Hersteller_NativeInstruments
Test
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11.12.2013

Native Instruments Maschine Studio Test

Groove-Production Studio

Mehr Display, mehr Tasten, mehr Größe = mehr besser?

Dank ihres perfektionierten Marketings gelingt es Native Instruments regelmäßig, pünktlich zur Veröffentlichung eines neuen Produkts, die Blogs dieses Planeten mit Videos und die Foren mit wilden Diskussionen zu fluten. Erstaunlich ruhig dagegen verlief der aktuelle Launch der neuen Maschine-Hardware, die auf den eingängigen Namen „Maschine Studio“ getauft wurde. Das mag daran liegen, dass es sich hierbei weniger um eine revolutionäre Neuerfindung, sondern eher um eine evolutionäre Weiterentwicklung handelt und das eigentliche Tuning ‚unter der Haube‘ stattgefunden hat - oder genauer gesagt im Rechner.

Denn dort verrichtet ab sofort, wenn man sich zum Kauf von Maschine Studio zum Preis von 999 Euro UVP oder zum Software-Update für 99 Euro entschließt, die komplett neu programmierte Version 2.0 ihren Dienst. Und die hat es in sich, wie wir noch sehen werden. Aber man muss eben auch in Bewegung bleiben, um sich gegen die potenten Konkurrenten wie etwa Akai (MPC), Arturia (Spark) oder auch Ableton Live (Push) behaupten zu können.

Details

Maschine war und ist auch in der Studio-Variante ein zweigeteiltes Verbundsystem. Hardwareseitig umfasst es einen USB-Controller der mit 16 anschlagsdynamischen, farbig beleuchteten Drum Pads, 62 Klick-Buttons, neun Endlos-Encodern, einem Push-Jogwheel und zwei Displays (480 x 272 Pixel) ausgestattet ist. Den rechnerseitigen Counterpart bildet die Maschine-Software, die das logische Gerüst zur Erstellung von Pattern/Song-orientierten Stücken bereithält. Die Software kann wahlweise im Standalone-Modus oder als Plugin innerhalb einer DAW betrieben werden (VST, AAX). Kern des Maschine-Konzepts ist die extrem enge Verzahnung des Controllers mit der Software, denn fast alle Bedienvorgänge lassen sich gleichberechtigt am Rechner, wie auch an der Hardware vornehmen. Mehr noch: Besonders dank der Visualisierung in den beiden Displays und dem neu hinzugekommenen Jogwheel sind auch komplexe Aktionen, wie etwas das Slicen und Trimmen von Samples direkt am Gerät, problemlos machbar. Praktisch kann man den Rechner irgendwo in einer hässlichen Ecke des Studios verstecken und nur mit dem via USB angebundenen Maschine-Controller hantieren, was im Ergebnis dem Arbeiten mit „echter“ Hardware nicht nur sehr nah kommt, sondern faktisch so ist. Denn um mal der inflationären Mythenbildung ein bisschen entgegenzuwirken: Auch die Drum Computer früherer Tage (Stichwort: MPC) waren im Kern nichts anderes als der Verbund einer CPU/Software-Ebene mit einer optimierten Eingabehardware. Worin sich Maschine von einer Standalone-Sampling-Workstation unterscheidet, zeigt sich beim Blick auf die Rückseite. Neben der besagten USB-Buchse, einer Kensington-Lock-Aussparung sowie drei MIDI-Outs und einem MIDI-In-Port, fehlt hier jede Art von Audiokonnektivität. Auch Maschine Studio besitzt nämlich keine eigene Wandlersektion und ist daher auf die am Rechner zur Verfügung stehenden Audioschnittstellen angewiesen. Die Software zeigt sich hier nicht wählerisch und akzeptiert jede korrekt in das System eingebundene Soundkarte als Aus- und Eingangsgerät. Im DAW-Verbund dürfen die maximal sechzehn virtuellen Ausgänge via Rewire an die gastgebende Audio-Applikation weitergereicht werden.

Wie ich in meinem Preview schon berichtet habe, besteht für Beat-Frickler, die gerade erst eine Maschine MK2 erworben haben, kein Grund, protestierend zum Firmensitz von NI zu wandern, um dort potenziellem Unmut Luft zu verschaffen, denn Maschine Studio versteht sich nicht als Ersatz der MK2, sondern eher als eine Art Spezialisierung. Wie es der Name schon impliziert, will Maschine Studio nämlich bevorzugt an dem Ort eingesetzt werden, wo die Musik entsteht: im Studio und nicht unbedingt auf die Bühnen dieser Welt. Das erschließt sich allein schon aus dem Gewicht und Formfaktor, der ungefähr ein Drittel größer ist als die MK2. Farbige Moddings sind obendrein nicht geplant, sie wird es nur in der seriösen nachtschwarzen und einer balearisch weißen Variante geben.

Die mindestens ebenso, wenn nicht gar noch relevantere Neuerung wird allerdings erst deutlich, wenn man den Blick von der Hardware weg hin zum Monitor lenkt, denn dort verrichtet die brandneue 2.0-Version von Maschine ihren Dienst. Die gute Nachricht dabei: Alle Versionen der Maschine-Hardware arbeiten weiterhin anstandslos mit der Software zusammen und Projekte der alten Software-Fassungen sind vollständig kompatibel mit dem Nachfolger. Die schlechte Botschaft für Bestandskunden: Erstmalig verlangen Native Instruments für ein Update innerhalb der Maschine-Serie Geld. Die veranschlagten 99,- Euro sind in Anbetracht des Umfangs allerdings als durchaus „fairer Kurs“ zu werten.

Auspacken

In bester Native-Instruments-Tradition reist auch Maschine Studio in einer Henkelkiste, von der ein nicht unerheblicher „Nimm-mich-mit-Effekt“ ausgeht. Eingekuschelt in die Styroporformteile befindet sich darin die Maschine-Hardware selbst, ein Netzteil, eine Karte samt Content-DVD und Seriennummern sowie ein Netzteil mit einer Vielzahl internationaler Stecker, die einfach eingeclippt werden – sehr gut. Natürlich auch mit dabei ist der obligatorische Bogen mit Stickern, die dem Besitzer dazu dienen, seine Umgebung davon in Kenntnis zu setzen, dass er sich eine Neuanschaffung gegönnt hat. Ein gedrucktes Handbuch sucht man vergeblich. Wer sich in die Materie einlesen möchte, muss zum PDF-Dokument greifen. Das wird in einer vorbildlichen Sprachvielfalt mitgeliefert und die deutsche Version umfasst sensationelle 737 Seiten. Manche Romane von T.C. Boyle kommen mit weniger aus.

Maschine Hardware

Offensichtlichste Neuerung bei der Hardware: Wo in der MK2 noch zwei monochrome LCDs ihren Dienst verrichten, strahlen dem Benutzer nun zwei vollfarbige TFTs mit je 480 mal 272 Pixeln entgegen. Die erweisen sich besonders bei der neuen Mixer- und Song-Ansicht als sehr aussagekräftige Hilfsmittel, um das Geschehen in der Software zu verfolgen.

Insgesamt ist die Konsole um ungefähr ein Drittel gegenüber der MK2 gewachsen, wobei die Ausdehnung vornehmlich nach rechts und in die Höhe erfolgt ist. Das untere linke Areal ist also nahezu identisch mit dem Vorgänger. Das betrifft übrigens auch die Haptik und Größe der Drum Pads. Der Platzbedarf nach oben ist zum einen durch die Displays, zum anderen durch eine sechzehnsegmentige Aussteuerungsanzeige erforderlich geworden, die auf acht Quellen hören kann (In 1-4, Master, Group, Sound, Cue). Leider wurde ihr keine Skalierung, sondern lediglich ein rotes Peak-Segment spendiert. Unterhalb und damit sehr logisch angeordnet hat nun das Master-Volume-Poti seinen Platz gefunden. Darunter und entscheidend für die Neu-Dimensionierung in der Breite: Eine mit „Edit“ beschriftete Abteilung, die acht Taster beherbergt, welche nun dezidiert vormals nur über Shift zu erreichende Funktionen zur Verfügung stellen (Copy, Paste, Note, Nudge, Undo, Redo, Quantize und Clear). Es folgt ein von einem weißen Leuchtring umschlossener Rotary-Push-Encoder, der kontextsensitiv verschiedene Navigations-, Einstell- und Browsing-Aufgaben übernehmen kann. Weiter südlich schmiegen sich noch ein Back-, zwei Funktions- und ein Eingabetaster an. Maschine Studio wurden zwei praktische integrierte Standfüße spendiert, die im aufgeklappten Zustand den Controller genau im selben Winkel aufrichten, wie der als Zubehör erhältliche Maschine-Stand der MK2. Der Blick auf die Rückseite offenbart, dass man sich bei NI (leider) nicht dazu entschließen konnte, der Maschine Studio ein Audiointerface zu spendieren, worüber die insgesamt drei MIDI-Outs und zwei Footswitch-Buchsen der neuen Version nur wenig hinwegtrösten können.

Installation

Das Installationsprozedere ist bekanntlich bei fast allen NI-Produktion weitgehend ähnlich: Software vom Datenträger auf den Rechner verfrachten, Seriennummer im Control Center eingeben, on- oder offline (via Challenge/Response-Verfahren) die Registrierung vornehmen, fertig. Maschine 2.0 macht hier allerdings eine Ausnahme, die ich nicht unerwähnt lassen will. Die besteht nämlich darin, dass die beiliegende DVD lediglich den Zusatz-Content enthält und ich mir die Maschine Software via Download von der NI-Homepage auf den Rechner holen muss. Hierzu bemühe ich den speziellen NI-Download-Clienten, der den weiteren Dateitransfer selbstständig erledigt. Satte 868 Megabyte finden so ihren Weg auf die Festplatte. Ferner gilt es noch zu entscheiden, ob die Installation direkt ausgeführt werden soll oder ob ich das Archiv in Form eines ISO-Archivs brennen oder verschieben möchte. Im Anschluss bietet sich die Installation der Werksbibliothek nebst Zusatzcontent von der DVD an. Dieser schlägt mit satten acht Gigabyte zu Buche. Neben dem gesammelten Schlagwerke aller bisherigen Maschine-Versionen sind nämlich noch vier Komponenten der Komplete-Ausstattung mit ins Sortiment gewandert. Dies sind der schon mit der 1.8er gebündelte Übersynth „Massive“, der Reaktor-Synth „Prism“, das Sample E-Piano „Scarbee Mark I“ und der Kompressor „Solid Bus Comp“. 

Schlussendlich gilt es natürlich noch, die neu hinzugekommene Software via Service-Center zu registrieren. Die Hardware sollte daraufhin eigentlich problemlos erkannt werden. Auf unserem Testsystem gab sich Maschine Studio allerdings alle Mühe, das Gegenteil zu tun. Das erste Einstöpseln, welches zugegebenermaßen aus Versehen mit einem dazwischen geschalteten USB-Hub erfolgte, endete mit einer völlig fehlerhaften Installation. Im Anschluss installierte ich die Hardware-Treiber erneut und wies Maschine Studio eine USB-Buchse direkt auf dem Motherboard zu. Das quittierte Windows 7 zwar mit einer augenscheinlich korrekten Hardware-Installation, doch sobald ich die Software gestartet hatte, verfiel der Controller in regungslose Meditation und blinkte dabei alle fünf Sekunden lustlos vor sich hin. In einem letzten Aufbäumen gegen den Widerstand der Maschine wechselte ich das lange USB-Kabel (5 Meter), welchem das Leitungskontakt-Messgerät eine tadellose Verbindungsqualität attestierte und das problemlos mit der MK2 der Maschine Hardware funktionierte, gegen ein 1,5 Meter kurzes Modell. Und siehe da, die Sache lief. Eine Auskunft zu diesem seltsamen Verhalten war vom für gewöhnlich recht hilfsbereiten NI-Support bis zum Redaktionsschluss leider nicht zu bekommen – ich hoffe aber, es handelt sich hierbei um einen Einzelfall.

Maschine Software

Die gute Nachricht zuerst: Maschine-User der ersten Stunde dürfen ihre bereits angeeignete Bedienkompetenz behalten, denn das Grundkonzept wurde im Kern in fast allen Bereichen beibehalten. Die Schlechte: Auf den ersten Blick keine.

Tatsächlich befindet sich Maschine 2.0 schon seit zwei Jahren in der Entwicklung. Die gesamte Software wurde komplett neu programmiert, weil sich viele der Neuerungen im bestehenden Programm-Framework nicht oder nur sehr umständlich hätten integrieren lassen. Dazu zählen insbesondere der neue Mixer, über den nun ein übersichtliches Routing von Aux-Kanälen möglich ist, aber auch eine interne 32-Bit-Summierung und umfassende Multiprozessor-Unterstützung. Augenfälligste Neuerung der Nachfolgeversion ist zunächst einmal die Optik, die nun wesentlich aufgeräumter und weitaus zweidimensionaler ist, als bisher. Ich möchte fast zum Sprachkonstrukt „traktorischer“ greifen. An Fotorealismus gewonnen haben dagegen die Effekte, die nun in Form virtueller Geräte vom Bildschirm strahlen.

Die Highlights: Bemerkenswert ist zunächst einmal, dass nun „Takte und Zeit“ die oberste Hierarchieebene bilden und sich die Szenen-Clips brav darunter einordnen lassen. Überhaupt merkt man, dass die Hersteller ihre Maschine offenbar mehr und mehr in Richtung vollwertiger DAW treten wollen, denn im Grid-Editor haben jetzt die Werkzeuge Pinsel und Radiergummi Einzug gehalten und dank der Auto-Follow-Funktion schnurren Arrangements und Szenen jetzt brav unter dem Abspielcursor entlang – fast wie in einer Workstation. Das nun unendlich Gruppen und Effekt-Slots zur Verfügung stehen oder Makros auf so gut wie alles wirken können, nehmen wir wohlwollend zur Kenntnis. Richtig klasse ist auch die neue Vorhörfunktion (Cueing), die direkt aus dem Mixer heraus zur Anwendung gebracht werden kann. Eine mächtige Waffe im Live-Geschäft.

Eine „Herzensangelegenheit“ sei es laut Florian Grote von NI gewesen, „Maschine endlich einen eigenen Sound zu geben“ und genau dem tragen die fünf Drum Synthesizer (Kick, Snare, HiHat, Tom und Percussion) der neuen Version Rechnung. Die insgesamt 21 Modelle bieten dabei je nach Modul eine gute Auswahl an klangrelevanten und modulierbaren Parametern wie Stimmung, Ausklingzeit, Färbung oder Fellspannung. Allen Modellen gemein ist, dass man bei NI nicht das Klangmodell, sondern das klangliche Ergebnis vor Augen hatte. In unzähligen Hörsessions wurden also stilbildende, durchsetzungsstarke Drum Sounds analysiert und davon ausgehend nach Synthesemodellen gesucht, um diese Klänge zu generieren. Und nicht der umgekehrte Weg, dass man nämlich ein Synthesemodell erschafft und dann versucht, damit schlagkräftiges Schlagwerk zu erzeugen. Der Hörtest bestätigt den Erfolg der Mission, denn die Sounds können klanglich durchaus gegen ausproduzierte Samples bestehen.

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