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17.11.2019

Schlagzeug-Workshop: Jazz Drumming #2 - Comping

Comping-Übungen im Swing

Workshop mit Audios und Noten

Hallo und willkommen zum zweiten Teil meines Jazz Drumming Workshops für Schlagzeuger! Nachdem ihr euch im ersten Teil mit dem Beckenspiel und dem Basis Jazz-Groove befasst habt, wollen wir uns im nächsten Schritt mit dem Begleiten eines Solisten, dem sogenannten “Comping” beschäftigen. 

Was bedeutet Comping am Schlagzeug? 

Das Wort “Comping” kommt von accompanying, was "begleiten" bedeutet. Es wird aber auch mit complement, dem englischen Begriff für "ergänzen", in Verbindung gebracht. 

Allgemein ist mit dem musikalischen Begleiten die harmonische und rhythmische Unterstützung der Melodie gemeint. Diese kann durch den Komponisten festgelegt und notiert sein oder, wie im Jazz, durch die begleitenden Musiker spontan improvisiert werden.

Im Jazz Drumming bezieht sich das Comping vor allem auf Figuren und Motive auf Snaredrum und Bassdrum, die der Schlagzeuger, passend zu den rhythmischen Motiven des Stücks oder zu Figuren des jeweiligen Solisten, zum Swing-Groove auf Ridebecken und / oder Hi-Hat spielt.

Begleiten, ergänzen, folgen, sich anschließen, führen, bereichern, unterstützen, … Synonyme für das Comping lassen sich viele finden, und alle zusammen beschreiben sehr gut, auf was es ankommt und was von uns als Schlagzeuger erwartet wird. Zusätzlich sollte man sich bewusst machen, dass Comping auch Kommunikation ist. Man tauscht sich aus, regt sich gegenseitig an und kommuniziert durch die gespielten Einwürfe und Phrasen, ähnlich wie in einem Gespräch.

Als Schlagzeuger hat man wenig Einfluss auf die Harmonien des Liedes. Wir kümmern uns um die rhythmische Seite und stimulieren durch kleine Einwürfe auf der Snare und der Bassdrum, bis hin zur komplett freien Improvisation auf dem ganzen Schlagzeug. Manchmal begleitet man einen Solisten allein, doch meistens geschieht es zusammen mit weiteren Musikern innerhalb einer Rhythmusgruppe. Diese besteht in der Regel aus Bass, Schlagzeug und einem oder mehreren Harmonieinstrumenten (Klavier, Gitarre, Orgel, Vibraphon). 

Comping bedeutet also Teamwork! Jeder muss seinen Teil zum Groove und Feeling beitragen. 

Ein berühmter Jazz-Drummer sagte einmal, dass wir als Musiker in einer Dienstleistungsbranche arbeiten. Wir sind “Diener” (servants) der Musik, welche über allem steht, und wir müssen selbstvergessen unser bestmögliches tun, um Ihr dienlich und förderlich zu sein! Manchmal habe ich jedoch den Eindruck, dass das Comping (und auch so manches Solo) von einigen Musikern als sportliche Übung mißverstanden wird, so viele Noten und Rhythmen donnern sie heraus, ohne dabei Bezug auf die eigentliche Musik zu nehmen, die um sie herum geschieht. Natürlich muss man als Musiker gewisse technische Fertigkeiten wie Unabhängigkeit und Kontrolle trainieren, doch sollte immer die Musik im Vordergrund stehen und die erworbenen Fähigkeiten ausschließlich dem Zweck dienen.

Aber wie lässt es sich vermeiden, dass man in die Falle tappt und zu viel bzw. irrelevante Dinge spielt? Ganz einfach: Hören! … und zwar auf die Musik! 

Nicht einfach nur lauschen, sondern wirklich hinhören und sich selbst vergessen. Vertraut darauf, dass die Musik euch mitteilen wird, was sie gerade benötigt. Natürlich spielt man für den Solisten und mit den anderen Musikern, doch in Wirklichkeit spielen wir alle zusammen für die Musik.  

Wenn du mal nicht weißt, was du gerade spielen sollst, dann spiel einfach nur den Groove und warte, bis du hörst und fühlst, was du spielen sollst. 

Weniger ist oft mehr, und dann im richtigen Moment - BOOM!! Einfach irgend etwas spielen, weil man meint, etwas spielen zu müssen, kann die Musik und den Solisten stören. Das wäre so, als wenn man in einem Gespräch einfach irgend etwas sagt, nur weil man meint, etwas sagen zu müssen. Der richtige Kommentar zur richtigen Zeit, das ist das Ziel.

Die Technik und Kontrolle unseres Instrumentes lernen wir durch diverse Übungen, wie sie gleich folgen werden. Die Musikalität und die Anwendung der erlernten Fähigkeiten hingegen lernen wir durch das aktive Hören, entweder beim eigenen Musizieren oder aber beim Hören und Studieren der vielen genialen Jazzaufnahmen, das ich euch hier ausdrücklich empfehle. Man nennt es auch “Deep Listening”. 

Wie geht man an das Thema Comping heran?

Musik ist eine Sprache, und wie bei dem Erlernen einer neuen Fremdsprache muss man sich mit Vokabeln und Grammatik beschäftigen und anhand von Texten oder Beispielsätzen und idealerweise in der zwischenmenschlichen Kommunikation die Anwendung trainieren. Je mehr Wörter und Sätze man dann kennt, desto leichter fällt einem die Verständigung. Mit dem Improvisieren eines Solos und dem Comping verhält es sich genauso. Wir müssen “musikalische, jazz-typische Vokabeln” lernen, sogenannte Phrasen und Licks, und dann deren Anwendung trainieren. Am Anfang spricht man noch wenige Worte, doch schon bald entstehen ganze Sätze, und im Nu unterhält man sich fließend.

Für meinen Einstieg in die Welt des Jazz hatte ich ein Buch mit Übungen zur Unabhängigkeit (quasi die Vokabeln und Grammatik), welches ich durchgearbeitet habe, doch dann – und das ist mindestens ebenso wichtig – habe ich einfach stundenlang zu Platten gespielt und jede Möglichkeit, mit richtigen Musikern zu jammen, wahrgenommen. Die Mischung macht’s!  

Wenn ihr zum reinen Swing-Pattern noch Nachholbedarf habt, dann schaut doch noch einmal im ersten Teil der Workshop-Reihe vorbei, für alle anderen geht es jetzt mit den Comping-Übungen los.

Vokabeltraining

Wir beginnen mit zwei Grundübungen für das Zusammenspiel von Händen und Füßen. 

Hinweis: Ihr könnt euch alle Übungen des Workshops jeweils als PDF herunterladen.

Übungstipps:

Nehmt euch Zeit für diese Übungen und spielt sie für eine Weile, auch wenn es euch zunächst sehr einfach erscheint. Versucht, während ihr spielt, eure Aufmerksamkeit und Konzentration auf die verschiedenen Elemente des Grooves zu richten. Konzentriert Euch auf das Ridebecken und fühlt, wie es sich mit den Füßen und der Snare vernetzt. Richtet eure Aufmerksamkeit dann auf die Snaredrum und taucht in den Groove ein. Hört dann auf die Bassdrum, anschließend auf die Hi-Hat, dann auf beide Füße im Zusammenspiel, Snare und Bassdrum, Snare und Ridebecken, … Achtet nicht nur darauf, wo die Schläge hinfallen, sondern spürt auch den Raum zwischen den Schlägen. So entwickelt ihr ein gutes Gefühl für Groove und Timing. 

Hierbei ist es sehr wichtig, langsam zu üben, denn es kommt hier nicht auf Geschwindigkeit an, sondern auf eine korrekte und achtsame Ausführung. Es geht darum, den Körper und Geist korrekt zu “programmieren”. Beim zu schnellen und unachtsamen Üben eignet man sich oft Fehler und Ungenauigkeiten an, die später nur mit Mühe wieder zu beseitigen sind. Ich selbst habe zudem festgestellt, daß sich durch das sehr langsame und achtsame Üben mein schnelleres Spiel automatisch verbessert hat. So wird es bestimmt auch euch ergehen. Ich verspreche es!

Nun gibt es zwei Übungsvarianten, welche ich euch nahelegen und auch für alle folgenden Übungen empfehlen möchte. 

Übungsvariation 1: 

  • Einen Takt lang alle vier Stimmen zusammen spielen, dann einen Takt lang nur den Basis Jazz-Groove

Übungsvariation 2: 

  • Einen Takt lang alle Stimmen zusammen spielen, einen Takt Pause machen. 

  • Alle drei Übungen werden mehrere Male wiederholt, beziehungsweise in Schleife gespielt. 
  • Übt zuerst ohne und dann mit Metronom! Beginnt mit einem sehr langsamen Tempo, sodass ihr ohne Probleme alle Schläge ausführen könnt, und zieht dann nach und nach das Tempo an.
  • Achtet darauf, dass alle Stimmen wirklich genau zusammentreffen und keine Flams zwischen ihnen entstehen!

Klappt es mit der Koordination und den Übungen? Sehr gut! Dann lasst uns diese nun erweitern und vertiefen:

  • Spielt die Snaredrum in verschiedenen Lautstärken, von sehr leise bis laut! (Das Ridebecken und die Füße bleiben in gleicher Lautstärke und ändern sich nicht.)
  • Spielt die Übungen mit der Bassdrum anstatt der Snare. Auch hier wieder in verschiedenen Lautstärken. 
  • Spielt die Snare und die Bassdrum gleichzeitig. Achtet darauf, dass sie exakt zusammen treffen und keine Flams entstehen.
  • Variiert das Tempo. 

Geklappt? Hervorragend! Dann möchte ich euch nun ein paar “Vokabeln”, basierend auf diesen Grundübungen, geben. Übt sie auf die gleiche Art und Weise wie vorher beschrieben.

Akzente hinzufügen

Nun fügen wir den Phrasen Akzente hinzu. Das bringt mehr Leben und Dynamik in das Spiel und in die Konversation. Unbetonte Noten werden leise, fast wie Ghostnotes, gespielt.

Übt auch diese wieder nur mit der Snare, dann mit der Bassdrum und schließlich mit beiden gleichzeitig.

Phrasen zwischen Snare und Bassdrum aufteilen

Zuletzt teilen wir die Rhythmen zwischen Snare und Bassdrum auf. Diese Art von Phrasen ist typisch für das Begleiten und vertiefen das Comping und den Groove ungemein!

Der D.I.Y. Übungsbaukasten

Klasse! Jetzt habt ihr schon einige musikalische Phrasen und Erweiterungsmöglichkeiten kennengelernt! Wie geht es weiter?

Man kann sich Bücher kaufen, die sich mit diesem Thema beschäftigen und weitere Übungen beinhalten. Man kann sich aber auch ganz einfach selber neue Übungen und Phrasen ausdenken und entwickeln. Nehmt die Grundübungen 1 und 2 als Grundlage und lasst einfach ein paar Noten weg, fügt Akzente hinzu oder teilt die Noten zwischen Snare und Bassdrum auf. Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!

Ich benutze hierfür ein kleines Whiteboard. Darauf kann man sich zum Beispiel die Grundübung 1 notieren (nur die Triolen) und dann ganz einfach Noten wegwischen, hinzufügen etc.

Den Idolen nacheifern

Das Raushören und Lernen von Comping-Figuren unserer Idole und der großen Meister des Jazz Drumming ist ein sehr guter, wenn nicht der beste Weg, das Vokabular zu erweitern und das Begleiten zu lernen. Imitiert, was Ihr auf Tonaufnahmen hört und schreibt es gegebenenfalls auf. Die so gefundenen Phrasen werden der Realität am nächsten sein, denn sie sind bereits bewährt und stammen direkt von der Quelle. 

Zur Anregung gebe ich euch nun ein Comping-Lick von Art Blakey. Diese berühmte und geschätzte Phrase swingt ungemein und ist für mich DER Hardbop-Sound schlechthin!

Hört euch einige Aufnahmen mit Art Blakey an, ihr werdet dieses Lick bestimmt finden.

Wenn ihr dieses Lick gut spielen könnt und auswendig gelernt habt, verschiebt es um eine oder zwei Viertelnoten und erhaltet so Variationen. Ihr könnt das Pattern auch durch weitere Schläge erweitern, klingt sehr jazzy!

Ihr seht schon, die Möglichkeiten sind unendlich. Seid kreativ, seid offen, habt Spaß!

Bis zum nächsten Mal!

Dennis

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