Hersteller_Clavia
Test
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20.12.2012

Praxis

In der Praxis sind natürlich vor allem die Sounds entscheidend. Wie bei den anderen Nord Electros sind die Klänge der Piano-Sektion austauschbar und können über eine Software übertragen werden. Die verfügbare Soundpalette wird auf zwei beiliegenden DVDs mitgeliefert und lässt sich auch auf der Firmen-Homepage herunterladen. Dabei wird grundsätzlich unterschieden zwischen der Piano-Library für Akustik- und E-Pianos und der Sample-Library für sämtliche anderen Sounds wie Synthies, Strings etc.

In der Piano-Library werden alle akustischen Pianos in drei (teilweise auch vier) Größen angeboten. Die große Variante enthält die String-Resonance-Samples über die gesamte Tastatur, die mittlere Version bietet diese nur in der mittleren Lage und das kleinste Modell muss ganz ohne auskommen. Meiner Ansicht nach bekommt man mit der mittleren Variante ein vernünftiges Speicher-Nutzen-Verhältnis. Zur Zeit stehen sieben Grand-Pianos zur Verfügung. Darunter sind verschiedene Modelle von Steinway und Bösendorfer mit teilweise unterschiedlicher Mikrofonierung in stets herausragender Qualität. Daneben gibt es sieben Upright-Pianos, die klanglich von flügelähnlich über schlicht bis hin zum Honky-Tonk reichen. In dieser Qualität und Auswahl ist das Angebot an Upright-Pianos einzigartig und würde allein schon den Kauf eines Nords rechtfertigen. Weiterhin gibt es sechs Rhodes-Modelle, ein Wurlitzer 200A, Clavinet und zwei Cembali in unterschiedlichen Varianten.

Die Besitzer eines Nord Electro 3 HP oder 4D müssen nun stets mit sich ringen, welche dieser hervorragenden Sounds sie in ihr Instrument laden, da der Speicher mit 180 MB recht begrenzt war. Beim Electro 4 HP hat sich die Größe des Speichers nun mehr als verdoppelt und ist mit 380 MB nun recht komfortabel. Wer bisher die 180 MB des Electro 3 HP gewohnt war, kann sich nun endlich entspannen und aus dem Vollen schöpfen. Werksseitig sind drei Flügel und drei Upright Pianos geladen. Hinzu kommen ein Yamaha CP80, alle sechs Rhodes-Typen und jeweils ein Wurlitzer, Clavinet und Cembalo. Das ist schon recht üppig (zum Vergleich: Auf meinem Electro 4D habe ich zwei Flügel, ein Upright, drei Rhodes, Wurli und Clavinet untergebracht). Mehr braucht im Grunde kein Mensch. Im Gegenteil: Ich mag die Begrenzung des Speichers eigentlich, weil sie dazu zwingt, sich Gedanken über seinen Signature- bzw. Wunschsound zu machen. Eine gewisse Variabilität ist aber natürlich auch nicht verkehrt. Mit dem neuen, größeren Speicher ist man also auf jeden Fall auf der sicheren Seite.

Die Sample Library macht aus dem Electro 4 HP einen vollwertigen Synthie. Zwar hat sich funktional gegenüber dem Electro 3 nichts geändert. Doch auch hier profitiert man von einer Speichererweiterung von 68 MB auf 128 MB (als Hausnummer: ungefähr 50 statt 30 Sounds). Das mittlerweile recht umfangreiche Angebot der Library umfasst diverse String-, Brass-, Bell- und Drumsounds. Auch die legendären Mellotron-Sounds, verschiedene Orgeln, klassische Analog-Synthies und diverse selten gehörte Kostbarkeiten sind im Angebot. Und auch hier behaupte ich, dass allein das Auswählen der Sounds („Welcher Sound ist es wert, meinen kostbaren Speicher zu verbrauchen?“) der erste Schritt zu einer guten Performance ist, weil man sich mit den Klängen, die man benutzt, auseinander gesetzt hat. Natürlich vermisst man spätestens bei den Synthie-Sounds ein paar Regler, Potis, Mod-Wheels etc., doch dafür ist der 4 HP schlicht nicht gemacht. Dieser Spaß bleibt den Usern des Nord Stage vorbehalten.    

Über den neuen Keyclick des B3-Modells der vierten Electro-Generation wurde bereits viel geschrieben. Ich verweise hier auf die Tests der Nord C2D und des Electro 4D meiner Kollegen Schaadt und Philippen. Nur soviel sei gesagt: Wenn du diesen Orgelsound einmal gespielt hast, kannst du nicht mehr zurück. Alles andere (auch aus eigenem Hause) klingt dagegen nach verquirlten Einsen und Nullen. Aber der Orgelsound des Nord Electro 4 lebt! Das liegt neben dem verbesserten Keyclick vor allem auch an dem neuen Leslie. Dieser klingt extrem präsent, luftig und lebendig. Man könnte auch sagen: Vollmundig und mit rauchiger Note im Abgang. Im Direktvergleich mit dem Neo-Ventilator, dem bisherigen Platzhirschen in Sachen Leslie-Emulation, braucht sich der Nord auf jeden Fall nicht zu verstecken. Im Gegenteil: Unverzerrt gefällt mir der Nord sogar besser als der Ventilator. Beeindruckend!  

Darüber hinaus gibt es diverse Kleinigkeiten, die beim 4 HP zwar nicht neu, aber dennoch erwähnenswert weil durchdacht sind. So ist beispielsweise eine Aufteilung des Outputs möglich. Orgelsounds können auf den linken Kanal (beispielsweise zur Veredelung durch einen echten Leslie), Pianosounds auf den rechten Kanal geroutet werden. Für den Live-Einsatz ist das enorm praktisch. Außerdem ist die Auswahl der Effekte und Amps perfekt auf die Nutzung von E-Pianos abgestimmt. Alles, was man effektmäßig so braucht, ist immer nur einen Taster entfernt. In Sachen B3 sind weitere Feinabstimmungen wie Lautstärke der Percussion, Geschwindigkeit des Leslies etc. möglich. Auch die Tap-Tempo-Taste fürs Delay ist ein praktischer Zusatz. Natürlich bietet eine größere (preislich sogar vergleichbare) Workstation grundsätzlich noch mehr Möglichkeiten. In Puncto übersichtliche Bedienung (und damit Bühnentauglichkeit) ist der Nord Electro 4 HP allerdings kaum zu schlagen. 

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