Test
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12.08.2020

Millenium Still Series / Still Regular Cymbals Test

Übungsbecken

Lochfraß aus Treppendorf

„Schon zu laut!“ Diesen ironisch gemeinten Spruch kriegt man als Schlagzeuger gern mal an die Backe gedrückt, nachdem man nach dem Betreten des Clubs lediglich seine Trommeltaschen auf der Bühne ablegt hat. Aber hinter jedem Scherz steckt bekanntlich ein kleiner Funken Wahrheit. So ist die Lautstärke der Becken in besonders kleinen Läden tatsächlich oft ein Problem. Noch mehr Spießrutenlauf kann es bei der Probe mit den Bandkollegen oder beim heimischen Trommeln mit den Nachbarn geben. Eine einfache Lösung, wenn man nicht komplett auf das Spielgefühl und den Klang „echter“ Becken verzichten möchte, sind so genannte Übungsbecken. 

Die Betonung liegt auf Üben. Für die eingangs angesprochene Gig-Situation würde ich mir eher etwas anderes einfallen lassen, zum Beispiel leichtere Sticks oder Ruten benutzen und insgesamt weniger draufhauen. 

Anmerkung: Dieser Test von 2017 wurde um den Still Regular Beckensatz und ein neues Video / neue Soundfiles ergänzt.

Becken mit großen Löchern für kurze und trashige Klänge gibt es schon länger, auf die Idee mit den vielen klitzekleinen Löchern ist wohl als erstes die amerikanische Schmiede Zildjian gekommen. Aus ihrer eher mäßig erfolgreichen Gen16 E-Drum-Beckenserie entwickelten sich im Laufe der Zeit die L80 Low Volume Übungsbecken, die sich wie geschnitten Brot verkaufen. Keine Frage, dass da auch andere Hersteller mit ähnlichen Konzepten versuchen, ein Stück vom Kuchen abzubekommen. 

Details & Praxis

Die Millenium Still Becken werden für das Musikhaus Thomann in China gefertigt und beinhalten insgesamt vier Modelle: zwei Crashbecken in 16“ und 18“, eine 14“ Hi-Hat und ein 20“ Ridebecken, also gemeinhin verbreitete Standardgrößen. Die Becken sind mit Plastikfolien umhüllt und lagern relativ lose in einem weißen, einfach bedruckten Millenium-Karton. Das Material heißt Nickelsilber, dabei handelt es sich um ein zuweilen auch bei herkömmlichen Einsteiger-Beckensätzen verwendetes, leichtes Buntmetall (wer erinnert sich noch an die Headliner Becken, die es in den 1990ern gab?). Die Besonderheit sind die zahlreichen kleinen Löcher auf der polierten Oberfläche, die sich in einem festen Muster über die komplette Oberfläche der Becken verteilen. Zwölf etwas größere Löcher sind rund um die Bell platziert. Ansonsten hat hier ein maschineller Bohrer ganze Arbeit geleistet. Von der Mitte zum Rand hin wird der Durchmesser der Löcher in Etappen ein kleines Stück größer, das führt zu recht anschaulichen Mustern, wenn man das Becken gegen das Licht hält. Der größte Unterschied zwischen den silbernen Still Becken und den güldenen Still Regular Becken findet sich beim 20“ Ride. Hier hat das silberne Modell eine größer geformte Glocke, die mehr einem „echten“ Becken ähnelt.

Auf der Oberseite wurden die Löcher sauber entgratet, etwas spitzer geht es auf der Unterseite zu, das merkt man beim Hantieren mit den Blechen. Obwohl kaum die Gefahr besteht, sich die Finger ernsthaft zu verletzen, sollte hier trotzdem noch einmal nachgebessert werden. Schon bei den neuen, ungespielten Becken bemerke ich auf der Oberfläche kleine Kratzer, wahrscheinlich vom Gegeneinanderreiben im Karton, sowie (abwaschbare) Tintenrückstände, die auf ein zügiges Verpacken nach dem Bedrucken hinweisen. Mit der Fertigungsqualität der mehr als doppelt so teuren Zildjian L80 Becken können die Still Becken nicht ganz mithalten, mal sehen, wie es jetzt im Praxisteil klingt und schwingt.

Die Still Becken im Spieltest

Eine musikalische Ohrenweide, auf die man sich bei normalen Schlagzeugbecken im Idealfall gefasst machen kann, erwarte ich von den Still Cymbals vor dem Platzieren auf meinen Beckenstativen nicht. Aber das ist auch nicht Sinn der Übung, hier geht es eindeutig um reduzierte Lautstärke bei annähernd realistischem Spielgefühl. Zur besseren Beurteilung des Lautstärkeunterschieds habe ich euch mein akustisches Set auch mit regulären Becken aufgenommen.

Im oben verlinkten Video könnt ihr euch beide Sätze im Vergleich anhören, beim Wechsel von akustischen Fellen auf zweilagige Mesh-Heads wird der drastische Lautstärkeunterschied zum rein akustischen Schlagzeug noch einmal wesentlich deutlicher. 

Die Millenium Still Becken sind, ähnlich wie die bekannten Low Volume Becken, wirklich leise, man kann also den Gehörschutz guten Gewissens in der Tasche lassen. Bedingt durch die vielen Löcher klingen sie etwas zischelig, mit viel Höhenanteil bei relativ kurzem Sustain. Die Modellvorlagen, also Hi-Hat, Crash- und Ridebecken, sind eindeutig zuzuweisen. Ich habe also nicht das Gefühl, wie zum Beispiel bei E-Drum Beckenpads, auf einem komplett anderen Instrument zu spielen. Das silberne 20“ Still Ride hat eine hörbar abgesetzte Bell, und die Außenseite lässt sich auch ohne Probleme ancrashen. Alle Sounds und Bewegungen, die ich auf normalen Hi-Hat-Becken ausführen kann, lassen sich auch der Still Hi-Hat entlocken. Auffällig ist bei den silbernen Modellen der relativ starke Rebound der Beckenoberflächen, den ich (genau wie bei Zildjians Low Volume Becken auch) auf die vielen Löcher und die insgesamt hohe Spannung der Becken zurückführe.

Die goldenen Regular-Versionen sind noch einmal leiser und klingen insgesamt etwas gefälliger (wenn man diesen Begriff angesichts des gebotenen Klangspektrums benutzen möchte), da sie nicht den zischeligen Tick-Sound im Anschlag haben. Dafür gibt es insgesamt weniger Ping und Rückmeldung, was insbesondere beim 20“ Regular Ride auffällt, da es sich mit dem schwachen Glockensound mehr wie ein Flat Ride spielt. Auch in puncto Artikulation hat die silberne Hi-Hat für mich die Nase vorn.

Anmerkung: Für die nun folgenden Einzelsoundfiles habe ich die Lautstärke einheitlich angehoben.

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