Hersteller_Clavia
Test
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30.10.2013

Praxis

Bedienung

Bevor wir zum Sound des Nord Lead 4 kommen, möchte ich ein paar Worte verlieren über die Bedienbarkeit des Synthesizers. Denn die ist trotz des kleinen Displays wirklich hervorragend. Der Überblick über die Features dürfte gezeigt haben, dass der Nord Lead 4 ein komplexes Maschinchen ist, und viele Hersteller haben schon bei weit weniger weitreichenden Aufgaben Mühe, dem Bediener das Haare Raufen zu ersparen. Nicht so Nord. Zugegeben, ich habe sicherlich Vorteile dadurch, dass mir die Bedienkonzepte von anderen Clavia-Produkten weitgehend bekannt sind. Dennoch finde ich die Implementierung mustergültig.

Dies lässt sich anhand der Morphing-Funktion schön veranschaulichen. Was wäre hier vorstellbar an Menügehuber und Gedrücke von tausendfach belegten, nicht beschrifteten Tastern! Beim Nord Lead 4 aber geht es sehr leicht von der Hand. Beispiel: Ich möchte erreichen, dass sich beim Drücken auf die erste Impuls-Morph-Taste das Filter ganz öffnet, die Schwingungsform von Oszillator 1 auf Sägezahn springt, die Releasezeit verlängert wird und ein Reverb hinzukommt. Hierzu halte ich Taste 1 in der Impuls-Morph-Sektion gedrückt. Sogleich leuchten grüne LEDs neben allen Parametern auf, die bisher durch Druck auf diese Taste verändert werden. Nun kann ich, während ich die Taste weiter gedrückt halte, einfach alle Einstellungen so vornehmen, wie sie sein sollen – also den Oszillator umschalten, das Filter aufdrehen, die Releasezeit verlängern und den Hall einschalten. Möchte ich sehr viele Änderungen machen und nicht die ganze Zeit den Taster gedrückt halten, kann ich diesen auch durch Druck auf eine Lock-Taste arretieren. Sobald alle Einstellung gemacht sind, lasse ich Taster 1 los, und der Sound kehrt zum Ursprung zurück. Ab jetzt kann ich den gemorphten Sound, mit offenem Filter und Hall, jeder Zeit per Tastendruck abrufen und das in einem Bruchteil von einer Sekunde. Genauso funktioniert das übrigens für das Modulation-Wheel und die Velocity, nur dass die veränderten Werte sich hier gleitend zwischen Ausgang und Ziel verändern. Das bedingt auch, dass in diesem Fall beispielsweise die Schwingungsformen der Oszillatoren nicht manipulierbar sind, da diese sich leider nicht übergangslos verändern können.

Diese Leichtigkeit und Folgerichtigkeit der Bedienung zieht sich durch alle Bereiche, so dass man sehr schnell und schmerzlos ans Ziel kommt. Ein weiteres schönes Beispiel dafür, dass Clavia nah an den Bedürfnissen der Musiker ist und mitdenkt, verbirgt sich hinter dem etwas gruseligen Begriff „Mutator“. Einen solchen besitzt der Nord Lead 4 nämlich, und er fristet sein Dasein ein wenig versteckt in dem Bereich, wo ansonsten grundsätzliche Einstellungen für Master Tune, Routing, MIDI-Bezogenes etc. vorgenommen werden. Das hindert ihn nicht daran, ein ganz cleveres Tool zu sein. Der Mutator verändert, wie sein Name erahnen lässt, den Sound und zwar in der Weise, dass er ausgehend vom vorgefundenen Zustand beliebig bzw. zufällig Parameter verdreht. Dies kann er mit einer einstellbaren Drastik (von eins bis fünf) und auf zwei Arten: entweder immer ausgehend vom aktuell ausgewählten Programm oder ausgehend vom jeweils bereits „mutierten“ Sound. Die Anwendung ist ganz simpel, bietet aber für den Klangtüftler wie den Anfänger gleichermaßen hohes Potential: für Ersteren als zufallsgesteuerte Inspiration, für Zweiteren als einfaches Mittel, ohne tiefere Programmierkenntnisse zu ausgefallenen, eigenen Klangkreationen zu kommen. Genial.

Klang

So, jetzt aber zum Sound. Dem Nord Lead wurde von jeher ein eigenständiger Sound attestiert, der sich nicht primär daran misst, ob er nun analoge Preziosen perfekt imitiert, sondern eine eigene klangliche Marke hinterlässt. Gleichzeitig gestand man ihm aber zu, dass er so nah dran sei am „echten“ Analogen wie kein anderer. Eigentlich möchte man dem Nord Lead 4 beides bescheinigen, auch wenn es ein paar kleine Kratzer im nagelneuen Lack gibt.

Ich habe meine Forschungsarbeit einfach bei den Grundsteinen begonnen und mich gefragt, wie die puren Schwingungsformen der Oszillatoren sich so machen, auch im Vergleich zu zwei Analogen, nämlich dem Prophet-5 und dem Moog Voyager. Dieser Vergleich ist nicht wissenschaftlich gemeint, denn da könnte man vieles einwenden, da natürlich die jeweiligen Signalwege total unterschiedlich sind, was den Vergleich schwer macht, wenn man es ganz genau nimmt. Mir ging es aber einfach darum, zu hören, wie der Nord Lead 4 so dasteht, welchen „Vibe“ er bringt. Anhand des Klangbeispiels möge sich hier jeder sein eigenes Urteil bilden. Ich war doch recht verblüfft, wie ähnlich der Sound zwischen Nord Lead 4 und Prophet-5 war, so dass man fast meinen könnte, der Kultsynth von Sequential Circuits hätte hier Pate gestanden. Generell muss man attestieren, dass die Analogen lebendiger, dreidimensionaler und doch einen Hauch durchsetzungsfähiger klingen. Aber hier war ich vom Nord Lead 4 positiv überrascht. Im Soundbeispiel hört ihr die puren Oszillator-Schwingungsformen Dreieck, Sägezahn und Rechteck jeweils zuerst vom Nord Lead 4, dann vom Prophet-5 und schließlich vom Moog Voyager.

Grundsätzlich gut gefallen haben mir die Filter des Nord Lead. Auch hier habe ich einen kleinen Vergleich gewagt und den Sound des Nord Lead zunächst durch seine eigene Minimoog-Emulation und dann durch das Filter des Voyager geschickt. Sicherlich, die Filter klingen unterschiedlich, das des Nord Lead macht auch deutlich weiter auf, aber ich fand, dass der Digitale durchaus Mojo hat. Das ist kein Filter, das einfach stumpf die Tür öffnet und schließt, sondern es generiert ein ziemlich lebendiges, angenehm klingendes Spektrum. Großer Fan war ich vor allem vom TB-303-Filter-Klon. Einen Vergleich zum Original konnte ich leider nicht anstellen, aber auch so, einfach für sich, klingt das TB-Filter super.

Weniger schön sind einige Kuriosa in der Abteilung Filter. Auch hierzu habe ich einige Soundbeispiel gemacht. Treibt man das Filter in die Extreme, entstehen sehr seltsame Sounds. So habe ich das 24dB-Filter bei voller Resonanz immer weiter geöffnet, und ab einem bestimmten Punkt waren die absurdesten, unangenehm und unmusikalisch klingenden Digitalartefakte zu hören, bis das Filter zuletzt dann völlig in die Knie ging und nur noch eine Art maschinelles Rattern erzeugte. Hier sollte Clavia dringend nachbessern. Auch seltsam erschien mir, dass unter bestimmten Voraussetzungen (siehe Distortion Soundbeispiel) der Trigger durch die Tastatur oder den Arpeggiator ein Knacken erzeugt, auch wenn das Filter fast ganz geschlossen ist.

Das Thema Presets ist natürlich immer reine Geschmackssache. Ich war von dem, was ich im Speicher vorfand, nicht sonderlich begeistert. Dies gar nicht mal, weil die Qualität nicht gestimmt hätte – das ist nicht der Fall. Vielmehr tendieren viele Hersteller leider dazu, eine seltsame Mischung von Eurotrash Sounds zu präsentieren. Das gilt insbesondere für die Performance Programme, bei denen ich mich frage, wer so ein Zeug mit Four-to-the-Floor-Bassdrum jemals benutzt oder spielt. Eine solide Auswahl an „klassischen“ Analogsounds hätte ich jedenfalls auf den ersten 100 Plätzen begrüßt. Lobend zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang jedoch die kostenlos erhältliche Software, mit deren Hilfe man die Programme umorganisieren oder archivieren kann und die auch dabei behilflich ist, die wiederum kostenlos von der Hersteller-Website herunterzuladenden Soundkreationen einiger Fachleute in den Synthesizer zu bekommen. Hier einige Beispiele aus der Preset-Liste:

Lässt man die wenigen kritisch zu sehenden Details beiseite, muss man dem Nord Lead 4 einen wirklich großartigen Sound bescheinigen. In einem weiteren Shoot-Out habe ich ein gleich programmiertes Sweep-Pad vom Nord Lead gegen eines vom voll analogen Alesis Andromeda antreten lassen – welcher vielleicht nicht für seine einfache Bedienung, wohl aber für seinen hervorragenden Analogsound bekannt ist – und siehe da: Auch hier muss sich der Rote nicht verstecken. Und die Qualität macht nicht bei den Oszillatoren und Filteremulationen Halt, sondern erstreckt sich auch auf die Effekte. Mit einer gewissen Häme habe ich beispielsweise das Distortion des Nord Lead gegen meinen Thermionic Culture Vulture (Edel-Röhrenverzerrer) antreten lassen und musste erstaunt zugeben, dass der unscheinbare Taster am Nord Lead keine so schlechte Figur macht gegen den Aristokraten aus England.

Hall und Delay klingen im übrigen auch erstaunlich gut – jedenfalls mehr als ausreichend für ein überzeugendes Ergebnis im Live-Betrieb. Besonderes schön ist, dass das Delay diesmal auch einen „analogen“ Modus nach Art eines Tape-Delays bietet – wobei es sich auch auf „normal“ umschalten lässt. Einzig: Ich hätte mir in diesem Modul einen zweiten Drehregler gewünscht. Dann hätte man den Reverb nicht nur in seinem Höhenanteil, sondern auch in seiner Größe regeln können, und dem Delay hätte man dann eine Klangregelung bzw. einen Dämpfungs-Parameter spendieren können.

Sicherlich: Nimmt man alles zusammen, würde ich im Zweifelsfall einen Analogsynthesizer oder eben einen echten Röhrenverzerrer dem vorziehen, was aus dem Nord Lead kommt. Aber das ist ja nicht unbedingt ein statthafter Vergleich. Der Nord Lead klingt sehr gut, in praktisch jeder Hinsicht, er lässt sich gut spielen, gut bedienen und bietet vor allem eine Fülle an Möglichkeiten beim Sound und bei der Performance, die als Gesamtpaket die Vorteile der Spezialisten aufwiegen können. Hut ab!

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