Gitarre Hersteller_Peavey
Test
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11.12.2012

Peavey AT-200 Test

Autotune E-Gitarre

Tschüss Stimmgerät?

Die Peavey AT-200 Autotune E-Gitarre im Test - Wenn der Traum vom Fliegen einer der ganz großen Wünsche der Menschheit ist, dann ist die immer perfekt gestimmte Gitarre der Traum aller Gitarristen. Während wir die Fliegerei weitgehend im Griff haben, ist die Verwirklichung des zweiten Wunsches immer noch in Arbeit. Die gute Nachricht ist, dass sich Licht am Horizont abzeichnet und es inzwischen tatsächlich alltagstaugliche Gitarren gibt, die sich selbst und ohne großes Zutun des Spielers in die richtige Stimmung bringen. Gerade rechtzeitig, denn eine wachsende Zahl von uns hat in den letzten Jahren die Freiheit entdeckt, die uns unser Instrument abseits der Standardstimmung bietet. Das heißt, dass die guten alten Mechaniken unter Umständen mehrfach am Abend in Betrieb gesetzt werden müssen, um diverse Drop-, Open- oder welche Tunings auch immer zu realisieren.

Versuche, dem Gitarristen diese Tätigkeit zu erleichtern, gab und gibt es zahlreiche. Bei den meisten handelt es sich dabei um Vorrichtungen, die dafür sorgen, dass die Saiten möglichst automatisch durch Drehen der Stimm-Mechaniken auf die richtige Tonhöhe gebracht werden. Dazu braucht es normalerweise eine aufwendige Elektronik, die den Ist-Status abfragt und mithilfe kleiner Getriebemotoren die sonst übliche Handarbeit erledigt. In der Vergangenheit mündeten diese Bemühungen oft in unhandlichen Gerätschaften, die zum Teil erheblich zum Gewicht der Gitarre beitrugen und sich nicht selten als ziemlich anfällig erwiesen. Inzwischen gibt es allerdings auch auf diesem Gebiet diverse Fortschritte. Gibson zum Beispiel setzt mit dem Min-ETune-System auf eine Entwicklung des Hamburgers Chris Adams, das die Saiten auf mechanischem Wege stimmt und auf der Rückseite der Kopfplatte Platz findet. Peavey geht mit seiner AT-200 einen anderen Weg und bedient sich der Segnungen der digitalen Audiotechnik. Hier arbeiten keine Motoren, Verschleiß gibt es ebenfalls nicht, und zusätzlich zum Einsatz als normale und als Auto-Tune-Gitarre bietet sie über eine Zusatzbox MIDI-Fähigkeiten. Beste Voraussetzungen also für die Pole-Position im Rennen um die Rundum-sorglos-Gitarre?

Details

Bei unserer Testkandidatin handelt es sich um eine zumindest optisch recht schlichte E-Gitarre im Modern-Strat-Style ohne Tremolo, bestückt mit zwei Humbuckern, einem Lautstärke- und einem Tonregler, beide mit zusätzlichen Push- bzw. Push-Pull-Funktionen ausgestattet, sowie dem obligatorischen Pickup-Wahlschalter. Die Piezo-Pickups im Steg kommen im aktiven Modus zum Einsatz und sind dann für das Gitarrensignal zuständig.

Das Instrument hängt ausgewogen am Gurt und alle Bedienelemente sind gut zu erreichen, einzig der Dreiwegschalter für die Pickupwahl ist für meinen Geschmack zwischen den beiden Potis nicht optimal positioniert.

Der Ahornhals hat moderne Abmessungen, also breit, aber in diesem Fall nicht flach, und liegt gut in der Hand. 24 Bünde zieren das Palisandergriffbrett, allesamt sauber abgerundet und poliert. Überhaupt gibt es an der Verarbeitung nichts zu mäkeln, die Lackierung zeigt sich ohne Fehl und Tadel, auch der Hals sitzt fest und ohne Spiel in der Halstasche am Lindenholz-Korpus. Am unteren Zargenrand findet sich eine Anschlussplatte mit der obligatorischen Klinkenbuchse und einem zusätzlichen 8-poligen DIN-Anschluss, mehr dazu gibts weiter unten. Der eigentliche Clou der Gitarre aber liegt in ihrer Fähigkeit, sich selbst automatisch stimmen zu können. Um die Gitarre mit dieser Eigenschaft auszustatten, hat sich Peavey der langjährigen Erfahrung von Antares bedient, einer kalifornischen Firma, die sich seit den Neunzigern intensiv mit digitaler Signalverarbeitung und Sampling beschäftigt. Vor allem im Bereich der Tonhöhenkorrektur hat sie sich mit ihrer Soft- und Hardware einen Namen gemacht. Besonders im Studio ist diese Technologie inzwischen unverzichtbar, wenn es darum geht, vor allem Stimmen auf die richtige Bahn zu bringen.

Und genau hier schließt sich der Kreis: Auch die Peavey AT-200 wird mithilfe dieser Techologie - genannt Antares Auto-Tune - in die richtige Stimmung gebracht. Vordergründig ist das Prinzip so einfach wie genial. Gitarre anschlagen, Volumenpoti drücken, Gitarre gestimmt. Fertig! Lediglich ein Klinkenkabel muss in der Buchse stecken.

Versorgt wird die Elektronik von vier AA-Batterien, die im entsprechenden Fach auf der Rücksseite ihre Heimat haben. Alternativ kann auch die optionale AT-200B Breakout-Box zum Einsatz kommen. Die übernimmt über ein spezielles Kabel und den bereits erwähnten achtpoligen Anschluss an der Gitarre die Stromversorgung und stellt die Verbindung zu einem optionalen MIDI-Interface her. Damit lassen sich nicht nur MIDI-fähige Geräte einbinden, auch Updates und zusätzliche Möglichkeiten können von der Antares-Homepage heruntergeladen werden - ein Feld, das laut Peavey noch ausgebaut wird.

Praxis

Sound/ Bespielbarkeit

In diesem Test soll die MIDI-Fähigkeit der Gitarre keine Rolle spielen. Ich bin in erster Linie neugierig, wie hilfreich diese Technologie ist, wie sie funktioniert und was sie letztlich auch für den Klang der Gitarre bedeutet.

Aber von vorne: Um den Effekt des Stimmens zu verdeutlichen, habe ich die Gitarre verstimmt und den eigentlichen Stimmvorgang einmal aufgenommen. Dazu drücke ich den Tonregler nach unten - die Gitarre befindet sich jetzt im sogenannten Aktiv-Modus - schlage die Saiten an und drücke einmal auf das Volumenpoti.

Beeindruckend, ohne Frage. Der Effekt ist tatsächlich der gleiche, den man auch als "Cher-Effekt" kennt. Gestimmt ist sie jetzt, aber wie verhält sich der Ton im Aktiv-Modus im Vergleich zu dem eigentlichen Gitarrenton, den die beiden Humbucker liefern? Dazu wird einfach der Tonregler nach oben gezogen und die Gitarre in den passiven Modus geschaltet. Aber Achtung: Die gestimmte Gitarre exisitiert natürlich nur im aktiven Modus, ist also nur virtuell vorhanden, in der Realität sind die Saiten immer noch so ungestimmt wie vorher! Im passiven Modus muss ich deshalb zuerst von Hand dafür sorgen, dass sie die richtige Tonhöhe haben. Deshalb sollte man auch eine automatisch gestimmte AT-200 über Amp oder Kopfhörer spielen, denn beim trockenen Anspielen funktioniert es naturgemäß nicht, und bei einem sehr leisen Amp können die hörbaren nicht gestimmten Saiten ziemlich nerven. Das heißt auch, dass man bei leer werdenden Batterien im Passivmodus die Elektronik problemlos umgehen und über die beiden Humbucker weiterspielen kann, aber vorher tunlichst Hand anlegen sollte.

Deshalb geht es jetzt weiter mit dem Vergleich passiv - aktiv (Auto-Tune), und ich schalte pro Beispiel durch alle drei Pickup-Positionen von Steg nach Hals. Zuerst jeweils der Klang der beiden Humucker.

Als Amp habe ich einen Fender Deluxe verwendet und da ist sie dann auch schon, die Ernüchterung. Die pure, passive Gitarre klingt einfach völlig anders. Mit den Piezo-Pickups im Steg und dem virtuellen Sound ("... Antares pickup tones"), mit dem die Gitarre in diesem Modus arbeitet, klingt sie prozessiert und irgendwie glockig. Außerdem scheint das Auto Tune nicht so recht zu funktionieren, die Gitarre klingt verstimmt.

Dasselbe jetzt noch einmal mit einer Funky-Linie. Die Mittelposition mit beiden Humbuckern ist aktiviert.

Auch hier lässt sich gut heraushören, dass die beiden Sounds relativ wenig gemeinsam haben, im aktiven Modus fehlt es mir einfach an Charakter. Der Vollständigkeit halber jetzt noch einmal die Gitarre an einem Plexi Marshall und mit den verschiedenen Pickup-Positionen.

Der Grundsound der Gitarre ist wirklich gut und bietet genau die modernen Sounds, die man von einer Zwei-Humbucker-Gitarre erwartet. Aber mit aktiviertem Auto-Tune klingt das Signal künstlicher und weniger druckvoll.

Eine clevere Eigenschaft des Systems ist das Stimmen in verschiedenen Tunings. Mithilfe der Griffdiagramme, die man in der Bedienungsanleitung findet, lässt sich die AT-200 zu den unterschiedlichsten Stimmungen überreden. Ein kleines Beispiel: Möchte man ein Drop D, also die tiefe E-Saite auf D herunterstimmen, setzt man einen Finger einfach auf den zweiten Bund der tiefen E-Saite, also auf Fis, und schlägt alle Saiten an. Sobald das Volumenpoti nun gedrückt wird, tönt die Gitarre in Drop D. Oder vielleicht einmal ganz flott zur Baritonstimmung wechseln? Nichts leichter als das: Alle Saiten im fünften Bund greifen, anschlagen und das Volumenpoti drücken- et voilà. Übrigens: Mehr als fünf Halbtöne sollte die Originalstimmung nicht von der virtuellen abweichen, weil das System diesen Abstand unter Umständen nicht mehr sauber verarbeiten kann.

Das ist schon wirklich beeindruckend.

Als Letztes versuche ich ein Open G-Tuning, was nichts anderes bedeutet, als das alle Saiten leer angeschlagen einen G-Akkord bilden. Grundlage ist das Griffdiagramm im Manual, oder man tüftelt die Vorgehensweise selbst aus. Spaß macht beides.

Fazit

Sie macht es mir wirklich nicht leicht, die AT-200 von Peavey. Auf der einen Seite sind ihre akustischen Anlagen wirklich gut, sie spielt sich gut, ist ordentlich verarbeitet und klingt auch - wohlgemerkt, als Humbuckergitarre. Dazu kommt die eigentlich geniale Idee mit dem automatischen Stimmen, dessen Bedienung schon an einen Geniestreich grenzt. Aber so schade es auch ist: Es klingt nicht! Zumindest nicht so, wie die Gitarre im Original. Vielleicht werden Upgrades in Zukunft für Verbesserungen sorgen - auf der Website wird dazu ein Link zu Antares angegeben - aber im Moment verbietet sich leider der Vergleich mit dem Original. Dass die Gitarre beim Auto-Tune nicht hundertprozentig intoniert, werte ich als Abstimmungsfehler, der sich sicherlich beheben lässt. Zumindest im Moment haben wir es also bei unserer Testkandidatin eher mit einer soliden Humbuckergitarre zu tun, die mit einem eingeschränkten Zusatznutzen aufwarten kann.

  • Pro
  • Grundsound Gitarre
  • Bespielbarkeit
  • Konzept
  • Bedienung
  • Contra
  • künstlich klingender Sound im Auto-Tune Modus
  • fremdes Spielgefühl bei unterschiedlicher Saitenspannung
  • Eigenklang der Gitarre bleibt verstimmt
  • Features
  • Automatischs Stimmen mit Antares Auto-Tune Elektronik
  • Linde-Korpus
  • Ahornhals mit Palisandergriffbrett und 24 Bünden, verschraubt
  • 2 Peavy Custom Humbucker
  • Steg mit Piezo-Tonabnehmer
  • 8-polige DIN-Buchse zum Anschluss der optionalen AT200 Breakout Box (Stromversorgung, MIDI-Konnektivität)
  • Erhältlich in BLK (schwarz) oder CAR (rot)
  • Preis: 399 EUR (Seit 2013, vorher 639 EUR)

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