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Test
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25.10.2021

Merging Technologies Anubis Test

Audiointerface, Monitor-Controller, Ethernet-Remote und AoIP-Hub

Merging+Anubis: Dezentrale Zentrale und akustisches Leckerli vom Schweizer Klassikmeister

Merging Technologies ist für digitale Feinschmecker und wie gute Schokolade aus der Schweiz. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte in den 90er Jahren mit DSP-Hardware und der Pyramix Mastering-Software, die Pionierarbeit für DSD/DXD leistete. Weiter ging es mit den ersten Audio-over-IP-Lösungen (AoIP) im Jahre 2012. 

Das auf den Namen Ravenna getaufte AoIP-Protokoll ist mittlerweile AES67 kompatibel und stellt so was wie die Open-Source Variante zu Dante dar. Mit dem Anubis gibt es erstmals ein kompaktes Audiointerface vom Hersteller – neben dem sehr großen Horus und dem etwas kleineren Hapi, der vor kurzem als MK2 vorgestellt wurde. Beide Kästen sind mächtige Götter, äh, Interfaces und klanglich mit das Beste, was ich bisher hören durfte – Zeit, den kleinen Schakal unter die Lupe zu nehmen.

Details

Kleines Schwarzes

Schwarz wie ein mumifizierter Körper präsentiert sich das edle Antlitz des „Merging+Anubis“. In ein solides Unibody-Alu-Gewand gehüllt vereint er Highend-Audiointerface Monitor-Controller, Ethernet-Remote und Netzwerk-Hub für AoIP miteinander.

Das Ganze misst gerade einmal 200 x 128 x 40 mm und wiegt ein knappes Kilo: So ist es handlich und angenehm zu bedienen – genau wie das Multi-Touch-Display im „Retina-Style“. Es bietet bei 10 cm Diagonale eine fantastisch-feine 800x480-Pixel-Auflösung.

Daneben befindet sich ein großer Encoder mit gummiertem O-Ring, der sich wie in Butter dreht. Sieben große RGB-beleuchtete Gummitasten runden das haptische Spektakel ab und bedienen Funktionen wie Speaker/Headphone Selection, Mute, Talkback-Latch/Toggle und System-Settings.

Der Sarkophag ist wirklich hochwertig verarbeitet – „Swiss made“ eben, und außerdem stilecht mit griechischem Kreuz zwischen Produkt- und Firmennamen, was die Schreibweise mit dem Plus im Namen erklärt. Einen 3/8-Flansch gibt es an der Unterseite, Strom mittels externem Netzteil oder gar via PoE sprich Ethernet. Alles wirkt pragmatisch, edel – und damit teuer. 

192 kHz oder DXD/384 kHz

Bei einem Straßenpreis von rund 1750 Euro für die normale 192-kHz-Variante bzw. bis zu 2500 Euro für die Premiumvariante mit DSD/DXD Support bis 384 kHz und SPS gehört Anubis zweifelsohne zu den Premiumgeräten – vor allem im Vergleich zu den üblichen Verdächtigen, zumal es „nur“ vier analoge Eingänge und acht analoge Ausgänge gibt. Darunter befinden sich zwar immerhin zwei Preamps und zwei Kopfhörer-Amps der Extraklasse sowie ein zusätzliches Talkback-Mic. Durch die Menge an I/Os erklärt sich der Preis aber eher nicht.

Full blown Monitoring-Mixer inklusive Sonarworks-Profiles

Die integrierten DSP-Effekte sind indes schon mal sehr umfangreich: EQ, Reverb, Gate, Compressor und Limiter – alles dabei. Der EQ entstammt außerdem der Pyramix Mastering Software und bietet bis zu 4 Bänder pro Channel. Bis zu 21 Instanzen dürfen es insgesamt werden – und das bis zu den höchsten Samplerates hinauf. Nur DSD ist prinzipbedingt ausgeschlossen.

Der EQ kann zum Aufhübschen sowie zur Speaker-Anpassung genutzt werden. Unterstützt werden außerdem eine Laufzeitkorrektur und ein Bass-Management inklusive Crossovers. Ferner können optional Korrekturen, die mit SonarworksID erzeugt wurden, direkt in den Anubis geladen werden und stand-alone verwendet werden. Die Speaker können also komfortabel mit der aufpreispflichtigen Software und dem passenden Messmikro entzerrt werden, umfangreiche Kopfhörer-Profile lassen sich ebenfalls laden. Eine Crossfeed-Funktion für Kopfhörer gibt es losgelöst davon.

Virtuelle Channels, wie etwa fünf Stereo-Aux und fünf Stereo-Cues, gibt es reichlich. Die Channels und die Effekte ergeben in Kombination mit den hochwertigen Kopfhörerverstärkern ein mächtiges System für individuelles Monitoring. In größeren Setups wird der Anubis zur komplexen Breaktout-Box für Künstler bzw. zur komplexen Remote für Engineers, wie wir noch sehen werden.

Verwaltet wird das Ganze u. a. im Audio Network Manager ANEMAN, dem äußerst mächtigen Netzwerkmonitor mit Routing-Matrix aus gleichem Hause. Die Software ist nicht exklusiv für den Anubis, sondern für die Organisation aller Ravenna Streams in einem Setup gedacht.

4-In/8-Out mit Killer-Preamps

Die beiden Preamps sind mit Combo-Buchsen versehen. Sie akzeptieren Mic- und Line-Signale und weisen Verriegelungen vor. Sie bieten Phase-Switch, 48-Volt-Phantompower, einen zuschaltbaren 80 Hz Low Cut sowie ein -12 dB Pad und einen 12 dB Boost. 

Regelbar ist der Gain dabei digital, von 0 bis 66 dB, maximal sind 66 dB +12 dB Boost = 78 dB Gain möglich. Ohne Boost liefern die Vorverstärker des Anubis einen unglaublichen Dynamikumfang von 137 dB, mit Boost immer noch beeindruckende 128 dB, beide A-gewichtet. Der Klirr ist mit 0.0003 % @0 dBFS unter -110 dB faktisch nicht vorhanden (THD+N Preamp + A/D 1kHz), Crosstalk gibt es genauso wenig mit unter -130 dBu, rauschen tut es erst unter -128 dBu. Der Übertragungsverlauf ist mindestens genauso beeindruckend und absolut unauffällig in maximal weiten Bereichen.

Weitere Details, Zahlen und Hieroglyphen erspar ich mir, nur kurz noch etwas zur bemerkenswerten Technik dahinter: Je Kanal gibt es zwei A/Ds, die allerdings nicht parallel betrieben werden, sondern jeweils eine eigene Gain-Stufen besitzen – high und low sozusagen, diee anschließend zusammengerechnet werden, mit 32 Bit. Das ermöglicht sogar weitere Tricks, wie unabhängiges Aussteuern oder Muting für den FOH.

Die Combos befinden sich auf der Rückseite, nebenan der Stereo XLR-Ausgang für Speaker oder Ähnliches. Ja, genau: XLR-Buchsen an einem Desktop-Interface – sehr geil. Einen weiteren Stereoausgang gibt es mittels symmetrischer Klinke (TRS); der ist ebenfalls für den direkten Anschluss von Monitoren geeignet – dedizierte Taster für Speaker Paar A und B befinden sich unter dem Display. Surround-Setups lassen sich ebenfalls realisieren bzw. bedienen.

Die vier 6,35-mm-Klinken-Buchsen an der Front sind für die beiden Kopfhörerausgänge sowie die zwei zusätzlichen Instrumenten/Line-Eingänge gedacht. Bemerkenswert ist der große Abstand zwischen den Kopfhörer-Outs, damit Engineer und Künstler sich nur minimal behagen. Der GPIO, also der „General Purpose“ Anschluss, kann als MIDI-IO, Footswitch-Input oder Relais-Ausgang für Aufnahme-Lampen oder dergleichen genutzt werden.

Mischen impossible

Merging nennt es Missions, ich würde es als eine Art Overlay beschreiben. Man kann das Interface in zwei Ansichten mit unterschiedlichem Funktionsumfang booten, wodurch der Monitoring-Mixer für Musiker oder der Monitor-Controller/Remote-Gedanke des Engineers im Vordergrund steht, um es ganz grob zu beschreiben.

Unterschiedliche Anforderungsprofile rücken damit in den Vordergrund. Das unterstreicht zwar die Flexibilität, geht allerdings mit Einschränkungen hier und da einher: Dynamics gibt es beispielsweise nur in der Music-Mission mit dem Mixer, Surround-Speaker wiederum nur in der Monitoring-Mission. Fair enough: Am Anubis selbst gibt es ohnehin nicht genügend Ausgänge für Surround. 

Ferner wird der durchaus gewöhnungsbedürftige Aneman in der Monitoring-Mission Pflicht, während der „einfachere“ Unite Treiber Moder nur der Music-Mission zur Verfügung steht. Einfach ist allerdings relativ, besonders bei Merging. Weitere „Missions“ sind geplant, für meinen Geschmack dürften diese gern noch deutlich simpler ausfallen bzw. „idiotensicherer“ werden. Web Access ist in beiden Fällen möglich, auch via WiFi. 

Windows 7/8/10, Linux und macOS

Beim Ethernet-Anschluss gibt es zwei Optionen: Einmal road-taugliches EtherCon, also eine Art Mischung aus XLR-Stecker und Netzwerk, sowie die SPS Variante des Anubis mit zwei „normalen“ RJ45, wobei die zweite Buchse als Switch dient und man weitere Ravenna Gerätschaften direkt anschließen bzw. Redundanzbetrieb fahren kann.

Treiber gibt es nicht direkt, das macht Ravenna – und zwar als Ravenna ASIO 12 für Win 7 und 8.1 (für 64-Bit Windows) sowie als Ravenna/AES67 für das Merging Audio Device für Windows 10. Ebenfalls bedient wird ALSA Linux, während es für macOS ab 10.8.5 (Intel und M1) das „VAD Core Audio“ gibt, was für Virtuell Audio Device steht. All das gibt es als Open Source und kostenlos, falls jemand weitere Ambitionen hegt.   

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