Test
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24.03.2009

Mittlerweile überlegen sich Unternehmen ja sehr genau, wie sie ihre Produkte benennen. Heute kommen keine "08/15" und "Nova" (Name für einen osteuropäischen PKW, der auf Spanisch nun mal leider "Geht nicht" hieß) mehr auf den Markt. Nein, nein: "PCM96" kokettiert unübersehbar mit dem edlen Verwandten 960L (das "Doppelte" von "480L"), bekennt sich mit dem Namensbestandteil "PCM" aber auch dazu, Bestandteil der hochwertigsten 19"-Serie des Herstellers zu sein.

 


Die Upper-Class der amerikanischen Firma glänzt vor allem durch ihr "L" in der Bezeichnung: Die ursprüngliche "Lexicon Alphanumeric Remote Control" ("L.A.R.C.") war eine weiße Kiste im heute sicher wieder topmodernen Achtzigerjahre-Telespieldesign, mit der die großen Racksysteme 300L und 480L bequem vom Arbeitsplatz aus ferngesteuert werden konnten. Das Konzept ist sicher nicht falsch, denn schließlich setzt das genaue Editieren von Reflektionen, Diffusionsgrad und Co voraus, dass man sich in einer geeigneten Abhörposition befindet. Und da sich diese in größeren Musikstudios nun mal in erster Linie vor der Mastersektion der Konsole befindet, sieht man auch heute noch auf vielen Studiobildern die dekorative weiss-blaue Box samt ihres RS-232-Kabels auf dem Pult herumliegen. Zwar konnte man schon 1985 das 480L mit MIDI fernsteuern, doch hat der Begriff "Einbindung" heute eine ganz andere – ja sogar globale(!) – Bedeutung.

Neben der Möglichkeit, Audio- und Steuerungs-Daten in Echtzeit via FireWire400 zwischen DAW und PCM96 hin- und herzuschicken, grinst auf der Rückseite noch eine Ethernetschnittstelle frech herum. Damit ist neben der einfachen Computerverbindung keine geringere Anwendung möglich, als von verschiedenen Orten auf unserem Globus mittels Inter-/Ethernet auf das Gerät zurückzugreifen! Nicht von schlechten Eltern! Bedient werden kann das PCM im Remote-Fall über mitgelieferte Plug-Ins, so dass sich der massive Prozessor verhält wie seine körperlosen Kumpels aus Einsen und Nullen (die Plug-Ins). Nicht unpraktisch, wenn man sich den "Total Recall"-Gedanken vor Augen hält. Wer nun meint, Lexicon hätten dann ja direkt auf Bedienelemente (oder sogar die Hardware als "Kopierschutz") verzichten können, lässt möglicherweise folgende Aspekte außer Acht: A): Die verbauten Prozessoren sind im Gegensatz zu Computerprozessoren für ihre Tätigkeit optimiert. B): Der Werterhalt eines solchen Gerätes ist definitiv höher als der einer CD oder DVD mit irgendwelcher Software. Zu diesem Zweck bitte einmal Preise zehn Jahre alter Software und Effektprozessoren im Internet vergleichen… C): Es gibt da doch noch diesen Tontechniker-Arbeitsplatz, bei dem man von hunderten Personen umringt ist, die immer alles besser wissen als man selbst: Live! Hier möchte man nicht mit der fimschigen Maus herumklicken, sondern an großen Knöpfen sicher seine Parameter einstellen können. Mit einem Blick auf das PCM96 lässt sich feststellen, dass den verantwortlichen Produktplanern bei Lexicon das Papier, auf dem die Zielgruppenanalyse dieser Kundengruppe stand, offensichtlich nicht unter den Schreibtisch gefallen ist. Analoge Audio-Ein- und -Ausgänge findet man also auch beim champagnerfarbenen PCM96. Warum übrigens das Papier, auf dem der optische Traditionsbruch mit der sonst in dezentem Blau-Schwarz gehaltenen PCM-Serie vermerkt war, nicht zerknüllterweise im Papierkorb gelandet ist, bleibt wohl das Geheimnis eben jener Lexicaner. Der edle Anstrich des PCM96 mag gefallen oder nicht, das ist eben Ansichtssache.

 


Im Sprüche-Pool der deutschen Audio-Produkttester befindet sich ein nicht unwahrer Spruch, der an dieser Stelle ein weiteres Mal strapaziert werden soll: "Es kommt ja schließlich auf die inneren Werte an, nicht wahr?"
(Sollte ich damit jetzt die Marke der zehntausendsten Verwendung dieses Satzes geknackt haben: Bitte eine E-Mail an meine Redaktions-Adresse, ich schaue dann in meinen Terminkalender, damit wir die Zeremonie der Trophäenüberreichung durch den Bundespräsidenten organisieren können. Danke.)

Die "Konnektivität" des PCM96 – auf der vorigen Seite angesprochen – lässt definitiv aufhorchen. Dass nicht nur eine, sondern zwei FireWire400-Buchsen am Gerät zu finden sind, ist ein eindeutiges Zeichen für ein an die tatsächlichen Bedürfnisse der Kundschaft denkendes Unternehmen. Viele Rechner haben nur eine derartige Schnittstelle. Hubs sind teuer und schwer erhältlich. Möchte (oder muss) man zusätzlich ein FW-Audio-Interface oder eine FW-HD betreiben, ist man aufgeschmissen, wenn keines der Geräte die Signale durchschleifen kann. Das PCM kann es. Die Anzahl der RJ-45-Ethernet-Buchsen ist aus genau diesem Grund ebenfalls eine Zwei. Bravo.
Es ist für viele Musiker, Tontechniker, Verkäufer und Studioplaner unverständlich, wie manche Unternehmen auf die etablierte, einfache und preiswerte MIDI-Schnittstelle verzichten können. Diese Meinung scheint es auch auf eines dieser sagenumwobenen Papiere auf dem sagenumwobenen Planungsschreibtisch bei Lexicon geschafft zu haben. Dies ist manifestiert, wie es sich gehört: mit einem ausgewachsenen MIDI-Trio.

 

Implementiert ist offensichtlich etwas weniger als möglich, denn Control-Change-Events mit Nummern von 48 bis 55 decken mit Sicherheit nicht den gesamten Parameterbereich ab. Schade, wenn man sich Hardware- oder Software-Fernbedienungen selbst konfigurieren möchte. Controller 32 ist ohne seinen Kollegen (den Controller 0) für den Bankwechsel zuständig. Zur konkreten Speicherplatzanwahl gehört noch der gute, alte Program-Change, der wie Control-Changes und SysEx empfangen und versendet werden kann. Ein Tempo-Tapping ist auf der Frontseite zwar möglich, aber der Blick in die obligatorische Implementation-Chart des Handbuchs sagt: MIDI-Clock zur Tempoübermittelung durch den Sequencer ist nicht möglich! Versteh das einer...!? Schließlich sind gesyncte Ping-Pong-Delays oder genau nach einer Sechzehntel schließende Gated-Reverbs auf der Snare keine unüblichen Produktionsmethoden! Über diesen kleinen Notizzettel wurde bei der Geräteplanung zumindest Kaffee geschüttet …  doch Moment! Im Menu findet sich der entsprechende Eintrag. Es geht doch, ist nur falsch dokumentiert. Da habt ihr aber noch mal Glück gehabt, ihr Lexicaner! Und ich habe mich umsonst aufgeregt…

Ein professionelles Gerät ermöglicht den Anschluss symmetrischer analoger Audio-Signale mittels XLR-Stecker. Über männliche XLR-Buchsen kann ein symmetrisches Stereo-Signal den Prozessor wieder verlassen. Der A-bewertete Dynamikbereich liegt laut Hersteller bei 115 dB, die Total Harmonic Distortion (THD) bei +4dBu bei 0,002% über den gesamten Hörbereich. Mit Consumer-Schnittstellen gibt man sich auch bei Umgehung der A/D- und D/A-Wandlung nicht ab: Ebenfalls per XLR werden AES/EBU-Signale mit gängigen Werten bis 96kHz/24Bit empfangen und verschickt. Aber trotzdem scheint das Lexicon PCM96 mit Autoritäten keine Probleme zu haben und erlaubt es, die Taktung zum digitalen Allgemeinwohl im Studio einer externen Wordclock zu unterwerfen. Über einer Abweichung von 2% widersetzt sich das Gerät den Anweisungen und steigt sinnvoller Weise aus dem Slave-Betrieb aus.

Nun wird man Rackgeräten nicht ständig auf die Hinterseite schauen (das verbietet der Studio-Knigge…). Auch die Vorderseite hat einiges zu bieten! Trotz neuer Optik erkennt man sofort den PCM-Stammbaum: Ur-Großvaters Gesichtszüge (= Anordnung der Bedienelemente) sind unverkennbar! Neben einem mit sechs Segmenten recht groben Stereo-Meter befindet sich ein leuchtkräftiges LC-Display. Es stellt die schier unbeschreiblich hohe Anzahl von genau einer Farbe dar. Allerdings lässt sich das, was einem das Gerät per Display mitteilen möchte, auch bei direkter Sonneneinstrahlung und zwei Metern Abstand zweifelsfrei erkennen.

 


Das PCM96 zeigt bei der Parameteransicht an, welcher der drei großen Endlosdrehgeber "A", "B" oder "C" welchen Parameter verändert. "Select", der größte Drehgeber befindet sich unübersehbar zwischen den bei Aktivierung beleuchteten Tastern "Machine" und "Back" neben dem Display und den A-, B- und C-Dials. Das auf der rechten Seite schwarz abgesetzte Feld gibt den vier beleuchtbaren Tastern "Tap/Tempo", "Load", "Store" und "Compare" genauso eine Heimat wie dem CF-Cardslot samt "Flash/Busy"-LED. Bei vielen (vor allem amerikanischen und japanischen) Geräten nicht selbstverständlich: Das PCM hat ein eingebautes Netzteil und einen richtigen, echten, wirklichen Powerschalter.
(Wer hier gerade genau hingehört hat, hat im Hintergrund ab und zu vielleicht ein verhaltenes "Bing" gehört. Da hat das PCM nämlich wieder einen Pluspunkt erhalten…)

Das Menu unterteilt sich in zwei Hauptbereiche: System View und Machine View. Mittels welcher Tastendrücke man in welches Menu kommt, soll ein Diagramm im Handbuch erklären. Doch wie so oft erscheint es dadurch weitaus komplizierter, als es in Wirklichkeit ist.

 


Der Aufbau des für die globale Steuerung zuständigen System-View bleibt ohne Überraschungen, hier werden Audio-Settings, MIDI-Einstellungen, Maschinenkonfiguration und dergleichen vorgenommen. Jeder, der einmal ein 300L, 480L oder ein Gerät der PCM-Serie benutzt hat, wir mit dem Aufbau sofort klarkommen ("Bing"). Der Aufbau des Machine-View ändert sich sinnigerweise mit dem angewählten Grundalgorithmus. Unter den möglichen Verschaltungen der vier Maschinen (Lexicon-Sprache für "Effektblöcke") finden sich auch alte Bekannte: "Cascade" beispielsweise konnte schon mit nur zwei Blöcken Nutzer des 480L verwirren, allerdings kann das Verständnis der Routingmöglichkeiten im Einsatz viele neue Möglichkeiten eröffnen.

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