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Test
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29.07.2021

Rupert Neve Designs 5254 Test

2-Kanal-Dioden-Brücken-Kompressor

The Gentleman's Compressor

Mit dem RND 5254 hat auch der „echte Neve“ einen modernen Nachfolger des legendären 2254 aus dem Jahre 1969 geschaffen, weswegen er in die Rubrik Traditionalist fällt und innerhalb der blau-schwarzen Shelford-Serie von Rupert Neve Designs geführt wird

Diese Serie beinhaltet den Shelford Channel sowie den "Shelford-Portico" 535 für das API-500-Format, wobei sich grundlegend alle drei am alten 2254 orientieren – Stereo ist aber nur der hier vorliegende 5254! Ferner prädestinieren ihn seine edlen VU-Meter und der variable Sidechain-Filter besser zum Mixen.

AMS Neve hingegen hat den authentischeren 2254/R in Mono sowie in abgewandelter Form als 33609 im Angebot. Aber auch der Neve-Clone-Meister Heritage Audio bietet mit dem nicht mehr produzierten 2264-Jr sowie dem deutlich günstigeren Successor Vergleichbares. Und von UAD kam Ende letzten Jahres das entsprechende Plugin beziehungsweise die UAD Neve Dynamics Collection unters Volk, welche ich so gut fand, dass ich den hier vorliegenden Hardware-5254 blind gekauft hatte. In diesem Test erfahrt ihr, warum ich das nicht bereut habe.

Details

Aufwand, der sich lohnt

Der Rupert Neve Designs 5254 ist ein Dual-Mono-Kompressor der Shelford-Serie, was ursprüngliches Design des Jahres 1970 verspricht. Zur Gleichrichtung des Sidechain wird eine Diodenbrücke verwendet, die im Feedback arbeitet. Das und die Custom-Übertrager im Ein- und Ausgang sowie die Class-A-Verstärkung sorgen für den typischen edel-sämigen Klangcharakter.

Das Diode-Bridge-Verfahren ist theoretisch einfach, in der Praxis allerdings schwierig zu realisieren: Zum einen ist der nutzbare Arbeitsbereich der Dioden eng und somit dürfen Bauteilschwankungen nur minimal sein. Zum anderen müssen sie mit geringen Pegel betrieben und symmetrisch ausgeführt werden. Und anschließend muss das stark gedämpfte Signal kräftig aufgeholt werden, was entsprechend hochwertige und rauscharme Gainstufen voraussetzt.

Es überrascht damit nicht, dass diese Bauweise, auch bekannt als Diodenring, tendenziell nur in hochpreisigen Geräten erfolgreich Anwendung findet. RND macht da leider keine Ausnahme und verlangt für seinen 1 HE großen und 4 kg schweren 19-Zoll-Kasten „Made in USA“ stolze 3700 Euro – und umgerechnet fast doppelt so viel wie für den 535 für das 500er Format. AMS möchte für den 2254 in Mono aber auch 2059 Euro. Günstiger als ein Vintage 2254 sind die Remakes aber allemal.

Stereo 2254?

Das Vorbild des 5254 ist zweifelsohne der 2254, der als Limiter/Kompressor-Kassette für die ersten Neve-Pulte konzipiert wurde. In meinem UAD-Test des „virtuellen Originals“ stellte ich fest, dass mir der Limiter allerdings gar nicht mal so wichtig war, da er meine Klangformungen eher behinderte.

Der Rupert Neve Designs 5254 verzichtet witzigerweise auf gesondertes Limiting, gibt dem Kompressor aber durchaus Spielraum mit, um dem Verhalten bei Bedarf nahe zu kommen: Neben den typischen Ratios 1,5:1, 2:1, 3:1, 4:1, 6:1 kommt so auch eine härtere 8:1-Verdichtung hinzu.

Release- und Attackzeiten werden aber hier mit einem gemeinsamen Timing-Regler eingestellt, welcher sechs Positionen von Fast zu Slow inklusive Auto Mode kennt. Das Original kannte an dieser Stelle zwei ziemlich fixe Attackparameter und vier Releasezeiten, der AMS Neve nur die Releasezeiten – allerdings hat der auch einen Limiter.

Es gibt hier zwar einen Fast-Taster, der allerdings alle Timingkonstanten um jeweils 70 Prozent reduziert. Jede Timing-Postion weist damit ein unterschiedliches Regelverhalten von Attack und Release auf, die aber sowieso in Abhängigkeit zu Threshold und Ratio stehen. Konkrete Zeitangaben sind nicht vorhanden und folgende Werte dienen mehr als grobe Orientierung; wobei der Attack von knackigen 250 μS bis 80 ms reicht, das Release wiederum von soliden 100 ms bis zu langsamen 2 s.

Topologiebedingt fällt die Aufholverstärkung (Gain) mit bis zu 20 dB entsprechend kräftig aus. Der Threshold lässt sich ferner von -25 bis +20 dB regeln, trotzdem handelt es sich eher um einen dezenten Verdichter als den typischen VCA-Prügelknaben. Bis hierin soweit also alles recht traditionell und durchaus vereinfacht organisiert.

Moderne Extras

Zeitgemäß ist der flexible Sidechain und das Filter: Bässe können bei Bedarf von der Detektion mittels Hochpassfilter von 20 bis 250 Hz stufenlos ausgenommen werden. Weder der alte Neve, noch der neue AMS oder 535 kennen solch ein Feature per se, nur die UAD-Variante hat in der Software nachgeholfen.

Der Succesor von Heritage Audio hat allerdings auch einen Lowcut, aber nur fix mit 80/160 Hz. Der Fairness halber sollte man dem Succesor aber den zusätzlichen Sidechain Mid Boost sowie die beiden Low Cuts bei 3 und 5 kHz für das De-Essing zu Gute halten.

Der 5254 hat ebenfalls noch einen S/C-Insert zu bieten, falls man tiefer in den Detektorweg grätschen möchte, ferner lässt sich über den Return ein unabhängiger Sidechain zuführen. Der Blend-Regler dient dem Parallel Processing, auch bekannt als „New York Style Compression“.

Zwei schicke VU-Meter gehören selbstredend dazu und können unabhängig voneinander zwischen Output und Reduction mittels VU Select geschalten werden. Der beleuchtete Comp In ist der Bypass, wobei anzumerken gilt, dass es sich um keinen Hard Bypass handelt, weil lediglich der Kompressor (nicht aber die Übertrager) aus dem Signalweg genommen wird. Maximaler Input und Output liegen übrigens typisch bei +26,7 dBu.

Die Potis sind allesamt fein gerastert und ermöglichen einen guten Recall mit den 31 Positionen; nur Ratio und Timing sind echte Drehschalter mit fixen Positionen. Einen Stereo Link gibt es schlussendlich auch noch, wobei der ähnlich verwirrend wie beim MBC ausfällt, weil immer der am stärksten komprimierende Kanal die Kontrolle hat. Ansonsten alles in allem eine recht simple Bedienung mit klarem Layout, die wenig Spielraum für Fragezeichen lässt.

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