Hersteller_NativeInstruments
Test
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04.07.2012

PRAXIS

Nach der Hardware-Registrierung und dem Download der Dateien (568 MB Traktor, 1.4 GB Remix-Sets) könnte es also losgehen, doch bevor ich den Installationsprozess starte, lege ich sicherheitshalber zunächst ein Backup meiner Einstellungen über das Export-Menü an. War es zum Markteintritt des Kontrol-X1 noch möglich, mit einem Pentium 4 zu arbeiten, bedarf es für Traktor 2.5 eines Core2 Duo-PCs oder Athlon 64X2 mit Windows7. Diese müssen mindestens 2 GB RAM verbaut haben. Empfohlen werden indes 4 GB, was in meinen Augen absolut Sinn macht. Ferner gehört ein USB 2.0 Port zu den Voraussetzungen für einen ordnungsgemäßen Betrieb sowie ein DVD-Drive (was wahrscheinlich ein Druckfehler auf dem Karton ist, da die  Software-Installation ja aktuell nicht mehr per optischem Datenträger geschieht, sondern per Download, und es abzuwarten bleibt, ob sich dies in der Folgezeit ändern wird). 1 GB Festplattenspeicher ist Pflicht, für die Kür sind ein paar „Gig“ draufzulegen, damit auch der optional zum Download bereitgestellte Sample-Content auf dem Rechner heimisch werden kann. An einen Mac werden die gleichen Anforderungen gestellt, nur dürstet es Traktor hier nach OS X 10.6 oder 10.7. Native Instruments setzt zur bidirektionalen Kommunikation zwischen Soft- und Hardware ein proprietäres Protokoll mit dem Namen NHL ein, das bis zu 30x schneller sein soll als Standard-MIDI. Laut Herstellerangaben wurde in Traktor 2.5 unter anderem auch der Code für die Analyse der BPM und des Grids neu geschrieben, was sich in einer akkurateren Berechnung äußert, selbst bei schwankenden Tempi und Rhythmen.

F1 trifft auf S4

Der Weg führt mich nun zum MacBook, wo mein Testkandidat im Einklang mit dem Traktor S4 Controller arbeiten soll. Dieser übernimmt die Track Decks und der F1 die Remix Decks. Dann geht es an das Befüllen der Sample Slots. Im Browsermodus lassen sich Pads auf Tastendruck direkt mit der aktuellen Auswahl beladen und überschreiben, vollgepackte Seiten löschen oder komplette Remix Decks entladen. Mit den Fadern hat man Pegelverhältnisse der Stacks fest im Griff, die Filter-Potis arbeiten sanft und präzise. Zu beachten ist, dass ein Abspielvorgang am Sample Deck je nach Voreinstellungen das Track Deck starten kann oder nicht. Grundsätzlich hat der User die Möglichkeit, bei kleineren Timing-Problemen einen Sample-Offset einzustellen, ferner bietet das NI-Brett Nudging per Encoder an. Anmerken möchte ich an dieser Stelle noch, dass bei MP3-Sample-Dateien im Testlauf aktuell leider eine Verzögerung beim Start der Wiedergabe auftritt, an der Native wohl schon dran ist. Außerdem sind Sample-Libraries in der Regel im WAV- oder AIFF-Format gehalten, sodass dieser Umstand nicht so stark zu gewichten ist.

Das Handling gängiger Funktionen unterliegt dem Direktzugriff, erweiterte Einstellungen kommen über „Shift“ ins Spiel, was in der Praxis gut zu bewältigen ist. Dem effizienten Workflow entgegenkommend und somit als ausgezeichnet einzustufen ist das statusmeldende, visuelle Konzept. Durch die regelbare duale Beleuchtungsintensität der Matrix ist man in dunklen und hellen Umgebungen gut aufgestellt, und es ist jederzeit klar, wo ein Sample abspielt, wo nicht und welche Spuren gemutet sind. Zwar sind die Tasten nicht anschlagdynamisch, aber sie sollen ja triggern und nicht Drums einspielen.   Während der Performance versorgt mich die Anzeige mit Informationen zum Remix Deck, wie aktuelle Programmbank, Pitchwert (+/-12 Semitöne), Größe oder Geschwindigkeit eines Samples etc. Andere Funktionen sind mittels Pad-Matrix zugänglich. Zum Beispiel kann die Taktlänge zur Sample-Quantisierung (wird aber gleichfalls numerisch dargestellt) per Tastenauswahl eingestellt werden. Jedes Pad entspricht einem Quantize-Wert zwischen 1/4 Beat und 32 Beats, der bestimmt, wann das abzuspielende Sample - abhängig von der Position in der Quantisierungsphase - eingestartet wird, wobei die Taste während des Wartevorgangs blinkt und es in der Natur der Sache liegt, dass bei kleinsten Werten Taktversätze entstehen können.

Möchte ich Samples aus einem Track Deck beziehen, kommt das Capture-Tool wie gerufen. Die Länge wird zunächst voreingestellt (1/32 Takt bis 32 Schläge). Damit der Loop synchron zum Beatgrid des „Spenders“ läuft, ist darauf zu achten, dass die „Snap“-Funktion während der Extrahierung eingeschaltet ist. Ein Tastendruck auf „Capture“ und ein weiterer auf das entsprechende Pad befüllt diesen Slot, vorherige Elemente werden dabei ersetzt. Praktisch ist, dass das Quell-Deck nicht spielen muss, um Audiomaterial abzuspalten. Beim automatischen Capturing wird mit jedem Encoder-Druck (Kombi: Encoder-Button) von links nach rechts und von oben nach unten immer das nächste freie Slot befüllt.  

Praktischerweise lassen sich Samples via Copy & Paste bearbeiten bzw. einfach duplizieren, beispielsweise um Instrumenten- oder Vokaleinlagen in unterschiedlichen Ausschnitten und Tonhöhen zu erlangen, ohne sich die Festplatte vollzuschaufeln, da diese Informationen intern gespeichert werden. Editierte und eigene Remix-Sets lassen sich mit Datum und Uhrzeit direkt von der Hardware aus archivieren, ferner kann der Anwender einen automatischen Speichervorgang für editierte Sets aktivieren.  

Gescratcht wird der Clipverbund in diesem Szenario durch Umschalten des S4 auf die Decks C und D, wo zudem die Transportsteuerung, der Pitch-Slider und die Loop-Sektion zum Einsatz kommen können. Denn dann ist es nicht nötig, am F1 selbst in den User-Mode zu wechseln. Wobei ich auch anmerken möchte, dass das Umschalten zwischen den beiden Modi sekundenschnell und völlig reibungslos vonstatten geht. Das Handling der Samples mit dem F1 ist sehr viel ausgefeilter als beim S4, dennoch kann ich bei Bedarf auch mit Einschränkungen auf die ersten vier Remix-Slots zugreifen und mal schnell was abfeuern.  

In Sachen Performance gibt es nichts zu beanstanden. Das MacBook konnte problemlos mit niedriger Latenz operieren. Die CPU-Auslastungsanzeige schlug unter vehementem Einsatz von Samples, FX und nicht in den roten Bereich aus. Was sich allerdings am Apfel-Laptop negativ bemerkbar macht, ist die geringe Display-Auflösung von lediglich 1280 x 800 Punkten. Deutlich zu wenig, um das gesamte Geschehen adäquat am Bildschirm darzustellen – doch für manchen ist der Blick zum Screen eh nicht nötig, es sei denn, es geht an die Track-Auswahl. Dennoch habe ich mal ausprobiert, wie sich das iPad mit Airplay als Monitorerweiterung schlägt, was sich jedoch als ziemlich träge darstellte und aufgrund des starren Layouts von Traktor und unterschiedlichen Auflösungen nicht uneingeschränkt zu genießen ist. Ich fände es schön, wenn Traktor eine optionale Entkopplung der einzelnen Bestandteile wie Decks, Mixer und Browser zuließe.  

Ein wahrscheinlich bald sehr verbreitetes Szenario besteht aus einem Kontrol-F1 am externen Mischpult, vielleicht in Kombination mit Bruder X1. Im Studio habe ich die Geschwister mit Unterbau X1-Bag an den Flanken eines Pioneer DJM-850 positioniert – ebenfalls ein Gerät, dem wir in Zukunft öfter im Clubeinsatz begegnen könnten (Test hier). Eine aufwendige Verkabelung (außer mit PA-/Monitor-Boxen und Notebook) ist hier nötig, da der DJM-850 Traktor Scratch Certified ist - und sich daher einerseits mit Traktor 2.5 kompatibel gibt, andererseits mit dem Scratch-Update Kit (aktuell 99 Euro) als ein sehr kompetenter Sparringspartner für das Berliner Gespann erweist und ein digitales Vinyl-System um so manche kreative Initialzündung bereichern kann. Der Verbund arbeitet sehr stabil, und das Scratchen via Timecode ist bei niedrigen Latenzen sehr authentisch. Jedoch steht mein MacBook nach Anschluss des DJM-850 und F1 schon vor dem Problem, keinen weiteren USB-Port für den X1 zu stellen. Erfreulicherweise kann ich jedoch berichten, dass es beim Betrieb eines F1 und X1 an einem Hub nicht zu Problemen kam. Ein Refresh funktionierte ebenfalls anstandslos. Sollte im Grunde auch mit zwei F1 funktionieren.       

Das etwas andere Layout

Ein Overlay für den User-Mode ist dem Lieferumfang beigelegt. In diesem Modus bieten die Pads als Standard acht Hotcues pro Deck an. Sync, Master, Keylock und Konsorten sind im Deck-Mode ebenfalls zugänglich, wobei sich das Festhalten von „Shift“ und „Deck“ sowie anschließendes „Paddeln“ einer gewissen Fingerakrobatik nicht erwehren kann. Versetze ich die Kommandozentrale auf die Betriebsart Loop, bleiben vier Hotcues auf der ersten Horizontalen erhalten. Die zweite Spalte setzt eine 4-Beat-Schleife und ist mit einem Cutter ausgestattet. Im Move-Modus sind ebenfalls die ersten vier Hotcues zugänglich, die zweite Vertikale stellt die Move-Größe ein und versetzt die virtuelle Nadel um eben diesen Wert vor oder zurück. Das Ganze wird visuell eindeutig aufbereitet. Hotcues sind blau, der Move- und Deck-Mode orange und Loop ist grün, je nach Status zudem hell oder gedimmt.

Sample- und Mapping-Philosophen

Im Gegensatz zu Serato, die eine Clip-Launch-Matrix über Ableton realisieren, hat sich Native Instruments dazu entschlossen, die ganze Schose In-House umzusetzen. Und sie tun gut daran. Zwar sind die Remix Decks im Gegensatz zur Ableton-VST-Schnittstelle an den Funktionsumfang und die Effekte von Traktor gebunden, auch gibt es (noch) keine Möglichkeit des Automations-Recordings, aber dafür muss man auch lediglich eine Software starten und nicht wie im anderen Szenario zwei Programme – was sich im Test als nicht zu unterschätzender Performance-Gewinn darstellte. Was das Handling angeht, gefällt mir persönlich das Gespann aus Pult mit X1/F1 besser, als einen MIDI-Controller für SSL und eine APC40 für Live neben dem Mixer aufzubauen. Allerdings reicht dem einen oder andern ja eventuell auch ein Xone oder Launchpad oder eben das besagte Native-Instruments-Duett im MIDI-Modus. Traktors Sample Decks lassen sich indes  nicht in vollem Umfang auf 3rd-Party-Kontrollwerkzeuge mappen. Womit wir beim nächsten Punkt sind...  

Der Aufwand, eine Befehlsbibliothek bereitzustellen, um alle 64 Sampleslots zu mappen, deren Status abzufragen und Bedingungen und Modifier zu setzen, ist ungleich höher als bei den Traktor Versionen zuvor. Doch können wir die Einschränkung der Befehlspalette für die breite Masse an dieser Stelle nicht außer Acht lassen. Schließlich bemängeln wir auch bei Serato immer wieder, dass die Anwender keinen Zugriff auf die MIDI-Befehle in Form einer integrierten Programmier-Oberfläche bekommen. Soweit ist es zwar bei Traktor nicht, doch einen leicht faden Beigeschmack hat es schon, dass nur F1-Käufer in den vollen Genuss kommen (war beim S4 und den Sample Decks zu Beginn auch so…) und alle anderen Traktor 2.5-User mit ihrem Controller aktuell im buchstäblichen Regen stehen. Vergessen wir bei diesen Ausführungen jedoch nicht, dass ein Funktionsumfang ähnlich der Remix Decks im Scratch Live-Lager mit heuer 349 Tacken für Ableton Live zu Buche schlägt und obendrein vielleicht noch eine APC zur Ausstattung gehören sollte. Das Update der alten Sample Decks hingegen ist bei NI erst mal kostenlos.

Einige Neuerungen sind allerdings auch jetzt schon im Controller-Manager auszumachen, die zum einen aus der Unterstützung des F1, der Remix Decks an sich sowie der ersten vier Player samt Änderungen in Bezug auf die Namensgebung mancher Befehle resultieren. Für die Mannschaft der Individualisten dürfte die hinzugekommene Lernfunktion für MIDI-Out nicht ohne sein.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich, nachdem ich ein paar Tage mit den Remix Decks gearbeitet habe, diese nicht wieder hergeben möchte. Auch wenn der F1 - sofern schon eine Traktor-Lizenz vorhanden ist - nicht unbedingt ein Megaschnäppchen ist (der Xone:K2 kostet mit integriertem Audio-Interface kaum mehr) und gerade weil die Remix Decks nicht an die Komplexität eines Ableton Live herankommen (und in meinen Augen auch nicht müssen.) Ich finde, der Kontrol F1 macht Einsteigern und fortgeschrittenen Anwendern bei entsprechender Vorarbeit das Live-Remixen ziemlich leicht. Leichter jedenfalls, als würde die Synchronisation externer Gerätschaft, verschiedener Devices und Rechner anstehen. Der Übersichtlichkeit dient auch die Tatsache, dass eben nicht alle 16 Samples einer Seite abgefeuert werden können, sondern nur eines pro Samplekanal. Dennoch lässt dies schnell das Verlangen nach einer zweiten Unit auf der anderen Seite des Mischpultes aufkommen, um mehr als vierstimmig zu arbeiten. Zum Schluss stellt sich mir noch die Frage, ob eine Timeline-Integration der nächste logische Schritt wäre, wie wir es bei TheOne (hoffentlich) bald erleben werden – falls es mal fertig wird. Danke fürs Durchhalten! Zeit fürs Fazit.

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