickt. Schoeps geben an, dass das V4 U aufgrund eines hervorragenden EMV-Filters sehr unempfindlich gegen elektromagnetische Einstreuungen sei. Am Ausgang finden sich keine Kondensatoren und keine Übertrager, die Ausgangsimpedanz von nur 97 Ohm gilt über den gesamten Übertragungsbereich und vereinfacht die verfärbungsfreie Verwendung an verschiedensten Preamps – sofern eine Phantomspeisung zum Betrieb der Elektronik und zur Polarisierung der Kondensatorkapsel zur Verfügung steht. Bedenkt man, dass die Membranfläche weniger Kapazitätsänderung bewirkt als eine ansonsten gleiche Großmembrankapsel, ist das Eigenrauschen von 15 dB(A) durchaus in Ordnung. “In Ordnung” liest sich in einem Test über ein Schoeps-Produkt fast schon wie ein Verriss. Doch gemach, es kommt auf die Relationen an: Die Emfpindlichkeit beträgt 16 mV/Pa, also nicht sonderlich viel, die 0,5%-THD-Grenze liegt aber bei 144 dB(SPL)! Wo man das Pad schalten kann? Es gibt kein Pad, diesen Wert schafft dieses System auch ohne Vordämpfung. Auch wenn das grazile V4 U den Eindruck erwecken kann, unter dem Schallbombardement eines mit vielen bösen Gedanken aufgeladenen Shouters weinerlich in seine Moleküle zu zerfallen – es wird keck standhalten, so viel ist sicher!

Geliefert wird das Schoeps-Studiomikrofon entweder mit einer Spinne (USM-4V) oder einer einfachen Halterung (SGV), in jedem Fall aber in einer schönen Holzbox, die man von den Schoeps-Stereomikrofon-Sets kennt. Wählen darf man zudem noch, ob der Tubus blau oder wie bei unserem Test-Modell in unscheinbarem Anthrazit geliefert wird.

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