Test
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25.02.2012

PRAXIS

Ich gebe es ja zu, ich bin vorbelastet: Seit etwa vier Jahren nutze ich ein Fireface 400 an meinem PC und habe das bisher nicht bereut. Alles läuft rund, nichts stürzte ab – wenn man vom üblichen VST/DAW-Übel im Allgemeinen einmal absieht. Anders gesagt: Die Ursachen eines Absturzes habe ich noch nie bei meinem Interface gefunden. 

Gutes Hardware-Design ist allerdings auch nicht zu unterschätzen und so setzt RME anstatt auf „standardisierte DSPs“ auf sogenannte FPGAs. Es handelt sich hierbei um "programmierbare" Chips mit einer offenen Schaltstruktur, die so konfiguriert werden kann, dass viele, komplexere, digitale Logikoperationen direkt umgesetzt werden können. Da die Datenverarbeitung somit in der Hardware stattfindet und nicht erst in einer übergeordneten Software-Struktur berechnet werden muss, ist der gesamte Prozess in sich sehr schnell und die Latenz folglich extrem gering. Dem Folge getragen, nehmen sämtliche Treiber und die Total-Mix Software auch kaum mehr als ein paar Megabyte Speicher auf der Festplatte ein. Auf dem Mac ist der Installer sogar weniger als ein Megabyte groß! 

Bei einem Firmware-Update kann im Prinzip der Hardware-Zustand (genaugenommen dessen Verschaltung) verändert werden, was auch zukünftig Erweiterungen mit sich bringen könnte. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich auch das Fireface UFX mit dem iPad versteht. Weiter Vorteile ergeben sich durch die intelligente Wahl unterschiedlicher Firmware in Bezug auf das Betriebssystem und der verwendeten Busstruktur. Das geschieht allerdings alles unter der Haube und wird vom normalen User nicht bemerkt.

Damit steht RME auf weiter Flur ziemlich allein da, nur MOTU bietet ähnliche Hybrid-Interfaces an. Die mitunter anstrengende Diskussion, welches Protokoll nun das bessere, schnellere und stabilere ist und für welches man sich entschieden sollte, nimmt somit endlich minimale Relevanz an. Denn, am Ende gibt es bei der schier unglaublichen Anzahl an möglichen Computersystem-Kombinationen eigentlich nur eine verbindliche Antwort zum Thema USB 2.0 vs. Firewire 400/800: Ausprobieren! Und beim Fehlen möglicher Anschlüsse am eigenen Rechner erübrigt sich die Frage sowieso. RME empfiehlt allerdings die USB-Buchse.

Bei mir persönlich haben beide Varianten sehr gut funktioniert. Unterschiede zwischen Firewire und USB konnte ich an meinen PC nicht feststellen. Eine knackfreie Wiedergabe war bei mir unter Ableton Live / Win7 bereits mit dem Minimalwert von 48 Samples möglich. Am MacBook habe ich keinen Firewire-Anschluss und so konnte ich hier auch nur USB ausprobieren. Hier war die Wiedergabe schon ab 14 Samples knackfrei. Das sind ziemlich spektakuläre Werte und eine überraschende Kehrtwende in RMEs Mac/PC-Politik. Angefangen hat es "damals" mit PC Interfaces, deshalb ist es lustig zu sehen, dass die durchweg bessere Performance nun mittlerweile am Mac erreicht wird. Mit nur etwas höheren Werten ist man aber auch unter Windows und unter Vollast weitestgehend knackfrei.

Stabil und schnell ist das Interface also allemal. Doch wie sieht es mit dem Komfort aus? Nun, die TotalMix-FX-Software ermöglicht schon mal alle erdenklichen Routing-Varianten und versucht auch die ganze Informationsflut übersichtlich darzustellen – so gut es eben geht. Als Neuling schaut man dennoch gerne mal „wie ein Schwein in's Uhrwerk“, gerade was die Submix-Funktionalität anbelangt.  
Im Prinzip ist es aber recht einfach: Zusätzlich zu den 18 Interface-Eingängen stehen in der Mix-Software außerdem 18 Software-Playback-Kanäle zur Verfügung, die von der DAW-Software z.B. mit 18 unterschiedlichen Kopfhörermischungen beschickt werden können. Diese 18+18 = 36 Kanäle kann man nun individuell jedem der 18 physikalischen Ausganskanäle zuweisen oder hinzumischen. Für jedes der neun Stereopaare erstellt man so also einen Submix. Man sieht auf der Oberfläche demnach immer nur einen ausgewählten Submix. Im folgendem Screenshot erkennt man ihn an der hellgrauen Farbe in der unteren Fader-Reihe.

Mit den DSP-Effekten werden es in der Summe aber auch nicht weniger Funktionen, deshalb finde ich es gut, dass sich die Kanalzug-Einstellungen verbergen lassen, sonst würde es auf dem Laptopbildschirm doch recht schnell arg eng werden, obwohl schon alle Bedienelemente recht klein sind.

Die Audioqualität sowohl der Wandler als auch die der Preamps ist absolut tadellos. Jeder Frequenzbereich wird färbungsfrei und hoch aufgelöst übertragen, ohne dass dabei bestimmte Bereiche bevorzugt oder verfärbt würden. Linearität wird also groß geschrieben. Und so präsentiert sich eine RME-Aufnahmekette „teutonisch-nüchtern“. Mojo muss also an einer anderen Stelle entstehen, wenn man es aufnehmen möchte. Sprachaufnahmen klingen realitätsnah, ohne die Spur eines verzeichneten Grundtons oder gefärbter Mitten. Eingespielte, aber auch wiedergegebene Gitarre liefern detaillierte Abbildungen ohne Eigenklang zu entwickeln. Das finde ich gut. Einen Unterschied zu meinem älteren und "messtechnisch geringfügig schlechteren" Fireface 400 höre ich demzufolge nicht. 

Die Audioqualität innerhalb der verschiedenen Fireface-Versionen stellt für mich somit keine Entscheidungsgrundlage dar. Ich habe deshalb bewusst keine zusätzlichen oder redundanten Audiobeispiele erstellt. Wer sich dennoch gern etwas anhören möchte, dem empfehle ich die Praxisteile unserer Fireface-UFX- und Babyface- Tests.

Auch an den Effekten, die es auch schon im UFX-Interface gab, hat sich nichts geändert. Sie funktionieren weiterhin neutral und verrichten ihre Dienste stets brav, so wie sich das für ein stoisches Arbeitstier eben gehört. Die Effekte kann man übrigens mit aufnehmen, muss man aber nicht. Sie dienen in den meisten Fällen dem Monitoring und dafür ist auch ein einzelnes Reverb/Echo für alle Signale vollkommen ausreichend. Auf die Idee, mit TotalMix ein Album mischen zu wollen, wird wahrscheinlich niemand kommen. Eine kleine Live-Band damit zu mischen, könnte ich mir indes schon sehr gut vorstellen. Für solche Zwecke empfiehlt sich dann aber wirklich das große Fireface UFX, denn dieses kann stand-alone direkt auf USB-Medien aufnehmen.

RME Fireface UCX Test

Das iPad habe ich natürlich auch mit dem UCX ausprobiert. Bedingung hierfür ist ein Camera Connection Kit von Apple, denn ohne dieses hat das iPad keinen USB-Anschluss vorzuweisen. Kleine Einschränkungen gibt es natürlich, so funktionieren logischerweise nicht alle Kanäle (maximal acht und mit maximal 24Bit/96 kHz) und natürlich auch keine Softwaresteuerung von TotalMix FX und somit keine Software-Playbackkanäle. Allerdings kann man an einem anderen Rechner verschiedene Presets erstellen und diese dann über die Setup-Recall Speicherplätze des am iPad angeschlossenen Fireface aufrufen. Es lassen sich auch hier die digitalen, voreingestellten DSP-Effekte mit aufzeichnen. Am iPhone oder iPod funktioniert das Camera Connection Kit von Apple leider nicht, somit auch nicht das Fireface. Warum das so ist, wird man von Apple wahrscheinlich nie erfahren... 
Field-Recording mit dem iPad ist ohne zusätzliche Stromversorgung ohnehin nicht möglich, den USB-Powering ist mit dem Fireface generell nicht möglich. Über Firewire ist die Stromversorgung allerdings teilweise möglich, etwas irritierend ist dabei nur, dass der Power-On/Off Schalter seine Funktion gegenüber der Erwartungshaltung und Beschriftung negiert betreibt, also quasi “umgekehrt” funktioniert (Off=On)! Offiziell empfiehlt RME aber immer den Anschluss des Netzteils.

Das Arbeiten mit dem iPad ist ein nettes Gimmick, aus meiner Sicht aber auch (noch) nicht wirklich mehr. Dennoch ist es gut, dass RME den Anfang macht. Größtes Problem bei Mehrspuraufnahmen ist sicherlich der begrenze Speicherplatz auf einem iPad, der sich auch nicht mit externen Laufwerken erweitern lässt, da der einzige USB-Port vom Interface belegt ist. Vielleicht ist das Gesamtkonzept aber als präzises Messinstrument interessant, so dass ich mich hier gar nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen möchte. Wer also unverzichtbare Anwendungen auf dem iPad nutzt, wird froh sein, dies nun auch mit einem amtlichen Interface tun zu können.

Die neue Fernbedienung finde ich hingegen äußerst praktisch. Sie ist schön schwer und steht sicher auf dem Produktionstisch, ohne diesen mit unnötigen Kabeln zu verschandeln. Das Fireface kann also, anstatt auf dem Tisch zu stehen, schön ins Rack geschraubt werden. Dazu benötigt man allerdings spezielle, optionale und leider nicht ganz günstige Rack-Ohren. Die Fernbedienung hingegen spart das Geld, das sonst für einen analogen Monitorcontroller draufgegangen wäre. Wie unser Testmarathon Monitorcontroller gezeigt hat, gibt es der Qualität des Fireface angemessene Lautstärkeregler erst in höheren Preisgefilden. Bei Minimalsetups kann man die Fernbedienung allerdings getrost zuhause lassen, dann reicht meist der Push-Encoder auf der Fireface-Front aus.

Die Herstellung des Fireface 400 wurde übrigens bereits eingestellt, es befindet sich im Abverkauf. Für Schnäppchenjäger ist jetzt also Jagdsaison. Beim Fireface 800 wird das meiner Einschätzung nach auch nur eine Frage der Zeit sein. Wer die DSP-Effekte also nicht unbedingt braucht und locker mit Firewire leben kann, sollte hier kräftig sparen können. 

Die Zukunft wird aber auf jedem Fall dem USB-Port gehören. Auf Thunderbolt und USB 3.0 muss man deshalb nicht warten, denn trotz höherem Datendurchsatz bieten diese keine bessere Latenz. Interessant werden diese Schnittstellen, genau wie Firewire 800, also erst bei der Kaskadieung mehrerer Geräte. Momentan unterstützt aber selbst das UCX 3 Geräte mit voller Kanalzahl, so dass man sich darüber nun wirklich nicht den Kopf zerbrechen muss.

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