Hersteller_Oktava Mikrofon
Test
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21.07.2008

Oktava MK-319 Test

Großmembran Kondensator-Mikrofon

80 Years Anniversary Edition

Mit Anniversary Editions feiern sich Hersteller üblicherweise selbst und lassen ihre Kunden daran teilhaben. Das sieht dann bei manchen so aus, dass sie ihre Produkte in unüblichen Farben, mit speziellen Features, irgendwelchem Schnickschnack oder in schönen Holzschatullen auf den Markt bringen. Andere sehen dies als willkommene Möglichkeit, einfach ein zusätzliches Aufkleberchen anzubringen - wie im Fall des russischen Herstellers Oktava.

Das Unternehmen ist in der Audiobranche als Hersteller professioneller, aber kostengünstiger Mikrofone seit vielen Jahren bekannt. Im Gegensatz zum Nachbarland China genießen Mikrofone aus den ehemaligen Sowjet-Republiken einen durchaus guten Ruf. Das Geburtstags-Mikrofon bewegt sich preislich nicht einmal auf dem allertiefsten Niveau, denn selbst aus dem eigenen Haus gibt es Konkurrenz durch das preiswertere MK-219.

Details

Zielgruppe: Recording-Einsteiger mit geringem Budget

Oktava hat dieses Mikrofon natürlich nicht für den High-End-Markt geplant, sondern für Recording-Einsteiger, die ein Kondensator-Mikrofon benötigen, um in erster Linie Gesang oder Sprache aufzunehmen. Möglicherweise wird der eine oder andere mit einem derartigen Großmembran-Mikrofon auch denn Schall akustischer Instrumente in Spannungsänderungen umwandeln wollen. Der theoretische Vorteil dieser Mikrofon-Gattung liegt auf der Hand: Aufgrund der im Vergleich zu dynamischen Mikrofonen geringeren Membranmasse sind die Outputs impulstreuer, lösen die Details feiner auf und übertragen die Höhen weitaus besser. Heute gibt es derartige Mikrofone für einen Betrag, mit dem sich vor wenigen Jahren nicht einmal die Mehrwertsteuer für das billigste brauchbare Studio-Kondensator-Mikro bezahlen ließ.

Schieberegler für Pad und Filter sind fast unbrauchbar

Das Mikrofongehäuse ist ein stabil wirkender Metall-Zylinder, der sich zum Haltegewinde und XLR- Anschluss stufenweise verjüngt. Die matt-schwarze Beschichtung sieht zwar gut aus, ist aber nicht von herausragender Qualität. Auf der Rückseite befinden sich auf einer Metallplatte zwei Schieberegler aus Plastik für Pegelabsenkung ("Pad") und Hochpass-Filter. Um es diplomatisch auszudrücken: Ich habe dann und wann schon bessere Lösungen gesehen. Die Schalter rasten nicht und werden vertikal geschaltet. Sie werden also wahrscheinlich nach einigem Gebrauch von selbst umschalten. Außerdem sitzen sie krumm und schief in ihren Halterungen und lassen sich um etwa zehn Grad in beide Richtungen verdrehen. Auf welcher Frequenz der -3dB-Punkt, die sogenannte Grenzfrequenz des Filters liegt, wird am Mikro nicht ersichtlich, aber dafür wird das eingeschaltete Pad mit -10dB angegeben. Der Korb  aus schwarzem Draht hinterlässt einen stabilen Eindruck. Hinter dem äußeren, grobmaschigen Geflecht befindet sich ein weiteres, etwas engeres. Blickdicht ist es jedoch nicht, so dass man die Kondensatorkapsel im Inneren erkennen kann. Diese Kapsel hat dem Augenschein nach den für Großmembranen üblichen Durchmesser von einem Zoll. Der Elektrodenanschluss ist mittig ausgeführt, ein Teil der Membran wird durch ein Akustikglied bedeckt, in das acht kreisrunde Löcher geschnitten sind. Dies wird bei Mikrofonen als eine Art "akustischer Equalizer" eingesetzt. Mit einem Metallwinkel und angesetztem Gewinde lässt sich das MK-319 auf Stativen mit großem oder kleinem Gewinde befestigen. Eine Mikrofon-Spinne wird nicht mitgeliefert.

Die technischen Angaben sind nicht geschönt

Oktava gibt einen Grenzschalldruckpegel von 122 dBSPL an. Das geht vollkommen in Ordnung, denn diesen Wert erreicht man nur im Nahbereich einiger akustischer Instrumente. Für Blechbläser und Schlagzeug-Close-Miking wird man daher eine gänzlich andere Mikrofongattung auswählen. Ein Feldübertragungsfaktor (umgangssprachlich die "Empfindlichkeit") von 13mV/Pa ist hingegen nichts, womit man die Flöhe husten hören kann. Wirklich niederpeglige Signale gehen im mittelmäßigen Eigenrauschen von 14dB (mit Gehörkurve "A" gefiltert) möglicherweise unter. Der russische Hersteller gibt den Frequenzgang mit 40Hz bis 16kHz an, was nach Sichtung der Messprotokolle wohl für die -3dB-Punkte gilt. Auch wenn wir heute in der Werbung mit Angaben über größere Spektren überhäuft werden, ist dies eine einerseits ehrliche Angabe und andererseits für die meisten Anwendungen im Grunde ausreichend. Die menschliche Stimme etwa hat unterhalb von 100Hz nur sehr geringe Anteile, und das im Vokalsignal kaum vorhandene "Air Band" bis 20kHz wird von diesem Mikrofon immer noch übertragen, allerdings mit deutlich geringerem Pegel.

Bedienungsanleitung auf Russisch

Heute sind wir bei vielen Geräten gewohnt, dass ihnen ein Hochglanz-Handbuch in mehreren Sprachen – oder zumindest auf Englisch – beiliegt. Nicht so bei Oktava. In der Kunstleder-Tasche befindet sich ein kleiner kopierter Zettel, auf dem ausschließlich kyrillische Schreibmaschinen-Buchstaben abgedruckt sind. Nach ein wenig Übung lässt sich zwar das Wort "Mikrofon" erkennen, aber man hofft doch, dass die Sätze in Großbuchstaben mit Ausrufungszeichen nichts wirklich Wichtiges sind. Der kleine "Passport" wird abgerundet durch ein eingeheftetes Mess-Diagramm, diverse Stempel und Kugelschreiber-Eintragungen von unterschiedlichen Personen. Wer dieses kleine Zettelchen in der Hand hält, wird sofort in die Zeit des Kalten Krieges versetzt. Man sieht vor dem inneren Auge einen großen Mann mit großer Mütze und Wintermantel an einem Tisch mit geblümter Wachs-Tischdecke vor einer Wand sitzen, von der der ockerfarbene Putz bröckelt. Am Fenster bilden sich Eisblumen. Zwischen zwei Zügen aus der starken, filterlosen Zigarette füllt er mit gewissenhaftem Blick das kleine Zettelchen aus und trägt diese Informationen dann zusätzlich in sein großes, schweres Buch ein. Ganz im Ernst: Das hat wirklich Stil und ist einen Pluspunkt wert! Hier können sich alle Retro-Stylos ein Beispiel nehmen!

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