Test
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27.03.2015

Praxis

Ploytec πλ² Sound

Aber wie klingt das Ganze? Und wie gestaltet sich die Bedienung eines Hardware-Synthesizers, der noch nicht mal den Ansatz eines Interfaces mit bringt? Wir fangen mit einem recht langweiligen Sound an und schauen, was man damit so machen kann. Wenn man sich den 8-bit Signalpfad mit zwei Bitshiftern und Saturator so anschaut, dann ist ja klar, wohin die Reise geht: shreddern wir also mal ein bisschen.

Es röhrt wie der Hirsch im Wald, hart, direkt und überhaupt nicht nett, manchmal aber auch mit einer gewissen Wärme im Bassbereich. Also: in den Höhen digital und harsch, im Bass dank PWM schön rund. Sehr schön sind auch die Filtersweeps. Die erste Hälfte des Klangbeispiels kommt übrigens direkt aus dem Ploytec πλ², in der zweiten Hälfte sind 0.8 ms Hall zu 50% (sprich: ein ganz kleines bisschen) dazu gemischt.

Aliasing? Ja, aber nur ein bisschen. Kleiner Scherz – Aliasing gehört zum Ploytec πλ² wie die Schale um die Banane.

Genau wie analoge Synthesizer reagieren auch digitale (Hardware-) Synthesizer manchmal ziemlich seltsam, zum Beispiel wenn es sich so anhört, als bekäme ein Modul nur noch ein ganz kleines bisschen Strom. In diesem Beispiel wurde ein Kompressor eingesetzt, um die Lautstärken ein bisschen auszugleichen.

Hier noch ein unbearbeiteter Sound, der bei jedem Ton anders reagiert, was immer wieder für Überraschungen gut ist.

Aber auch eine ganz andere Sorte Klänge sind möglich. Hier ist zum Beispiel ein Sound, der vielleicht an ein Mellotron erinnern könnte. Gerade die "natürlichen" Artefakte des Ploytec πλ² ergeben so ein nostalgisches Klangbild. Die Aufnahme kommt ohne Veränderung direkt aus dem Synthesizer.

Um den Ploytec πλ² als eigenständiges Soundmodul testen zu können, habe ich mir mit meinem Lieblingssynth, dem Nord Modular G2, ein Template zur Steuerung des πλ² gebaut. Der Vorteil von davon ist zum einen, dass ich einen Controller habe, der mir die Parameter direkt anzeigt, zum anderen aber auch, dass ich die Parameter dann automatisieren kann. Im nächsten Soundbeispiel werden Filterfrequenz und Resonanz des digitalen Filters sowie der Bitshifter hinter dem digitalen Filter von langsamen LFOs über MIDI gesteuert. Das eröffnet dann natürlich noch einmal ganz andere Möglichkeiten. Auch dieses Beispiel kommt, mit ein wenig dazu gemischtem Hall, direkt aus dem Synthesizer.

Wer sich jetzt fragt, was das für ein Störgeräusch am Anfang und am Ende der Aufnahme ist: tja, das kann halt passieren, wenn man so ein kleines, Hardware-nahes Teil missbraucht. Da half kein Note Off und kein All Sounds Off, da half nur abstöpseln und warten, bis gut ist.

Um die Klangbeispiele der "Grundeinstellungen" des Ploytec πλ² abzuschließen kommen hier noch die sieben Schwingungsformen im Mono-Mode. Gerade bei den letzten Varianten hört man mit dem tiefen sonoren Klang die kluge Auswahl, die das Ploytec-Team mit den zwei Rechteckoszillatoren getroffen hat:

Der Bassdrum-Mode ändert die ganze Maschine dahingehend, dass in den Tiefen eine Bassdrum, in den Höhen jetzt ein Rauschgenerator wirkt.

Bedienung

Bevor wir uns noch die Verwandlung des Ploytec πλ² in einen Sprachcomputer anhören: wie war es denn bisher? Die Sounds sind klasse und offensichtlich klappt es ja auch mit der Steuerung. Gibt's denn auch was zu meckern? Ja, ein paar Dinge schon. Und zwar ist da sicherlich einiges dem Konzept geschuldet, einen Kleinstsynthesizer mit Minispeicher mit Strom aus der MIDI-Buchse füttern zu wollen. So ist es zum Beispiel einfach irritierend, dass man überhaupt nicht wissen kann, ob das Ding überhaupt Strom bekommt. Ich hatte ihn erst an mein Digitalpiano, ein Korg SP-250, angehängt: nichts. Dann ein Dave Smith Evolver Keys: nichts. Dann an den Nord Modular G2: nichts. Erst mit dem Editor am Computer und über ein Roland USB-MIDI-Interface (UM-ONE, um genau zu sein) habe ich zum ersten Mal einen Ton gehört. Und dann auch erst auf Nachfrage erfahren, dass das Gerät nicht von sich aus auf MIDI OMNI hört, sondern erst, wenn man es darauf einstellt. Ein Blick auf den Editor und man glaubt zu wissen, wo man das macht, nämlich bei MIDI In/Out, richtig? Aber falsch geraten, tatsächlich geht es erst, wenn man mit "Extended Features" eine neue Firmware aufspielt. Erklärt wird das aber nirgends und wissen kann man das einfach nicht. Schließlich lief es dann doch über den Nord Modular und wenn man sich die Kompabilitätsliste so anschaut, scheint es bei den allermeisten Geräten zu laufen. Vorausgesetzt man sendet auf MIDI-Kanal 1.

Beim Editor ist die Anordnung der Regler und Schalter nicht optimal gelungen und scheint keiner logischen Reihenfolge zu folgen. Einiges muss man sich durch Ausprobieren zusammenreimen. Stirnrunzeln verursacht weiterhin die Belegung der MIDI-CC-Nummern, die in einem Fall gleich dreimal besetzt ist: sowohl Note Priority als auch Aftertouch als auch Modulation des Filters werden über MIDI CC#89 gesteuert. Muss das sein? Und selbst wenn es sein muss: es ist schrecklich.

Die Anleitung selbst ist dann auch eher etwas für Techniker. Statt Parameter und Range gibt es Status-Byte und Daten-Byte und auch das Signal-Routing kann nur lesen, wer gelernt hat, so etwas zu lesen. Und um den letzten Nagel auch noch einzuschlagen: Fehler gibt's dann auch noch, und das ist bei einer Kiste, die überhaupt keine Rückmeldung gibt, ein Grund leicht frustriert zu werden. Denn das Ding hat nicht immer gleich so funktioniert, wie es sollte und ich habe einige Tricks anwenden müssen, um am Ende einen Ton heraus zu bekommen. Dazu kommen noch ein paar Kleinigkeiten: wenn noch ein anderes MIDI-Programm läuft, öffnet der Editor nicht mehr richtig. Auch gibt es Probleme, die User-Programme richtig darzustellen, statt der Parameter-Werte werden dann nur Fragezeichen angezeigt. Und zu guter Letzt: wieso eigentlich ein Cinch-Ausgang? Ich will den Synth doch nicht an meine Stereoanlage hängen? Hier wäre eine Klinkenbuchse viel angenehmer gewesen. Der Pegel reicht übrigens problemlos aus, um direkt einen Kopfhörer anzuschließen – vorausgesetzt, man hat einen Adapter von Cinch männlich auf Klinke weiblich.

Auf der anderen Seite steht aber der exzellente Kundenservice. Hier beantwortet der Entwickler die Fragen noch selbst! Außerdem wird das Gerät ständig weiter entwickelt, so ist zum Beispiel der Editor für das iPad noch ziemlich neu. Man muss sich also im Klaren sein, dass man es hier nicht mit einem pflegeleichten Consumer-Produkt zu tun hat, dazu ist das ganze Konzept viel zu kryptisch. Gleichzeitig hat man aber auch die Chance, wirklich ganz nah dran zu sein an einem spannenden Projekt, und solche Projekte wie den Ploytec πλ² gibt's halt auch nur alle zehn Jahre einmal.  

Sprachsynthesizer

So, nach diesen grundsätzlichen Dingen wenden wir uns noch der neuen Firmware 2.56 zu, die aus dem Ploytec πλ² einen Sprachcomputer ähnlich dem SP0256-AL2 aus den 1980er Jahren macht. Wie man einigen der Sounds oben angehört hat, kann sich der Ploytec πλ² ohnehin schon sehr vokalhaft anhören. Mit dem Aufspielen der Firmware kann man dann auch gleich Sprache synthetisieren, und zwar auf der Basis von Allophonen. Ein Allophon ist ein einzelner Laut, z.B. ein "l", oder ein "o" oder verschiedene "r" oder verschiedene "h". Aus diesen Allophonen kann man dann ganze Wörter zusammen setzen. Gespielt werden kann das auf dem Ploytec πλ² entweder auf der Tastatur oder über das Modulationsrad. Dazu gibt es verschiedene Listen, auf denen man sich die Allophone zusammen suchen muss, bis man zu einem ganzen Wort kommt. Hier mal eine Auflistung der Allophone, wie sie den Tasten einer Oktave zugeordnet wurden:

Bei dieser Variante wird die Tonhöhe über das Modulationsrad gesteuert. Genau andersherum geht es aber auch. Im folgenden wird die Tonhöhe über die Tastatur gespielt, die Auswahl der Allophone geschieht über das Modulationsrad.

Dass das Ganze nicht ganz ohne ist, erkennt man schon an den Auflistungen der Allophone, die wenig sexy sind. Die Zeichen zwischen den Schrägstrichen stehen für das Allophon.

C-1 0 /AR/ 0 PA1
C#-1 1 /AW/ 1 PA1
D-1 2 /AX/ 2 PA2
D#-1 3 /AY/ 3 PA2
E-1 4 /BB1/ 4 PA3
F-1 5 /BB2/ 5 PA3
F#-1 6 /CH/ 6 PA4
G-1 7 /DD1/ 7 PA4
G#-1 8 /DD2/ 8 PA5
A-1 9 /DH1/ 9 PA5
A#-1 10 /DH2/

Und das ist nur ein kleiner Auszug aus einer der Listen. Allophone sind eine Wissenschaft für sich und es ist nicht ganz einfach, sie zu lesen und zu benutzen. Live spielen kann man das so gut wie gar nicht, da braucht man auf jeden Fall einen Sequencer. Zudem ist das Ganze auf Englisch und um sich mit "voiced fricatives" und "voiceless fricatives" auseinander zu setzen, braucht es dann schon viel Motivation.

Um den Ploytec πλ² die Zahl "Thirteen" aussprechen zu lassen, muss man sich aus den Listen folgende Kombination heraus suchen: TH ER1 PA2 PA3 TT2 IY NN1. Alles klar? OK, noch ein Versuch: SS SS AE PA3 TT2 PA2 DD2 EY. – Genau, das war „Saturday“. „April“ heißt EY PA3 PP RR2 IH IH LL. Immerhin fängt es mit EY an. Das ist also eine ziemlich harte Nummer und viel viel Arbeit, um einen ganzen Satz zu sprechen.

Man sollte die Firmware 2.56 also nehmen, als was sie gedacht war: ein Tribut an einen Soundchip aus den 1980er Jahren. Spaß wird man aber viel mehr mit der "eigentlichen" Firmware 2.0 haben, die einen ganz eigenen Sound hat. Und das ist ja immer noch das Wichtigste, was einen Synthesizer ausmacht.

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