Test
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20.03.2019

Praxis

Gehobene Bedienkultur dank Touchscreen

Mittlerweile gibt es nicht nur Smartphones, Tablets und Computer, sondern auch Kühlschränke, Kaffeemaschinen und sogar Toaster mit Touchscreen – und in manchen Fällen fragt man sich wohl nicht ganz zu Unrecht, ob all das noch Sinn macht, oder ob es sich um unnötigen Luxus für Menschen mit chronisch überfülltem Geldbeutel handelt. Das Pearl Mimic Pro gehört allerdings ganz eindeutig in die Kategorie der Geräte, die tatsächlichen Nutzen aus einem berührungsempfindlichen Display ziehen. Die Software bietet eine solche Fülle von Möglichkeiten zum Formen des Klangs, zum Optimieren des Trigger-Verhaltens und zur weiteren Anpassung aller möglichen Details, dass der Gedanke, hier mit konventionellen Bedienelementen wie Tastern und Encodern arbeiten zu müssen, schon fast abstrakt wirkt.

Aller Vielschichtigkeit zum Trotz gelingt es dem Modul, eine angemessene Übersichtlichkeit zu bewahren und mit seiner Menüstruktur die wesentlichen Elemente in den Fokus zu rücken. So bildet der Home Screen eine stimmige Basis für den Proberaum- und Bühnenalltag, von der aus man Zugriff auf den Kit Browser, das Metronom, einen Player für MP3-Files und die wichtigsten Lautstärke-Einstellungen erhält. Dank einer Setlisten-Funktion mit bis zu 128 Slots lassen sich Abfolgen von Kits und Tempo/Taktart-Einstellungen in einer laufenden Show ganz unkompliziert aufrufen. Wenn man einmal mit einem solchen Feature gearbeitet hat, dann will man garantiert nicht mehr zurück zum Umschalten der Sounds von Hand!

Trotz aller Benutzerfreundlichkeit sollte man aber beachten, dass das Mimic Pro in Wirklichkeit ein kleiner Computer ist und somit beispielsweise 15 Sekunden lang braucht, um vollständig hochzufahren. Das Wechseln von Kits geschieht, gemessen an den Datenmengen, mit denen hier hantiert wird, dank interner SSD vorbildlich schnell, und innerhalb von ein bis zwei Sekunden kann man mit dem Spielen loslegen. Ein Problem ist allerdings, dass es beim Umschalten von Kits zu Aussetzern bei ausklingenden Instrumenten kommt, die dadurch unnatürlich wirken können. Wer im Laufe einer Show schnell zwischen zwei Kits wechseln muss, der sollte also dafür sorgen, dass vorher alle Becken abgestoppt sind und auch sonst keine Sounds abgeschnitten werden. Es sollte möglich sein, dem über ein Update Abhilfe zu schaffen!

Virtuelles Drum-Studio an Bord!

Dass die Sound-Module von E-Drums längst nicht mit dem klanglichen Realismus und der Flexibilität von virtuellen Drum-Studios aus dem Rechner mithalten können, ist seit vielen Jahren ein Thema, und letztendlich gilt das auch heute noch. Da ist es schon sehr außergewöhnlich, dass das Mimic Pro nun ein virtuelles Instrument, das auch für Windows und macOS erhältlich ist, in einer Standalone-Hardware so ganz ohne Laptop und Audio Interface nutzbar macht. Man arbeitet hier mit einer 40 GB großen Library, die echte Multichannel-Samples für Direktmikros, Overheads und Raumkanäle in einer Auflösung von 24 Bit bietet. Snare Drums kommen auf sechs Artikulationen, Hi-Hats auf fünf Öffnungsgrade, und es gibt bis zu 28 Velocity-Zonen mit jeweils bis zu 12 alternativen Round-Robin-Samples. Pro Instrument kommt die Library also auf bis zu 3000 einzelne Samples, und das erzeugt einen nuancenreichen Klang, wie man ihn von E-Drums, die nicht über MIDI mit einem Rechner verbunden wurden, in der Regel sonst nicht kennt. Pearl ist einer der wenigen Hersteller, die es sich überhaupt leisten können, in dieser Hinsicht konkrete Zahlen zu nennen!

Die Library kommt mit 65 Factory-Kits und rund 120 einzelnen Trommeln und Becken. Der Grundklang trifft für mein Empfinden einen stimmigen Kompromiss aus neutraler Natürlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Die Sounds sind also definitiv nicht vollständig unbearbeitet, sondern eher von der sauberen Natur, man hat es mit dem Processing aber auch nicht so weit getrieben, dass ein übermäßig starker Charakter hervortritt. Sehr löblich ist zudem, dass die Library klanglich in sich geschlossen wirkt und man das Gefühl hat, die meisten Instrumente problemlos miteinander kombinieren zu können. Das ist keine Selbstverständlichkeit!

Allgemein ist dem Mimic Pro anzumerken, dass es sich vorrangig auf die möglichst realistische Nachbildung akustischer Drumsounds konzentriert, und wie man hört, gelingt ihm das in der Tat ausgesprochen gut. Der Velocity Check (siehe Player) zeigt, dass die Übergänge zwischen den Layern zwar nicht vollständig fließend sind, dank der vielen Round-Robin-Samples wirken die Ergebnisse in der Praxis trotzdem immer hochgradig lebendig. Der berüchtigte Machinegun-Effekt ist hier definitiv kein Thema. Übrigens arbeitet das Mimic Pro mit einer internen Auflösung von 4096 Dynamikstufen – im Gegensatz zu den 128 Stufen des alten MIDI-Protokolls.

Etwas bedauerlich ist, dass man zum Testzeitpunkt fast ausschließlich die typischen Instrumente aus dem Drumset im Speicher des Moduls findet – also Kicks, Snares, Toms und verschiedene Becken. Als einziges Percussion-Instrument ist eine Cowbell vorhanden, und es wäre doch sehr zu begrüßen, wenn die Library in dieser Hinsicht noch wachsen würde. Elektronische Sounds gibt es überhaupt nicht, wobei man diese (wenn vorhanden) recht einfach von einem Rechner importieren kann.

Kit-Struktur und Sample-Import

Pro Kit verwaltet das Mimic Pro eine stolze Anzahl von bis zu 26 Instrumenten gleichzeitig. Neben den Cells für die einzelnen Trigger-Eingänge auf der Rückseite gibt es zwei zusätzliche Cells, die zum Layern von Kick und Snare vorgesehen sind. Die verbleibenden acht Xtra-Cells lassen sich zum freien Layern aller anderen Instrumente verwenden, können aber auch separat über MIDI angesteuert werden. Es ist also problemlos möglich, ein Percussion Pad wie das Roland SPD-SX oder sogar ein weiteres Trigger-Modul mit bis zu acht angeschlossenen Pads einzubinden, ohne dass einem die Plätze für interne Sounds ausgehen. Das Modul zeigt sich auch in dieser Hinsicht ausgesprochen flexibel!

Der Import eigener Samples ist aktuell auf einzelne WAV-Dateien in einer Auflösung von 16 oder 24 Bit und einer Dauer von maximal 20 Sekunden beschränkt. Einfache Percussion- oder Electro-Sounds aus einer Sample Library in das Mimic Pro zu verfrachten, ist kein Problem: Einfach die entsprechenden Files auf einen USB-Stick ziehen und die Import-Funktion nutzen, um die Sounds auf die interne SSD zu schaufeln. Das „Einfliegen“ von kompletten selbst erstellten Instrumenten mit mehreren Artikulationen und Velocity-Zonen, so wie das mit dem 2Box DrumIt Three machbar ist, lässt sich mit dem Mimic Pro allerdings noch nicht umsetzen. Wenn dieses Feature in Verbindung mit einem passenden Editor noch dazu käme, dann könnte das für einen weiteren ganz gewaltigen Wow-Effekt sorgen!

Zunächst gibt es jeweils einen Mixer für den Master- und den Kopfhörer-Ausgang des Moduls. Diese arbeiten im Prinzip wie externe Mischpulte für Main- und Monitor-Mix und regeln unabhängig vom jeweils geladenen Kit die Pegel der einzelnen Instrumente. Wer tiefer in die Klanggestaltung eindringen möchte, der findet in den Mic-Einstellungen umfassende Möglichkeiten zu jedem einzelnen Kanal. So lässt sich beispielsweise das Verhältnis der Snare-Top und Snare-Bottom Mikrofone regeln, und alle einzelnen Kanäle können mit einem EQ und einem Kompressor (inkl. Sidechain-Filter) bearbeitet werden. Tatsächlich ist es sogar möglich, ein algorithmisches Reverb beispielsweise nur vom Raumanteil, den Overheads oder den Direktmikros einer Snare aus zu beschicken. Die klanglichen Möglichkeiten des Mixers in Verbindung mit dem Edit Kit Screen sind so vielfältig, dass das folgende Video mehr sagt als viele weitere Worte.

Als gewöhnungsbedürftig beim Bearbeiten der Parameter empfinde ich, dass sich das Mimic Pro grundsätzlich jede Veränderung an einer Einstellung automatisch merkt und es keine Undo-Funktion gibt. Wenn man einmal an einem Parameter geschraubt hat, dann lässt sich das also nicht mehr so einfach rückgängig machen. Vor allem wenn man in Experimentierlaune ist, empfiehlt es sich also, zuvor ein Backup von einem Kit anzulegen bzw. es zu duplizieren.

Kompatibilitäts-Check mit Pads von Fremdherstellern

Weder die detailliertesten Multichannel-Samples noch die größte Freiheit beim Mischen bringen viel, wenn sich im Zusammenspiel mit den angeschlossenen Drum Pads kein angenehmes Spielgefühl einstellen will. Und gerade weil das Mimic Pro den Anspruch erhebt, als universelles Trigger-Modul kompatibel mit fast allen erhältlichen Pads zu sein, habe ich einen Tag in der E-Drum-Abteilung des Musikhauses Thomann verbracht, um zu überprüfen, wie gut sich das Modul mit der Hardware anderer Hersteller verträgt. Die Details zu einzelnen Pads gibt es in der folgenden kleinen Fotostrecke.

Roland, ATV & Millenium:

Yamaha, Alesis und ein akustisches Hybrid-Set:

Grundsätzlich ließ sich nach ein wenig Einarbeitungszeit mit allen getesteten Drum Pads (also für Kick, Snare und Toms) ein vollkommen akzeptables Spielgefühl erreichen. Im Bereich der Cymbal Pads gab es vereinzelte Probleme mit der Kompatibilität (ATV aD5 und Alesis Crimson II), ansonsten lief aber auch in diesem Bereich alles weitgehend rund. Bei den Hi-Hats trennten sich Spreu und Weizen dagegen am eindeutigsten. Während sich die Modelle von Roland und ATV hervorragend machten, ließen einige andere Pads (z.B. Yamaha RHH135) erkennen, dass sie in Verbindung mit ihrem Originalmodul nur zwischen „offen“ und „geschlossen“ unterscheiden und keine Abstufungen dazwischen kennen. Dies ist aber eher den Pads selbst als dem Mimic Pro anzulasten.

Allgemein gilt, dass man tatsächlich ohne große Vorbereitung lostrommeln kann, wenn ein Pad direkt mit passendem Preset vom Mimic Pro unterstützt wird. Gerade weil das so reibungslos funktioniert, dürfte die Auswahl in dieser Hinsicht ruhig noch etwas größer sein. Neben direkter Unterstützung für Modelle von Pearl (Tru-Trac Serie) und Yamaha konzentriert sich das Modul vor allem auf den Hersteller Roland, wobei auch hier nicht alle Möglichkeiten abgedeckt werden. So finden sich zwar mehrere Presets für die PD-Serie, die günstigere PDX-Serie wird dagegen nicht direkt unterstützt.

Wenn ein Pad nicht direkt unterstützt wird, ist das aber kein Weltuntergang, denn das Mimic Pro liefert viele zum Teil sehr clever umgesetzte Möglichkeiten, das Trigger-Verhalten anzupassen. Die Sensitivität lässt sich mit Unterstützung des Moduls kinderleicht einstellen, und für jede Pad-Zone kann eine eigene Velocity-Kurve mit dem Finger eingezeichnet werden. Dank des wirklich fantastisch umgesetzten Features der Crosstalk Supression (zu Deutsch: „Übersprechungsunterdrückung“) kann man dem Modul ganz unkompliziert über eine Reihe von Test-Schlägen beibringen, eindeutig zwischen verschiedenen Pads und Pad-Zonen zu unterscheiden. Die Wahrscheinlichkeit von Fehl-Triggern, wie sie auch bei vielen vorkonfigurierten E-Drums immer wieder auftreten können, sinkt dadurch gewaltig. Im Bereich der Hi-Hats ist die Parameterflut natürlich am größten, denn hier muss zusätzlich noch der Öffnungsgrad der Becken interpretiert werden, und auch Chick- und Footsplash-Sounds wollen verlässlich getriggert werden. Auch hier steht einem das Modul hilfreich zur Seite und bietet zum Beispiel die Möglichkeit, das Verhalten des Pedals exakt über die Hi-Hat Control Curve anzupassen. So viel Personalisierung würde man sich oft auch bei vorkonfigurierten E-Drums wünschen!

Latenz: In Ordnung

So wie jedes andere elektronische Instrument muss auch das Pearl Mimic Pro einige Berechnungen anstellen, bevor es ein eingehendes Trigger-Signal in analoges Audio umsetzen kann, und das dauert in der Regel einige Millisekunden. Meine Befürchtungen, dass die Komplexität des Systems diese Latenz beim Mimic Pro nach oben treiben könnte, sind glücklicherweise nicht eingetreten. Mit etwa 6 Millisekunden gehört das Modul zwar nicht zu den schnellsten seiner Art (Spitzenwerte bis zu 3 ms), das Spielgefühl ist aber noch absolut ausreichend direkt.  Dazu kommt der Punkt, dass es in den Trigger-Einstellungen eine Möglichkeit gibt, die Dauer der Analyse von Trigger-Signalen abzusenken und damit auf gut 4 ms zu kommen. Wenn ein Pad dabei mitmacht, ohne Fehl-Trigger zu produzieren, dann kann man die Reaktionszeiten des Moduls also noch ein wenig tunen. Zum Vergleich: Schall braucht etwa 3 Millisekunden, um einen Meter in der Luft zurückzulegen.

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